E-Book, Deutsch, Band 6, 352 Seiten
Reihe: Kommissar Rohleff
Maaser Tod unter Whisky-Freunden
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95441-443-7
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 6, 352 Seiten
Reihe: Kommissar Rohleff
ISBN: 978-3-95441-443-7
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eva Maaser, geboren in Reken (Westf.), studierte in Münster Kunstgeschichte, Germanistik und Theologie, seit 1999 als freie Schriftstellerin tätig. Sie verfasst Krimis, historische Romane und Kinderbücher. Besonders beliebt sind die Rohleff-Krimis mit dem Steinfurter Kommissar. Sie ist Mitglied des VS-NRW, war von 2009 bis 2016 Vorsitzende des Landesverbands, Mitglied des WDR-Rundfunkrats und ist seit 2009 Kuratoriumsmitglied des deutschen Literaturfonds. 2001 Stipendium des Ministeriums für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport NRW für 'Der Paradiesgarten', 2003 Reisestipendium des Verbands deutscher Schriftsteller für 'Der Clan der Giovese' und 2006 Kulturpreis des Kreises Steinfurt.
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Mai
Rohleffs Hamburger Mitbringsel für Patrick, den leidgeprüften, ewig übernächtigten Vater, das Schächtelchen aus dem Laden namens mit seinem farbigen, verspielten Inhalt aus strapazierfähigem, dehnungsfreudigem Gummi, rief nur mäßige Erheiterung hervor. Dennoch wollten die drei engsten Mitarbeiter aus Rohleffs Team immer wieder Einzelheiten des Wochenendtripps hören, und mit jeder Wiederholung (Rohleff ließ den übermäßigen Kater, das Doppelzimmer und einiges andere aus) gewann der Ausflug an Farbigkeit und Exotik. Endlich, nach Jahren hatte er überhaupt wieder etwas aufregend Privates zu erzählen.
Patrick Knolle und Lilli Gärtner gehörten seit Langem zu seinem Ermittlungsteam, Harry Groß dagegen hatte sich, nachdem er Rohleffs Exfrau Sabine geheiratet hatte, von der Steinfurter Kreispolizeibehörde nach Münster in die dortige Mordkommission versetzen lassen, was alle aufatmen ließ. Statt seiner gehörte nun Sandra Kupfer zu ihnen, erst achtundzwanzig Jahre alt, hübsch, effizient, eine richtige Schnelldenkerin, die sich gut eingefügt hatte, ohne sich im Mindesten anzubiedern. Bei Schießübungen traf sie fast immer ins Schwarze.
Mit ihr war das Team, das Rohleff seit vielen Jahren als Kriminalhauptkommissar leitete, wieder komplett.
Anfang April hatte sich Gustav wieder bei ihm gemeldet, sie hatten ein wenig am Telefon geplaudert, wobei sich Rohleff zurückhaltend gab, vermutete er doch, dass es den Onkel wieder nach Hamburg zog. Ein entsprechender Vorschlag blieb aber aus, dennoch hatte Rohleff den Eindruck, dass Gustav etwas auf dem Herzen hatte. Einige Tage später erkundigte er sich nach Rohleffs Urlaubsplänen. Der Urlaub musste ja, wie bei Behörden üblich, lange vorher festgelegt und genehmigt werden. Rohleffs begann im späten Mai. Der Termin rückte ohne konkrete Planung näher, da sprach Gustav die nächste Einladung aus.
Rohleff war perplex. Und erbat sich Bedenkzeit.
»Nach Schottland eingeladen? wie in Hamburg?«, fragte Patrick aufgeregt, den blanken Neid in der Stimme. Rohleff hatte die Einladung beiläufig erwähnt, als alle wie so oft in letzter Zeit über Urlaubspläne sprachen. Rohleff hatte immer noch nichts Konkretes in Aussicht. Was auch? Zwei Wochen ins Gebirge oder an die See? Jeden Tag allein an einem Tisch im Restaurant sitzen, ein einsamer Wolf ohne Anhang? Dann doch lieber die Zeit in seinem Schrebergarten verbringen mit Bier und Würstchen vom Grill. Der Zaun musste dringend erneuert werden, sein Nachbar mahnte immer nachdrücklicher. Und er könnte ja mal wieder Tomaten anpflanzen.
»Ich überleg mir’s noch«, wiegelte Rohleff ab, weil er sich plötzlich genierte. Es gab nichts, womit er sich so eine Reise verdient hätte.
»Du überlegst es dir? Bist du bescheuert?«, ereiferte sich Patrick und fasste sich theatralisch an die Stirn. Er würde wohl wieder zwei Wochen samt Frau und drei Kindern auf Ameland verbringen zwischen Sandburgenbau und Windelwechsel. Aus dem Draufgänger von einst, dem Motorradfreak, war ein braver Schreibstubenhengst mit leichtem Bierbauchansatz geworden.
»Wieso?«, hielt Sandra dagegen. »Ich hätte keine Lust auf so eine Rundreise. Das ist was für betagte Leute. Jeden Morgen beim Frühstück packen die ihre Pillenschachteln aus und machen einen Krankheitenabgleich. Dreimal Bandscheibenvorfall gegen einmal hoher Blutdruck mit Tendenz zum Herzinfarkt. Und außerdem sind da nur Ehepaare dabei. Mir würde das auf die Nerven gehen, ich weiß das.« Sandra war mit ihrem Freund im Vorjahr nach Kuba zum Tauchurlaub geflogen, die beiden allein. Sie streifte Rohleff mit einem nachdenklichen Blick. »Aber vielleicht ist es ja die letzte Gelegenheit, mit deinem Onkel noch was zu unternehmen. Mit einundachtzig, na ja, da …«
Tickte die Uhr lauter?
War Gustav etwa schwerkrank? Siedend heiß fiel Rohleff diese Möglichkeit ein. Hatte er deshalb so bedrückt geklungen bei ihren letzten Gesprächen? Etwas beschäftigte den Onkel, etwas Schwerwiegendes, über das zu sprechen er Mut brauchte. Er hatte ein wenig hilflos und anlehnungsbedürftig gewirkt. Ja, die Uhr tickte, mutmaßte Rohleff, aber nicht nur für Gustav.
»Wie heißt denn der Reiseanbieter?«, fragte Patrick eifrig nach. »Hast du die Reise denn überhaupt schon gecheckt? Reiseroute, Hotels und so?«
Von den Einzelheiten wusste Rohleff gar nichts, erkundigte sich aber beim nächsten Telefonat mit dem Onkel danach, trotzdem sagte er die Teilnahme immer noch nicht fest zu. Allein schon die Nachfrage heiterte Gustav auf.
Die Recherche im Internet ergab, dass der Preis für zehn Tage Schottland in etwa vier Wochen Karibik im Luxusresort entsprach. Gustavs teure Reiseambitionen erschienen Rohleff bedenklich. Ein letztes Aufbegehren vor dem nahen Ende?
Gegen viel inneren Widerstand sagte er schließlich zu.
Die Reise, so hatte er nachgelesen, würde entlang eines Whisky Trails verlaufen. Wollte Gustav seiner Leber den Gnadenstoß versetzen?
Der Bus, der im Rotterdamer Hafen auf sie wartete, sah glänzend und windschnittig aus, die moderne Vision eines Rennkamels, gut geeignet für Haarnadelkurven, Schlaglochgruben, Schotterpisten und weiche, tückische Torfmooruntergründe. Der Reiseanbieter hatte laut Gustav unvergessliche Erlebnisse abseits ausgetretener Pfade versprochen. Erst viel später sollte Rohleff aufgehen, dass nicht automatisch etwas Gutes bedeuten musste.
Der Parkplatz, auf dem der Bus stand, war eine große, asphaltierte Fläche, auf der die wenigen Busse und die Autos, die dort abgestellt waren, verloren wirkten. Über ihnen kreisten aggressiv schreiende Möwen und erinnerten Rohleff daran, dass er unmittelbar davorstand, sich aufs Meer zu wagen – und ein leichtes Schaudern befiel ihn.
Am nahen Kai – in einer Lücke zwischen zwei nüchtern wirkenden Hafengebäuden zu erspähen – ragte ein mehrstöckiges Schiff auf, in dem, zweckdienlich einsortiert, die halbe Bevölkerung von Steinfurt hätte Platz finden können. Rohleff sah sich bereits auf der Suche nach seiner Kabine durch ein Labyrinth von engen Korridoren irren, und ein deutlicher Anflug von Klaustrophobie überkam ihn. Auf was für eine Blödheit hatte er sich da eingelassen?
Einige Schritte vom Bus entfernt stand eine Gruppe von Menschen, lebhaft ins Gespräch vertieft. Hauptsächlich Männer, mutmaßte Rohleff, oder Männer wie Frauen waren annähernd gleich gekleidet. Er machte ziemlich viel tristes Olivgrün aus, eine Farbe, die er seit jenem Moment, in dem ihm Patrick Knolle eine gebrauchte Windel in die Hand gelegt hatte, zuverlässig mit gut verdautem Spinat in Verbindung brachte. Der optische Eindruck stimmte, nur der Gestank fehlte.
Möglicherweise war diese Tarnfarbe gut für die Moorhuhnjagd. Moorhühner kamen, Rohleffs Reiseführer zufolge, in den weglosen, regendurchweichten Moorgebieten, die etwa achtzig Prozent Schottlands ausmachten, häufiger vor.
Hier und da standen neben voluminösen Gepäckstücken einige schmale Rollbehälter herum, die allerdings keine Schrotflinten enthielten, sondern Golfschläger. Vielleicht waren das gar nicht die Whiskypilger, die sich dort versammelt hatten, und er und Gustav strebten auf den falschen Bus zu.
Nahe der Stelle, wo sie vom Taxi abgesetzt worden waren, stand eine Frau und sah abwartend zu der Gruppe hinüber. Als sie sich halb zur Seite drehte, wahrscheinlich weil sie sie kommen hörte, wurde Rohleff langsamer und ließ Gustav mit seinem Koffer an sich vorbeiziehen. Ein Blick aus strahlend blauen Augen hielt ihn wie vom Blitz getroffen auf der Stelle fest.
»Auch nach Schottland?«, fragte die Frau mit einem zögerlichen Lächeln, das besonders liebliche Grübchen auf ihre Wangen zauberte.
Unter den nicht ganz echten Damen im Hamburger Rotlichtviertel war Rohleff eine aufgefallen, die in einem kurzen Blickaustausch die heftige Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach lustvollem Unter-die-Bettdecke-Kriechen aufkommen ließ. Der Moment war aber ziemlich schnell vorbeigewesen, als die Frau ohne weitere Umstände ihren Preis nannte.
Diese Frau nun, die ihn so unvermittelt angesprochen hatte, trug eine schwarze Hose zu hochhackigen Schuhen und ein rosiges, locker sitzendes Oberteil, am Hals schwarz abgesetzt, darüber ein vorne weit offenes, grünes Lodencape, und alles zusammen ergab eine lässige Eleganz, zu der nur der etwas abgetragene Rucksack, der ihr über einer Schulter hing, nicht passen wollte. Die Frau war mit all ihren Rundungen durch und durch attraktiv und kaum älter als Mitte vierzig. Ihr aschblondes Haar war oben auf dem Kopf zu einem Strubbelnest zusammengedreht, aus dem ein paar Korkenzieherlocken herausfielen und ihr hübsches Gesicht umrahmten. Eine anheimelnde Schlafzimmerfrisur, fand Rohleff, von einer weiteren...




