E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Maelle / Franke / Bendick SCIENCE-FICTION GOES PUNK
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95765-709-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Streifzug durch die rebellischen Genres der Science-Fiction von Atompunk bis Walpunk
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-95765-709-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Uli Bendick, geboren 1954, lebt in einem kleinen Dörfchen im Vogelsberg. Seit seinem Eintritt ins Rentenalter gestaltet er SF-Illustrationen mittels digitaler Collagen. Gelegentlich schreibt er auch SF-Storys und betätigt sich als Mitherausgeber von Anthologien: gemeinsam mit Michael Tinnefeld »Diagnose-F«, (p.machinery), und zusammen mit Aiki Mira und Mario Franke »Am Anfang war das Bild«, (Verlag Hirnkost). Beide Anthologien erhielten 2022 einen Sonderpreis des KLP. Zuletzt erschien im Torsten Low Verlag der Kalender »Science Fiction - Art und Kalendergeschichten 2024«, der in der Zusammenarbeit mit Mario Franke und Marianne Labisch entstand. Mario Franke ist in Leipzig ansässig. Um seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen, beschäftigt er sich mit Computergrafik. Zudem ist er Vorstandsmitglied und Grafiker des FKSFL e.V. und wurde mehrfach mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Zuletzt für die Gestaltung einer Plakatreihe zum Thema »Leseland DDR - Science Fiction in der DDR«. Weitere Werke von Mario Franke sind auf www.künstlichkeit.de zu finden. Tessa Maelle ist Übersetzerin, Germanistin und Diplom-Journalistin von Beruf. Fantasy- und Science-Fiction-Autorin aus Berufung. Sie hatte schon als Kind selten Heimweh, aber immer Fernweh. Star Trek half ein bisschen dagegen, aber nur ein bisschen. Kein Wunder, dass ihre Geschichten meist in fantastischen Steampunk-Welten, mystischen Gefilden oder weitentfernten Galaxien spielen. Zurzeit arbeitet sie an einem Climate-Fiction-Thriller. Der spielt ausnahmsweise hier auf der Erde. Im Frühjahr 2025 erscheint ihr Fantasy-Debüt »Die Amets - Der Riss im Traumnetz« im Alea Libris Verlag.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Sebastian Steffens: Unüberwindlich
Die Zwillinge fühlten sich wie in einem Tornado. Nicht im ruhigen Auge des Orkans, sondern mitten in der wilden Front aus … ja aus was? Der Wirbel bestand aus einem undefinierten, undurchdringlichen, weißen Etwas – irgendwie weich und nachgiebig. So, als ob sie in einer Maschine für Zuckerwatte gelandet wären.
Maja drehte sich der Magen um. »Was zum …? Ich …« Sie strampelte mit den Beinen, um irgendwo im Chaos Halt zu finden.
»Ganz ruhig!«, rief Juna, auch wenn ihre eigene Stimme sich dieser Anweisung widersetzte.
»Ich muss mich übergeben!« Maja sah in der Tat blass aus.
»Bitte nicht in meine Richtung!« Juna drehte sich weg, dabei zog sie unwillkürlich ihren Teil der seltsamen Münze zu sich hin, und die beiden Hälften trennten sich widerwillig voneinander, wie zwei Magnete, die man mühsam auseinanderzog.
Der weiße Nebel wurde wieder blau, als ob jemand Tinte in die Zuckerwatte gegossen hätte.
PLOPP!
Der Wirbel löste sich so schnell auf, wie er entstanden war. Die Welt hatte sie zurück. – Nur nicht die, aus der sie gekommen waren. Nichts mehr da! Doch! Etwas war da, aber es sollte nicht da sein!
Maja bekam große Augen. »Was ist …?« Sie sah Juna ins Gesicht – und auch wieder nicht, denn genau zwischen ihnen spannte sich ein massives Geflecht aus Maschendraht, sodass ihre Schwester aussah, als sei sie aus lauter Puzzleteilen zusammengesetzt.
»Verdammt, was ist das denn?« Juna hatte wohl denselben Gedanken gehabt. Sie streckte die Hand zum Draht aus.
»Nicht!«
Juna verharrte in der Bewegung. »Was denn?«
»Sei vorsichtig!«
»Das ist nur ein blöder Zaun!« Juna sah nach oben. Unglaublich! Der Zaun war mindestens fünf Meter hoch! Aber man würde schon daran herauf klettern können. Oder sie konnte das Mistding einfach durchschneiden. Oder drumherumgehen? Wie auf Kommando sahen die Schwestern nach links und rechts.
Der Zaun erstreckte sich, so weit sie sehen konnten. Und sie konnten sehr weit sehen. Was war das hier für ein Land? Eine Art Steppenlandschaft breitete sich vor ihren Augen aus. Karge Büsche auf sandigem Boden. Ein paar geborstene Baumstümpfe dazwischen.
»Ich versuche, ein Loch hineinzuschneiden. Wenn das nicht klappt, klettere ich einfach zu dir rüber.« Juna stellte das schlicht fest. Es war keine Frage, und Maja konnte auch keine Unsicherheit in Junas Stimme erkennen.
»Warte noch!«
»Worauf?«
»Ich will nur sicher sein …« Maja kramte in ihren Taschen und fand einen Kugelschreiber aus Metall.
»Willst du mir jetzt erst mal eine Zeichnung machen?« Juna grinste.
»Ich … ach schau selbst.« Maja warf den Metallstift gegen den Zaun. Funken stoben, es zischte.
»Ach du Sch…« Juna zog ihren bis dahin immer noch ausgestreckten Arm zurück.
Maja nickte. »So ein Zaun im Nirgendwo macht nur Sinn, wenn er gesichert ist.«
»Verdammt!«
»Ja. Wann waren wir zuletzt getrennt? Das fühlt sich mies an!« Maja schlug die Arme um ihren Oberkörper, obwohl es eher warm war.
»Das sind wir nicht lange, keine Sorge!« Juna blickte sich wieder zu allen Seiten um. »Irgendwo muss es ja einen Übergang geben.« Sie sah zum Himmel. Die Sonne stand noch recht hoch. »Wir müssen ihn suchen!«
»Was heißt hier suchen? Was ist das hier überhaupt? Ich will nicht, dass wir getrennt losziehen.« Maja zog die Stirn in Falten.
»Es muss mit dieser blöden Münze zusammenhängen. Vielleicht kommen wir zurück, wenn wir sie einfach wieder aneinanderhalten.« Juna nickte wie um sich selbst zu bestätigen.
»Einfach?« Maja sah noch einmal zum oberen Rand des Zaunes.
»Okay, nicht ganz einfach.«
»Was, wenn ich dir meine Hälfte rüberwerfe?«
Juna zögerte. »Und was, wenn dann nur ich zurückkomme? Ich lass’ dich hier auf keinen Fall zurück!« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, wir suchen eine Passage! Am besten, wir gehen in getrennte Richtungen am Zaun entlang. Wer einen Durchgang findet, kommt auf der anderen Seite hierher zurück. Wer nicht, der dreht …« Sie unterbrach sich und schaute auf die Uhr. »… in zwei Stunden um und kommt auf seiner eigenen Seite hierher zurück.«
»Ich will nicht allein hier rumlaufen. Wo auch immer hier ist. Können wir nicht einen Tunnel graben?«
Juna scharrte mit den Füßen im Sand. Sie fegte mit dem Schuh eine dünne Schicht Körner beiseite und traf auf einen felsigen Untergrund. Seltsam. Fels unter einer Steppenlandschaft? Sie kniete sich nieder und schaute sich das genauer an. Maja sah ihr stirnrunzelnd zu. »Das ist … das ist Glas!« Juna blickte erstaunt auf.
»Kann nicht sein.«
»Prüf selbst!«
Maja schaufelte auf ihrer Seite etwas vom trockenen Boden beiseite und fand ebenfalls eine glänzende Schicht, die aussah wie Glas.
»Keine Chance zu graben«, urteilte Juna.
»Aber was ist das?«
»Keine Ahnung. Sieht fast aus, als wäre etwas geschmolzen …«
»Geschmolzener Sand?«
»Hmm.«
»Was könnte denn …?«
»Vielleicht wollen wir das lieber nicht erfahren. Lass uns jetzt losmarschieren, sonst wird es noch dunkel.«
Maja wollte ganz sicher nicht allein im Dunkeln durch diese seltsame Welt stapfen und meinte widerwillig. »Also umdrehen, nach zwei Stunden?«
Juna nickte. »Oder auf der anderen Seite zurück!«
»Hoffen wir’s!«
Sie liefen los.
Maja ging mit schweren Schritten entlang des Zauns nach Süden, soweit sie das beurteilen konnte. Der Kompass funktionierte nicht, aber der Sonnenstand war ausreichend klar. Verlaufen konnte sie sich ohnehin nicht. Immer am Maschendraht lang! Der Zaun zog sich anscheinend exakt von Norden nach Süden und trennte damit Ost und West. Sie lief auf der Westseite. Sie sah sich um. Juna war bereits nicht mehr zu erkennen. Maja holte tief Luft und stapfte weiter. Eine Stunde war bereits vergangen, da hörte sie ein seltsames Dröhnen, das sich ihr von Westen näherte. Sie blieb stehen und spähte zum Horizont. Dort tauchten am Himmel mehrere kleine schwarze Punkte auf, die langsam größer wurden. Auch das Wummern wurde lauter. Sie kniff die Augen zusammen. Was war das? Propellerflugzeuge? Ein ganzer Schwarm davon! Maja erkannte nun schon deutlich die massigen Rümpfe und die gestreckten Tragflächen, an denen auf jeder Seite vier Triebwerke hingen. Sie stand mit offenem Mund da.
Mit einem Mal tauchte ein Stück vor ihr ein Rohr aus dem Erdboden auf. Nein, kein Rohr, das war eine Art Periskop! Es hatte ein kleines Glasfenster, das aussah wie das Auge eines Ungetüms. Das Ding schwenkte herum, und der Blick des Monsters verharrte genau auf ihr.
»Identifizieren Sie sich!« Die Stimme klang blechern.
»Ich … Was?«
»Identifizieren Sie sich!« Die Worte kamen aus ein paar Löchern im Rohr, hinter denen sich ein Lautsprecher verbergen musste. Es hatte jetzt eindringlicher geklungen. »Nennen Sie Namen, Rang, D-D-Dienstnummer, Missionscode und Befähigung!«
»Ich bin Maja.«
Schweigen.
Sie versuchte es erneut: »Mein Name ist Maja, und ich weiß nicht, wo ich hier eigentlich bin. Ich bin von meiner Schwester getrennt worden und will zurück zu ihr. Einen Rang und so habe ich nicht. Meine Befähigung ist Heilkunde!«
Wieder ein kurzes Schweigen. Dann: »Heilkunde?«
»Ja.«
»Begeben sie sich unverzüglich zu B-B-Bunkereingang XB-17, dreißig Meter zu ihrer Rechten!«
»Ich will nicht … Wohin? Wieso Bunker? Das will ich nicht!«
»Begeben sie sich innerhalb der nächsten sieben Minuten zu B-B-Bunkereingang XB-17, um Schutz vor dem t-t-thermonuklearen Schlag zu finden!«
»Wovor?«
»Der t-t-tägliche t-t-taktische t-t-thermonukleare Präventivschlag steht unmittelbar b-b-bevor. Die atomgetriebene D-D-Drohnenbomberflotte b-b-befindet sich wenige Minuten vor ihrem Ziel auf der anderen Seite der Schutzbarriere.«
»Auf der anderen Seite des Zauns?«
»Der Schutzbarriere der freien Welt, ja. Sie haben noch vier Minuten.«
Maja sah sich wild um. »Das dürft ihr nicht! Meine Schwester!«
»Stellen sie nicht unsere Autorisierung infrage! Wir erfüllen den verfassungsmäßig verankerten p-p-präventiven Schutzauftrag! Noch d-d-drei Minuten.«
Die Bomber waren heran. Das Dröhnen der Motoren war ohrenbetäubend. Der Himmel verdunkelte sich durch die Flut von Flugzeugen.
Maja stolperte in die angegebene Richtung und erspähte eine runde, im Boden eingelassene Metalltür, in deren Mitte ein mächtiges Drehrad prangte wie an einem U-Boot-Schott oder einer großen Tresortür.
Juna fluchte. Sie war jetzt das zweite Mal an einem dieser kleinen dornigen Büsche hängen geblieben. Wütend trat sie nach ihm.
Der Strauch wehrte sich nicht, erweckte aber auch nicht den Eindruck, als hätte sie ihm Respekt eingeflößt.
»Drecksgegend«, murmelte Juna vor sich hin. Sie sah auf die Uhr. Schon über eine Stunde! Hoffentlich ging es Maja gut! Vielleicht hätte ich doch bei ihr bleiben sollen! Dieser verdammte Zaun nahm sowieso kein Ende. Es gab nicht das geringste Anzeichen, dass sich daran auf den nächsten Kilometern etwas ändern würde. Oder auf den nächsten tausend Kilometern! Mist!
Kurz danach kam sie über eine kleine Kuppe. Aus dem Augenwinkel nahm sie einen Lichtreflex wahr. Hatte da weiter im Osten etwas im Sonnenlicht aufgeblitzt? Sie hockte sich hin. Möglicherweise war da...




