Buch, Deutsch, Band 19, 216 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 205 mm
Reihe: Caracol Prosa
Roman
Buch, Deutsch, Band 19, 216 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 205 mm
Reihe: Caracol Prosa
ISBN: 978-3-907296-43-1
Verlag: Caracol Verlag der Autorinnen & Autoren
Kaspar Lüscher, Schauspieler, Autor von Theaterstücken, Geschichtenwanderer im Aargau, legt seinen ersten Roman vor, in Form eines eindrücklichen Szenenreigens. 175 kurze Kapitel oder Bilder erzählen in fünf Teilen das Leben zweier grundverschiedener Brüder im 20. Jahrhundert, ihr gemeinsames Aufwachsen in Basel und ihre Konflikte, ihr Ringen um die Gunst des Vaters und zeitweise derselben Frau, ihre Suche nach beruflicher Verwirklichung von Talenten. Georg, der Ältere, mathematisch begabt, ist dem Vater ähnlich, leidet aber unter dessen strenger Erziehung und Gefühlskälte; er wird Ingenieur, erlebt Erfolge und Misserfolge. Lukas, vier Jahre jünger, ist ein fantasievoller Wirbelwind, der eine Faszination für Farben hat, Forschung betreibt und als Psychologe weltweit bekannt wird.
Die lebendigen Figuren sind berührend. Der Autor verwebt ihre Entwicklung mit der Zeitgeschichte, vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die 70er Jahre. Doch die psychologisch stimmige Geschichte von Georg und Lukas ist auch eine uralte: jene von Kain und Abel.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
48
Wochen später, der Herbst meldete sich an, das Licht unter den schweren Regenwolken gleichbleibend grau und für die Jahreszeit war es zu kalt. Doch den Regen hielten sie noch zurück. Zeitlos.
Georg hatte sich mit Lukas im Zoo verabredet. Er wolle ihm etwas zeigen. Eine Überraschung.
Am Eingang trafen sie sich. Er stellte Lukas die Frau an seinem Arm vor. Das sei Seraina, «und der hier, dieser bunte Vogel, das ist eben mein kleiner Bruder, von dem ich dir erzählt habe».
Ein kurzer Blick zu ihr, dann ein halbverschlucktes: «Oh? Hallo.»
Georg meinte: «So, wollen wir? Es sieht nach Regen aus.»
Seraina war eingemummelt in einen marokkanischen Kamelhaarmantel mit Kapuze und rauchte. Auch Georg rauchte.
Sie gingen zu dritt. Seraina wusste, mit wem sie durch die Nacht tanzte und Lukas wusste auch. Aber Georg? Wusste der auch? Was wurde da gespielt?
Georg erzählte, dass Seraina ihn gebeten habe, ihm etwas über seine Familie zu erzählen. Sie wolle seine Geschwister kennenlernen.
«Zeig sie mir.»
«Wenn du meinst.»
Darum habe er den Kleinen mit eingeladen.
Lukas schwieg.
Im Vogelhaus meinte der Ältere zu seinem kleinen Bruder: «Schau, da hast du Farben.»
Und zu Seraina: «Du musst wissen, Lukas rennt nämlich den Farben nach.»
Seraina lächelte den Kleinen an: «Oh, mit Farben? Schön. Ich mag Farben.»
Und wieder zu Georg: «Und dein kleiner Bruder spielt Geige?»
«Woher weißt du das? Habe ich dir etwa davon erzählt?»
«Nun – ich dachte – kann ja sein.»
«Ja, er spielt tatsächlich Geige und das nicht einmal schlecht. So ist das, er Geige und ich versuche mich an der Querflöte.»
«Versuchen? Aber Georg, nicht immer so bescheiden, du hast mir vorgespielt und das klang doch schön? Oder, was meint Lukas?»
«Ja, früher übte er fleißig. Wie es jetzt damit steht, kann ich nicht beurteilen.»
«Üben muss man», meinte Georg. «Das ist schon so, sonst kommt man zu nichts. Heißt es doch: ‹Ohne Fleiß kein Preis.› Lukas sieht das ja anders, er ist ein Träumer und in Mathe im übrigen eine Flasche. Oder hat sich das etwa geändert?»
Sie lächelten.
[…]




