E-Book, Deutsch, Band 1, 380 Seiten
Reihe: Hipster-Märchenreihe
MacKay Rotkäppchen und der Hipster-Wolf
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95991-991-3
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 380 Seiten
Reihe: Hipster-Märchenreihe
ISBN: 978-3-95991-991-3
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nina MacKay pflegt eine ausgesprochene Abneigung gegen Kurzbiographien und konnte nur mit Gewalt zu den folgenden Angaben gebracht werden: Im realen Leben arbeitet sie angeblich als Marketing Managerin (wurde aber auch schon im Wonderwoman Kostüm im Südwesten Deutschlands gesichtet). Außerhalb ihrer Arbeitszeiten erträumt sie sich eigene Welten und führt imaginäre Interviews mit ihren Charakteren. Vorzugsweise mit literweise Kaffee im Gepäck. Gerüchten zufolge hat sie früher als Model gearbeitet und einige Misswahlen auf der ganzen Welt gewonnen. Schreiben ist und war allerdings immer ihr größtes Hobby, genauso wie der tägliche Austausch mit ihrem Jungautoren Verein und den zwei Betaleser Gruppen auf WhatsApp. Es lebe die moderne Technik und Pseudonyme, weswegen nichts von dieser Biographie irgendwo bewiesen werden kann.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Ach, findest du das lustig, ja?«, fragt der Typ, der über mir an einem Ast baumelt.
Ich lache schon seit zwei Minuten und kann einfach nicht aufhören.
Statt einem Wolf oder Hirsch ist mir ein Hipster in die Falle gegangen! Strampelt gerade empört in meinem Netz drei Meter über dem Boden herum.
Wieder erfasst mich ein Lachkrampf, schüttelt mich, bis ich Tränen in den Augen habe. Ich muss mich gegen den Baumstamm lehnen und nach Luft schnappen. Dabei fällt mein Blick wieder auf den Hipster im Holzfällerhemd, der durch seine Nerdbrille böse auf mich herabschaut.
»Diese allgemeine Heiterkeit empfinde ich als äußerst unpassend«, merkt er jetzt an. »Und dem Anlass überhaupt nicht angemessen.«
Eine neue Lachkrampfwelle durchzuckt mich, als ich wie ein Pferd loswiehere. Der Hipster ist einfach zu gut. Er sollte seine eigene Comedyshow bekommen! Ich nehme mir sofort vor, ein Video von ihm auf meinen Youtube-Kanal zu stellen.
»Wirklich schön, dass ich dich so erheitern konnte. Würdest du jetzt die Freundlichkeit besitzen, mich loszubinden?«
Ich kreische los und möchte mich am liebsten auf den Boden werfen: »Wieso? Hält das Netz nicht mehr? Ich dachte Hipster wiegen nur ein Instagram!« Dann ist es endgültig um meine Selbstbeherrschung geschehen und ich gebe dem Baum neben mir kurz hintereinander mehrere High Fives.
»Schöne Zurschaustellung deiner Reife. Rotkäppchen, nehme ich an?« Er mustert mein rotes Cape, das ich über meiner Bluse und Jeans trage. »Wie alt bist du?«
»Achtzehn«, japse ich. »Und mein Name ist Red! Oder ist dir das zu Mainstream?« Wieder gackere ich über meinen eigenen Hipster-Witz los, inzwischen sehr zum Leidwesen meines Zwerchfells.
Gerade als ich mein Smartphone aus der Tasche ziehen und ihm anbieten will, ein lustiges Foto für seinen Blog zu machen, schließlich hängt man ja nicht jeden Tag in einer Tierfalle fest, wird es dem Hipster zu bunt. Er flucht, bleckt die Zähne. Und dann passiert etwas Merkwürdiges. Von jetzt auf gleich verwandeln sich seine Hände in Tierpranken mit scharfen Nägeln. Wie ein wildgewordener Luchs faucht er und schlägt dabei um sich, zerreißt das Netz, das sich um seinen Körper spannt.
Als er auf dem Boden aufschlägt, entfährt dem Hipster ein Röcheln. Laub bedeckt seine dunklen Haare, und er versinkt bis über seinen Dreitagebart im Dreck. Aber immerhin höre ich keine Knochen knacken.
Seltsamerweise lugt allerdings plötzlich hinten aus einem Riss an seiner Jeans ein Schwanz hervor. Ein bauschiger Hundeschwanz! Mir schwant Böses. »Du … bist ein Hipster-Wolf?«
»Werwolf«, japst der Hipster. »Und mein Name ist Everton.«
Drei Tage zuvor
Snow, besser bekannt als Schneewittchen, rammt ihr Kuchenmesser in den Tisch. Den Oberkörper über die Tischplatte gebeugt, fixiert sie die anderen Prinzessinnen mit scharfem Blick. »Wie könnt ihr einfach so herumsitzen und Buttercremetörtchen essen, wenn all unsere Happy Ends gestohlen worden sind?«
»Ähm, also Snow, das ist jetzt nicht ganz fair«, schmatzt Rapunzel zwischen zwei Bissen. »Schließlich hast du eben auch noch Törtchen gegessen.« Sie deutet auf das mit Buttercreme verschmierte Messer, das jetzt mit der Spitze im Tisch steckt.
Ich seufze, lehne mich dann in meinem Stuhl zurück und kratze mich am Rücken. Warum müssen eigentlich alle Möbelstücke in Snows Schloss aus Ebenholz sein? Unbequem ist gar kein Ausdruck mehr für diese Sitzgelegenheit. Umständlich und mit steifen Bewegungen massiere ich mir das Schulterblatt. Autsch. Unter halb geschlossenen Lidern schiele ich dabei auf die anderen Teilnehmerinnen unserer wöchentlichen Teeparty, die jeden Samstagnachmittag in Schneewittchens Schloss stattfindet. Die berühmtesten Prinzessinnen des Märchenwalds versammelt. Und ich, Rotkäppchen. Vollkommen kronen- und prinzlos sitze ich wie immer unter ihnen. Nur dass das an diesem Tag gar keinen Unterschied macht, denn gewissermaßen sind wir heute alle ziemlich prinzlos. Ich betrachte meine beste Freundin Rose, die auf dem Ebenholzfolterstuhl neben mir sitzt. Ihr hundertjähriger Dornröschenschlaf endete mit Kuss und Prinz. Aber genau wie alle Prinzen, ist auch ihr Ehemann vor zwei Tagen spurlos verschwunden. Sie bläst sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus der Stirn und starrt auf das Kuchenmesser im Ebenholztisch. Dabei macht sie wie immer einen recht müden Eindruck.
Neben ihr spielt Aschenputtel, die wir alle nur Cinder nennen, an ihrem Haarreif herum. Ihre blonde Hochsteckfrisur sitzt wie immer tadellos und steht den Brautfrisuren in allen gängigen Hochglanzmagazinen in nichts nach. Wahrscheinlich wird sie gleich den Mund aufmachen und ungefragt irgendwelche Beautyratschläge in die Runde werfen.
»Der Punkt ist ein anderer«, tut Snow Rapunzels Einwand mit einer Handbewegung ab. »Unsere Ehemänner sind verschwunden und nach zwei Tagen glaube ich nicht mehr, dass sie von allein wieder auftauchen. Ich werde das nicht länger hinnehmen. Niemand nimmt mir mein hart verdientes Happy End weg!«
Ja, arme Snow. Noch nicht mal ihr neunmalkluger Spiegel konnte die Prinzen bisher aufspüren. Und das will was heißen, denn Spieglein findet sonst immer alles und jeden über dessen GPS und soziale Medien. Ganz davon abgesehen, dass er in alle Spiegel des Landes schlüpfen und so jede Maus ausspionieren kann. Ich neige den Kopf zur Seite und betrachte unsere selbsternannte Anführerin eingehend. Snows Gesicht ist zwergenzipfelmützenrot angelaufen. Ihre kunstvoll aufgetürmte Nestfrisur löst sich bereits an einigen Stellen, sodass das Ebenholzhaar strähnchenweise hervorquillt. Sie sieht aus, als hätte sie seit zwei Tagen kein Auge zugemacht.
»Ohne meinen Mann kann ich nicht schlafen!«, beschwert sie sich jetzt bei uns, so als seien wir schuld an ihrem Unglück.
»Wir sind doch zu fünft und darüber hinaus clever«, wirft Cinder jetzt ein. »Warum machen wir uns nicht auf die Suche nach unseren Prinzen?«
Snow stockt. Offensichtlich hat sie mit dieser Frage nicht gerechnet. Vielleicht hat sie auch gehofft, keinen Finger krummmachen zu müssen. Dass ihr Happy End ohne große Anstrengung zu ihr zurückkehrt. Einfach so. Aber nach achtundvierzig durchwachten Stunden und einem erfolglosen Spieglein dämmert wohl auch meiner leicht cholerischen Freundin, dass langsam Handlungsbedarf besteht.
Ich verdrehe die Augen. Dabei hat bisher keine meiner Freundinnen auch nur einen Finger gerührt, und sie haben in schönster Prinzessinnenmanier abgewartet, dass jemand anderes das Problem angehen möge. Oder vielleicht war Cinders Nagellack einfach noch nicht trocken.
»Was ist denn, wenn eure Prinzen sich einfach nur eine Auszeit von euch nehmen? Einen Männertrip machen, sozusagen?«
Für diesen Einwand ernte ich nur verständnislose Blicke.
»Wie kannst du so etwas sagen?«, ereifert sich Snow. »Nie, nie, nie würden die Vier einfach so abhauen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen! Unsere Ehemänner kennen uns gut genug. Nein, unter keinen Umständen würden sie unser Happy End gefährden. Davon hast du natürlich keine Ahnung, Red.« Sie zieht eine Augenbraue hoch, was ihr einen abfälligen Gesichtsausdruck verleiht.
Genervt versuche ich, in eine bequemere Sitzposition zu gleiten, was mir nicht so recht gelingen will. Diese vier Freundinnen sind zeitweise nur schwer zu ertragen. Aber was wäre meine Alternative? Noch ein Jahr mit Rehen und Bären über mein Wolf-Trauma diskutieren? Nein, danke, dann würde ich vollkommen durchdrehen. Bei den ganzen Allüren und Traumata der Helden bei uns im Märchenwald würde ein Psychiater sicher gut verdienen. Leider haben wir aber nur Möchtegern-Psychiater zu bieten, die noch gestörter sind als ihre Patienten.
»Schon gut«, wiegele ich also ab. »Was glaubt ihr denn, was passiert sein könnte?«
Cinder, die während meiner Auseinandersetzung mit Snow eine Nagelfeile aus ihrer Tasche gezogen hat, und jetzt so heftig an ihren Nägeln feilt, als ginge es um ihr Leben, betrachtet uns gespannt.
Der Stuhl unter mir knackt in der Stille.
»Ja, alfo …«, beginnt Rapunzel, den Mund noch voll mit Buttercremetörtchen. »Wie wa nohma die Frache?«
»Rapunzel, ab hundert Gramm wird es undeutlich«, teilt ihr Cinder hilfreich mit.
Rapunzels Augen verengen sich und sie würgt den Bissen hinunter. Sie wirft sich ihren meterlangen blonden Zopf über die Schulter. »Na, vielen Dank, Cinder. Wenn ich dich nicht hätte. Wer sollte mir dann all die klugen Tipps geben? Tagein, tagaus?«
»Die Frage war«, beginne ich erneut, bevor sich Cinder ein Buttercremetörtchen von Rapunzel einfangen kann, »was glaubt ihr, was hinter dem Verschwinden eurer Prinzen steckt?«
»Ja, was steckt denn dahinter?« Rose’ Kopf ruckt nach oben. Wahrscheinlich ist sie irgendwann in den letzten Minuten eingenickt.
»Das fragt sie doch uns, Mann!« Snow, der anscheinend auch langsam der Geduldsfaden reißt, zieht ihr Messer wieder aus der Tischplatte, betrachtet es dann sorgfältig. »Wenn einer von euch meinen Ehemann verschleppt hat, rückt er jetzt besser sofort mit der Sprache heraus!« Den Droh-Effekt in ihrer Stimme...




