E-Book, Deutsch, 520 Seiten
Machfus Das Lied der Bettler
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-293-30571-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 520 Seiten
ISBN: 978-3-293-30571-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nagib Machfus, geboren 1911 in Kairo, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Nagib Machfus starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo.
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Aschur an-Nagi
Die erste Geschichte
1 Im brünstigen Zwielicht der Dämmerung, auf der schmalen Furt zwischen Leben und Tod, unter dem letzten Funkeln wachender Sterne, über dem Klang erhabener, dunkler Gesänge, hob an die Zwiesprache gewohnter Plagen und ersehnter Freuden.
2 Er schritt voran, und der grobe Stock, einziger Führer in ewiger Dunkelheit, ertastete den Weg. Nicht nur die Gerüche und die Anzahl der Schritte, sondern auch die mehr oder weniger deutlichen Gesänge und die innere Eingebung ließen ihn wissen, wo er sich befand. Er, der am Rand der Totenstadt wohnte, fühlte sehr wohl, dass er hier, in der engsten und für ihn schwierigsten Gasse, die beglückendste Etappe hinter sich brachte, stieß sie doch unmittelbar auf die Moschee von al-Hussain. Plötzlich vernahm sein geschärftes Gehör einen ungewöhnlichen Laut – das Wimmern eines Kindes. Möglich, dass sich das Stimmchen in der stillen Stunde der Morgendämmerung stärker als üblich ausnahm und ihn deshalb aus süßem Träumen und seligem Lauschen riss. Sollte zu so früher Stunde schon eine Mutter mit ihrem Kind unterwegs sein? Aber da – das Stimmchen wurde lauter, rückte näher, und gleich würde es unmittelbar vor ihm ertönen. Er räusperte sich laut und vernehmlich, um nicht durch einen läppischen Zusammenstoß den würdigen Ernst des Tagesanbruchs zu zerstören. Wann endlich würde das Kind aufhören zu weinen, damit sein Herz wieder zur Ruhe käme und er sich in Demut fasste? Ein Wimmern zur Linken schreckte ihn auf, sodass er mit einem Ruck nach rechts auswich und mit der Schulter die Mauer des Derwischklosters streifte. Er hielt inne und sprach: »Gute Frau, so stillen Sie doch Ihr Kind!«
Niemand antwortete, das Weinen hielt an. Da rief er: »Gute Frau! Liebe Leute!« Nichts regte sich, außer Wimmern und Schluchzen. Misstrauen überfiel ihn, sodass die fromme Unschuld, noch rein von der Waschung des frühen Morgens, ihn floh. Mit äußerster Vorsicht trat er vor, presste den Stock an den Körper. Er beugte sich, streckte die Hand mitleidig aus. Die Finger ertasteten ein Stoffbündel. Nein, das konnte er nicht glauben. Er strich weiter über die Falten, bis er plötzlich ein kleines Gesicht spürte, vom Weinen nass und verkrampft. Aufgeregt stieß er hervor: »O weh, wie tief sind menschliche Herzen in die Finsternis des Bösen gestürzt!« Wut packte ihn, und er rief: »Möge Gottes Fluch alle Frevler treffen!«
Er überlegte einen Moment, doch dann beschloss er, nicht einfach weiterzugehen, selbst wenn er das Morgengebet in der Hussain-Moschee verpassen würde. Zu dieser frühen Stunde wehte, obwohl es Sommer war, ein frischer Wind, und Ungeziefer gab es zur Genüge. Gott prüft seinen Diener, wenn er nicht damit rechnet. Er hob das Bündel vorsichtig auf und fasste den Beschluss, nach Hause zurückzukehren und seine Frau zurate zu ziehen. Stimmen drangen an sein Ohr. Offensichtlich waren noch andere Leute auf dem Weg zum Morgengebet. Er hüstelte, um auf sich aufmerksam zu machen. Jemand sagte: »Gottes Frieden ruhe auf allen Gläubigen«, und er erwiderte: »Gottes Frieden sei mit euch.«
Der Mann musste seine Stimme erkannt haben, denn gleich darauf fragte er: »Scheich Afra Zaidan? Warum bist du so spät dran?«
»Ich kehre zurück nach Hause, bei Gott ist man überall.«
»Geh in Frieden …«
Er zögerte, bevor er sich entschloss zu sagen: »Ich habe ein Kind gefunden, hier an der alten Mauer.« Gemurmel breitete sich aus, und schließlich meinte einer der Männer: »Verflucht seien alle ruchlosen Sünder!« Ein anderer schlug vor: »Geh zur Polizei!« Und ein dritter fragte: »Was willst du mit dem Kind machen?«
Mit einer Ruhe, die in der allgemeinen Aufregung befremdlich wirkte, erklärte er: »Gott wird mir den rechten Weg weisen.«
3 Sakina hielt mit der linken Hand die Lampe in die Höhe, und als sie im Lichtschein ihren Gatten erblickte, fragte sie verstört: »Warum kommst du zurück? Möge Gott alles Übel fern von uns halten.« Im nächsten Moment erblickte sie das Bündel. »Was ist das, Scheich Afra?«
»Ich hab’s in dem engen Gässchen gefunden.«
»Barmherziger Gott!« -Behutsam nahm sie ihm das Kind ab. Mit dem Seufzer »Da ist kein Gott außer Gott« ließ sich der Scheich auf die Bank zwischen dem zugedeckten Brunnen und dem Ofen nieder.
Sakina wiegte das Kind in den Armen und sagte liebevoll: »Es ist ein Junge, Scheich Afra.« Wortlos nickte er. »Man muss ihm zu essen geben«, erklärte sie besorgt.
»Was verstehst du schon davon? Weder hast du einen Jungen noch ein Mädchen zur Welt gebracht.«
»Ich weiß genug. Wer Rat sucht, findet auch welchen. Was willst du mit dem Kind machen?«
»Ein paar Männer haben mir geraten, es zur Polizei zu bringen.«
»Wird die Polizei es füttern? Lass uns warten, bis jemand kommt und nach dem Kind sucht.«
»Es wird keiner kommen.« Schweigen setzte ein, die Stimmung war gereizt. Schließlich murmelte Scheich Afra Zaidan: »Machen wir nicht einen Fehler, wenn wir das Kind länger als nötig hier behalten?«
»Einen Fehler hat der gemacht, der das Kind dort hingelegt hat«, stieß sie hitzig und aufgebracht hervor. In banger Erwartung und auf Einverständnis hoffend, fuhr sie fort: »Für mich ist längst alle Hoffnung dahin, ein Kind zur Welt zu bringen.«
Er setzte den Turban ab, und die riesige Stirn kam hervor, die wie der Griff eines Waschtrogs gewölbt war. »Was geht dir durch den Kopf, Sakina?«
Berauscht von ihrer Hoffnung, erklärte sie: »O Scheich, Gott hat mir ein Geschenk gemacht, wie sollte ich es ablehnen?« Da ihr Mann sich mit einem Tuch über die geschlossenen Augen wischte und keinen Laut von sich gab, fügte sie triumphierend hinzu: »Du willst es doch auch!«
Er überhörte ihre Worte und klagte stattdessen: »Ich habe das Morgengebet bei al-Hussain versäumt.«
Lächelnd und die Augen fest auf das gerötete Gesicht des Gatten gerichtet, sagte sie: »Das Licht bricht gerade erst an, Gott ist großzügig im Verzeihen.«
Scheich Afra Zaidan erhob sich, um das Gebet zu verrichten, da polterten auf der Treppe die Schritte von Darwisch Zaidan. Mit schlaftrunkenen Augen rief er: »Ich habe Hunger, Schwägerin!« Sein Blick fiel auf das Bündel, und völlig verblüfft, wie es bei einem Jungen von zehn Jahren zu erwarten war, fragte er: »Was ist das?«
»Ein Geschenk Gottes, des Allmächtigen«, erwiderte Sakina. Der Junge starrte den Winzling an. »Wie heißt er?«
Sakina zögerte, doch dann stammelte sie: »Geben wir ihm den Namen meines Vaters – Aschur Abdallah. Möge Gott ihm Wohlgefallen und Segen bescheren.«
Durch die Stille drang Scheich Afras Gebet.
4 Die Zeit floss dahin, eingehüllt in die Harmonie prächtiger, dunkler Gesänge. Eines Tages stellte Scheich Afra Zaidan seinem Bruder Darwisch die Frage: »Du bist jetzt zwanzig, wann wirst du heiraten?«
»Gott wird es richten …«, erwiderte Darwisch gleichgültig.
»Du bist kräftig und kannst von deiner Arbeit als Träger gut leben.«
»So Gott will …«
»Hast du nicht Angst vor sündhafter Verführung?«
»Gottes Schutz ruht auf den Gläubigen.«
Scheich Afra Zaidan, der blinde Koranrezitator, wiegte den Kopf und meinte bekümmert: »In der Koranschule hast du nichts gelernt, keine einzige Sure hast du aus Gottes Buch behalten.«
»Was zählt, ist die Arbeit«, stieß Darwisch unwillig hervor. »Ich kann mir meinen Lebensunterhalt durchaus allein im Schweiße meines Angesichts verdienen.«
Der Scheich zögerte für einen Moment nachdenklich, doch dann fragte er: »Was hat es mit den Flecken und Schnitten in deinem Gesicht auf sich?«
Darwisch begriff, dass seine Schwägerin ihn verraten hatte. Finster blickte er zu ihr hinüber. Sakina hantierte weiter am Ofen, wobei ihr Aschur half, und meinte nur lächelnd: »Hast du erwartet, dass ich es deinem Bruder verheimliche, wenn du verletzt wirst?«
»Eiferst du jetzt den Schlägern und Schurken nach?«, schalt ihn Scheich Afra.
»Wenn sie Streit mit mir suchen, muss ich mich verteidigen.«
»Hör mal, Darwisch, du bist in einem Haus groß geworden, das sich mit dem Dienst am Heiligen Buch Ehre und Ansehen verschafft hat. Warum nimmst du dir nicht am guten Benehmen deines Bruders Aschur ein Beispiel?«
»Das ist nicht mein Bruder«, erklärte Darwisch mit schneidender Stimme, worauf sich der Scheich verletzt in Schweigen hüllte.
Aschur, der das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte, fuhr erschrocken zusammen. Zu unerwartet war der Schlag gekommen. Er tat alles, was in seinen Kräften stand, und forderte nie mehr für sich, als ihm zustand. Er machte das Haus sauber, kaufte auf dem Markt ein, führte jeden Morgen seinen blinden Wohltäter zur Hussain-Moschee, füllte die Eimer am Brunnen, zündete das Feuer im Ofen an, und am späten Nachmittag saß er zu Füßen des Scheichs, um ihm vorzutragen, was er vom Koran behalten hatte, und sich in guten Sitten und Lebenserfahrung unterweisen zu lassen.
O ja, der Scheich liebte Aschur und hatte sein Wohlgefallen an ihm, und wenn Sakina bewundernd auf den Jungen schaute und sagte: »Das...




