E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Lüthi Strömungen II
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7245-2704-6
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Region Zürich 1930–1971
E-Book, Deutsch, 500 Seiten
ISBN: 978-3-7245-2704-6
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinz Lüthi, 1941 geboren, verbrachte seine frühe Jugend im Zürcher Seefeld ganz in der Nähe des Sees. Er unterrichtete als Primarlehrer während 33 Jahren in Weiningen und war von 1977 bis zur letzten Vorstellung 2002 mit dem Cabaret Rotstift unterwegs. Heinz Lüthi ist mit zahlreichen Buchveröffentlichungen auch publizistisch tätig.
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1. Die Krise
Malermeister Würgler war ein geachteter Handwerker. Sein monumentales Szenenbild für die Einweihungsfeier des Zentralschulhauses in Dietikon von 1909 hatte ihn in der ganzen Gemeinde bekannt gemacht. Selbst in der Kriegszeit hatte es ihm nicht an Aufträgen gefehlt, aber gerade jetzt, wo er nächstens sein fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum feiern durfte, herrschte in seinen Auftragsbüchern ausgesprochen Ebbe. Zwar hatte er noch keinen seiner Gesellen entlassen müssen, aber in einer Znünipause in seiner Werkstatt – seine Frau hatte dazu eine ihrer Spezialitäten gebacken, nämlich zwei grosse Russenzöpfe, die immer begeistert aufgenommen wurden – musste er seiner kleinen Belegschaft klaren Wein einschenken. «Ich möchte keinen auf die Strasse stellen», schloss er seufzend, «aber wenn sich die Auftragslage weiter verschlechtert, muss ich Massnahmen treffen, die weder euch noch mir passen werden.»
In den späten 1920er-Jahren war er kaum nachgekommen mit all den Kundenaufträgen und dann war es Ende Oktober 1929 zu diesem Börsenzusammenbruch in den USA gekommen. Nach der Generalversammlung des Gewerbevereins hatte Würgler beim abschliessenden Imbiss im Säli der «Linde» bloss gelacht, als man ihn darauf ansprach. «Was gehen uns diese amerikanischen Spekulanten an? Wenn denen ihre ergaunerten Dollars flöten gehen – was solls? Sie haben ihr Mastschwein eben zu lange über ihrem immer wieder angefachten Feuer gehalten. Jetzt hat es sein ganzes Fett verloren, ist verkohlt und völlig verbrannt. – Unser Fehler ist das nicht und unser Schaden auch nicht. Wir alle leben von anständiger, gewerblicher Arbeit und diese hat einen goldenen Boden!»
Die meisten Gewerbler hatten genickt, sprachen dann mit grossem Appetit dem Kartoffelsalat und dem saftigen Beinschinken zu, setzten ihre Lippen in den weissen Schaum des Biers, nahmen einen tüchtigen ersten Schluck, denn dieser war immer der beste und glaubten, die Sache sei etwa so, wie Würgler sie dargestellt habe und damit erledigt.
Aber so war es eben nicht. Wie eine ansteckende Krankheit verbreiteten sich die Folgen des Zusammenbruchs immer schneller durch Regionen und Länder. Handel und Verdienst brachen ein, Arbeiter, Handwerker, Angestellte verloren ihre Arbeitsstelle und das Wort «Wirtschaftskrise» war plötzlich in aller Leute Mund. Sie beschäftigte die Gemeinwesen und die Politik, sie frass sich durch alle Gesellschaftsschichten, sie schlich durch Fabrikhallen und deren Kontore so gut wie durch Gewerberäume und die Werkstätten der Handwerker. Sie verbreitete Angst, Missmut, Trübsinn, Ärger, Verzweiflung und Wut – stets begleitet von einem hohläugigen Gespenst, das wie ein Schatten übers Land glitt: die Arbeitslosigkeit.
An den folgenden Generalversammlungen wurde Malermeister Würgler nicht mehr um seine Meinung befragt. Hingegen sprach man über Notstandsarbeiten, Arbeitslosenunterstützung, die Gewährung von günstigen Darlehen und vor allem darüber, wie man mit vereinten Kräften wieder aus diesem verfluchten Schlamassel herauskomme.
In der Novemberversammlung von 1931 erhielt der Präsident mit seiner ausführlichen Darstellung der geplanten oder zum Teil bereits eingeführten Steuern grosse Aufmerksamkeit und plötzlich wirkte der sonst so gemütlich-freundlich auftretende Präsident verblüffend kantig und entschlossen: «Es ist meines Erachtens in dieser schwierigen Zeit richtig und unvermeidlich, dass unser Staat unterstützend eingreift. Er hat grosse Werke mit hohem Geldbedarf an die Hand genommen und umgesetzt. Ich erinnere an den Flugbahnhof Dübendorf, an die noch lange nicht abgeschlossene Elektrifizierung der SBB, an die verschiedenen Werke, die der Stromerzeugung dienen: auf der Grimsel, in der Sihlebene bei Einsiedeln, an der Limmat bei Wettingen. Ich erinnere an die Unterstützung von Arbeitslosen und deren Familien.
Es wäre deshalb töricht, dem Staat keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Er braucht sie dringend. Nur – mit Schuldenmachen ist es nicht getan. Als Gewerbler wissen wir: Kein Betrieb, weder Schreiner noch Metzger, kann auf diese Art überleben. Beim Staat ist es nicht anders, sonst wird er zum Lumpenstaat, der nirgends Kredit erhält und gerade dann seine Bürger im Stich lässt, wenn sie ihn am nötigsten brauchten.
Nun wissen wir alle, wie der Staat zu Geld kommt: mit Steuern. Ich will euch all die Abgaben, die auf uns zukommen oder bereits Tatsache sind, nicht beliebt machen. Sie behagen mir auch nicht: die Biersteuer, die Hundesteuer, die Vergnügungssteuer, die Erbschafts- und Schenkungssteuer und die Ledigensteuer. Selbstverständlich kann man bei der einen oder andern Steuer seine Vorbehalte anbringen, denn was sagt man zu einem Ledigen, der seit Jahren verzweifelt eine Frau sucht und keine findet und als Ergebnis seiner fruchtlosen Bemühungen verbunden mit Ärger und Verdruss schliesslich noch eine Steuer bezahlen muss?»
Gelächter. – Immerhin, fuhr der Präsident auf den Stockzähnen lächelnd fort, kenne er allerdings ein paar Verheiratete, die diese Steuer ganz gerne entrichten würden, wenn ihnen dafür der Staat den Ehegespons abnähme.
Grosses Gelächter.
Der Präsident spürte es: Jetzt hatte er seine Leute im Sack.
«Nach Meinung des Vorstandes hat unser Staat – sei es Bund oder Kanton – das Augenmass behalten und beispielsweise seinem Personal die Löhne gekürzt, was als Krisenopfer von unserer Seite gut aufgenommen wurde. Zwar ist die Wirtschaftslage nach wie vor nicht rosig – die Arbeitslosenzahlen steigen noch immer – dennoch bitte ich euch, Mut und Zuversicht nicht zu verlieren, sonst haben wir wirklich verloren!» Kräftiger Applaus.
Beim anschliessenden Imbiss – Suppentopf mit viel Gemüse und wenig Siedfleisch – setzte sich Kaminfegermeister Wiederkehr neben Würgler. «Gut gesprochen, obs aber auch nützt?» Und als Würgler schwieg: «Hast du von diesem Wundermann in Deutschland auch schon gehört?»
«Hitler?»
«Ja, den meine ich. Weisst du, wir haben uns pünktlich zum Start des Landessenders Beromünster ein Radiogerät der Marke Paillard mit Kurzwelle angeschafft, welches ein kleines Vermögen gekostet hat. Manchmal empfangen wir Stuttgart oder eine der anderen deutschen Stationen, die immer wieder Reden von Hitler senden. Der Mann nimmt kein Blatt vor den Mund, das sag ich dir. Er hat übrigens eine ganz seltsame Art zur reden und wenn sich seine Stimme überschlägt, spenden ihm seine Zuhörer tobenden Beifall.»
«Du meinst, sie haben im Reich einen Brüller mehr!?»
«Richtig, nur dass er einer Bewegung vorsteht, die immer mehr an Zulauf gewinnt – übrigens auch hierzulande.»
«Ich weiss, auch in Dietikon haben wir ein paar von diesen Kerlen. Sie nennen sich Fröntler und ich halte nicht viel von ihnen, weiss aber im Grunde gar nicht, was sie wollen.»
Würgler gähnte und Wiederkehr zückte seinen Geldbeutel und gab der Saaltochter ein Zeichen, dass er zahlen wolle. Schweigend verliessen sie das Lokal, schlugen den Weg zum Zentralschulhaus ein und verabschiedeten sich dort mit Handschlag. Zu Hause fand Würgler auf dem Küchentisch einen Zettel seiner Frau: «Dringend. Hermine Büttler hat ein Mal- und Farbenproblem.»
Bei Arbeitsbeginn bat er seinen ältesten Arbeiter, als Erstes bei dieser Hermine Büttler im Oberdorf vorbeizugehen und sich mit ihrem Mal- und Farbenproblem vertraut zu machen. Zwanzig Minuten später war der Mann bereits wieder zurück in der Werkstatt und sagte ärgerlich: «Die liess mich nicht einmal eintreten. Sämtliche Fenster und Türen stehen sperrangelweit offen und ein mächtiger Terpentingeruch strömt aus dem Haus. Sie fuhr mich an, sie habe den Meister verlangt und keinen Gesellen im Übergwändli.»
«Die Baabe chunnt mer grad rächt», brummte Würgler, «nume nöd gschprängt, säg ich mir da! – Was meinst du, was dieses Weibsbild wohl angestellt hat?»
Der Geselle zuckte die Achseln. «Keine Ahnung, Meister. Aber aufgrund des starken Geruchs hat sie wohl versucht, eine grössere Fläche anzustreichen.»
Um elf Uhr legte Würgler eine starke Handlampe in eine kleine Werkzeugkiste, klemmte sie auf den Gepäckträger seine Rades und schwang sich in den Sattel.
Aus dem Haus drang laute Radiomusik und Würgler musste ziemlich lange klingeln, bis Frau Hermine Büttler zu erscheinen geruhte.
«Endlich», sagte sie, «ich habe früher mit Ihnen gerechnet.»
«Deswegen habe ich Ihnen meinen Vorarbeiter geschickt, aber der musste ja unverrichteter Dinge wieder abziehen», entgegnete Würgler barsch, «also zeigen Sie mir jetzt den...




