E-Book, Deutsch, 359 Seiten
Lutz Die Stalkerin - Sie sieht deine dunkelsten Geheimnisse
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-198-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller | Nervenaufreibende Spannung für alle Fans der Netflix-Erfolgsserie »You«
E-Book, Deutsch, 359 Seiten
ISBN: 978-3-98952-198-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John Lutz (1939-2021) war ein US-amerikanischer Autor von über 50 Thriller und Romanen. Er wurde für seine Kriminalromane mehrfach ausgezeichnet - unter anderem mit dem Shamus Lifetime Achievement Award und dem Edgar-Allan-Poe-Award, dem wichtigsten Spannungspreis Amerikas. Mehrere seiner Werke wurden verfilmt. Die Website des Autors: www.johnlutzonline.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/JohnLutzAuthor/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor die folgenden eBooks: Die Missouri-Murders-Reihe um den Privatdetektiv Alo Nudger: »Missouri Murders: Schwarze Nacht« »Missouri Murders: Kaltes Schweigen« »Missouri Murders: Tiefe Schatten« »Missouri Murders: Harte Strafe« »Missouri Murders: Fatale Schuld« Die Florida-Killings-Reihe um den Ex-Cop Fred Carver: »Florida Killings: Brennende Rache« »Florida Killings: Roter Tod« »Florida Killings: Kaltes Feuer« »Florida Killings: Sengender Verrat« »Florida Killings: Lodernder Zorn« Seine Frank-Quinn-Reihe um einen Ex-Cop auf der Spur von Serienkillern: »Opferschrei« »Blutschrei« »Zornesschrei« »Jagdschrei Außerdem veröffentlichte der Autor bei dotbooks den Psychothriller »Die Stalkerin«.
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Kapitel 2
Das Mondlicht machte die ohnehin schon gedämpfte Beleuchtung im Terrace Top Restaurant in der Downtown von Saint Louis noch weicher. Obwohl es seit dem heftigen Unwetter letzte Woche fast jeden Tag geregnet hatte, waren für diesen Abend nur mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit leichte Schauer angesagt, weshalb mehrere Gäste hinter den Glaswänden des Dachrestaurants im Freien aßen und den atypisch kühlen Sommerabend genossen.
Christine Mathews saß mit einem halben Dutzend Arbeitskollegen an einem der weiß gedeckten Tische im Freien. Sie waren gerade mit dem Essen fertig geworden und sahen, in eine angeregte Unterhaltung vertieft, auf die hell erleuchtete Skyline der Stadt hinaus. Zwanzig Stockwerke tiefer, in östlicher Richtung, lag der Mississippi schwarz und schimmernd im Mondschein. Die Positionslichter der Schlepper zogen stromaufwärts, und am anderen Ufer, in East Saint Louis, legte gerade der Vergnügungsdampfer Casino Queen ab.
»Von hier oben ist Saint Louis eine wunderschöne Stadt«, sagte Chad Brent, ein Logistik-Experte, der auf der anderen Seite des Tisches saß. Sie waren in das teure Restaurant gekommen, um seinen Geburtstag zu feiern. Christine wußte, daß er in sie verschossen war, aber er keine Chance hatte. Chad war ein netter Kerl und sah ganz passabel aus, aber er war einfach nicht ihr Typ.
Christine, eine hübsche Blondine Anfang Zwanzig, mit einer etwas zu großen Nase, die sie mit einem dichten Pony kaschierte, und mit einer eher üppigen als modischen Figur unter ihrem marineblauen Kleid, sah von Bill, Yolanda und Terry zu Burt und Jennifer. Die Leute, die mit ihr am Tisch saßen, waren zwar nicht unbedingt enge Freunde, aber sie pflegten einen locker-kameradschaftlichen Umgang, der sich in unzähligen gemeinsamen Überstunden entwickelt hatte. Und sie mußten in ihrer Firma, Davison Tire and Rubber, oft Überstunden machen.
Der Kellner, ein junger Mann mit glattem schwarzem Haar, nahm ihre Bestellungen für Kaffee und Nachtisch entgegen. Christine machte gerade eine Diät und widerstand seiner Empfehlung, die Schokoladencreme mit Himbeeren zu versuchen, bestellte nur einen Cappuccino. Terry begann über den neuen Flachprofil-Gürtelreifen zu reden, den die Firma gerade entwickelte. Das interessierte Christine, die in der Buchhaltung arbeitete, nicht besonders. Sie entschuldigte sich und stand auf.
»Es wird langsam Zeit, daß ich meinem Laster fröne.« Sie war die Einzige am Tisch, die nicht im Zug der neuen Betriebspolitik zu rauchen aufgehört hatte.
»Für deine Gesundheit wäre es bestimmt besser, wenn du hierbleiben würdest«, sagte Yolanda. Sie hörte sich an, als meinte sie es ernst. »Nicht umsonst sagt man zu diesen Dingern auch Sargnägel. Sie nehmen dir garantiert was von deiner Lebenserwartung.«
Chad machte Anstalten, ebenfalls aufzustehen. »Soll ich dir Gesellschaft leisten?«
Yolanda, die Chad gut leiden konnte, lächelte und drückte ihn behutsam wieder auf seinen Platz nieder. »Wenn du weiter so viel passiv rauchst, lebst du nur geringfügig länger als sie.«
»Ganz richtig«, sagte Christine rasch, um Chad davon abzuhalten mitzukommen. »Außerdem, bis der Kaffee kommt, bin ich wieder zurück.«
Sie entfernte sich vom Tisch und ging auf eine bepflanzte Fläche zu, die das Restaurant vom restlichen Dach abgrenzte. Vielleicht wäre es sogar erlaubt gewesen, am Tisch zu rauchen, aber sie hatte nirgendwo einen Aschenbecher gesehen. Außerdem wußte sie, wie sehr sich die anderen durch den Rauch gestört fühlten, seit sie zu rauchen aufgehört hatten. Sie sah sich kurz um, ob Chad es sich nicht anders überlegt hatte und ihr folgte.
Voller Erleichterung, daß sie allein war, ging sie zwischen zwei Zierbäumen hindurch und dann durch ein Bogenspalier, an dem aus großen Keramiktöpfen Kletterpflanzen emporrankten. Der Kiesbelag des Dachs knirschte unter ihren Sohlen, als sie sich so weit hinter die Zierbepflanzung zurückzog, bis sie vom Restaurant nicht mehr zu sehen war – wie eine Sünderin auf der Suche nach etwas Abgeschiedenheit.
Die Nachtluft war feucht, aber frisch. Christine atmete tief ein und sah mit einem zufriedenen Seufzer auf die Stadt hinaus. Eine Zigarette und dann ein Cappuccino wären der perfekte Abschluß für diesen Tag. Nikotin und Koffein. Vielleicht hatte Yolanda recht, was die kürzere Lebenserwartung anging. Sie wühlte in der Handtasche nach den Winstons und ihrem Feuerzeug, fand die zerdrückte Packung und bekam fast Panik, als sie sich leer anfühlte. Doch als sie das Päckchen aus der Handtasche zog und ganz aufriß, entdeckte sie eine letzte Zigarette.
Sie fand auch das Feuerzeug und stellte sich an das niedrige Eisengeländer, um die Aussicht zu genießen, während sie sich die Zigarette anzündete. Die Casino Queen war ein gutes Stück stromaufwärts gefahren.
Ein leises Geräusch ließ sie herumfahren. In der einen Hand hatte sie die noch nicht angezündete Zigarette, in der anderen das Feuerzeug.
Aus dem Dunkel unter dem Spalier kam eine hochgewachsene Frau hervor. Als sie ins Licht trat, sah Christine, daß sie sehr hübsch war. Sie trug eine dunkle Hose und einen leichten Pullover und hatte sich ein buntes Tuch um den Hals gebunden. Ihr schulterlanges rotes Haar fiel ihr auf einer Seite weit ins Gesicht und erinnerte Christine, die eine Schwäche für alte Filme hatte, an eine Schauspielerin aus den vierziger Jahren, an deren Namen sie sich jedoch nicht mehr erinnern konnte.
Die Frau lächelte sie an.
»Wo wir Raucher uns heutzutage überall verkriechen müssen, bloß um eine Zigarette rauchen zu können!« sagte Christine. Sie spürte, daß die Frau sie genau beobachtete, als sie ihr Feuerzeug anschnippte und an ihre Zigarette hob.
Als sie inhalierte, ausatmete und das Feuerzeug in ihre Handtasche fallen ließ, stellte sie fest, daß die Frau keine Zigarette in der Hand hielt. Sie machte einen sympathischen Eindruck, als sie lächelnd auf Christine zukam.
»Sie sind Christine Mathews, nicht wahr?« fragte sie. »Chrissy?« Christine war überrascht. Und neugierig. Sie versuchte sich zu erinnern, woher sie die Frau kannte.
»Ja, das bin ich«, sagte sie. »Allerdings gibt es nur wenige Leute, die mich Chrissy nennen.«
»Wie jung Sie sind«, sagte die Frau. »Ich wußte, daß Sie jung sind.« Sie lächelte immer noch.
»Kennen wir uns?« fragte Christine, die es plötzlich mit der Angst zu tun bekam. »Ich kenne Sie«, sagte die Frau. »Ich bin Deirdre.«
In diesem Moment ging Christine ein Licht auf. Aber der Tornado, die Nervenheilanstalt, das war doch über hundert Kilometer von hier passiert ... unmöglich!
Aber es war keineswegs unmöglich. Nur unwahrscheinlich.
»Sie können doch nicht –« begann sie ungläubig.
Sie kam nicht dazu weiterzusprechen, denn geschmeidig wie eine Raubkatze stürzte sich Deirdre auf sie, rammte ihr den Ellbogen in den Bauch und stieß sie nach hinten.
Christine spürte, wie sich die Geländerstange direkt unter ihrem Gesäß gegen ihre Oberschenkel drückte. Deirdre grinste und schlug sie mit der Faust zwischen die Brüste, so daß sie rücklings über das Geländer stürzte. Sie schaffte es jedoch gerade noch, sich mit der Hand am unteren Teil des Geländers festzuhalten. Vor Entsetzen blieb ihr fast das Herz stehen, als sie davon abglitt. Aber es gelang ihr, sich noch so weit herumzudrehen, daß sie sich, zwanzig Stockwerke über der Sixth Street hängend, erst mit einer Hand, dann auch noch mit der anderen am gefliesten Rand der Terrasse festhalten konnte. Sie versuchte zu schreien, aber ihre Luft reichte nur für ein leises Winseln. Ihre Finger begannen von den glatten Fliesen abzurutschen.
Dann beugte sich Deirdre über sie und lächelte auf sie hinab. Veronica Lake, schoß es Christine unsinnigerweise durch den Kopf. Das war die Filmschauspielerin, an die Deirdre sie erinnerte, obwohl sie, abgesehen von den Haaren, überhaupt nicht wie Veronica Lake aussah.
»Bitte!« stieß Christine mit gepreßter Stimme hervor. Auf der verzweifelten Suche nach einem Halt scharrten ihre Füße hektisch über die Wand des Gebäudes, fanden dort aber nichts als rauhen Stein. Sie verlor einen Schuh. Er fiel in die Tiefe und mit ihm ihr Herz.
Deirdre bückte sich und streckte ihr die Hände entgegen, so daß sie einen Augenblick lang dachte, Deirdre würde sie an den Handgelenken packen und hochziehen. Das Ganze war nur ein Scherz! Ein böser Scherz!
Stattdessen stützte sich Deirdre mit den Handflächen auf Christines Knöchel und drückte ihre Finger gegen die harte Kante. Und dann legte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ihre Handballen und begann Christines Finger mit leichten Drehbewegungen förmlich zu zerquetschen. Christine wußte nicht mehr, ob sie sich noch an der Kante festklammerte, oder ob sie nur noch daran hing, weil Deirdre sie mit aller Kraft dagegendrückte.
Dann zog Deirdre die Hände plötzlich zurück und richtete sich auf. Sie blickte grinsend auf Christine hinab und streckte die Arme aus, als höbe sie gleich wie Superman ab.
Als der Druck auf Christines taube Finger so plötzlich nachließ, rutschten sie auf der Stelle ab. Verzweifelt versuchte Christine noch einmal Halt zu finden, aber sie hatte kein Gefühl mehr in ihren Fingerspitzen.
An diesem Punkt – als ihr klar wurde, daß sie sich nicht mehr festhalten konnte – lösten sich ihre Stimmbänder wieder, und sie begann zu schreien.
Sie schrie bis zur Straße hinunter.
Nachdem sie alle erst ein paar Sekunden vor Entsetzen wie gelähmt dagesessen hatten, sprangen die Gäste des Dachrestaurants auf, um nachzusehen, was passiert war. Angeführt von dem befrackten Kellner, brachen...




