E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Luther Aus der Zeit gefallen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-88-7283-918-8
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Besuch bei den Hutterern in Nordamerika
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-88-7283-918-8
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren 1961. Schreibt Reisereportagen u.a. für 'Die Welt', 'FAZ' und 'Süddeutsche Zeitung'. Veröffentlichungen: 'Auf den Spuren des Doppeladlers' (2020). Bei Edition Raetia: 'Mussolinis Kolonialtraum: Eine Reise zu den Schauplätzen des Abessinienkrieges' (2017).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ankommen
Der Hüter der Gmah. Edi Vetter
Gerade erst bin ich angekommen bei den Hutterern in Crystal Spring, da habe ich auch schon in der Kirche meinen großen Auftritt. „Nun wolle mir eppes singe, Lied 711, seven/eleven“, sagt Edward Vetter, das religiöse Oberhaupt der Gemeinde, im Anschluss an die Predigt, woraufhin alle zu einem dicken Gesangbuch in schwarzem Ledereinband greifen: „Die Lieder der Hutterischen Brüder“. Mit feiner, glockenheller Stimme intoniert eine Frau: „Wachet auf, ruft uns die Stimme …“ Ich kenne Text und Melodie der Kantate 140 von Johann Sebastian Bach, das geistliche Lied ist auch im „Gotteslob“ unserer Diözese enthalten. Oft habe ich es in der Adventszeit gesungen, so oft, dass ich die ersten Zeilen auswendig kann. Mitgerissen vom Sturm der Begeisterung, ohne die irritierten Blicke wahrzunehmen, schmettere ich drauflos: „… der Wächter, sehr hoch auf der Zinne, wach’ auf, du Stadt Jerusalem!“
Die Crystal Spring Kolonie liegt isoliert etwa 40 Kilometer südlich von Winnipeg, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba. Etwa zehn Autominuten hinter Schotterpisten, wo verwitterte Holzschilder den einzigen Hinweis auf die Siedlung bilden, führt eine Straße, auf der viele Lastwagen verkehren, in die USA, eine Stunde weiter südlich befindet sich die Grenze, ansonsten erstrecken sich hier nur brettebene, wie mit dem Lineal gezogene graubraune, rechteckige Felder, mit hineingetupften Waldinseln. Die selbst gewählte Abgeschiedenheit ermöglichte es den Hutterischen Brüdern, über Jahrhunderte ihre deutsche Sprache und ihren Glauben in einem oft feindlichen Umfeld zu bewahren.
Draußen schneit es, der Wind rüttelt an den dünnen Wänden und Fensterscheiben des Gotteshauses, das einer Lagerhalle ähnelt, tiefe Finsternis umhüllt die Siedlung. Überragt wird sie von einem Eisengerüst, an dem über Metallrohre Getreide in Silos hochgeblasen wird. Am höchsten Punkt hängt ein leuchtender Kunststoffstern. Als ich vorhin mit gesenktem Kopf zur Kirche hinüberging, piksten mir wie Nadelstiche harte Flocken ins Gesicht, die dunklen, knöchellangen Röcke der heraneilenden Frauen flatterten um ihre Beine. Minus 21 Grad Celsius zeigte das Thermometer am Eingang vor dem Gotteshaus an – hier im Westen Kanadas dauern die Winter lang, manchmal sinken die Temperaturen auch auf minus 40 Grad. Das Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme …“ hingegen erwärmt mein Herz. Ich achte nicht auf die von Kopf bis Fuß schwarz gekleideten Männer auf meiner Seite, nicht auf die Frauen mit ebenfalls schwarzen Jacken und Kopftüchern auf der gegenüberliegenden Seite, in den vordersten Bänken sitzen die Kinder, die Buben in karierten Hemden, über den Schultern Hosenträger, die Mädchen tragen Hauben auf dem Kopf. Spät bemerke ich, dass die Vorsängerin und ich die Einzigen in der versammelten Menge sind, die das Lied kennen. Die anderen brummen ein bisschen mit und geben dann kopfschüttelnd auf.
Ankunft in Crystal Spring. Zum Schutz vor dem Wind werden am Rand der Kolonien inmitten der ansonsten baumlosen Weite Bäume gepflanzt.„Warum kunnst des Liad?“, fragen mich später einige beim Abendessen. Morgens, abends und zu Mittag kommen alle in die Gemeinschaftsküche, die genauso kahl ist und ein bisschen trist aussieht wie die Kirche, ohne jeden Schmuck und auch ohne Kreuze oder andere religiöse Symbole. Hier wie dort hängen Neonlampen und Ventilatoren an der Decke. Gegen die Augen- und die Fleischeslust wetterte vorhin Prediger Edward, weil sie zu Hoffart und Hochmut verleiten, direkten Wegen in die Hölle, an die die Hutterer aus tiefem Herzen glauben: weil ohne Hölle kein Himmel, kein ewiges Leben, das Ziel aller Sehnsüchte wo die „Berufenen und Auserwählten“ nach einem entsagungsvollen Leben im Jammertal dieser Welt ihren Lohn erhalten werden. „So lasset uns dem Himmelvoter danken für alles Gute, das wir empfangen haben“, betet nach dem Mahl der Prediger vor, woraufhin die Bärtigen neben mir ihre großen, schwieligen Hände falten. Als Bauern, Handwerker, Metzger oder Mechaniker haben Hutterermänner Dreck unter den Fingernägeln.
Huttererkolonien sind große Bauernhöfe. In riesigen Getreidesilos am Rand der Siedlung wird die Ernte des Jahres gelagert. Prediger Edi Vetter in seinem Büro. Er scheint es nicht oft zu benützen, lieber hilft der gelernte Mechaniker den Handwerkern in deren Werkstätten.Gemeinschaft ist in diesem Ministaat ein Grundprinzip: Allen gehört alles zusammen, Privatsphäre gibt es nur in den eigenen vier Wänden. Die Häuser, in denen die Familien wohnen, sehen alle gleich aus und gruppieren sich um die Kirche sowie die Küche, die beide in einem großen Flachbau untergebracht sind und das Zentrum jeder Huttererkolonie bilden, wo man mehrmals täglich zusammenkommt. Wie andere Täufer, die Amischen und die Mennoniten, gehen die Hutterer auf die Reformationszeit zurück, sie legen die Bibel wörtlich aus und wollen Christus ohne Priester nachfolgen. Das Wohl der „Gmah“, der Gemeinde, kommt vor der Familie und vor dem Glück des Einzelnen – im Gegensatz zum atheistischen Kommunismus funktioniert die Gütergemeinschaft der Hutterer jedoch, und das seit 500 Jahren.
In seiner Wohnung hütet der Prediger Dokumente und Fotoalben über die Geschichte der Schmiedeleutekolonien.Ihren Namen hat die Glaubensgruppe von Jakob Hutter, der aus dem Pustertal stammt, seine Nachfolger sprechen den Dialekt der alten Heimat. Um mehr über diese Frommen zu erfahren, bin ich nach Kanada gereist. Edward, von den Gemeindemitgliedern in Crystal Spring respektvoll „Vetter“ genannt, einer weitverbreiteten Anredeform, hat mich eingeladen. Ich übernachte im Haus, in dem er zusammen mit seiner Gattin Judith wohnt, Platz genug ist vorhanden, die sieben gemeinsamen Kinder sind längst ausgezogen und haben eigene Familien gegründet. „Kumm eini, leg die Schuach ab, sollst dich wohl fühlen“, hat Edi Vetter gleich am Abend meiner Ankunft gesagt und mir gezeigt, wie die Kaffeemaschine funktioniert. In den folgenden Tagen wird mir auffallen, dass die Häuser in Crystal Spring nicht abgesperrt werden. Besucht hier einer den anderen, poltert er ohne Ankündigung bei der Tür herein. Als Tiroler versteht man gut, was Hutterer miteinander reden – in den 150 Jahren, die sie bereits in Kanada und den USA leben, nisteten sich allerdings auch etliche englische Begriffe in ihre Sprache ein. In Tirol verfolgt, zogen die Hutterer im 16. Jahrhundert nach Mähren und Siebenbürgen. Von dort ging es nach Russland und schließlich, weil sie auch im Zarenreich bedrängt wurden, 1874 nach Nordamerika, wo Glaubensfreiheit herrschte. Als Deutsche und als Pazifisten wurden die Hutterer in den USA jedoch während des Ersten Weltkrieges angefeindet – die Amerikaner waren Kriegsgegner der Mittelmächte geworden, daher zogen viele Fromme weiter nach Kanada. In den Provinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta leben heute etwa 35.000 Hutterische Brüder in Siedlungen mit hundert bis zweihundert Mitgliedern.
Nach getaner Arbeit. Aktivismus gehört nicht zum Lebensentwurf der Hutterer.„Kummst mit dem Luftschiff, am Airport in Winnipeg klauben mir di auf“, antwortete Edi Vetter auf WhatsApp, nachdem ich mit ihm Kontakt aufgenommen hatte. Um zu „callen“, greifen die Männer in Crystal Spring oft zum Smartphone. Was die „Lehr“ betreffe, das geistliche Leben, erklärt mir Prediger Edi, „rühren wir uns allerdings nicht vom Fleck, da bleibt alles beim Alten“. Ansonsten passe man sich der heutigen Welt vorsichtig an. Gespräche beginnen bei meinen Gastgebern gerne mit einem langgezogenen „Joo“. „Joo, kummst später in die Deitsche Schual!“, fordert mich Edward beim Frühstück am Tag nach meiner Ankunft auf. In der zur Gmah gehörenden öffentlichen Schule gibt es täglich zusätzlich zwei Deutschstunden, vor und nach dem regulären Unterricht – als Deutschlehrer könnte ich mich dort nützlich machen.
Aufgeschlossenheit gegenüber der Technik unterscheidet die Hutterer von den Amischen, die ohne Maschinen, Autos und Internet leben. In Crystal Spring geht es moderner zu. Hier gibt es jede Menge Maschinen. Auch wenn die Gmahmitglieder, Alte und Junge, Männer und Frauen, nur ein paar Schritte zurücklegen müssen, benutzen sie eines der Quads mit Ladefläche, die vor jeder Haustür parken. Wenn sie volljährig werden, bekommen die Jungen hier ein Handy, es gibt ein Hockeyfeld und eine Turnhalle, es wird Musik gespielt: Neuerungen, die nicht allen gefielen und zu internen Konflikten führten. Bevor sie Russland verließen, hatten sich die Hutterer in drei Gruppen aufgespaltet: die Schmiedeleute, Dariusleute und die Lehrerleute. Die Crystal Spring Kolonie gehört zu den Schmiedeleuten, genauer: zu „Group one“ der Schmiedeleute....




