E-Book, Deutsch, 251 Seiten, Web PDF
Lutz / Herrera Vivar / Supik Fokus Intersektionalität
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-531-92555-4
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes
E-Book, Deutsch, 251 Seiten, Web PDF
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-92555-4
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
In diesem Band wird der Ansatz vorgestellt und in transdisziplinäre und transnationale Analyseperspektiven wie Diskurstheorie, Biographieforschung, Wissenssoziologie, Rahmenanalyse und Sozialstrukturanalyse eingesetzt, ergänzt um kritische Interventionen zu Problemen und Grenzen dieses Konzepts.
Mit Beiträgen von Mechtild Bereswill, Kimberlé Crenshaw, Kathy Davis, Jeff Hearn, Gudrun-Axeli Knapp, Kira Kosnick, Gail Lewis, Helma Lutz, Nina Lykke, Myra Marx Ferree, Anke Neuber, Ann Phoenix, Paula Irene Villa, Nira Yuval Davis, und Dubravka Zarkov.
Zielgruppe
Professional/practitioner
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Fokus Intersektionalität – eine Einleitung.- Fokus Intersektionalität – eine Einleitung.- Die transatlantische Reise von Intersektionalität – Geografien und Räume der Debatte.- Die Intersektion von „Rasse“ und Geschlecht demarginalisieren: Eine Schwarze feministische Kritik am Antidiskriminierungsrecht, der feministischen Theorie und der antirassistischen Politik.- Intersektionalität als „Buzzword“.- Die diskursiven Politiken feministischer Intersektionalität.- Neue Forschungsfelder der Intersektionalität: Männlichkeiten und Heteronormativität.- Marginalisierte Männlichkeit, Prekarisierung und die Ordnung der Geschlechter.- Vernachlässigte Intersektionalitäten in der Männerforschung: Alter(n), Virtualität, Transnationalität.- Enthüllungen und Unsichtbarkeiten: Medien, Männlichkeitskonzepte und Kriegsnarrative in intersektioneller Perspektive.- Sexualität und Migrationsforschung: Das Unsichtbare, das Oxymoronische und heteronormatives „Othering“.- Psychosoziale Intersektionen: Zur Kontextualisierung von Lebenserzählungen Erwachsener aus ethnisch sichtbar differenten Haushalten.- Intersektionalität vorantreiben: Potentiale, Grenzen und kritische Fragen.- Jenseits der Dichotomie von Anerkennung und Umverteilung: Intersektionalität und soziale Schichtung.- Verkörperung ist immer mehr.- „Intersectional Invisibility“: Anknüpfungen und Rückfragen an ein Konzept der Intersektionalitätsforschung.- Postscriptum: Intersektionalität – Offenheit, interne Kontroversen und Komplexität als Ressourcen eines gemeinsamen Orientierungsrahmens.
Jenseits der Dichotomie von Anerkennung und Umverteilung: Intersektionalität und soziale Schichtung (S. 185-186)
Nira Yuval-Davis
Die „Politik der Anerkennung“ als Alternative und/oder Ergänzung zur sozialistischen „Politik der Umverteilung“ – um Nancy Frasers (2000) Begriffe zu verwenden – ist in den 1970er und 1980er Jahren immer wichtiger geworden. Grund dafür waren eine Vielzahl historischer, sozialer und politischer Entwicklungen – etwa der Niedergang der älteren sozialistischen Bewegung und der Zusammenbruch der Sowjetunion und all dessen, was diese in globaler Politik unterstützt hatte.
Insbesondere lag dies an der wichtigen Rolle, die identitätspolitische Bewegungen – in Bezug auf Geschlecht, „Rasse“, indigene Völker, Sexualität und Behinderung, um nur einige zu nennen, in immer mehr sozialen Feldern gespielt haben. Sozial- und Politiktheoretiker wie Charles Taylor (1992) und Michael Walzer (1992) haben argumentiert, dass das Bedürfnis nach Anerkennung eine der Triebkräfte hinter nationalistischen und anderen identitätsbezogenen (oder „subalternen“) politischen Bewegungen sei.
So behauptet Taylor (1992: 32), dass der Bedeutungszuwachs von „Anerkennungspolitik“ im öffentlichen Raum das Resultat zweier einander vermeintlich widersprechender Annahmen sei, die jede für sich immer wichtiger werden: Einerseits geht es um Menschenrechte und die Annahme, dass jeder das Recht auf eine universelle Würde und Anspruch auf den gleichen Respekt hat; andererseits um Individualisierung, wonach verschiedene Individuen und Gruppen jeweils verschiedene, einzigartige Identitäten besitzen.
Sozialistische Feministinnen wie Nancy Fraser (2000), Seyla Benhabib (2002) und andere haben diesen Argumenten zwar eine gewisse Gültigkeit zugestanden – bestehen aber zugleich darauf, dass nicht jeder Anspruch auf Anerkennung respektiert werden sollte. Sofern Identitätspolitik nicht von einer Politik der Umverteilung ergänzt werde, könne der emanzipatorische und progressive Charakter einer solchen Anerkennung verloren gehen.
Ohne die Bedeutung von Frasers Beitrag für eine feministische – und allgemein emanzipatorische – Politik in Frage zu stellen, argumentiere ich in diesem Beitrag, dass die Dichotomie von Anerkennungs- und Umverteilungspolitik zwar als heuristisches Instrument hilfreich ist, um einige Schwächen und Stärken von Identitätspolitik zu beleuchten, letztendlich potenziell jedoch irreführend ist. Weiter hin wird argumentiert, dass die Politik der Intersektionalität beide Seiten dieser Dichotomie aufnehmen und zugleich über sie hinausgehen kann.
Die Binarität von Anerkennung und Umverteilung fand in letzter Zeit auch Anerkennung als genuin feministischer Beitrag zur soziologischen Schichtungstheorie und führte dazu, Klasse neu zu denken (Crompton und Scott 2005). Aus denselben Gründen, aus denen ich in diesem Beitrag dafür plädiere, die Politiken der Anerkennung bzw. Umverteilung durch eine Politik der Intersektionalität zu ersetzen, oder besser gesagt, sie in ihr aufzuheben, plädiere ich auch dafür, Intersektionalität als den relevantesten aktuellen Beitrag der soziologischen Theorie zum Thema Klasse/ Schichtung anzuerkennen.
In diesem Sinne unterstützt dieser Essay die These von Leslie McCall (2005: 1771), dass Intersektionalität „der wichtigste theoretische Beitrag ist, den die Frauenforschung, gemeinsam mit verwandten Feldern, bisher geleistet hat“. Der folgende Abschnitt erörtert Intersektionalität zunächst allgemein und untersucht anschließend, wie sich das Konzept zu den Themen „Anerkennung“ und „Umverteilung“ verhält und welchen Beitrag es zu soziologischen Klassen-/ Schichtungstheorien leisten kann.




