E-Book, Deutsch, 868 Seiten
Maaser Der Paradiesgarten
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95520-809-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 868 Seiten
ISBN: 978-3-95520-809-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eva Maaser, geboren 1948 in Reken (Westfalen), studierte Germanistik, Pädagogik, Theologie und Kunstgeschichte in Münster. Sie hat mehrere erfolgreiche Krimis, historische Romane und Kinderbücher veröffentlicht. Bei dotbooks erschien bereits Eva Maasers Kriminalroman »Der Clan der Giovese« und der humorvolle Regiokrimi »Tante Ella und das Geheimnis im Gurkenbeet« sowie die Rohleff-Reihe mit »Das Puppenkind«, »Die Eisfrau«, »Das Schwanenmädchen« und »Der Purpurjunge«. Kommissar Rohleffs erster Fall »Das Puppenkind« ist auch im Sammelband »Tatort: Deutschland« erhältlich. Eva Maaser veröffentlichte bei dotbooks außerdem ihre historischen Romane »Krone der Merowinger - Das Schicksal der Königin«, »Krone der Merowinger - Die Herrschaft der Königin«, »Der Moorkönig«, »Die Rückkehr des Moorkönigs«, »Der Paradiesgarten« und »Die Astronomin«. Zudem erschienen bei dotbooks Eva Maasers Kinderbuchserien um Leon und Kim: »Leon und der falsche Abt«, »Leon und die Geisel«, »Leon und die Teufelsschmiede« und »Leon und der Schatz der Ranen«, »Kim und die Verschwörung am Königshof«, »Kim und die Seefahrt ins Ungewisse« und »Kim und das Rätsel der fünften Tulpe«.
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Kapitel 1
Tegernsee
1
Die Luft roch nach Schnee. Wie Rauchschwaden hingen dichte Wolken tief über den schneebedeckten Bergen, dunkler als die Wolken schimmerte der Tegernsee, die weite Fläche des Wassers lag eingebettet zwischen den Hängen. Träge stießen Eisschollen aneinander, erzeugten im Zusammenprall einen dumpfen Laut, der sich bis zum Ufer fortsetzte, an den Mauern des Klosters brach und gleichsam in der Kälte erstarrte. Die ungefügen Steinmauern erhoben sich seeseitig direkt aus dem Wasser, sie umzogen in einem großen, unregelmäßigen Bogen die Benediktinerabtei mit ihren weitläufigen Gärten. Ein Ort der Stille, des Schweigens, an dem sich nichtiges Geschwätz und Geplapper verbat, selbst das Zwitschern der Vögel war gänzlich verstummt. Noch am frühen Morgen war ein Vogel erfroren aus dem undurchsichtig grauen Himmel in den verharschten Schnee herabgefallen. Das Leben schien in der Eishand des Winters erstickt.
Wo ein paar Steine aus der Mauerbrüstung herausgebrochen waren, hoben sich die braunen Kutten zweier Mönche vom Schneegrau der Gartenbeete ab. Die Hände tief in die Ärmel gesteckt, verharrten sie, die Köpfe dem Mauerschaden zugewandt, einen Augenblick fügten sich die Männer in die Unbewegtheit der Gartenlandschaft, als hätte der Winter auch sie in Todesstarre versetzt.
Dann aber stampfte der eine mehrmals auf, um das Blut in den nackten, sandalenbeschuhten Füßen zirkulieren zu lassen. Bruder Melchior, der Prior des Klosters, war klein und mager, sein Gesicht prägten scharfe Züge, die auf Askese hindeuten mochten, noch schärfer wirkten die Augen, die eine mögliche Begründung der Askese mit Demut oder schlichter Frömmigkeit in Frage stellten. Melchior war gekommen, um den Schaden an der Mauerkrone zu besichtigen. Er zog die Kutte aus schwerem Wolltuch enger um sich, Ärger glomm in seinem Blick auf, als er den Bruder Gärtner neben sich musterte, den die Kälte augenscheinlich nicht im geringsten anfocht. Aus Anselmus' Sandalen stach Stroh hervor, das die Füße wärmte, der untersetzte Körper des Bruders wirkte trotz vorgeschrittenen Alters unverbraucht kräftig, von genug Lebensenergie durchglüht, um der unwirtlichen Witterung zu trotzen, der Atem wölkte vor dem derben Bauerngesicht. Der Mauerschaden war längst nicht mehr Gegenstand ihres Gesprächs.
»Gott schuf gen Osten einen Garten in Eden ...« Melchior bediente sich eines psalmodierenden Tones, um seiner dünnen Stimme Ausdruck und den Worten Nachdruck zu verleihen.
Eigentlich nur für den Mitbruder bestimmt, hallten die Worte in der stillen Luft, der Klang trieb über die Mauer hinweg. Von der anderen Seite her überragte sie eine Eberesche, einer ihrer Äste reichte an die bröckelige Stelle heran und konnte immerhin Wegelagerer und anderes Gesindel verleiten, ins Klostergelände einzudringen. Eventuell hätte den beiden Mönchen, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, über die Mauer zu spähen, auch das Lumpenbündel Sorge bereitet, das sich am Fuß des Baumes als dunkler Fleck im Schnee ausmachen ließ, der durch den Kontrast an dieser Stelle heller schimmerte als überall sonst unter dem wintertrüben Himmel.
Einem Wunder gleich belebte sich das Lumpenbündel durch Melchiors Stimme. Weiße Haut leuchtete auf, als sich aus dem Bettlergewand die mageren Arme eines Kindes ausstreckten. Der Knabe umfing den Stamm der Eberesche und begann sich langsam aufzurichten, während er lauschte.
»Vier Ströme durchzogen den Garten, Wasser floß in Fülle, es war süß und rein. Bäume pflanzte der Herr in seinem Garten, lieblich zum Anschauen und voll köstlicher Früchte«, fuhr Melchior fort.
Es mußte wohl am Klang der Stimme liegen, am Auf- und Abschwellen der Laute, einem Gesang nicht unähnlich und damit für das Kind ebenso ungewöhnlich wie die Worte selbst, daß der Junge nach den unteren Ästen griff, um den Baum zu erklettern. Das blasse Gesicht wirkte eingefallen und wie durchscheinend, vom Hunger gezeichnet.
»In die Mitte des Gartens setzte der Herr den Baum des Lebens; er überragte die anderen mit seiner herrlichen Krone. Zwölf Ernten trug er in jedem Jahr.«
»Glaubst du wirklich?« fragte Anselmus trocken. »Mir würden schon zwei Obsternten jährlich als Wunder reichen. Außerdem bewegt mich da etwas ganz anderes. Der Garten in Eden muß vor Gewächsen und Tieren aller Art gewimmelt haben, und Gott hatte bis dahin nur einen Menschen geschaffen, könnte doch sein, daß dieser zunächst weder Mann noch Weib war. Müßte merkwürdig ausgesehen haben. Ich frag mich bloß, ob die Geschöpfe in einer Art Zeitlosigkeit existiert haben, ohne die für uns natürliche Abfolge von Werden, Wachsen, Blühen und Reifen. Aber wie soll das gegangen sein?«
»Die Ewigkeit dieses Gartens in Eden, in den Gott den Menschen als erstes Menschenpaar, als Mann und Weib, Adam und Eva, gestellt hat, bleibt das Geheimnis Gottes. Versündige dich nicht in deinen Gedanken, Bruder Anselmus. Du denkst zu sehr als Gärtner und zu wenig als Mönch.« Melchior hatte den salbadernden Ton aufgegeben, seine Stimme klang scharf.
»Du hast die Schlange vergessen, wenn du schon Eva erwähnst. Ich kreide der Schlange die Geschichte mit dem Apfel an. Konnte sie nichts anderes nehmen, irgendeinen glitzernden Stein oder anderen Trödel? Vielleicht aber hat mit der Schlange erst alles angefangen, das Blühen der Wiesen, die süßen Äpfel, Birnen und Pflaumen, Honig und Wein und – ja, das Bier natürlich.«
Von jenseits der Mauer war ein verstohlenes Scharren zu hören, das die beiden in ihren Disput vertieften Mönche nicht bemerkten. Aufmerksam wurden sie erst, als über dem Mauerrand für einen Augenblick das bleiche Gesicht des Jungen erschien. Gleichzeitig teilte sich die Wolkendecke, ein Sonnenstrahl, eine gleißende Lichtbahn, ließ den Schnee in einem nahezu überirdischen Funkeln aufleuchten. Der Blick der dunklen Kinderaugen, von seltsamer Eindringlichkeit, schweifte über die Reihen der Kohlstrünke in den verschneiten Beeten bis zu den kahlen Gerippen des Baumgartens. Bruder Melchior schaute zu dem Kindergesicht auf, nahm ein Leuchten und Staunen wahr, wie es der Erscheinung von etwas Heiligem angemessen gewesen wäre und sicher nicht dem Anblick zweier Klosterbrüder, von denen einer, er selbst, mittlerweile gottserbärmlich fror. Er wandte sich um und erblickte nur den winterlich kahlen, wieder verschatteten Garten.
Plötzlich brach der Ast unter dem Jungen. In einem Regen von Eis und Schnee schlug er am Fuß des Baumes auf, rollte den Hang hinab und kam erst an einem zugefrorenen Bach schwankend auf die Füße. Dann lief er über das verschneite Feld heimwärts, unsicher den Fußstapfen folgend, die er auf dem Herweg hinterlassen hatte.
Bruder Anselmus schürzte eilig die Kutte, zog sich schweratmend an vorkragenden Steinen der Mauer hoch und starrte der kleinen, entschwindenden Gestalt nach.
»Komm zurück!« brüllte er, als ihm aufging, was der befremdliche Besuch zu bedeuten hatte. »Komm zurück, wir tun dir doch nichts!«
Bruder Melchior, der die Kletterei aus schmalen Augenschlitzen beobachtet hatte, trat rasch an die Mauer, langte hinauf und zupfte Anselmus am Kuttensaum. »Was siehst du?«
Der Gärtner schaute noch immer dem Kind nach.
»Was ist, Anselmus? Gib Antwort!« herrschte Melchior ihn an. Ein plötzliches Besinnen auf seine Amtsautorität ließ ihn heftiger am Wollgewand des Mitbruders reißen.
Anselmus wandte den Kopf. »Ein Kind, Bruder Melchior, ein kaum neun- oder zehnjähriger Bub, den wohl der Hunger hergetrieben hat, wollte Gott ihn behüten.«
Mit einem Satz sprang er von der Mauer und riß im Fallen Melchior, der noch sein Gewand gefaßt hielt, beinahe um. »Ich schick einen Klosterknecht hinterher. Es wäre doch schad, wenn das Kind im Wald erfriert.«
»Hat das Kind hergefunden, so findet es auch heim«, beschied der Prior, er rang noch um sein Gleichgewicht, »außerdem, wer sagt dir, daß es nicht zu einer Räuberbande gehört, die im Wald lagert und den Bengel auf Kundschaft geschickt hat. Die Knechte werden in dieser Nacht die Tore schärfer bewachen.«
Die Klosterglocke unterbrach den Disput der Mönche und rief sie zum Gebet.
Kurz vor Einbruch der Nacht kehrte Christoph heim. Die Hofstelle, auf der er mit den Eltern und zwei jüngeren Schwestern hauste – nicht mehr als eine Hütte mit Ziegenstall und ein paar Feldern –, lag oberhalb des Dorfes und des Benediktinerklosters als halbe Enklave im Wald. Sie gehörte wie ihre Bewohner dem Kloster und war eingerichtet worden, um die Urbarmachung des Landes voranzutreiben. Jedes Jahr mußten die schmalen Äcker aufs neue gegen die Wildnis verteidigt werden, denn der Boden spie immer wieder Steine aus, der Wind säte seine eigene Saat aus Kiefern und Tannen, Quecke, Disteln und dornigem Gestrüpp.
In diesem besonders eisigen und langen Winter, 1197, herrschte Hunger in den kleinen Weilern um den See. Und noch mehr als die Dörfler mußten die Bewohner der Einödhöfe darben. An manchen Tagen gab es für Christophs Familie kaum etwas anderes zu essen als das Brot, das der Vater vom Kloster erbettelt hatte, und auch das reichte selten für alle.
Wochen später führte der Wind aus Süden endlich weichere Luft heran. Der Schnee taute, das Eis in den Bächen begann zu singen, dann zu tropfen und schließlich unter dem leichten Druck von Christophs Händen und Füßen zu splittern. Die Lumpen um die Füße band er ab, als an den Feldrändern zaghaft das erste Gras sproß.
In den vergangenen Winterwochen hatte sich zuweilen, wenn ein Sonnenstrahl jäh den Schnee...




