MacAlister Nachts sind alle Vampire grau
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8025-9633-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-8025-9633-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jacintha Ferreira ist eine Katzenflüsterin. Zumindest behaupten das Jacinthas Kollegen vom Washington State Wildtieramt. Ihre Fähigkeit, ausgesetzte Katzen zu besänftigen, wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als sie auf einen äußerst verführerischen Gestaltwandler trifft. Der hat nämlich überhaupt keine Ahnung, wie er zu einer solch großen Katze geworden ist. Aber eines weiß er ganz sicher: wer seine Seelengefährtin ist ... (ca. 150 Seiten)
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1
»Die sind über mich rübergetrampelt, und dann wurde mir der Kopf abgetrennt. Ohne Blödsinn, Jas. Mein Kopf wurde einfach abgetrennt! Und dann lag ich ohne Kopf im Matsch, während eine ganze Herde Ochsen über mich hinweggetrampelt ist. Das war völlig surreal! Nein, das war sogar mehr als surreal. Na ja, es war nun mal eine Reinkarnationstherapie, und da kann man davon ausgehen, dass da so einiges an Surrealem mit im Spiel ist, aber trotzdem! Mein Kopf! Im Morast! Ich sag’s dir! Du wirst mir nicht glauben, was danach passiert ist!«
»Wohl kaum, immerhin glaube ich dir schon jetzt nichts von dem, was du mir da erzählst«, murmelte ich und sah blinzelnd auf den Computermonitor.
»Dann steigt die Frau, die mich mit ihrem Ochsenkarren überfahren hat, von dem Karren herunter und versucht, mir den Kopf wieder aufzusetzen. So, wie in einem Zeichentrickfilm, weißt du? Aber natürlich funktioniert das nicht.«
»Ja, natürlich.« Ich zog die Stirn in Falten, als ich das neueste Memo von meinem Supervisor las. »Das kann Greg doch nicht im Ernst vorhaben. Die ganze Abteilung wird ihm den Kopf abreißen, wenn er glaubt, dass sich die Probleme mit dem Budget von selbst lösen, wenn er das Auswilderungsprogramm kürzt.«
»Jedenfalls kommt dann dieser Typ vorbei, sieht die verrückte Ochsenfrau mit meinem Kopf, und dann, nach allen möglichen Missgeschicken, beißt er sie!«, redete meine Schwester weiter und war so sehr von diesem seltsamen Traum gefesselt, dass sie nichts anderes mehr wahrnahm. Sie griff sich einen Kugelschreiber vom Schreibtisch und begann damit zu spielen.
Kopfschüttelnd wandte ich mich vom E-Mail-Eingangskorb ab und griff nach Corazons Lieblingsstift, dann machte ich mich wieder daran, mir die neueste Amtsverfügung zur geplanten Reform von Brutstätten und Fischzucht zu Gemüte zu führen. Nur mit halbem Ohr bekam ich mit, dass meine Schwester immer noch redete.
»Er war zwar irgendwie süß, aber das ganze Blut … igitt. Ich sag dir, Jas, das war völlig durchgeknallt.«
»Das kommt bei Träumen schon mal vor«, sagte ich beiläufig und ließ das Dokument auf sich beruhen. Auch wenn es nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fiel, da es meine Aufgabe ist, die Vorschriften der Behörde für Umwelt und Natur umzusetzen, nicht aber die Richtlinien selbst zu ergründen, wurde von mir als Mitarbeiterin dieser Abteilung erwartet, dass ich mich über alle Entwicklungen auf dem Laufenden hielt, die Auswirkungen auf meine Arbeit haben konnten.
»Es war kein Traum!« Sie schlug mir auf den Arm. »Hörst du mir eigentlich nicht zu? Es war eine Reinkarnationstherapie! Es war alles real. Na ja, jedenfalls war es in der Vergangenheit real gewesen, aber ich habe das alles noch mal durchlebt. Auf jeden Fall war ich durch den Vampir ein bisschen durch den Wind, also habe ich dafür gesorgt, dass Barbara, die Hypnotherapeutin, mich da rausholt. Und dann hat uns Patsy von ihrem tollen Nachbarn erzählt, der nackt schwimmt. Also sind wir rübergegangen, nur weil sie Pipi musste, und er war der Vampir.«
Das letzte Wort ließ mich aufhorchen. Ich drehte mich zu ihr um und sah sie an. Obwohl sie achtzehn Monate jünger war als ich, waren wir uns trotzdem so ähnlich, dass man uns oft für Zwillinge hielt. Ihr Haar hatte den gleichen bernsteinfarbenen Braunton, das Braun ihrer Augen hingegen war etwas dunkler, während meine Augen zu einem Haselnussbraun tendierten. »Du warst in deinem früheren Leben eine Vampirin? Wissen Mom und Dad das?«
»Kannst du mir zur Abwechslung auch mal zuhören?« Cora sah mich verärgert an. »Ich war keine Vampirin. Er war der Vampir – Patsys Nachbar.«
»Deine Freundin Patsy? Sie hat einen Nachbarn, der ein Vampir ist?«
»Ja! Sie schien zwar nicht zu glauben, dass er einer ist, aber weil ich heute Morgen ganz früh hierherfliegen musste, hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr zu reden, nachdem sie und Terri mich gestern Abend nach Hause gebracht hatten. Aber, Jas … Vampire! Es gibt sie wirklich!«
»Blödsinn«, gab ich zurück. »Wahrscheinlich hast du ein paar Gläser zu viel gekippt und dir das Ganze nur eingebildet.«
»Ja, ja, wir hatten was getrunken«, räumte sie ein, zog die oberste Schublade meines Schreibtischs auf und begann darin zu kramen. »Aber es gibt nichts Besseres als einen Vampir, wenn man auf der Stelle nüchtern werden will. Ich habe mir weder das aus meinem früheren Leben noch die Sache mit Patsys Nachbarn eingebildet. Oh mein Gott, hast du diesen Bären umgebracht?«
Ich nahm ihr das Foto aus der Hand und legte es zurück in die Schublade. »Du weißt genau, dass ich keine Tiere töte, es sei denn, sie sind so schwer verletzt, dass selbst ein Tierarzt sie nicht mehr retten kann. Dieser Bär da war nur betäubt.«
»Du hast wirklich den tollsten Job«, erklärte sie mit einer gehörigen Portion Neid in ihrer Stimme. »Tausendmal besser, als Sekretärin zu sein.«
Mein Blick fiel auf ein vertrautes Gesicht im Eingang zu unserem Büro. Sofort beugte ich mich tief über den Tisch und zog Cora mit mir nach unten, während ich betete, Greg möge nicht in diesen Teil des Büros geschlendert kommen. »Versteck dich!«
»Häh?«
»Es ist Greg! Ich will nicht, dass er uns sieht.«
»Ach, dein böser Boss?« Sie hielt sich so wie ich zusammengekauert. »Macht er sich noch immer an dich ran?«
»Er gibt Ruhe, seit ich mal die Worte ›sexuelle Belästigung‹ ins Spiel gebracht habe. Aber das ist nicht der Grund, wieso ich lieber nicht von ihm gesehen werden möchte. Sein neuester Tick besteht darin, alle Mitarbeiter beim Außendienst zu begleiten und zu beobachten, um ihre Arbeit zu bewerten. Aber nicht etwa, weil er sehen will, wer eine Beförderung verdient, sondern weil er dem stellvertretenden Gouverneur in den Arsch kriecht, indem er ihm alle möglichen Einsparpotenziale vorschlägt. Deshalb ist er auf der Suche nach Leuten, die er feuern kann.«
»Morgen, Kitty«, sagte eine meiner Kolleginnen zu mir, als sie vorbeiging und vorsichtig ihren Becher Latte auf ihren Schreibtisch in der Wabe gleich neben meiner stellte. Unverändert vornübergebeugt rollte ich meinen Stuhl weit genug nach hinten, um ihr einen finsteren Blick zuzuwerfen. Sie kicherte nur.
»Hat sie gerade Kitty zu dir gesagt?«, fragte Cora in einem übertriebenen Flüsterton. »Oh mein Gott, Jas, du arbeitest doch nicht etwa undercover, oder? So wie eine Art Tierspion?«
»Du siehst dir wohl zu oft diesen Spionage-Sender an«, gab ich zurück und sah sie eindringlich an. »Ich bin eine einfache Mitarbeiterin der Behörde, mehr nicht.«
»Hey, Kitty.« Officer Joe, der im Gebiet gleich neben meinem die Nachtschicht hatte, warf mir einen braunen Umschlag auf den Schreibtisch. »Während du deinen Schönheitsschlaf gehalten hast, haben wir den Puma eingefangen, der das Kind angefallen hatte. Sieht so aus, als müsstest du nicht mehr flüstern.«
Ich versuchte, ihm einen Schlag zu verpassen, aber er wich meiner Attacke geschickt aus und ging lachend davon.
Cora sah mich fragend an.
»Ich bin nicht undercover. Es ist nur so, dass die Leute hier mir für den Moment ganz gewaltig auf die Nerven gehen. Sie nennen mich Katzenflüsterin.«
» Ka… was?«
»Katzenflüsterin. Weil ich mit Großkatzen arbeite. Ist bloß ein Witz, weiter nichts. Allerdings einer, der mich auf die Palme bringt«, sagte ich laut und warf dabei meiner Kaffee trinkenden Platznachbarin Jane einen verärgerten Blick zu.
Sie musste lachen.
»Deine Kollegen meinen, du besitzt die übersinnliche Fähigkeit, um mit Katzen zu reden?«, fragte Cora völlig ungläubig, ehe sie sich vor Lachen schüttelte. »Du? Übersinnlich? Von allen Leuten, die ich kenne, bist du die unübersinnlichste!«
»Ruhig«, sagte ich und kniff sie ins Handgelenk. Dann spähte ich vorsichtig über die Trennwand meiner Wabe, um nach Greg Ausschau zu halten. Er stand an der Tür und unterhielt sich mit einem bedauernswerten Opfer, das zu unvorsichtig gewesen war und sich nicht vergewissert hatte, ob die Luft auch wirklich rein war. »Es ist schon schlimm genug, ohne dass du noch deinen Senf dazugeben musst.«
»Du glaubst aber an nichts Paranormales«, beharrte Cora etwas leiser, aber immer noch genauso amüsiert. »Ich merke doch, dass du nicht an meinen Vampir glaubst.«
»Das liegt daran, dass die genauso wenig existieren wie Leute, die auf übersinnliche Weise mit Tieren reden können. Meine Fähigkeit, Katzen zu verstehen, kommt daher, dass ich seit Jahren mit ihnen arbeite, aber nicht, weil ich irgendwelchen Hokuspokus betreibe. Ach, verflucht, was ist denn jetzt schon wieder?«
Während ich mit meiner Schwester sprach, hatte ich auf den Monitor gesehen, und eben war eine neue E-Mail eingegangen. Die Betreffzeile ließ mich leise aufstöhnen.
»Wen verfluchst du denn?«, wunderte sich Cora, während sie sich die Tränen wegwischte, die ihr vor Lachen gekommen waren. »Hat es irgendwas damit zu tun, dass du mich heute in den Busch mitnimmst? Mir bleiben nämlich nur noch vier Tage, bis meine Kreuzfahrt nach Alaska startet, und du hast mir versprochen, mich einen Tag mitzunehmen und mir die Natur zu zeigen.«
»Ich nehme dich mit nach draußen, nicht in den Busch.« Ich schaltete schnell die Verbindung zum Server aus, ohne die E-Mail erst noch zu lesen. »Und versprochen habe ich dir überhaupt nichts. Ich habe gesagt, du kannst mich auf meiner Runde begleiten, aber wenn sich irgendeine gefährliche Situation ergibt, musst du im Wagen bleiben. Und bevor du mich noch mal...




