E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Maaß Was du siehst
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98941-107-4
Verlag: Gutkind Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Der mitreißende Liebesroman in einem Dorf nahe der Elbe.
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-98941-107-4
Verlag: Gutkind Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Laura Maaß, aufgewachsen in Schwerin, arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Das Schreiben ist für sie die schönste Möglichkeit, sich mit ihren familiären Wurzeln und den zwischenmenschlichen Herausforderungen des Alltags zu beschäftigen. Was du siehst ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Himmelblau
August 1967, Ost-Berlin
Dicke Wolken hingen in dieser dunklen Nacht über Berlin. Die Straßen waren menschenleer. Nur eine junge, schwangere Frau war auf den Beinen. Die Schatten am Horizont schienen ihr leise hinterherzuflüstern. Hier ein Raunen, dort ein Knacken, sonst nichts. Stille.
Die Frau ließ sich nicht aufhalten. Ihre Absätze klackten über den Asphalt. Und so sicher ihr fester Schritt auch wirkte, die Tränen auf ihrem Gesicht verrieten, wie groß ihre Verzweiflung war. Wenige Augenblicke später stieg sie in einen himmelblauen Lieferwagen, um Ost-Berlin für immer den Rücken zu kehren. Sie hatte nur einen großen braunen Lederkoffer und eine Mappe mit allen wichtigen Papieren bei sich, die ihr Vater in den letzten Wochen aufgetrieben hatte. Wie ihm das gelungen war, hinterfragte sie besser nicht. Er kannte die einflussreichen Männer der Stadt, war selbst einer von ihnen. Das zu wissen, genügte ihr. Auch den Wagen hatte er organisiert und den Fahrer, der nun den Motor startete, den Gang einlegte und Richtung Norden aus der Stadt fuhr, während sich am dunklen Himmel ein schweres Unwetter zusammenbraute, das sich bereits an den Sommertagen zuvor mit unerträglich schwüler Hitze angekündigt hatte.
Griese Gegend
Zur gleichen Zeit
Schon beim ersten entfernten Donnergrollen saß Frieda Lehmann in ihrem Haus am Rande des Dorfes kerzengerade im Bett, um sich gleich darauf voller Angst wieder unter ihrer Bettdecke zu verkriechen. Sie hatte gehofft, nur geträumt zu haben, wurde aber eines Besseren belehrt, als wenige Minuten später der nächste Donnerschlag durch die Nacht hallte. Die Bettdecke bis über die Nase gezogen, konnte sie draußen grelle Blitze zucken sehen und erschreckte sich bei jedem Donner so, als wäre es der erste in dieser Nacht.
Sie hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten an die Einsamkeit gewöhnt und konnte gut allein sein in ihrem kleinen Haus direkt an der Straße, aber wenn draußen Blitz und Donner tobten und der Sturm an den Fensterläden rüttelte, hielt sie es vor Angst nicht aus im Schlafzimmer direkt unterm Dach. Also stand sie bereits tief in der Nacht auf. Normalerweise hätte sie sich nach dem Aufstehen das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen, sich die langen, grau gesträhnten Haare glatt gekämmt und sie zu einem Zopf zusammengeflochten, der ihr bis zum Gesäß hinunterhing. In dieser Nacht hatte sie keine Zeit dafür, schlüpfte nur schnell in ihre mit Schafwolle gefütterten Hauspuschen und schlurfte mit zerzaustem Haar die Treppe hinunter zum großen Kleiderschrank im Flur. Der Rücken machte ihr seit einiger Zeit Probleme. Immer häufiger wachte sie morgens mit steifen Gliedern auf. Die älteren Damen im Dorf hatten es ihr alle prophezeit: Die jahrelange schwere Arbeit würde sich spätestens Ende fünfzig in den Knochen bemerkbar machen. Sie hatten recht behalten. Deshalb also zog sie nach dem Aufstehen das rechte Bein ein wenig hinterher. Wäre jemand im Haus gewesen, hätte er sie anhand des leisen Schlurfens auf dem Dielenboden kommen hören.
Der Schreck fuhr Frieda ins Mark, als die laute Sirene im Dorf ertönte. Sie musste an Arthur denken, der sicher schon auf den Beinen war, um seinen Kameraden bei der Freiwilligen Feuerwehr zur Hilfe zu eilen. Sie schaute zur Decke, aber eigentlich durch sie hindurch, weit über das darüberliegende Geschoss und das Dach ihres kleinen Hauses in den Himmel und schickte ein Stoßgebet zum lieben Gott, während sie den großen Schrank im Flur öffnete und ruckzuck darin verschwand. Zwischen Jacken und Mänteln stand der Koffer schon bereit. Darin waren all ihre Ausweispapiere und Versicherungspolicen fein säuberlich sortiert für den Notfall. Und Gewitter stand auf Friedas Liste der Notfälle weit oben. Sie war in Sicherheit hier im großen Schrank. Schließlich kam sie hier vor langer Zeit schon einmal mit dem Leben davon. Gedanken an den Krieg zuckten auch nach all den Jahren noch durch Friedas Geist, so wie jetzt die Blitze draußen vor ihrem Haus.
Das schwere Unwetter zog in den frühen Morgenstunden über das kleine Dorf nahe der Elbe hinweg und bescherte nicht nur Frieda eine unruhige Nacht. Der Blitz hatte eingeschlagen und die friedlich schlafenden Menschen aus ihrem Schlaf gerissen. Der Geruch nach verkohltem Holz hing wie Blei in der Luft und würde noch einige Tage in den Straßen stehen, wenn die drückende Hitze nicht bald ein Ende fand. Der seit Wochen von den Bauern herbeigesehnte Regen hatte sich bis in die frühen Morgenstunden mit Gewalt entladen. Dichter Nebel hing über den Feldern, die Sonne hatte es schwer, sich ihren Weg durch die Wolken und Wogen aus weiß aufsteigender Feuchtigkeit zu bahnen. Der gräuliche Sandboden, dem die dünn besiedelte Griese Gegend möglicherweise ihren Namen verdankte, war nass, aber immer noch nicht feucht genug. In den Schlaglöchern auf den Straßen staute sich das Regenwasser der vergangenen Nacht in kleinen Pfützen. Schon vor Mittag, wenn das Thermometer über dreißig Grad Celsius anzeigte, würde es verdunstet sein.
Es war ein trockenes Jahr, schon das zweite in Folge. Eine schlechte Ernte stand bevor, doch keiner von ihnen konnte sich, was das betrifft, an ein gutes Jahr erinnern. Schon immer gab es in den Dörfern nahe der Elbe entweder viel zu viel oder viel zu wenig Wasser. In diesem Jahr bereitete die Dürre den Männern und Frauen im Dorf Kopfschmerzen, in anderen Jahren war es das Hochwasser.
Weil er in der Bücherei arbeitete, teilte Heinrich Schönberg die Sorgen der Bauern nicht. Trockenheit, Hochwasser und schlechte Ernten ließen sich nicht durchnummerieren, etikettieren, in Listen erfassen und danach sauber und ordentlich, Kante auf Kante, in Regale einsortieren. Mit seinen Büchern konnte Heinrich weder das Wetter beeinflussen noch gegen steigende Wasserpegel oder ausgedörrte Böden vorgehen, also ging er diesen Problemen aus dem Weg.
Mit Kopfschmerzen wachte er an diesem Sonntagmorgen auf, genau in der Sekunde, als das Gewitter vorüber war. Gut schlafen, das hatte er schon immer gekonnt. Seine Frau Hannah beneidete ihn darum.
»Neben deinem Bett könnte nachts der Krieg ausbrechen, und du würdest ihn verschlafen«, sagte sie oft zu ihm mit einem liebevollen Vorwurf in der Stimme.
dachte Heinrich, als er schließlich mit hämmerndem Schädel aufstand und das Fenster öffnete, um die schlechte Luft der Nacht aus dem Zimmer zu lassen. Aber statt schlechter Luft heraus, strömte schlechte Luft herein. , fragte er sich in Gedanken und rümpfte die Nase. Sein Blick fiel auf die goldene Taschenuhr seines Vaters, die er vor dem Schlafengehen immer auf dem kleinen Nachtschränkchen platzierte. zeigte sie an, was in Wirklichkeit nicht stimmte. Die Uhr war nach einem tragischen Missgeschick vor Jahren genau zu dieser Zeit stehen geblieben. Trotzdem hatte Heinrich es sich zur Gewohnheit gemacht, die Zeit darauf ablesen zu wollen. Denn die Uhr hielt hinter dünnem Glas den schlimmsten Moment seines Lebens gefangen. Und anstatt sich davon zu befreien, trug er den Moment bei sich, für immer konserviert, so als dürfe der genaue Zeitpunkt, an dem das Schlimmste geschehen war, niemals in Vergessenheit geraten. Er führte ihn Tag für Tag in der Hosentasche mit, diesen Augenblick, der eines Tages um sein ganzes Leben verändert hatte.
dachte Heinrich erneut, nachdem er sich mit einem Handgriff den Zeitmesser geschnappt hatte, der streng genommen keiner mehr war. Die Uhr fühlte sich heute ein bisschen schwerer an als gestern. Vielleicht bildete er sich das alles aber auch nur ein, also machte er sich auf den Weg nach unten zu seiner Frau, um zu erfragen, warum die Luft draußen so einen brenzligen Geruch angenommen hatte.
Zur gleichen Zeit war Frieda, die immer noch in ihrem großen Kleiderschrank hockte, fast sicher, dass das Gewitter weitergezogen war. Vorsichtig streckte sie ihren Kopf aus dem Schrank, horchte, ob der Regen noch gegen die Scheiben schlug, und kletterte schließlich hinaus in den Flur. Mit schmerzenden Gliedern und eingeschlafenen Füßen humpelte sie in die Küche. Sie war wirklich älter geworden und spürte es überall. Als sie das letzte Mal aus diesem Schrank geklettert war, war es nicht so beschwerlich gewesen.
Es dauerte einige Zeit, bis sie fertig zurechtgemacht und in ihre Kittelschürze gekleidet war, aber sie schaffte es, noch bevor die Nacht endgültig vorüber war. Vor Sonnenaufgang waren die Fensterläden aufgeklappt, die Hühner gefüttert und die Treppe vor dem Haus gekehrt. Der beißende Geruch nach Rauch, der draußen in der Luft hing, bestätigte Friedas Befürchtung, dass der Blitz in der Nähe eingeschlagen hatte. Sie dachte an das Geräusch der Sirene, an die Feuerwehrmänner, die spätestens daraufhin alle aus ihren Betten hochgeschreckt waren, und an Arthur. Sie setzte den Besen erneut an und fegte energisch die Treppenstufen, obwohl sie längst sauber waren.
Es war schon am Morgen warm und schwül. Es würde wieder ein heißer Tag werden, das konnte sie spüren. Die körperliche Arbeit setzte ihrem Kreislauf zu. Sie stellte den Besen beiseite und zog sich zurück in die kühlen Gemäuer ihres Hauses. Sie nahm die Treppe nach oben und betrat ihr kleines Schlafzimmer, das sie nach Mitternacht so fluchtartig verlassen hatte. Es roch nach Qualm. In ihrer nächtlichen Angst hatte sie das angekippte Fenster offen gelassen. Mit schnellen Handgriffen schloss sie es nun und sah beim Hinausschauen einen himmelblauen Lieferwagen am Haus vorbeifahren, den sie noch nie zuvor im Dorf gesehen hatte. Hier fuhr niemand einen B1000, und einen himmelblauen schon gar...




