E-Book, Deutsch, Band 1, 335 Seiten
Macleod Boston Tea Crimes - Die Familiengruft
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-481-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman - Ein Fall für Kelling und Bittersohn 1 - Cosy Crime für Fans von Richard Osman
E-Book, Deutsch, Band 1, 335 Seiten
Reihe: Ein Fall für Kelling und Bittersohn
ISBN: 978-3-98952-481-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Charlotte MacLeod (1922-2005) wurde in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts auf. Sie besuchte das Boston Art Institute und arbeitete als Bibliothekarin und Werbetexterin. Ende der 1970er veröffentlichte sie ihre ersten Kriminalromane und zementierte ihren Ruf als Grande Dame des Genres. Für ihr Lebenswerk wurde sie unter anderem mit fünf American Mystery Awards und dem Malice Domestic Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre »Boston Tea Crimes«-Reihe, beginnend mit »Die Familiengruft«.
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Kapitel 2
»Gott steh mir bei!« Der alte Mann schnappte nach Luft. »Es ist Ruby Redd!«
»Sie kennen sie?« Dolph ging auf ihn los wie ein angreifender Stier. »Was macht sie in unserer Gruft?«
»Dolph, mach dich nicht lächerlich«, protestierte Sarah. »Er hat sie nicht dorthin gelegt.«
»Das stimmt, Miss. Ich würd’ nicht sagen, daß Ruby und ich jemals dick befreundet waren, aber so was hab’ ich noch nie jemandem angetan. Dahin ist sie also verschwunden.«
Der alte Mann wurde sich plötzlich bewußt, daß er im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, trat einen Schritt zurück und murmelte: »Ich wollte mich nicht einmischen.«
»Wir sind ungeheuer dankbar, daß Sie hier sind«, drängte Sarah. »Bitte bleiben Sie. Können Sie uns nicht mehr über diese – Ruby Redd erzählen?«
»Sie war – nun, sie bezeichnete sich als exotische Tänzerin.«
In Cousin Dolphs hervortretende Augen trat ein wissendes Funkeln. »Mein Gott, ich erinnere mich an Ruby Redd! Jem und ich pflegten früher häufig im Old Howard vorbeizuschauen, wo sie in ihrem Zeug herumstolzierte. Sie hatte eine Art Goldrauschvergangenheit, angeblich als Tanzdielenkönigin in einer wilden Gegend am Mississippidelta oder so ähnlich. Trug immer dieses schwarze Korsett, und der Vorbau, der oben herausquoll, hatte die Größe von Wassermelonen. Entschuldigung, Sarah, aber verdammt, du bist schließlich eine verheiratete Frau.«
»Schon gut, Dolph. Deshalb hatte sie also diese Rubine in den Zähnen? Gab es nicht mal eine Revuetänzerin, die Diamanten auf dieselbe Weise trug?«
»Logisch, daß sie die Idee irgendwo geklaut hat«, brummte der Alte.
»Wieso? War sie eine Diebin?«
»Ruby war alles Mögliche, aber vor allem bösartig. Die bösartigste Frau, der ich mein Lebtag begegnet bin, und das heißt ’ne Menge, obwohl man ja eigentlich nicht schlecht über Tote reden soll. Komisch, irgendwie kann ich’s nicht begreifen, daß Ruby hier liegt. Muß aber so sein. Ich hab’ mein ganzes Leben in Boston verbracht und bin nie jemand Ähnlichem begegnet. Wenn sie die Washington Street entlangstolzierte, erinnerte ihr Lächeln an eine Reihe Rücklichter in einer Regennacht.«
»Wie lange ist sie schon verschwunden?« fragte Sarah ihn. »Solche Kunstlederstiefel waren vor ein paar Jahren bei jungen Leuten groß in Mode.«
»Die Stiefel – über die weiß ich nix, aber Ruby ist schon lange Zeit weg. Es mag fünfzig oder einundfünfzig gewesen sein. Ich weiß, daß ich damals schon eine ganze Reihe von Jahren bei Danny’s hinter dem Tresen stand. Danny Rates Pub war das, direkt neben dem Old Howard. Sehen Sie, ich kannte die Mädchen, weil viele nach der Show vorbeizuschauen pflegten. Die Kleinen waren nett, die meisten zumindest. Und alle flott angezogen, bis auf diese Ruby. Egal, ob auf oder hinter der Bühne, sie trug ausschließlich diese Zusammenstellung, im Winter mit einem schäbigen alten Seehundcape darüber. Keine Ahnung, wo sie die Stiefel her hatte, wahrscheinlich aus ’nem Kostümverleih. Man sieht, daß sie kein echtes Leder sind, sonst wären sie wohl verrottet. Egal, ich hätt’ sie nicht gefragt, und sie hätt’s mir nicht erzählt. Ruby hat noch nicht mal guten Tag gesagt, wenn kein Dollar für sie drin war. Außerdem hatt’ ich selten viel Zeit zum Herumstehen und Schwatzen, nach der Show war immer viel zu tun. Ich wette, euch Jungs hab’ ich ein paarmal bedient. Wahrscheinlich habt ihr mich auch mit gefälschten Ausweisen hereingelegt.«
»Es würde mich nicht wundern«, brummte Dolph Kelling und war keineswegs verärgert, die Rolle des ungestümen jungen Mannes zu besetzen. »Wo wir nun wissen, wer sie ist, was tun wir mit ihr? Die Gruft muß geräumt werden, aber dalli.«
»Wir müssen die Polizei alarmieren«, sagte Sarah.
»Wozu, verdammt?« Er wandte sich an den Mann von der Friedhofsverwaltung. »Können Sie nicht einfach eine andere Gruft öffnen und sie hineinstecken?«
»Ich bin doch nicht verrückt, Mr. Kelling. Niemand kann mir einreden, daß diese Ruby Redd sich hier höchstpersönlich eingemauert und dann Selbstmord begangen hat. Mord verjährt nicht, und ich riskiere nicht meinen Kopf. Wie Sie sagten, es ist Ihre Familiengruft, also sind Sie verantwortlich.«
Zufrieden mit seiner Rede zog sich der Mann zurück und fischte in seiner Tasche nach Zigaretten. Dolph bedrängte den anderen Beamten. »Also, Sie sind hier verantwortlich. Tun Sie, was Sie müssen, und zwar ein bißchen flott.«
»Tut mir leid, Mr. Kelling. Wie Ralph richtig gesagt hat, gehört der Inhalt der Gruft Ihnen. Ich meine, daß es das Klügste wäre, die Polizei zu holen, wie die junge Dame vorgeschlagen hat.«
»Zum Teufel noch mal! Sarah, wo du so entschlossen bist, diesen unglückseligen Vorfall zu einem öffentlichen Skandal zu machen, geh und ruf die Polizei. Und sage nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
Unerwartet zog Mr. Ritling Sarahs Aufmerksamkeit auf sich und zwinkerte. »Soll ich gehen, Mrs. Kelling?«
»Nein«, antwortete sie zurückhaltend, »warum bleiben Sie nicht und machen sich Notizen? Immerhin schreiben wir ein neues Kapitel der Familiengeschichte. Betrachte es mal unter diesem Aspekt, Dolph. Oh, ich fürchte, jemand muß mir einen Zehner fürs Telefon leihen. Ich bin ohne jedes Geld unterwegs.«
»Ich hab’ einen Zehner.«
Der alte Mann, der für Ruby Redd Drinks gemischt hatte, kam wieder nach vorne, nahm Sarahs Arm und lotste sie zwischen den Grabsteinen durch. Seine Galanterie rührte sie. Das war wahrscheinlich sein aufregendstes Erlebnis, seit Danny Rates Pub der Stadtsanierung zum Opfer gefallen war.
Hinter ihnen warf der Vorarbeiter die hohen Eisentore zu. Sarah hörte, wie Cousin Dolph dem Mann sagte, daß er daran auch früher hätte denken können. Ihr war nie zuvor bewußt geworden, was für ein aufgeblasener Dummkopf Dolph war.
Wie sich herausstellte, brauchte sie das Geld des alten Barkeepers nicht. Als sie auf die Telefonzellen in der Nähe des U-Bahn-Eingangs zustrebten, stoppte ein Polizeiwagen bei Rot. Sein Fahrer hielt den Verkehr auf, um ihre Geschichte zu hören, wendete völlig gesetzwidrig und parkte auf dem Bürgersteig nahe bei dem kunstvollen Eisenzaun. Sarah führte den Polizisten hinüber zur Gruft. Erst als der Beamte versuchte, die Einzelheiten des grausigen Fundes aufzunehmen, wobei alle, Dolph Kelling, der Vorarbeiter, Mr. Ritling und der Angestellte des Gartenamtes, durcheinandersprachen, fiel ihr auf, daß ihr selbsternannter Beschützer sich still und heimlich in Luft aufgelöst hatte.
Sie konnte sein Verschwinden gut verstehen. Wenn sie klug gewesen wäre, hätte sie sich ihm angeschlossen. Es war unhöflich, unklug und ganz typisch für Adolphus Kelling, ihr die Schmutzarbeit zu überlassen. Ohne Zweifel würde er auf der Beerdigung allen ausführlich erzählen, wie er die Dinge um der Familie willen vertuschen wollte, aber die junge Sarah unbedacht aus irgendeinem Grund darauf bestanden habe, daß mit ihnen ein Affenzirkus veranstaltet wurde.
Sarah wurde sich bewußt, daß es ihr wirklich gleichgültig war, was die Familie von ihr dachte, und das schon seit einer ganzen Weile. Dieses neue Gefühl der Distanz kam gerade zur rechten Zeit, weil es ihr half, diesen, wie sich herausstellte, höchst unangenehmen Tag zu überstehen.
Adolphus Kelling hatte offensichtlich angenommen, daß sie nur das Vorgefallene berichten müßten, damit das geschmacklos herausgeputzte Skelett schnellstens an einen verschwiegenen, versteckten Ort gebracht würde und die Gruft bereit wäre für ihre Rolle in den geplanten Trauerfeierlichkeiten. Er hätte sich nicht mehr getäuscht haben können.
Nach einer Untersuchung des rubinverzierten Skeletts, die der junge Beamte offensichtlich genoß, meldete er dem Polizeipräsidium über Funk diese faszinierende Unterbrechung in der eintönigen Abfolge von Straßenraub, Verkehrsunfällen, bewaffneten Raubüberfällen und Schlägereien zwischen Betrunkenen. Von da an war die Hölle los. Menschenmassen drängten sich hinter dem schmiedeeisernen Zaun. Kameraleute vom Fernsehen kämpften um Nahaufnahmen des funkelnden Schädels und wurden weggescheucht von Lieutenants der Mordkommission, die zu ermitteln versuchten, wie aus der roten Ruby die tote Ruby geworden war. Reporter in der Hoffnung auf Stellungnahmen ließen ihnen keine Ruhe. Sarah, die zur Höflichkeit erzogen war, beantwortete freundlich Fragen, als sie bemerkte, daß ihr Mikrofone vors Gesicht gehalten wurden.
»Warum wollte Ihr Großonkel Frederick hier begraben werden, Mrs. Kelling?«
»Ich glaube, daß Ihnen mein Cousin da besser antworten kann als ich«, wich sie aus. »Vielleicht könnte man sagen, daß er einen ausgeprägten Sinn für Geschichte hatte. Nicht wahr, Dolph?«
»Genau. Sehr gut, Sarah. Einen ausgeprägten Sinn für Geschichte. Die Kellings hatten schon immer einen ausgeprägten Sinn für Geschichte.«
Und Dolph legte los. Sarah schaffte es, den Reportern zu entkommen und nachzusehen, was bei der Gruft vor sich ging. Jemand hatte gefragt, warum ihrer Meinung nach die Gruft der Kellings als Versteck gewählt worden war, und sie hatte geantwortet, daß sie keine Ahnung hätte. Die Gruft war weder die größte noch von der Straße aus am schlechtesten zu sehen. In Nähe der Kirche und weitab vom Eingang war sie schwer zu erreichen. Sarah vermutete, daß es einfach diejenige war, die jemand hatte öffnen können. Nein, der Friedhofswärter hatte keine besonderen Schwierigkeiten gehabt, die Tür aufzuschließen. Ja, diese einfachen alten Schlösser waren wahrscheinlich für jemanden, der wußte, wie, sehr leicht aufzubrechen. Sie selbst hatte von so etwas nicht die leiseste Ahnung. Man müßte – sie hatte sich gerade...




