E-Book, Deutsch, 566 Seiten
Magdalen Novemberkönig
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-5722-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Erzählung in sieben Mondphasen
E-Book, Deutsch, 566 Seiten
ISBN: 978-3-7526-5722-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lily Magdalen wurde 1987 in Baden-Württemberg geboren. Sie verliebt sich auch mal in einzelne Worte und verschreibt sich ihnen dann mit allem, was sie hat. Heute lebt sie als freiberufliche Autorin, Lektorin und Korrektorin in der Nähe von Stuttgart. »Novemberkönig - Eine Erzählung in sieben Mondphasen« ist ihr Debütroman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
oremar Glen lag weit abgeschieden von dem, was man allgemein eine »gute Verbindung« nennt, in Wiesen eingebettet und von Wald umarmt. Nicht einmal eine Buslinie konnte ich mehr ausfindig machen – und war mir auch nicht sicher, ob es in meiner Kindheit eine gegeben hatte.
Ich ließ den Taxifahrer nicht genau vor Großmutters Haus halten. Ich hatte das übermächtige Bedürfnis, den Weg zu Fuß zurückzulegen.
Ein wenig kniff der Taxifahrer verwundert die Augenbrauen zusammen, als ich an der Kreuzung ungefähr hundert Meter vor dem Ortseingang herausgelassen werden wollte. Verhalten höflich bot er mir an, mich auch noch den Rest des Weges zu fahren; vermutlich glaubte er, für eine längere Fahrt reichte mein Geld nicht. Doch er gab sich wenig Mühe über das halbherzige Angebot hinaus. Als ich es ablehnte, wirkte er sogar erleichtert, dass ich die Tür schloss und er wieder umkehren konnte.
Es fühlte sich unwirklich an, dass seit der Schlüsselübergabe heute Morgen erst Stunden vergangen waren. Wie in Zeitraffer waren Einchecken, Boarding und der Flug vorbeigegangen. Als ich den fremd gewordenen Boden meiner Kindheits-Heimat betrat, hatte es angefangen zu regnen.
Da vorne war es also. Die Häuschen duckten sich im Novemberregen in Nebelgrau und nasses Waldgrün, gesprenkelt vom Braun der nackten Zweige und eingerahmt von den verschiedenen Orangetönen spärlichen Herbstlaubes. Ich zog die Kapuze meines roten Mantels tiefer in die Stirn und folgte der leeren Straße, die sich in die Mitte des Dorfes schlängelte. Dort löste sie sich im kleinen gepflasterten Marktplatz mit seinem Brunnen auf.
Jeder meiner Schritte erklang mit einem leisen Platschen auf dem Pflaster. Das Dorf wirkte wie ausgestorben.
Sannes Worte hallten in meinem Kopf wider. Sie hatte unrecht. Wenn es einen Ort gab, dem ich mich auf diese Art verbunden fühlte, dann war es wohl Foremar Glen, das kleine Dörfchen auf dem englischen Land, unweit des Forest of Dean und der walisischen Grenze. Das Dorf, in dem ich so viele Tage meiner Kindheit verbracht hatte. Und doch, wie lange hatte ich es nicht mehr gesehen?
Auf jeden Fall lange genug, dass es mir jetzt seltsam fremd war. Auch wenn sich kaum etwas verändert zu haben schien. Die kleine Kirche und die Häuser rund um den Marktplatz sahen noch genauso aus wie früher.
Langsam bewegte ich mich durch die leeren Straßen. Hinter jeder Ecke lauerte eine Kindheitserinnerung. Jedes Mal, wenn ich mich bei einem nostalgischen Gedanken ertappte, zuckte ich innerlich zusammen und eine kalte Hand legte sich um mein Herz.
Großmutter war verschwunden, einfach so. Hilda hatte sie besuchen wollen und ihr Haus zwar ordentlich, aber verwaist vorgefunden. Und von den Dorfbewohnern wollte niemand etwas gesehen haben. Ich erschauderte bei dem Gedanken. Er saß in meinem Nacken wie ein lebendiges Wesen. Mehrmals musste ich mich davon abhalten, mich umzudrehen und über meine Schulter zu blicken.
Großmutters Cottage lag am Ende einer Sackgasse am äußersten Rand des Dorfes, dahinter Wiesen, schwer in der Nässe, und nicht allzu weit entfernt der Waldrand. Meine Kindheitsidylle. Fast erwartete ich, Großmutter in ihrem kleinen Vorgarten vorzufinden. Hier war nichts Seltsames passiert. Hier kam einfach nur ihre Enkelin durch das Dorf, im roten Herbstmantel und mit Reiserucksack auf dem Rücken, um vor der großen Weltreise noch auf einen Besuch vorbeizuschauen.
Ich hätte sie viel öfter besuchen sollen.
Das Gartentor quietschte leicht, als ich es öffnete. Ich stieg die Stufen zur Haustür hinauf, steckte meinen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Mein Herz schlug schneller, die Zeit schien sich zu verlangsamen. Es war zu lange her, dass ich ihn das letzte Mal benutzt hatte. Andere trugen stets den Schlüssel zu ihrem Elternhaus bei sich – bei mir war es der meiner Großmutter. Schon immer gewesen. Im unsteten Leben mit meiner Mutter waren die Sommer bei ihr die Konstante gewesen.
Einen Wimpernschlag lang dachte ich daran, umzukehren. Dann war ich wie von selbst über die Türschwelle getreten.
Der Geruch, der mir entgegenschlug, war nicht unangenehm. Kühle Luft, der Geruch eines Hauses, das schon ein wenig Zeit mit sich alleine verbracht hatte. Ein wenig Teppich, ein wenig von Großmutters Holzmöbeln. Sogar etwas Würziges schwang darin mit: die getrockneten Kräuter, die in der Küche hingen.
»Großmutter?«
Es fühlte sich seltsam an, in das leere Haus hineinzurufen. Doch ich musste austesten, ob sich nicht doch alle geirrt hatten. Ob sie nicht gleich durch die Wohnzimmertür kommen, die Hände an ihrer Schürze abstreifen und mich zu Tee und Apfelkuchen einladen würde. Außerdem fühlte ich mich seltsam unbehaglich. Wie ein Eindringling, der eigentlich nicht hier sein sollte. Ohne Großmutters Einwilligung einfach in ihr Cottage spazieren, mich dort niederzulassen …
Ich streifte die Kapuze herunter und stellte meinen Rucksack in den Flur. Ich wagte es kaum, etwas anzufassen, auch wenn die Polizei wohl schon fertig war mit ihrer Arbeit im Haus. Ich wusste nicht genau, was sie gemacht hatten. Spurensicherung war ein ziemlich vager Begriff und am Telefon hatte mir die letzten Tage niemand wirklich Genaueres erzählen können.
Mit langsamen Bewegungen schloss ich die Haustür hinter mir. Das Klicken des Schlosses klang einsam in der Stille.
Überhaupt waren meine Ohren geschärft für jedes einzelne Geräusch. Das Rascheln, als ich meinen Mantel abstreifte und an die Garderobe hängte. Das leise Knarzen von Leder, als ich meine Stiefel auszog. Die kaum wahrnehmbaren Schritte, als ich in Strümpfen über den Teppich im Flur ging. Das Geräusch, als meine Fingerspitzen über die geblümte Raufasertapete strichen. Das flüsternde Regenrauschen vor dem Fenster.
Zimmer um Zimmer ging ich ab, wie in Zeitlupe. Mein Herzschlag beruhigte sich ein wenig und wurde langsamer, das Pochen blieb jedoch schmerzhaft heftig.
Sie hatten recht gehabt am Telefon, allesamt. Meine Mutter, Hilda, die Polizisten. Es war aufgeräumt, sauber – höchstens ein wenig staubig. Es sah nicht aus, als sei sie mitten in einer Tätigkeit unterbrochen worden. Nichts Halbfertiges lag herum. Keine offenen Schranktüren, kein gedeckter Tisch, als wäre sie während des Essens aufgestanden. Nirgendwo ein Zeichen dafür, dass alles stehen und liegen gelassen wurde, aus welchen Gründen auch immer. Es machte den Eindruck, als sei sie nur verreist. Als würde sie jeden Augenblick zurückkommen. Diese Leere wirkte nicht endgültig.
Irgendwann fand ich mich am Küchentisch wieder. Meine Hände hielt ich um eine Tasse Kräutertee geschlossen, Großmutters bevorzugte Mischung. Irgendwann hatte ich meine Scheu überwinden müssen, etwas anzufassen. Hatte Dinge benutzen müssen. Ich war hier auf unbestimmte Zeit eingezogen; es war unumgänglich.
In meinem Kopf ging ich den Plan durch, den ich auf meiner Reise gemacht hatte. Die Andeutung eines Plans zumindest.
Der erste Gedanke, wenn jemand in Großmutters Alter verschwand, war stets, ob die Person bei einem Spaziergang oder alltäglichen Besorgungen gestürzt war. Doch die Polizei war die üblichen Wege durch und um das Dorf bereits abgegangen. Wenn ich jetzt blindlings losliefe, wäre das wenig zielführend. Ich brauchte Anhaltspunkte! Wann war sie das letzte Mal hier gewesen? Warum war sie aus dem Haus gegangen, wohin war sie aufgebrochen?
Ich würde das ganze Haus auf den Kopf stellen und gezielt die Gegenstände, die Schränke durchgehen. Vielleicht fände ich Hinweise auf Reisevorbereitungen. Vielleicht gab es irgendwo einen Brief eines entfernten Bekannten oder Verwandten, den sie unerwartet hatte besuchen müssen …
Post! Ich sprang auf, hastete in den Flur zum Schlüsselbrett. Je nachdem, wie lange Großmutter schon verschwunden war, müsste ihr Briefkasten doch überquellen. Vielleicht würden mir die Briefe etwas sagen, vielleicht würde ich erkennen, ab wann sie ihren Briefkasten nicht mehr geleert hatte …
Ich kam tatsächlich mit einer dicken Handvoll wieder zurück in die Küche. Mit klopfendem Herzen breitete ich die Umschläge vor mir auf dem Küchentisch aus. Fast erwartete ich, zwischen ihnen einen Erpresserbrief hervorblitzen zu sehen, wie man ihn aus dem Fernsehen kannte, einen schlampig aus Zeitungsbuchstaben zusammengeklebten Text.
Das Läuten an der Tür ließ mich zusammenfahren und ich sprang auf.
Durch das Bullaugenfenster lugte mit großen Augen eine ältere Dame herein, der Mann hinter ihr trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Als ich die Tür öffnete, wich die Frau ertappt zurück. Einen Moment lang standen die beiden nur da und starrten mich an.
»Der alte Clark sagt, es wäre jemand hier, er habe Licht gesehen«, sagte die Frau unbeholfen. »Ich wollte … Ich wollte nur nachsehen, ob …«
Sie presste die Lippen aufeinander und sah mit entschuldigendem Blick zu...




