E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Macaw Eine Halloweennacht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96089-549-7
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Oliver & Blake
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-96089-549-7
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
»Wirst du es wieder tun?« »Was?« »Mich dazu bringen, dich zu vergessen.« Wer ist dieser Mann, der da jedes Jahr zu Halloween vor Olivers Fenster auftaucht und ihm seither nicht mehr aus dem Kopf geht? Als er beschließt, genau das endlich herauszufinden und dem Unbekannten in die Nacht folgt, wird er mit Dingen konfrontiert, die absolut keinen Sinn ergeben und ihn sein gesamtes Leben hinterfragen lassen. Durch Blake wird ihm klar, dass es viel mehr gibt als die eine Wahrheit, an die die meisten Menschen glauben und dass dort draußen einiges existiert, von dem man sich besser fernhalten sollte ... Oder vielleicht doch nicht?
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3~Oliver~
»Süßes oder Saures!«
»Hey Kids! Ihr seht ja wirklich fantastisch aus!« Lächelnd hielt ich den kleinen Gruselgestalten vor meiner Haustür die Schüssel hin, die bis zum Rand gefüllt mit Süßigkeiten war. Die Augen der Kinder strahlten.
»Danke, Mr. Green«, ertönte es im Chor, bevor sich Hexe, Zombie und Mumie umdrehten und zufrieden vom Hof spazierten.
Ich sah ihnen noch einen Augenblick hinterher, ehe ich die Tür wieder schloss und mit schnellen Schritten zurück nach oben ins Schlafzimmer eilte.
Aus dem Fenster schaute ich über mein Gartenhäuschen hinweg in Richtung des schmalen Pfades und über die Felder dahinter. Der entfernte Wald verbreitete gerade an solchen Abenden wie heute eine unglaubliche Stimmung. Die hohen, dunklen Tannen wirkten im Mondlicht fast schwarz. Nebelschwaden, die von Sekunde zu Sekunde dichter wurden, zogen durch sie hindurch und erschufen eine nahezu mystische Atmosphäre.
Ich ließ mich auf dem Stuhl mit direktem Blick dorthin nieder und seufzte leise. Von dem schönen Unbekannten gab es bis jetzt keine Spur. Um ganz sicher zu gehen, dass ich während meiner kurzen Abwesenheit nichts verpasst hatte, griff ich an die Kamera.
Ich spulte das Band ein paar Minuten zurück und sah sofort, dass mir nichts entgangen war. Also drückte ich erneut die Aufnahmetaste. Auf dem kleinen Display war nichts zu sehen. Ich lehnte mich zurück und schaute wieder zum Feldweg, als mein Herzschlag für einen Moment aussetzte.
Da war er! Draußen vor meinem Fenster! Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, aber …
Meine Augen huschten rüber zur Kamera. Shit, das Ding musste kaputt sein. Es zeigte die Stelle, an der der Unbekannte stand, aber er war dort nicht zu erkennen.
Ich sprang auf und blickte zu ihm runter, als er sich auch schon abwandte und den Feldweg entlang Richtung Hauptstraße aus meinem Blickfeld verschwand.
Verflucht nochmal! Ich musste hinterher!
So schnell ich konnte, rannte ich aus dem Zimmer und stürzte die Treppe regelrecht herunter. Hoffentlich erwische ich ihn noch, dachte ich, als ich die Haustür aufriss, mir eilig meine Jacke und den Schlüssel schnappte und über den Hof stürmte.
Hektisch schaute ich mich um. Mehrere Gruppen verkleideter Kinder waren auf der Straße unterwegs und es war schwer im Licht der Straßenlaternen herauszufinden, welche Richtung der Mann eingeschlagen hatte. Aber dann erblickte ich ihn doch und machte mich umgehend daran, ihm zu folgen. Zum Glück holte ich relativ schnell auf.
»Hey! Hey Sie da! Warten Sie!«, rief ich, als ich glaubte, nah genug an ihm dran zu sein. Ich beschleunigte meine Schritte, während der mysteriöse Mann unbeirrt weiter die Straße entlang ging, als würde er mich nicht wahrnehmen. Oder als fühlte er sich einfach nicht angesprochen.
Als er im dichten Nebel um die nächste Ecke bog, rannte ich deshalb los. Ich musste wissen, wer er war. Warum er seit drei Jahren immer am selben Abend vor meinem Haus auftauchte. Wenn ich ihn jetzt entwischen ließ, würde ich vermutlich ein Jahr warten müssen oder ihn nach dieser Verfolgungsaktion womöglich nie wiedersehen.
»Stopp! Bitte!«, versuchte ich es erneut, als auch ich in der dunklen Seitenstraße angekommen war. Vor mir konnte ich nur noch eine schattenhafte Gestalt ausmachen, die sich weiter von mir entfernte.
Obwohl ich bereits nach Luft schnappen musste, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen, setzte ich meinen Sprint fort. »Bleib endlich stehen, Blake!«, rief ich. Überrascht von meiner eigenen Aussage, hielt ich selbst ruckartig an. Die Person vor mir, die nur noch wenige Meter weit weg war, erstarrte ebenfalls und – haltet mich für verrückt oder nicht – der Nebel schien sich plötzlich etwas zu lichten. Endlich nahm der Mann Notiz von mir, auch wenn ich keine Ahnung hatte, woher die Worte, die nur Sekunden zuvor meinen Mund verlassen hatten, gekommen waren. Doch zumindest hatten sie eine Wirkung.
Angespannt wandte er den Kopf zu mir um. »Du …«, setzte er mit einem Ausdruck in den Augen an, den ich nicht richtig deuten konnte. Unglaube? »Du kannst mich sehen, Oli?«
Mein Herzschlag setzte kurz aus und ich hielt automatisch die Luft an. Woher kannte er meinen Namen?
Eine Gänsehaut überzog meine Arme, während mir bewusst wurde, was ich hier tat. Ich war einem Wildfremden gefolgt. Mitten in der Nacht. Bis in eine dunkle Ecke, die völlig von Nebelschwaden durchzogen war. War einem Mann nachgejagt, der offensichtlich ein Stalker war. Der mich heimlich beobachtete. Meinen Namen wusste. Und … der mir trotzdem das Gefühl gab, als würde ich ihn kennen. Als wäre da etwas zwischen uns, das uns immer weiter zueinander zog. Was passierte hier?
»Oli?« Seine Stimme holte mich aus meinen Gedanken und endlich atmete ich weiter.
Fassungslos sah er mich an. Wie versteinert musterte ich ihn ebenfalls. Dann schaute er sich hektisch um, bevor er einen Schritt auf mich zu machte. Den Blickkontakt unterbrach er dabei nicht für einen Augenblick.
»Heilige Scheiße«, flüsterte er. »Du siehst mich wirklich.«
Natürlich sah ich ihn. Wieso auch nicht? Er stand doch hier direkt vor mir und redete mit mir.
»Aber wie … ich verstehe nicht, wie das möglich ist.«
Bevor ich es realisierte, zog er mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. Erneut blieb mir die Luft weg, denn ich hatte keine Ahnung, was hier gespielt wurde.
Aber es fühlte sich so verdammt gut an. Auch wenn es vollkommen verrückt war. Glück durchströmte meine Adern, doch ehe ich dazu ansetzen konnte, die Umarmung des Fremden zu erwidern, löste er sich wieder von mir und wich zurück. Sein Atem ging unruhig und in seinen Augen blitzte Angst auf. Im nächsten Moment sah er so unglaublich traurig aus, dass es mir die Kehle zuschnürte.
»Du … du weißt nicht, wer ich bin«, stellte er fest und ließ den Blick sinken.
Ich schluckte hart und schüttelte den Kopf, bevor mir bewusst wurde, dass er es nicht sehen konnte. »Nein«, brachte ich deshalb unsicher hervor. Ich hatte zwar eben seinen Namen gerufen, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, woher ich diesen kannte, noch warum ich ihn überhaupt ausgesprochen hatte. Blake …
Er sah wieder auf. Mit angespanntem Kiefer nickte er. »Gut.« Seine Stimme war nur ein Flüstern. Abrupt wandte er sich von mir ab und setzte seinen Weg fort.
Was? Wie jetzt? Nein. Er sollte nicht verschwinden. Ich wollte endlich wissen, was los war. Er konnte mich doch jetzt nicht einfach hier zurücklassen. Das eben noch dagewesene Glücksgefühl verschwand mit jedem Schritt, den er sich weiter von mir entfernte.
»Blake«, rief ich und sah, dass er zusammenzuckte und erneut für einen kurzen Augenblick stehen blieb.
In der nächsten Sekunde bog er jedoch in eine schmale Gasse und war verschwunden. Ohne darüber nachzudenken, rannte ich hinterher. Ich hastete um die Ecke und stand plötzlich vor einer alten, verschlossenen Tür. Das Holz war morsch und abgegriffen. Kurz sah ich mich um, aber es bestand kein Zweifel, dass er durch sie gegangen sein musste. Einen anderen Weg gab es hier nicht.
Auch wenn ich dabei ein seltsames Gefühl hatte, legte ich meine Hand auf den Knauf, drehte ihn langsam und öffnete die Tür. Die Scharniere knarrten, als hätte man sie seit Jahren nicht bewegt. Das Geräusch ließ die Haare in meinem Nacken zu Berge stehen, hielt mich allerdings nicht davon ab, einen Fuß auf die erste verstaubte Stufe zu setzen. Während ich mich langsam an den Abstieg machte, fiel hinter mir das Tor ins Schloss. Mit einem Mal war es stockdunkel und ich blieb stehen. Für einen Augenblick überlegte ich, einfach umzudrehen und zurück nach Hause zu gehen, doch ich verwarf den Gedanken wieder.
Etwas nervös griff ich in die Hosentasche und zog mein Handy heraus. Ich schaltete die Taschenlampe ein und setzte Sekunden später meinen Weg fort. Durch Dunkelheit und Spinnenweben, die in meinem Haar hängen blieben, kämpfte ich mich die Treppe hinunter und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie groß die Spinnen wohl waren, die solche Netze gesponnen hatten.
»Blake?«, rief ich vorsichtig, doch außer meinem Echo erhielt ich keine Antwort. Trotzdem ging ich Stufe für Stufe weiter. Ich hatte das Gefühl, als müsste ich das. Als hätte ich gar keine andere Wahl. Und irgendwann kam ich tatsächlich unten an, wo mich eine weitere Tür erwartete. Auch diese schien uralt zu sein, moderig und verrostet außerdem, aber es war der einzige Weg. Wenn ich Antworten wollte, musste ich jetzt weiter. Kurz überlegte ich zwar, ob er die Treppe vielleicht doch nicht heruntergegangen war, aber er konnte nirgendwo anders sein. Entschlossen, ihn zu finden, stieß ich die Tür auf und augenblicklich schlug mir laute Musik entgegen, Nebel und grelles Blitzlicht verschleierten meinen Blick.
Ich blinzelte ein paar Mal und machte einen Schritt nach vorn, nachdem ich mich an die Geräuschkulisse und die veränderten Sichtverhältnisse gewöhnt hatte. Etwas verwundert schaute ich mich um. Dass in der Gegend eine derart große Halloweenparty stattfand, hatte ich nicht gewusst. Doch vor mir tanzten hunderte verkleidete Leute ausgelassen zu den lauten Bässen, die in meinen Ohren dröhnten. Warum ich sie auf dem Weg nach unten nicht gehört hatte, war mir ein Rätsel, doch ich hatte keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn nur wenige Meter von mir entfernt sah ich ihn. Blake. Er saß an der Bar, hatte seine Hände um ein Bierglas gelegt und starrte es mit leerem Blick an. Was war los mit diesem Typ?
Mit schnellen Schritten ging ich zu ihm hinüber und setzte mich...




