Maier | Globalgeschichte der frühen Hochkulturen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2955, 132 Seiten

Reihe: Beck'sche Reihe

Maier Globalgeschichte der frühen Hochkulturen


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-406-82266-7
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2955, 132 Seiten

Reihe: Beck'sche Reihe

ISBN: 978-3-406-82266-7
Verlag: C.H.Beck
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Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im vierten und dritten Jahrtausend v. Chr. entstanden in Afrika, Asien und Europa Städte und Reiche mit zentralisierter Herrschaft, Palästen und Tempeln, Schreibern und Priestern, Mythen und Gesetzen. Bernhard Maier beschreibt den langen Weg von den frühen Wildbeutern über die Sesshaftwerdung bis zu den ersten Staatsbildungen. Er porträtiert anschaulich die frühen Hochkulturen zwischen Ägypten und China sowie in Amerika und erklärt die unterschiedlichen Wirtschafts- und Siedlungsformen, Gesellschafts- und Herrschaftsordnungen, Schrift- und Zahlensysteme, Künste und Religionen.

BERNHARD MAIER ist Professor für Allgemeine Religionswissenschaft und Europäische Religionsgeschichte an der Universität Tübingen. Bei C.H.Beck erschienen von ihm zuletzt "Weltgeschichte der Religionen" (2023) und "Die Bekehrung der Welt. Eine Geschichte der christlichen Mission in der Neuzeit" (2021).
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1. Die ältesten Kulturen der Menschheit


Wenn in der Alltagssprache von den «frühen» Kulturen der Menschheit die Rede ist, meint man oft – mit Blick auf die grundlegende Bedeutung der griechisch-römischen Antike für unsere moderne Welt – die Kulturen der unmittelbar vorausgehenden Jahrtausende, insbesondere die Zivilisationen Altägyptens und des Zweistromlands. Dass frühe Kulturen zu jener Zeit auch in anderen Teilen der Welt zu finden sind, wird im Folgenden noch zur Sprache kommen. Darüber hinaus sei aber auch nicht vergessen, dass alle diese nur aus unserer Sicht «frühen» Kulturen das Endresultat einer fast drei Millionen Jahre währenden Entwicklungsgeschichte sind. Um diese Perspektive in angemessener Weise zu berücksichtigen, seien die wichtigsten Etappen dieser Geschichte im Folgenden kurz umrissen.

Frühe Wildbeuter


Vor etwa zweieinhalb bis drei Millionen Jahren entstanden in Ostafrika die ersten Steinwerkzeuge der sogenannten Oldowan-Kultur, die wohl von den frühesten Vertretern der Gattung Homo, vielleicht aber auch schon vom Australopithecus, einer ihnen nahe verwandten Gattung der Menschenaffen (Hominiden), geschaffen wurden. Als Ergebnisse eines auf Erfahrung beruhenden, vorausschauenden und zielgerichteten Handelns mit einer Vielzahl komplexer Bewegungsabläufe gehören sie zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Kultur. Vor ungefähr zwei Millionen Jahren begann dann die Entwicklung des Homo erectus, aus dem vor etwa 300.000 Jahren am Ende der Altsteinzeit (Altpaläolithikum) der Neandertaler und der Homo sapiens genannte heutige Mensch hervorgingen. In diesen über anderthalb Millionen Jahre umfassenden Zeitraum fällt eine ganze Reihe von Neuerungen, die für die spätere kulturelle Entwicklung des Menschen von entscheidender Bedeutung waren. Dazu gehören der aufrechte Gang, der Übergang zu einer Lebensweise als Sammler und Jäger, die Herstellung von Faustkeilen mit einem abgerundeten und einem spitzen Ende, die Nutzung des Feuers und die Anlage von Lagerplätzen sowie nicht zuletzt die Erschließung neuer Lebensräume durch Migrationen von Afrika nach Europa und Asien.

Die bislang ältesten Belege für die Nutzung des Feuers außerhalb Afrikas lieferte die seit 1989 erforschte Fundstätte Gesher Benot Ya’aqov in Israel, wo fast 800.000 Jahre alte Reste von verbrannten Samen und Holz sowie stark erhitzte Steine nachgewiesen wurden. Seit jener Zeit erleichterte das Feuer nicht nur durch Kochen und Braten die Aufnahme und Verarbeitung fleischlicher Nahrung, sondern auch deren Konservierung durch Räuchern, wodurch sich der Nutzen der Großwildjagd im Verhältnis zum damit verbundenen Aufwand stark erhöhte. Überdies schützte das Feuer auch vor Raubtieren und spendete Licht und Wärme, so dass dem gemeinsamen Aufenthalt an der Feuerstelle wohl eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der sozialen Interaktion und die Entstehung der Sprache zukam. Auch dass kühlere Lebensräume und Regionen mit großen jahreszeitlichen Temperaturschwankungen erschlossen wurden, dürfte erst durch das Know-how, mit Feuer umzugehen, möglich geworden sein.

Zahlreiche Rückschlüsse auf die Lebenswelt des Homo erectus ermöglichen die Funde von Bilzingsleben am Nordrand des Thüringer Beckens. Dort kam bei Ausgrabungen seit den 1970er Jahren eine Fülle organischen und anorganischen Materials zutage, darunter Knochen des Frühmenschen und zahlreicher verschiedener Tierarten, Werkzeuge aus Feuerstein, Knochen und Holz sowie Überreste von Wohnbauten und Feuerstellen. Daraus geht hervor, dass die Fähigkeiten des Homo erectus zum vorausschauenden und planvollen Handeln, zur erfahrungsgeleiteten Nutzung natürlicher Ressourcen und zur komplexen sozialen Interaktion – etwa bei der Großwildjagd oder der Anlage langfristig genutzter Lagerplätze – sehr viel weiter reichten, als man sich dies bis dahin vorgestellt hatte. Dies bestätigten die Überreste mehrerer etwa 300.000 Jahre alter Jagdspeere und einer Stoßlanze, die in den 1990er Jahren bei archäologischen Untersuchungen im Rahmen des Braunkohletagebaus im niedersächsischen Schöningen gefunden wurden. Sie legen die Vermutung nahe, dass bereits der Homo erectus über sprachliche Fähigkeiten verfügte, mit deren Hilfe er nicht nur technisches Wissen weitergeben, sondern auch gefahrvolle und mit zahlreichen Unwägbarkeiten belastete Aktionen wie die Großwildjagd planen konnte. In dieselbe Richtung weisen über 450.000 Jahre alte bearbeitete Hölzer, die 2019 als mutmaßlicher Bestandteil einer größeren Holzkonstruktion, etwa eines Stegs oder einer Plattform, entdeckt wurden, und zwar oberhalb des Kalambo-Wasserfalls in Sambia unweit der Grenze zu Tansania. Viele der vermutlich schon in jener frühen Zeit vorhandenen handwerklichen Fertigkeiten, die unter anderem bei der Herstellung von Kleidung zum Einsatz kamen, sind wohl nur wegen der geringen Haltbarkeit der dafür verwendeten organischen Materialien nicht mehr nachzuweisen. Nach wie vor ungewiss ist indessen, ob manche Ritzungen an Knochen bereits als erste Ansätze zu einer symbolischen Kommunikation zu deuten sind und ob einige der nur aus den materiellen Überresten erschlossenen Handlungen des Urmenschen vielleicht – auch – einen rituellen oder religiösen Hintergrund hatten.

Die ältesten archäologischen Funde, die man mitunter als Überreste von Bestattungen interpretiert, stammen noch aus dem Paläolithikum, genauer gesagt aus dem Zeitraum zwischen 80.000 und 40.000, an dessen Ende der Übergang von den Kulturen des Mittelpaläolithikums zu denen des Jungpaläolithikums und die allmähliche Verdrängung des Neandertalers durch den modernen Menschen stehen. Bereits 1886 entdeckten Vorgeschichtsforscher in einer Höhle bei Spy d’Omeau in Belgien die Skelette zweier Neandertaler, aus deren Fundlage man auf eine regelrechte Bestattung und damit auf eine religiöse Motivation der dabei durchgeführten Handlungen schloss. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stieß man auf weitere mutmaßliche Bestattungen von Neandertalern in Frankreich, so etwa unter den Felsschutzdächern von La Chapelle-aux-Saints im Département Corrèze, wo man das gut erhaltene Skelett eines erwachsenen Mannes fand, und von La Ferrassie in der Dordogne, wo die Skelette zweier Erwachsener und mehrerer Kinder zutage kamen. An der Ostgrenze des bis dahin bekannten Verbreitungsgebietes des Neandertalers fanden russische Archäologen 1938 in der usbekischen Teschik-Tasch-Höhle das Skelett eines acht- bis zehnjährigen Kindes im Fundzusammenhang mit sechs Hornpaaren sibirischer Steinböcke, was man ebenfalls als Überreste eines Bestattungsrituals deutete. Dazu kamen weitere Funde aus jüngerer Zeit, darunter in den Jahren 1957–1961 die archäologische Ausgrabung von zehn Neandertaler-Skeletten in der Shanidar-Höhle im Norden des Irak.

Kann man daher beim Neandertaler erstmals in der Geschichte der Menschheit anhand von Bestattungen eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Tod erkennen, so hinterließ Homo sapiens zu Beginn des Jungpaläolithikums zwischen 40.000 und 30.000 die ersten figürlichen Kunstwerke. Dazu gehören als älteste Darstellungen des menschlichen Körpers die sogenannten Venusfigurinen vom Hohlefels und vom Galgenberg sowie der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel, die rund 31 Zentimeter große, aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Skulptur eines aufrecht stehenden Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Löwen. Die religiösen Vorstellungen oder rituellen Handlungen, die mit diesen Kunstwerken verbunden gewesen sein mögen, liegen indessen vollständig im Dunkeln, da Rückschlüsse aus späteren Epochen mit allzu vielen Unsicherheiten belastet sind.

Schon früh gelangte Homo sapiens durch Migrationen infolge klimatischer Veränderungen von Afrika auf die Arabische Halbinsel und von dort nach Europa, Süd- und Ostasien sowie Australien. Dabei wurde der noch in Europa und Vorderasien anzutreffende Neandertaler allmählich vollständig verdrängt. Bis zum Beginn der – erdgeschichtlichen – «Gegenwart» (Holozän) am Ende der letzten Kaltzeit vor etwa...


BERNHARD MAIER ist Professor für Allgemeine Religionswissenschaft und Europäische Religionsgeschichte an der Universität Tübingen. Bei C.H.Beck erschienen von ihm zuletzt "Weltgeschichte der Religionen" (2023) und "Die Bekehrung der Welt. Eine Geschichte der christlichen Mission in der Neuzeit" (2021).



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