Luther | Auf den Spuren des Doppeladlers | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Luther Auf den Spuren des Doppeladlers

Eine Nostalgiereise durch Italien
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-903217-46-1
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Nostalgiereise durch Italien

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-903217-46-1
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Unser Herz weist nach Süden.' Große Teile Oberitaliens gehörten einst zum Habsburgerreich - so ist es kein Wunder, dass man dort noch heute auf zahlreiche Zeugnisse des alten Österreich stößt: in Turin, wo Prinz Eugens Bildergalerie gehütet wird und in der Krypta der Basilica di Superga sein Herz ruht. In Solferino, wo Henry Dunant das Rote Kreuz gründete. In Grado, wo Secessionist Josef Maria Auchentaller mit seiner Frau Emma maßgeblich für den Erfolg des Seebads verantwortlich war. Oder in Lavarone, wo Sigmund Freud auf Sommerurlaub weilte und ebenjene Zeilen an seine Frau Martha schrieb: 'Unser Herz weist nach Süden.' Zahlreichen bekannten Persönlichkeiten wie diesen spürt Helmut Luther auf seiner Zeitreise durch die Jahrhunderte nach. Auf seiner Entdeckungstour verbindet er gekonnt Vergangenheit und Gegenwart und lässt die glanzvollen Tage der Donaumonarchie wiederauferstehen. Mit zahlreichen Abbildungen

Helmut Luther, geboren in Meran, studierte Philosophie und Geschichte in Innsbruck und unterrichtet seit knapp 30 Jahren an einem Meraner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Historische Recherchen und Reisen führen ihn häufig in den Süden des ehemaligen Habsburgerreiches. Zahlreiche Reisereportagen in 'Die Zeit', 'FAZ', 'Die Welt', 'Süddeutsche Zeitung' u. a. Zuletzt bei Amalthea erschienen: 'Österreich liegt am Meer. Eine Reise durch die k. u. k. Sehnsuchtsorte' (2017)
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Tolstois Apfelbäume


San Michele, Nonstal, Trentino


Jeder zweite in Italien verkaufte Apfel reift im Nonstal, nördlich von Trient, heran. Das liegt auch an den Verdiensten Edmund Machs, des Gründers des Agrarinstituts von San Michele.

Matteo Corazzolla wollte eigentlich Profimusiker werden. Der Endzwanziger mit dunklem Wuschelkopf studierte am Konservatorium von Trient Schlagzeug und Klavier, er spielte in mehreren Bands und erteilte Musikunterricht an Privatschüler. Bis zu jenem schrecklichen Morgen im Jahr 2007, als die Familie seinen Bruder Samuele tot im Bett auffand – ein plötzlicher Herzstillstand mitten in der Lebensblüte. Samuele, der Ältere, sollte später die von den Eltern aufgebaute Bierbrauerei und Apfelweinkellerei in Tres, einem Ortsteil von Predaia im Nonstal, übernehmen. »2007 war ein schwarzes Jahr, auch der leitende Angestellte unserer Firma verstarb damals an Krebs – ich entschloss mich, vorübergehend als Krisenhelfer einzuspringen«, erzählt Matteo, der heute die Firmengeschicke als Kellermeister lenkt. An das frühere Leben erinnern inzwischen nur mehr sein Hipster-Bart sowie eine beeindruckende, im Obergeschoß vor den Büroräumen aufgereihte Sammlung verschiedener Musikinstrumente. Der Familienbetrieb brummt, demnächst wollen die Corazzollas erweitern. In den Kellerräumen, wo der Duft von Vergorenem in der Luft schwebt, hantiert Matteo an Edelstahl-Fässern und wird dabei von einem Rabbiner aus Israel – er hat koscheren Apfelweinessig bestellt – streng beäugt. Vater Bruno erzählt im angebauten Restaurant bei Spätzle mit Apfelschnitten und Speck, wie es zum Erfolg des Unternehmens gekommen ist. Zum Aperitif reicht er Apfelwein mit Ingwernote – schmeckt interessant, muss man aber nicht alle Tage trinken. Auf die Idee, Apfelwein herzustellen, hätten ihn Kunden im Lebensmittelladen gebracht, den er damals in seinem Heimatdorf führte, sagt Bruno. »Da Apfelwein und -essig immer stärker nachgefragt wurden, fragte ich mich irgendwann: Warum nicht selbst produzieren, wenn uns ringsum Millionen Apfelbäume umgeben?« Heute beschäftigen die Corazzollas 25 Mitarbeiter, alle kommen aus ihrem Dorf oder der näheren Umgebung.

Wein aus Äpfeln und nicht aus Trauben? Im Belpaese, das ja als Land des vergorenen Rebensaftes bekannt ist, mutet die Idee ziemlich ausgefallen an. Fährt man südlich von Bozen über die Brennerautobahn, durchquert man ein grünes Rebenmeer. Hinter der Salurner Klause, wo die Rotaliana-Ebene beginnt und nicht mehr deutsch, sondern italienisch gesprochen wird, mündet der Nocefluss in die Etsch. Links hockt das Dorf San Michele auf einem Sonnenpodest, rechts an den Ufern des Noce breitet sich Mezzocorona aus. Hier liegt die Eingangspforte zum Nonstal, dem Val di Non, und hier ändert sich die Kulisse schlagartig: Über dem tief in die Felsen gegrabenen Noce erheben sich vom Eiszeitgletscher abgehobelte Hänge, noch in den steilsten Lagen wurden mit Apfelbäumen bepflanzte Terrassen gebaut. Zwischen den wie gestriegelt scheinenden Baumreihen liegen Haufendörfer, im Hintergrund leuchten die Felswände der Brentagruppe. Nicht gerade schön wirken die Gebirge aus Plastikkisten, die sich vor ausgedehnten Hallen auftürmen – vor dem Verkauf müssen die jährlich im Tal geernteten 400 000 Tonnen Äpfel zwischengelagert werden. Nirgendwo sonst in Italien wachsen auf so engem Raum so viele Äpfel.

Andrea Fedrizzi ist bei der größten Erzeugergenossenschaft für das Marketing zuständig. »Die Äpfel bilden die Basis unseres Wohlstandes, sie ernähren einige tausend Familien«, erklärt er im Hauptsitz der Genossenschaft in Segno di Predaia. In seinem Wagen fahren wir anschließend zu einem nahe gelegenen unterirdischen Steinbruch, dort hat die Genossenschaft vor einigen Jahren Kühlzellen angelegt: »Eine Weltneuheit, der Ministerpräsident war bereits hier und hat sich begeistert gezeigt«, sagt Fedrizzi mit Atemwölkchen vor dem Mund, während wir in dicken Jacken durch die bis zur Decke gefüllten Hallen stapfen. Die Temperaturen betragen hier konstant zehn Grad über null. Zur Frischhaltung des Obstes werden die Grotten noch weiter heruntergekühlt, der Sauerstoffgehalt auf ein Minimum reduziert. Das neun Millionen Euro teure Werk soll der Genossenschaft fünfzig Prozent Energie einzusparen helfen, da die Felswände als natürliche Isolatoren wirken.

Edmund Mach war 1874 Gründungsdirektor der land-wirtschaftlichen Lehranstalt St. Michael an der Etsch – er leitete das Institut bis zu seiner Berufung als Berater ins Wiener Ackerbauministerium im Jahr 1899.

Angefangen hat das Apfelwunder jedoch draußen vor dem Taleingang. In San Michele wurde 1874 Tirols älteste landwirtschaftliche Lehranstalt gegründet. Deren erster Direktor war der Chemiker Edmund Mach. Weil in San Michele also der Grundstein für die Entwicklung des modernen Obstbaues im damals südlichsten Teil Tirols gelegt wurde, will ich dort einen Lokalaugenschein machen. Die Ebene, auf Italienisch Piana Rotaliana, ist zwar ein grüner Teppich – man darf sich die Gegend allerdings nicht zu idyllisch vorstellen. Unersättlich fressen sich Neusiedlungen, Industriezonen und große Handwerksbetriebe ins Grün hinein. Das Navigationsgerät, in welches ich die Via Edmondo Mach eingegeben habe, lotst mich auf einer grauen Betonbrücke über die Etsch, die hier schlammig und träge an einer Häuserzeile vorbeirollt. Bevor die Flüsse im 19. Jahrhundert begradigt wurden, soll der Noce an dieser Stelle in die Etsch gemündet sein. Es gab einen Hafen, Holz aus dem Nonstal wurde in großen Flößen über die Etsch weiter Richtung Venedig transportiert. Sämtliche Blicke werden jedoch von drei mächtigen runden Türmen angezogen, die auf einer Schuttterrasse über dem Fluss thronen. Sie gehören zu einem Augustinerkloster aus dem 12. Jahrhundert, welches unter Napoleon säkularisiert wurde. Im aufgelassenen Stift gründete Mach das Agrarinstitut. Das Dorf San Michele zu Füßen des ehemaligen Klosters bemüht sich gar nicht erst um einen städtischen Anstrich: Vor den Häusern parken landwirtschaftliche Maschinen, an den Mauern stapelt sich Brennholz. In einem Hof steht ein Edelstahltank, durch dessen runde Öffnung ein Mann in Gummistiefeln seinen Oberkörper steckt, um die Innenwände mit einem Hochdruckreiniger abzuspritzen. An den Südfassaden der Häuser kleben hölzerne Balkone, wo heute Wäsche trocknet und früher Maiskolben hingen, die tägliche Speise armer Leute in Oberitalien. Omas in Kittelschürzen lehnen sich aus den Küchenfenstern und zupfen in Geranienkästen herum. In einem von der Stiftung Edmund Mach herausgegebenen Buch lese ich von Szenen, die sich hier im November 1918, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, abspielten: Zurückflutende Soldaten der geschlagenen k. u. k. Armee plünderten Keller und Lagerräume. »Von Individuen, die sehr daran interessiert waren, die Soldateska von ihren Häusern und Kellern fern zu halten … und die sich selbst an der Beute mit Geschirr und Wäsche beteiligten …« wurden die Soldaten hinauf Richtung Agrarinstitut gelenkt, wo sie Geldschränke plünderten und »Hektoliter Cognac und Branntwein verschütteten«.

Das Agrarinstitut ist in einem aus dem Mittelalter stammenden Augustinerkloster untergebracht.

Das Buch hat mir Bibliotheksleiterin Alessandra Lucianer im Lesesaal des Instituts auf den Tisch gelegt. Viele der derzeit 900 Schüler stammten aus Bauernfamilien und sollten später den Betrieb übernehmen, erzählt Lucianer. »Zu Machs Zeiten standen die Alumni um 5 Uhr morgens auf. Nach der Messe, vor der sich keiner drücken konnte, gab es das Frühstück, danach bis Mittag Unterricht.« Am Nachmittag habe dann die Praxis im Vordergrund gestanden: Zum Institut gehörten unter anderem eine Käserei, ein Bauernhof sowie eine Korbflechterei. »14-Stunden-Tage waren die Regel, ohne Rückzugsmöglichkeiten in geschützte Privaträume«, sagt die Bibliothekarin. Ihr Büro und die Bibliothek befinden sich in einem modernen Zubau. Vor den Fenstern breiten sich Weinberge und weiter oben Buschwald aus. Blickt man nach Westen, erhebt sich dort das ehemalige Kloster mit den weiß gekalkten Rundtürmen sowie einer dem Erzengel Michael (San Michele) geweihten Kirche. »Um die Wahrheit zu sagen, ist es hier eher ein bisschen eng«, antwortet die Bibliothekarin auf meine Komplimente für den schönen Arbeitsplatz. Mehr Platz böten die Prunkräume; sie liegen drüben im alten Klostertrakt, wo zu Machs Zeiten die Lehrer und der Chef wohnten und heute der Direktor mit seinem Mitarbeiterstab unter Stuckdecken residiert. Mit Büchern und Broschüren im Arm, lotst mich Lucianer an einer Bronzebüste Edmund Machs vorbei. Flankiert ist die Büste von zwei wandhohen Massivholzschränken, in denen unter Glasbehältern Seidenzwirne ausgestellt sind: Hauchdünne weiße Fäden, Kette und Schuss, zu filigranen Geweben verarbeitet. Zu Edmund Machs Zeiten,...


Helmut Luther, geboren in Meran, studierte Philosophie und Geschichte in Innsbruck und unterrichtet seit knapp 30 Jahren an einem Meraner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Historische Recherchen und Reisen führen ihn häufig in den Süden des ehemaligen Habsburgerreiches. Zahlreiche Reisereportagen in "Die Zeit", "FAZ", "Die Welt", "Süddeutsche Zeitung" u. a. Zuletzt bei Amalthea erschienen: "Österreich liegt am Meer. Eine Reise durch die k. u. k. Sehnsuchtsorte" (2017)



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