E-Book, Deutsch, 750 Seiten
Lynds Das Bernstein-Enigma
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-231-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller | »Eine fesselnde Parabel über Gier und Korruption.« (Michael Connelly)
E-Book, Deutsch, 750 Seiten
ISBN: 978-3-98690-231-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gayle Lynds wurde in Nebraska geboren und wuchs in Iowa auf. Sie studierte Journalismus und arbeitete nach dem Abschluss viele Jahre lang als Reporterin sowie für den US-amerikanischen Geheimdienst. Ihre preisgekrönten Spionage-Bestseller wurden bislang in 20 Sprachen übersetzt; Erfolge feiert sie außerdem als Co-Autorin von Bestsellerautor Robert Ludlum. Heute lebt sie in Portland, Maine. Die Website der Autorin: gaylelynds.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Gayle Lynds ihre Thriller: »Dark Memory - Liz Sansborough, Band 1« »Dark Shadows - Liz Sansborough, Band 2« »Buch des Verrats - Ryder und Blake, Band 1« »Kartell der Angst - Ryder und Blake, Band 2« »Spymaster« »Cold Heart« »Das Bernstein-Enigma«
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Prolog
Tagebucheintrag
Es ist Zeit, alles klarzustellen und zu erzählen, was genau passiert ist ...
Montag, 30. Oktober
Westchester County, New York
Es war 14 Uhr, und die Nachmittagssonne schien durch das Fenster ins Zimmer des alten Mannes. Er war erschöpft von einer Spritze, die ihn fügsam machen und ruhig stellen sollte. Er hasste sie alle, jeden, ohne Ausnahme. Besonders hasste er ihre Medikamente und ihre akademischen Diplome, perfekte Tarnungen für ihre wahren Absichten. Aber er hatte einen Plan. Er würde sie alle reinlegen und, verdammt noch mal, aus diesem Gefängnis entfliehen. Ein Gefühl der Dringlichkeit überfiel ihn.
Nur von diesem jungen Krankenpfleger versprach er sich etwas. Er war habgierig, und Habgier hatte der alte Mann immer zu nutzen verstanden.
»Er ist echt«, flüsterte der Krankenpfleger, als er den Rollstuhl des alten Mannes den Korridor hinunter in die schwache Oktobersonne schob. »Ein ganzes Karat.«
»Natürlich ist er echt«, murmelte er vor sich hin. »Ich würde meine Zeit nicht damit verschwenden, wenn er’s nicht wäre.«
»Was?« Der junge Mann beugte sich hinunter.
»Nichts.«
Der Krankenpfleger schob ihn in die parkähnliche Anlage hinaus, die dazu diente, die Schuldgefühle der wenigen Auserwählten zu mildern, die es sich leisten konnten, ihre alten und unerwünschten Angehörigen hier mitten im Nichts abzuladen. Im Sommer blühten Petunien und Stiefmütterchen in leuchtend bunten Farben in den ordentlich geharkten Rabatten, die die gewundenen Gehwege des Pflegeheims säumten. Jetzt war es Ende Oktober, und die Blumenbeete waren leer geräumt und warteten auf den ersten Schneesturm. Der ganze sorgfältig gepflegte Komplex einschließlich der umliegenden Wälder gehörte den Söhnen des alten Mannes und war ein exklusives Hochsicherheitsgefängnis, um ihn von seiner Familie und der Welt zu isolieren.
Der Krankenpfleger hielt mit dem Rollstuhl unter einer haushohen Platane. Die meisten Blätter waren schon abgefallen. Die Zweige über ihren Köpfen bildeten das Skelett eines Strohdachs. Von ihrem Standort auf einer leichten Anhöhe, den Baum im Rücken, konnten sie die weite Fläche des Anwesens überblicken.
Der alte Mann sog schnüffelnd die kalte Luft ein und konnte sich fast wieder erinnern. Er schüttelte den Kopf. Es war wieder weg, wie auch er bald ›weg‹ sein würde, wenn er nicht in Kürze hier heraus käme. Er wandte seinen Blick dem Krankenpfleger zu, einem stämmigen jungen Mann mit massigem Kinn und naiven Augen. Er hätte dringend eine Rasur nötig, aber das traf ja heutzutage auf viele der jungen Leute zu. Gestern war der Junge noch ein großspurig auftretender Schläger gewesen, aber heute konzentrierte er sich darauf, sich einen weiteren Diamanten zu verdienen.
»Was hast du mit dem Diamanten gemacht?«, fragte der alte Mann.
»Genau, was Sie mir gesagt haben. Ich bin zu der Bank in Armonk zurückgegangen und habe mir ein Schließfach gemietet. Da habe ich ihn ’reingelegt. Ich werde ihn sechs Monate lang nicht verkaufen, erst, wenn ich in Urlaub fahre.«
Er sah den Burschen prüfend an. »Verkauf ihn weit weg in irgendeiner großen Stadt, wo dich niemand kennt. Und dann fahr wieder ab, sobald du es erledigt hast. Hör auf mich. Pass auf. Du willst ja wohl nicht, dass das Gesetz dir in die Quere kommt und Fragen stellt.« Der Junge hatte weit Schlimmeres als die Polizei zu fürchten, aber der alte Mann würde den Teufel tun und ihm das erzählen.
»Wann kriege ich den anderen Diamanten?«
Er lächelte. Die Habgier war seine Verbündete. »Sobald du die hier abgeschickt hast.« Er schaute sich vorsichtig um und zog dann aus der Innenseite des schweren Mantels, der seinen Klinikschlafanzug bedeckte, zwei Päckchen hervor. Es waren gefaltete Zeichenpapierblätter, in braunes Packpapier eingewickelt und mit Klebeband verschlossen. Er erteilte dem Jungen genaue Anweisungen.
Das eine Paket war an eine Konzerthalle in London adressiert, das andere an die Central Intelligence Agency in Langley, Virginia.
Außer den Diamanten und ein wenig Bernstein, die er in diese Höllenanstalt hatte schmuggeln können, besaß er nichts mehr. Er hatte sogar das Schreibmaterial aus dem Werkstattraum stehlen müssen. Im vergangenen Jahr hatte er schon damit begonnen, seine Erinnerungen aufzuschreiben, und er schrieb noch immer daran.
Der junge Mann langte nach den beiden Päckchen und steckte sie in seine kurze weiße Jacke. »In einer halben Stunde hab ich Dienstschluss. Ich fahr nach Armonk und geb sie da auf.«
»Das wird genügen.« Die Augen des Alten verengten sich. »Sei vorsichtig. Erledige deine Aufgabe zu meiner Zufriedenheit, und es wird noch mehr Diamanten für dich geben. Ich habe noch weitere Arbeit für dich. Ich fange gerade erst an.«
»Noch mehr Diamanten?« Der Krankenpfleger sah sich misstrauisch um, als packe ihn plötzlich die Unruhe. »Wo haben Sie sie versteckt?« Er bemühte sich, harmlos und lediglich um das Wohlergehen des alten Mannes besorgt zu klingen. »Vielleicht sollten wir ein besseres Versteck für sie finden. Irgendwo, wo es sicher ist.«
Der alte Mann kicherte. Sie hatten ihn zum Sterben hierher gebracht, aber er überlistete sie noch alle. Er wusste viel mehr, als sie je für möglich gehalten hatten. Sein Kichern steigerte sich, bis es ihn überwältigte. Er brüllte vor Lachen. Er schüttelte sich vor Lachen. Musste sich die Augen trocknen. Ungehalten winkte er ab, als der Junge ihn zum Schweigen zu bringen versuchte. Und lachte noch lauter. Gespannt versuchte er sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn die Päckchen in Langley und London ankämen.
Was er nicht wusste, war, dass in der Rinde des großen Baums eine Abhörvorrichtung verborgen war, die binnen einer Stunde abgehört werden sollte.
Prag, Tschechische Republik
Es war Mitternacht, und ein kalter Wind peitschte von der schwarzen Moldau herüber, schnitt durch Jirís schweren Mantel und zwickte ihn ins Fleisch. Zitternd hastete er über die Karlsbrücke auf die Kirchtürme, die steilen Dächer und stattlichen Kuppeln der Altstadt zu. Er sehnte sich nach dem lauten Stimmengewirr und der Gemütlichkeit einer verräucherten Kneipe.
Er hatte Angst.
Die Leute, mit denen er von Zeit zu Zeit Geschäfte zu machen gezwungen war, hatten ihm befohlen, diese Route entlangzulaufen, einen prallen Umschlag mit gestohlenen Fotos und kopierten Dokumenten unter dem Arm. Er hatte es auf die harte Tour gelernt, dass man, hatte man einmal ihr Geld und ihre Schutzversprechen angenommen, nie mehr zurückkonnte. ›Jirí‹ war sein Deckname.
Er musste genau das tun, was sie ihm befohlen hatten.
Während er nervös über seine Schulter schielte, hastete er an der letzten Statue der Brückenheiligen vorbei und hielt geradewegs auf die Karlova zu. Die barocken und gotischen Gebäude warfen im Mondlicht lange düstere Schatten. Der Geruch verbrannter Kohle stach ihm in die Nase, die Furcht wühlte ihm den Magen auf.
Schließlich hörte er aus einer Seitengasse, an der er gerade vorbeikam, ein Volkslied erklingen. Er blieb mit klopfendem Herzen stehen und lehnte sich gegen eine mittelalterliche Mauer. Er zog ein Päckchen Marlboro heraus. Mit zitternden Händen beugte er sich vor und tat so, als zünde er sich eine Zigarette an.
Eine Stimme sprach ihn auf Tschechisch an: »Gestatten Sie.«
Ein Ziehharmonikaspieler in einem dicken Steppmantel trat aus der schwarzen Gasse. Er trug einen Hut mit Krempe, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, und hielt ihm ein Feuerzeug hin.
Mit zitternden Händen steckte Jirí sich die Zigarette in den Mund. Ein Skoda näherte sich, seine Scheinwerfer strichen durch die finstere, einsame Straße. Das Gesicht des Ziehharmonikaspielers lag im Schatten. Er sah zu, wie das Fahrzeug um eine Ecke verschwand. Dann knipste er das Feuerzeug an. Die Flamme sprang empor, klein und unauffällig, und Jirí zog an der Zigarette, bis sie wieder brannte.
»Danke.« Jirí lockerte seinen Griff um den Umschlag unter seinem Arm.
»Keine Ursache. Gute Nacht.«
Bevor der Musiker sich wieder entfernte, rempelte er Jirí an. Während er sich für seine Ungeschicklichkeit entschuldigte, tauschte er Jirís Umschlag rasch gegen einen identischen aus, den er zwischen Ziehharmonika und Brust versteckt getragen hatte.
Der Musiker schaute sich nach allen Seiten um und ließ etwas hören, das wie ein betrunkenes Kichern klang. »Zivijo.« Langes Leben.
Wieder raste ein kalter Schrecken durch Jirí. Er flüsterte: »Ich hoffe, ich habe Ihnen alles gegeben, was Sie wollen.«
»Falls nicht, werden Sie von uns hören.« Die Worte des Musikers waren eine Drohung. Dann warf er den Kopf zurück, streichelte seine Ziehharmonika und entfernte sich, während er zu spielen begann und fröhlich dazu sang: »Ein Zigeunermädel, ein goldenes Bier ...«
Jirí hastete schnell in die entgegengesetzte Richtung davon, wobei er sich stets im tiefsten Schatten hielt. Jetzt stiegen in ihm Sorgen darüber auf, ob sein Arbeitgeber, ein großer Unternehmer, die Diebstähle bemerken würde. Er dachte über das nach, was er kopiert und gestohlen hatte, ging noch einmal all seine Schritte durch, versuchte herauszufinden, ob er irgendwelche Spuren hinterlassen hatte –
Und dann wurde er beinahe ohnmächtig vor Freude, denn ihm war eine Idee gekommen: Sie mussten jetzt hinter seinem Arbeitgeber her sein. Das war es! Das musste die Anforderung all der Dokumente und Fotos bedeuten. Sein Arbeitgeber. Er lächelte, und seine Lippen entblößten fast grimassenhaft braune Zähne, ein gefangenes Tier, das verzweifelt nach...




