E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Märchen aus England
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0243-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0243-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie 'Märchen der Welt'. Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: 'Märchen der Welt' bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: Junker Rowland. Herr und Knecht. Die kluge Kate. Jack, der Riesentödter. Der rothe Ettin. Mister Miacca. Der Lindwurm von Lambton. Jack und der Bohnenstengel. Die Vogelschlacht. Die Seejungfrau. Der geblendete Riese. Jamie Freel und die Jungfrau. Cherry von Zennor. Gräfin Kathleen O'Shea. Die Prinzessin von Colchester. Die gefangenen Seelen. Fingerhut. Spätereinmal. Der Katzenkönig. Das widerspenstige Schwein. Die drei Bären. Wie der Wrekinberg bei Shrewsbury entstand. Däumling. Teigh O'Kane und der Todte. Die Sterne am Himmel. Ich. Assipattle. Lumpenkind. Gobborn Seer. Der Erzähler in Nöthen. Tom mit dem Ziegenfell. Tom Hickathrift. Dick Whittington. Conall. Horn und Rimenhild Der Graf von Toulouse Thomas der Reimer Jack und seine Stiefmutter Herr Gawain und der grüne Ritter Die Erzählung des Weibes von Bath König Lear Der Regenpfeifer. Eule, Taube und Fledermaus.
Weitere Infos & Material
Die Seejungfrau.
Es war einmal ein alter Fischer, der fieng eine Zeitlang nur sehr wenig Fische. Da tauchte eines Tages dicht vor seinem Boote eine Seejungfrau empor, die fragte ihn, ob er viele Fische fienge.
"Nein," antwortete der alte Mann.
"Was für Belohnung," fragte ihn die Seejungfrau, "verheißest du mir, wenn ich dir Fische im Überfluss ins Netz schicke?"
"Ach," sagte der alte Mann, "ich besitze blutwenig."
"Willst du mir deinen erstgeborenen Sohn geben?" fragte sie.
"O ja, wenn ich je einen haben sollte. Aber ich habe keinen und werde nie einen haben, denn ich und meine Frau, wir sind beide schon alt."
"Sage mir, was du besitzest."
"Ich habe nur eine alte Mähre, einen alten Hund und meine Frau. Ich hab' sonst nichts auf der Welt."
"Hier sind drei Körner, die du noch heut abends deiner Frau geben sollst," fuhr die Seejungfrau fort, "hier drei andere für den Hund und drei für dein Pferd. Diese drei hier aber sollst du hinter deinem Hause pflanzen. Und es wird die Zeit kommen, da wird deine Frau drei Söhne haben und der Hund drei Junge und die Mähre drei Füllen. Und hinter deinem Hause werden drei Bäume emporwachsen, und wenn einer von deinen Söhnen stirbt, so wird einer von den Bäumen verdorren, du aber wirst von nun ab Fische fangen im Überfluss. Doch denke daran, dass du mir deinen ältesten Sohn bringen musst, sobald er drei Jahre alt geworden ist."
Alles gieng in Erfüllung, wie es die Seejungfrau vorausgesagt hatte, und der alte Mann fieng Fische in Menge. Aber als das dritte Jahr sich seinem Ende näherte, da wurde er sehr niedergeschlagen und bekümmert und kam zusehends von Kräften. An dem Tage, da das dritte Jahr um war, fuhr er wie gewöhnlich aufs Meer hinaus, um zu fischen, aber er nahm seinen Sohn nicht mit.
Da tauchte die Seejungfrau dicht vor seinem Boote auf und fragte: "Hast du mir deinen Sohn gebracht?"
"Nein," erwiderte der Fischer, "ich hab' ihn nicht mitgebracht, ich habe ganz vergessen, dass gerade heute die drei Jahre um sind."
"Schon gut," sagte die Seejungfrau, "behalte ihn noch vier Jahre; vielleicht kannst du dich dann leichter von ihm trennen."
Überglücklich, dass er seinen Sohn noch vier Jahre behalten dürfe, kehrte der alte Mann nach Hause zurück. Er fuhr fort, Fische zu fangen, die ihm reichlich ins Netz kamen, aber als das vierte Jahr seinem Ende zugieng, da wurde er vor Kummer ganz krank, er aß nicht und trank nicht, und seine Frau wusste nicht, was ihm fehlte. Diesesmal wusste er nicht, was er thun sollte, doch war er fest entschlossen, auch diesesmal seinen Sohn nicht mitzunehmen.
Wieder fuhr er wie sonst aufs Meer hinaus, um zu fischen, und wieder tauchte die Seejungfrau dicht vor seinem Boote empor und fragte ihn: "Hast du mir deinen Sohn gebracht?"
"Ach," erwiderte der Fischer, "ich hab' ihn auch diesmal vergessen."
"Kehre nach Hause zurück", sagte die Seejungfrau, "aber von heute in sieben Jahren musst du ihn mir ganz bestimmt bringen. Es wird dir dann nicht leichter fallen, dich von ihm zu trennen. Inzwischen wirst du weiter Fische haben in Überfluss."
Voller Freude kam der alte Mann heim. Er konnte seinen Sohn weitere sieben Jahre behalten, länger, glaubte er, würde er wohl nicht leben und also die Seejungfrau nicht mehr sehen.
Aber das Ende der siebenten Jahres kam heran, und wieder empfand der Fischer Kummer und Sorge. Er fand Tag und Nacht keine Ruhe.
Eines Tages fragte ihn sein ältester Sohn, was ihn betrübe.
Der Vater wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus.
Da sagte der Bursche, dass er es erfahren müsse, und endlich erzählte ihm der Vater von dem Übereinkommen zwischen ihm und der Seejungfrau.
"Sei unbesorgt," sagte der Sohn, "mache mit mir, was du willst."
"Du sollst aber nicht zu ihr gehen, mein Sohn, und wenn ich mein Lebenlang keinen Fisch mehr fange."
"Wenn du nicht willst, dass ich mit dir gehe, so bestelle mir beim Schmied ein festes, starkes Schwert, damit will ich mein Glück versuchen," sagte der Sohn.
Da gieng der Vater zum Schmied, und der machte ihm ein tüchtiges Schwert. Als er damit heimkam, da ergriff es der Sohn; kaum aber hatte er es ein- oder zweimal geschwungen, so zersprang es in hundert Splitter.
Da bat er seinen Vater, ihm ein anderes Schwert machen zu lassen, das aber sollte noch einmal so schwer sein. Sein Vater that es, aber es ergieng dem neuen Schwerte nicht besser als dem ersten: er zerbrach es in zwei Hälften.
Da gieng der alte Mann zum drittenmale zum Schmied, und der schmiedete ein Schwert, wie er noch nie zuvor eines gemacht hatte.
"Hier hast du das Schwert," sagte der Schmied, "es gehört eine tüchtige Faust dazu, es zu schwingen."
Der Fischer brachte es seinem Sohne, der es probierte.
"Das ist recht," sagte er, "nun ist es hohe Zeit, mich auf den Weg zu machen."
Am folgenden Morgen sattelte er das schwarze Pferd und ritt, von seinem Hunde gefolgt, von dannen. Unterwegs stieß er auf ein todtes Schaf; ein großer Hund, ein Falke und eine Fischotter stritten sich darum. Da stieg er vom Pferde und vertheilte das Aas so unter die drei, dass der Falke einen, die Fischotter zwei und der Hund drei Theile davon erhielt.
Darauf sagte der Hund: "Wenn dir ein flinker Fuß oder ein scharfer Zahn nützen kann, dann denk' an mich, und ich will dir zu Hilfe kommen."
Dann sagte die Fischotter: "Wenn dir ein schwimmender Fuß in der Tiefe eines Sees zustatten kommen kann, so denk' an mich, und ich will dir zu Hilfe kommen."
Zuletzt sprach der Falke: "Wenn du in Noth geräthst, aus der dich hurtige Schwingen oder krumme Krallen befreien können, so denk' an mich, und ich will dir zu Hilfe kommen."
Darauf ritt er weiter, bis er das Schloss eines Königs erreichte. Dort nahm er einen Dienst als Kuhhirte an, und sein Lohn sollte groß oder klein sein, je nachdem die Kühe viel oder wenig Milch gaben. Er trieb das Vieh auf die Weide, aber diese war spärlich. Daher gaben sie auch nicht viel Milch, als er sie heimgetrieben hatte, und so bekam er an diesem Abend auch nur wenig Speise und Trank.
Am nächsten Tage gieng er viel weiter mit ihnen und kam endlich zu einer grasreichen Wiese in einem grünen Thal, wie er ihresgleichen noch nie gesehen hatte.
Aber als er das Vieh wieder heimtreiben wollte, da kam ein ungeheurer Riese mit gezogenem Schwerte auf ihn zu.
"Hiu! Hau! Hogaraich!!!" rief er aus. "Schon lange sehnen sich meine verrosteten Zähne nach Menschenfleisch. Das Vieh ist mein, denn ich hab' es auf meinem Grund und Boden getroffen, und du wirst bald ein todter Mann sein."
"Das kann man noch nicht wissen," sagte der Hirte, "es ist leichter gesagt, als gethan."
Sie giengen aufeinander los. Der Hirte zog sein haarscharfes Schwert, und während des Kampfes sprang der schwarze Hund dem Riesen auf den Rücken. Der Hirte tödtete den Riesen; dann sprang er auf das schwarze Pferd und begann, das Haus des Riesen zu suchen. Er fand es bald; der Riese hatte in der Eile Thür und Thor offen gelassen. Der Hirte trat ein und fand Geld und Kostbarkeiten und gold- und silberbesetzte Kleider in Hülle und Fülle.
Zu Beginn der Nacht gieng er wieder in das königliche Schloss zurück, aber er nahm nichts aus dem Hause des Riesen mit. Und als am Abend die Kühe gemolken wurden, da gaben sie viel Milch. An dem Abend bekam er reichlich zu essen und zu trinken, und der König war ungeheuer froh, einen so guten Hirten bekommen zu haben.
So gieng der Hirte täglich in das grüne Thal, aber endlich war die Wiese abgegrast. Da beschloss er, ein wenig tiefer in das Land des Riesen einzudringen. Dort fand er einen ungeheueren Park und reichliches Gras. Er holte also das Vieh und brachte es in den Park.
Kaum waren sie drinnen, so kam ein ungeheurer Riese wüthend herangestürmt.
"Hiu! Hau! Hogaraich!!!" rief er. "Heute nachts werd' ich meinen Durst mit deinem Blute löschen!"
"Das kann man noch nicht wissen," sagte der Hirte, "es ist leichter gesagt, als gethan."
Die beiden giengen aufeinander los. Hei, wie da die Schwerter blitzten! Es schien, als sollte der Riese den Sieg über den Hirten davontragen. Aber da rief dieser seinen Hund, und der sprang dem Riesen an den Hals. Rasch hieb ihm der Hirte den Kopf ab.
An dem Abend kam er sehr müde nach Hause. Wieder hatten die Kühe viel Milch, und die ganze königliche Familie war froh, dass sie so einen Hirten hatte.
Er ließ das Vieh eine Zeitlang in dem Parke weiden. Aber als er eines Abends heimkam, da wurde er nicht wie sonst von der Kuhmagd freundlich begrüßt, sondern alles weinte und jammerte.
...



