E-Book, Deutsch, Band 5, 281 Seiten
Macleod Boston Tea Crimes - Ein schlichter alter Mann
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-677-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman - Ein Fall für Kelling und Bittersohn 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 281 Seiten
Reihe: Ein Fall für Kelling und Bittersohn
ISBN: 978-3-98952-677-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Charlotte MacLeod (1922-2005) wurde in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts auf. Sie besuchte das Boston Art Institute und arbeitete als Bibliothekarin und Werbetexterin. Ende der 1970er veröffentlichte sie ihre ersten Kriminalromane und zementierte ihren Ruf als Grande Dame des Genres. Für ihr Lebenswerk wurde sie unter anderem mit fünf American Mystery Awards und dem Malice Domestic Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre »Boston Tea Crimes«-Reihe, beginnend mit »Die Familiengruft«.
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Brief von Miss Mabel Kelling an Mrs. Appolonia Kelling
Liebe Appie,
ich nehme an, Du erwartest, daß ich mich für Dein Geschenk bedanke, auch wenn ich es immer noch nicht genau identifizieren kann, aber ich möchte mir auf keinen Fall nachsagen lassen, daß ich meine gesellschaftlichen Pflichten vernachlässige. Wo wir einmal beim Thema sind: Bitte rechne nicht damit, daß Du bei mir übernachten kannst, wenn Du herkommst, um Emmas jüngstem Versuch als Operettendiva beizuwohnen. Du weißt ja, daß sie immer zu Tode beleidigt ist, wenn sie nicht auch außerhalb des Theaters die großzügige Gastgeberin spielen darf, obwohl ich ehrlich gesagt nicht weiß, wo sie Dich unterbringen will, falls Sarah noch da sein sollte, wenn Du kommst. Ich vermute nämlich, daß sie beabsichtigt, sehr viel länger zu bleiben, als Emma denkt. Sarah behauptet zwar, daß ihr frischgebackener Ehemann sich mal wieder auf einer seiner sogenannten Dienstreisen befindet, aber ich nehme an, selbst Du wirst wohl in der Lage sein, zwischen den Zeilen zu lesen!
Wie dem auch sei, alle stecken bis über beide Ohren in den Vorbereitungen für das Stück beziehungsweise die Komische Oper, wie diese Machwerke von Gilbert & Sullivan, glaube ich, richtig heißen. Soweit ich verstanden habe, handelt das Ganze von einem jungen Burschen und einem Mädchen, die töricht genug sind, sich miteinander zu verloben, und deren Eltern (beide verwitwet) selbst gern miteinander verlobt wären, es aber aus unerklärlichen Gründen nicht sind.
Außerdem kommt darin eine dumme kleine Pute vor, die hinter einem Pfarrer her ist, der doppelt so alt ist wie sie selbst. Ihre Mutter ist im Programm als Kirchenbeschließerin aufgeführt, wahrscheinlich eine Anspielung auf die Zeiten, als der Adel noch eigene Kirchenstühle besaß und sich hinter hohen Wänden einschließen ließ, damit das niedere Volk nicht sehen konnte, was man während des Gottesdienstes alles trieb. Da Du es erfahrugnsgemäß nie schaffst, der Handlung richtig zu folgen, halte ich es für besser, Dir diesmal schon vorher zu erklären, worum es in dem Stück überhaupt geht, damit Du mir nicht wieder während der Vorstellung dauernd ins Ohr zischst, weil Du nicht weißt, was gerade passiert.
Nach der wie üblich ermüdenden Ouvertüre tritt ein Chor aus Dorfjungfern (!!!) und jungen Burschen auf, und alle singen irgendeinen Unsinn darüber, wie glücklich sie doch sind, weil Aline (das Mädchen) sich mit Alexis (dem Burschen) verlobt. Dann erscheint die Kirchenbeschließerin mit ihrer Tochter, die genauso mißmutig dreinschaut, wie wir uns zu diesem Zeitpunkt zweifellos alle fühlen. Die Tochter (Constance) beichtet ihrer Mutter (Mrs. Partlet), daß sie in den Pfarrer verliebt sei, er sich aber leider aus ihr nichts mache. Woraufhin natürlich der Pfarrer auftritt und darüber jammert, daß die jungen Mädel nicht mehr hinter ihm her seien, jetzt, wo er alt und fett und nicht länger jung und fesch sei. Die Mutter versucht, die beiden miteinander zu verkuppeln, was ihr natürlich mißlingt – schließlich fängt das Stück ja gerade erst an.
Sie gehen also wieder, zweifellos zu unser aller Erleichterung. Der Junge (Alexis) und sein Vater (Sir Marmaduke) treten auf, und ihnen wird ziemlich lange und ausgiebig vom Pfarrer (Dr. Daley) gratuliert. Du weißt ja, wie Geistliche sind, sie können einfach nicht aufhören zu reden. Auch diese drei verschwinden wieder, und Aline tritt mit den übrigen Mädchen auf. Sie singt ein Lied über die Ehe, daß sie außer den angeblichen Vorteilen auch Nachteile berge, als ob die Leute das nicht sowieso schon längst wüßten. Dann erscheinen die Mutter (Lady Sangazure) und der zukünftige Schwiegervater (Sir Marmaduke) auf der Bühne, und alle singen einen Haufen Unsinn über alles mögliche.
Schließlich kommt der Notar mit dem Brautvertrag. Statt die Bedingungen mit klarem Kopf und gesundem Menschenverstand laut vorzulesen, gehen die jungen Leute einfach hin und unterschreiben das Dokument, das sie sich nicht einmal richtig angeschaut haben, während der Chor um sie herumsteht und ihnen für diese völlig unüberlegte und törichte Handlung auch noch lautstark Beifall spendet.
Schließlich verlassen alle bis auf Alexis und Aline die Bühne. Alexis läßt sich über die lächerliche Theorie aus, daß jeder ohne Rücksicht auf Rang und Namen ruhig heiraten soll, wen immer er will. Aline stimmt ihm wie eine dumme kleine Pute auch noch zu. Dann eröffnet er ihr, daß er den Beschluß gefaßt habe, sich einen Zaubertrank zu verschaffen, der alle Dorfbewohner, die sich bis jetzt noch nicht aufraffen konnten, den Bund fürs Leben einzugehen (aber zweifellos auf anderen Gebieten genügend Aktivität bewiesen haben!) dazu bringen wird, sich ineinander zu verlieben.
Aline protestiert, doch natürlich hört er nicht auf sie – das tun Männer ja bekanntlich nie –, und sie begeben sich zu einem gewissen J. Wellington Wells, einem Zauberer (dem das Werk wohl auch seinen Titel verdankt), um von ihm den Zaubertrank zu erhalten. Er veranstaltet einen Riesenhokuspokus mit ihnen, zweifellos nur, um damit den Preis ordentlich in die Höhe zu treiben. Dann verkauft er ihnen den Trank und füllt ihn in die große Teekanne, die Alexis mitgebracht hat. Alexis ist immerhin der Sohn des Baronets (Sir Marmaduke), wie Du Dich vielleicht erinnerst. Man stelle sich vor: Der Sohn eines Baronets trägt eine riesige Teekanne völlig unverhüllt durch die Straßen von London! Möglicherweise wollte man damit die ganze Geschichte ein wenig humorvoller gestalten.
Wie dem auch sei, sie tragen schließlich die Kanne zu einer Teegesellschaft, die Sir Marmaduke gibt, um die Verlobung zu feiern. Zu geizig oder zu verschuldet, um Champagner zu kaufen, wenn Du mich fragst – es ist doch immer dasselbe Lied, nicht wahr? Alexis, der anscheinend keinerlei moralische Prinzipien besitzt (und dabei ist er der Held des Stücks, wie du hoffentlich nicht vergessen hast), läßt den Pfarrer in der besagten Teekanne Tee aufschütten und bringt dann alle dazu, von dem Zeug zu trinken – er selbst, Aline und der Zauberer, der sich irgendwie auch eine Einladung zu der Feier erschlichen hat, natürlich ausgenommen. Gott sei Dank werden wir genau an dieser Stelle durch eine Pause erlöst. Ich nehme an, daß wie gewöhnlich Pfadfinderinnen herumgehen und rosa Limonade und Kekse verkaufen werden.
Nachdem wir uns alle, für welchen guten Zweck auch immer, den Emma gerade unterstützt – nach der Geschichte mit dem Feuerwehrwagen habe ich es endgültig aufgegeben, weiter auf dem Laufenden bleiben zu wollen –, den Magen verdorben haben, gehen wir alle wieder zurück zu unseren Plätzen, falls wir sie denn überhaupt finden können, und schauen uns an, wie alle aufwachen und sich ineinander verlieben. Zuerst führen die Chormitglieder eine Art Massenbalz auf, dann kommt Constance (die Tochter der Beschließerin, was Dir inzwischen bestimmt wieder entfallen ist) Arm in Arm mit dem Notar herein und klagt, daß sie plötzlich rein gar nichts mehr für ihren Pfarrer empfinde (was sie ohnehin auf keinen grünen Zweig gebracht hätte), sondern sich statt dessen unsterblich in diesen schlichten alten Mann verliebt habe – so beschreibt sie ihn und hat damit zweifelsohne auch vollkommen recht, denn wie ich gehört habe, soll Emmas alte Flamme Charlie Daventer diese Rolle übernommen haben. Man kann nur hoffen, daß er seine Säufer-Gicht noch rechtzeitig in den Griff bekommt, damit er überhaupt auftreten kann.
Alles zieht sich sehr viel länger hin, als man es sich wünschen würde, weil Constance (s. o.) ihre mißliche Lage in allen Einzelheiten beklagt und Alexis, Aline und der Chor sie dabei auch noch unterstützen. Schließlich bleiben nur noch Alexis und Aline auf der Bühne zurück. Alexis fängt an, Aline zu bearbeiten, sie solle doch ebenfalls von dem Tee trinken, damit sie für den Rest ihres Lebens seine willige Sklavin sein kann (Du hast vielleicht bemerkt, daß er niemals auf die Idee kommt, selbst davon zu trinken, um ihr williger Sklave zu werden!!!). Während des darauffolgenden Disputs kommt auch Sir Marmaduke dazu, der sich übrigens inzwischen mit der Beschließerin (Mrs. Partlet) verlobt hat. Lady Sangazure, die selbstverständlich von Emma weit über die Grenzen des guten Geschmacks ausgespielt wird, verliebt sich in Mr. Wells (den Zauberer), der sie jedoch abblitzen läßt, womit er trotz seines merkwürdigen Berufs der einzige ist, der in diesem Stück wenigstens einen Funken Verstand zeigt.
Daraufhin trinkt auch Aline von dem Tee, aber nicht in Alexis’ Beisein, was immerhin noch einleuchtend gewesen wäre, sondern gerade rechtzeitig, um Dr. Daley (den Pfarrer) zu treffen, der herumstolziert, auf einem Flageolett spielt (klingt vornehm, ist aber nur eine Kinderflöte) und darüber klagt, daß sich inzwischen alle verlobt haben und niemand mehr übrig ist, um ihn zu heiraten. Just in diesem Augenblick trifft er auf Aline, und die beiden verlieben sich ineinander.
Natürlich ist Alexis außer sich, daß Aline ihm den Laufpaß gegeben hat, obwohl er daran nun wirklich selbst schuld hat, und läuft jammernd zu Mr. Wells, damit der den Zauber wieder aufhebe. Jetzt stellt sich heraus, daß dies nur möglich ist, wenn entweder Alexis oder Wells dafür mit dem Leben bezahlen. Wenn Du diesen ganzen Unsinn verstehen solltest, verfügst Du über mehr Verstand, als ich Dir je zugetraut hätte. Jedenfalls entscheiden sich die Anwesenden gegen Wells, und er verschwindet durch eine Falltür, vorausgesetzt, das Ding funktioniert diesmal tatsächlich.
Zu guter Letzt tauschen alle ihre Partner und finden den Richtigen oder die Richtige, was wohl auch wieder komisch sein soll, und singen irgend etwas über Erdbeerkonfitüre und übermütige Brötchen,...




