Maier | Klagfrei | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

Maier Klagfrei

Ein historischer Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7541-9681-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein historischer Roman

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

ISBN: 978-3-7541-9681-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Roman 'Klagfrei' greift einen nie aufgeklärten Kriminalfall auf, der sich zur Zeit der 1848er Revolution im Großherzogtum Baden zutrug. Ein katholischer Dorfpfarrer wird dringend verdächtigt, mit seiner noch minderjährigen Haushälterin ein Kind gezeugt und dieses nach der Geburt getötet zu haben. Mit Hilfe authentischer, aber auch fiktiver und halbfiktiver Quellen wird der Fall neu aufgerollt und in den Kontext des politisch-gesellschaftlichen Um- und Aufbruchs Mitte des 19. Jahrhunderts eingebettet.

MATTHIAS MAIER, geboren 1960 in Freiburg i. Br., aufgewachsen im katholischen Milieu eines Schwarzwalddorfes, lebt heute in Gundelfingen bei Freiburg. Er war Lehrer für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde an einer beruflichen Schule. Aktuell arbeitet er beim Regierungspräsidium Freiburg. Sein Buch über einen Freiburger Rassenforscher wurde im November 2021 von der baden-württembergischen Landesregierung mit dem ersten Preis des 'Landespreises für Heimatforschung' ausgezeichnet.
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Das Ultimatum


30. März 1848

Josef Halder war einer der größeren Bauern und seit zehn Jahren Bürgermeister in Lichtenau. Wie Bellmann herausgefunden hatte, war er neben Schweighöfer und einem weiteren Pfarrer der einzige Abonnent des Volksführer im Amtsbezirk Oberkirchen. An einem Frühlingsabend des Jahres 1848 saßen Halder und elf weitere Lichtenauer Bauern in der geräumigen Stube des Halderschen Hofes, tranken Apfelmost und redeten sich die Köpfe heiß. Sie waren zusammengekommen in dem mehr oder weniger bewussten Drang, die seit einigen Monaten gärende revolutionäre Stimmung in Europa in eine revolutionäre Aktion umzusetzen, nachdem sie sich in den Metropolen wie Paris, Wien und Berlin bereits entladen hatte. Um erst einmal im Kleinen anzufangen, zielte ihr revolutionärer Tatendrang auf ihren Ortsgeistlichen Franz Anton Bellmann.

Halder galt als einer der schärfsten Widersacher des Pfarrers. Beide waren um die Jahrhundertwende geboren. Beide waren sie stolz, machtbewusst und unnachgiebig. Politisch vertraten sie gegensätzliche Positionen. Halder sympathisierte mit den radikaldemokratischen Ideen Friedrich Heckers. Im September 1847 war er in Offenburg mit dabei gewesen, als die Offenburger Forderungen verkündet wurden. Sie waren gewissermaßen das radikaldemokratische Programm der badischen Revolution von 1848.

Pfarrer Bellmann dagegen stand den Konservativen nahe. Er pflegte seine Predigten mit erhobenem Zeigefinger und ermahnenden Appellen an das Dorf- und Bauernvolk abzuschließen, die sich so oder so ähnlich anhörten:

Im Übrigen bleibt bei Eurer Arbeit, bestellt Eure Felder und meidet die Wirtshäuser! Sorgt für Weib und Kind, seid fleißig, mäßig, sparsam und ehrfürchtig vor Gott! Achtet und ehrt die Obrigkeit, denn sie ist von Gott! So wird es Euch wohlergehen auf Erden und im Himmel werdet Ihr selig werden. Amen.

Die so genannte Bauernbefreiung widerstrebte Bellmanns gesellschaftspolitischem Ordnungsgefühl, die Revolution war für ihn schlicht Teufelswerk. Die Offenburger Forderungen bestätigten ihn in seiner Haltung. Dort wurde unter anderem das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit gefordert – für ihn ein Affront gegen die Kirche. Die Revolutionäre besaßen aus seiner Sicht die Unverfrorenheit, in Offenburg die Beziehung zu Gott als etwas Intimes zu deklarieren, das niemanden etwas angehe, auch die Kirchen nicht.

Bellmann war 1834 nach Lichtenau gekommen, um dort die Pfarrei zu übernehmen. Er hatte bis dahin immer in der Stadt gelebt, war in städtischen Pfarreien als Kaplan eingesetzt. Lichtenau war seine erste Pfarrstelle. Das Landleben war ihm fremd und es blieb ihm während der ganzen Jahre fremd. Vor den Bauern hatte er keine Achtung und geriet schon bald in heftigen Streit mit ihnen. Er hielt sie für ungeschliffenes Volk, dem erst einmal Manieren beizubringen seien. Seltsamerweise pflegte er seine eigenen Verfehlungen und Marotten auf seine Gemeindemitglieder zu übertragen. So bezichtigte er die Lichtenauer einer ausgeprägten Prozesssucht, während er selbst seine Nachbarn und andere Lichtenauer Bürger im Lauf der Jahre mit zahlreichen Anzeigen und Prozessen beim Bezirksamt überzog. Einen Gastwirt aus dem Dorf verklagte er erfolglos bis zum Freiburger Hofgericht wegen übler Nachrede. Bellmann schien des Landlebens so überdrüssig geworden zu sein, dass er von Zeit zu Zeit ohne Vorankündigung seine Gemeinde für mehrere Tage sich selbst überließ. Die Gläubigen mussten während dieser geheimnisvollen Vakanzen auf seine geistlichen Dienstleistungen, insbesondere auf die Erteilung der Sakramente, verzichten. So mancher Sterbende in Bellmanns Pfarrei musste diese Welt ohne die seelenbefriedende Krankensalbung verlassen. Denn nicht immer fand sich rechtzeitig ein Priester aus einer der Nachbargemeinden, der für ihn einsprang.

Das Ziel, das Halder verfolgte, entsprach der revolutionären Stimmung: Er wollte den Pfaffen aus dem Dorf jagen.

„So einen brauchen wir hier nicht. Der Saukaib muss weg“, rief einer in die Runde der zwölf versammelten Bauern und haute dabei so kräftig mit der Faust auf den Tisch, dass die vollen Mostgläser überschwappten. „Im gesamten Amtsbezirk lacht man schon über uns. Der muss verschwinden. Der tanzt uns doch auf der Nase rum und macht, wie‘s ihm grad passt. In Forchheim draußen haben sie es vorgemacht. Die sind ihren Pfarrer los.“

Ein älterer Bauer sagte: „Wir haben viel zu lange gewartet: Der hat uns doch gleich, als er in unsere Gemeinde gekommen ist, gezeigt, wo der Barthel den Most holt. Das war anno 34. Bei den Verhandlungen über die Zehntablösung hat er dermaßen hart und unverschämt verhandelt, wie man es von einem Priester nicht erwartete hätte. Er konnte den Kragen nicht vollkriegen, der Halsabschneider.“

Sein Nebensitzer ergriff das Wort: „Viele haben sich wegen der Zehntablösung verschuldet. Manche zahlen heute noch. Manche mussten verkaufen, sind darüber schwermütig oder zum Säufer geworden – oder beides.“

Der Ältere ergänzte: „Wenn man mit ihm, also mit Bellmann, reden wollte wegen der Schulden und der Verzugszinsen, dann hat der hoffärtige Kaib einen zuerst ausgelacht und dann mit einer Anzeige beim Bezirksamt gedroht. Das war sein Einstand bei uns.“

Der jüngste der anwesenden Bauern, der mit 22 Jahren nach dem frühen Tod seines Vaters einen der größten Höfe im Lichtenauer Tal bewirtschaftete, rief, vom Most mutig geworden, in die Runde: „So ein Lumbeseggel! Warum habt ihr euch das überhaupt bieten lassen? Den hättet ihr damals in einen Sack stecken sollen und …“. Der junge Bauer sprach nicht weiter, sondern stand von seinem Stuhl auf und vollendete seinen Satz mit Händen und Füßen. Er schlug mit geballten Fäusten Löcher in die Luft und trat seinem Nebenmann gegen das Schienbein, das unfreiwillig den Pfarrer im Sack ersetzen musste.

„Herrgottssakrament, pass doch auf, du Depp, setz dich hin und benutz dein Hirn, wenn du was zu sagen hast. Und wenn dir nichts Gescheites einfällt, dann halt deine Gosche.“

„Das wäre wirklich nicht sehr schlau gewesen“, sagte ein anderer. Bellmann hätte uns allesamt sofort beim Bezirksamt angezeigt. Aber im Ernst: Wir konnten ihm damals doch nur schwer an den Karren fahren, denn die Regeln der Zehntablösung hat nicht er gemacht, sondern die feinen Herren Abgeordneten im Badischen Landtag.“

Halder hatte die Diskussion erst einmal laufen lassen, mischte sich jetzt aber ein, weil er glaubte, dass sie in die falsche Richtung abzugleiten drohte. Er stand auf, stützte sich mit den Händen auf den Tisch, schob seinen Unterkiefer vor und sagte:

Zehntablösung – wenn ich das Wort schon höre, geht mir s’Messer im Sack auf. Kann denn das recht sein, dass wir Bauern seit der Rodung des Schwarzwalds durch unsere Altvorderen von den Oberen ausgepresst werden? Kann es recht sein, dass der Adel und die Kirche uns bis in unser Jahrhundert alljährlich um einen Teil unseres Ertrags bringen, den wir in harter Arbeit erwirtschaftet haben? Welche Gegenleistung haben wir jemals dafür erhalten? Ihr kennt die Antwort: keine! Und für die Abschaffung dieser Schmarotzerrechte lassen diese Blutsauger uns auch noch bezahlen.“

„Mensch Halder, du bist ein richtiges Käpseli im Reden, bringst die Dinge auf den Punkt. Wenn du Abgeordneter im Landtag wärst, dann könntest du den feinen Herren dort mit solchen Reden den Marsch blasen“, kommentierte einer der Bauern Halders rhetorische Einlage. Halder fühlte sich geschmeichelt.

„Es ist bloß so“, fuhr der andere fort, „dass das alles kalter Kaffee ist.“

Für einen Moment herrschte Stille. Die Blicke der anderen Bauern wanderten in gespannter Erwartung von dem, der eben gesprochen hatte, zu Halder, der am entgegengesetzten Ende des Tisches stand. Eben noch entspannt lächelnd war sein Mienenspiel erstarrt. Halder war von diesem Angriff auf seine Autorität überrascht. Mit einem bemüht herablassenden Grinsen versuchte er, seine Verlegenheit und seinen Ärger zu überspielen, und sagte: „Du kannst mir und den anderen hier sicherlich erklären, warum der Kaffee kalt geworden ist.“

„Denk halt mal selber nach!“, antwortete der andere, der sich von Halder nicht einschüchtern ließ. „Die Zehntablösungsverhandlungen mit Bellmann sind seit mehr als zehn Jahren abgeschlossen. Auch wenn einige von uns wegen der Schulden und Zinszahlungen immer noch Händel mit ihm haben, haben wir das Ganze damals, wenn auch zähneknirschend, akzeptiert. Das können wir wohl schlecht als Grund anbringen, weshalb wir ihn loswerden wollen.“

Die meisten nickten jetzt mit dem Kopf oder äußerten sich zustimmend, wobei die verbalen Äußerungen bei einigen nurmehr als ein dunkel gurgelndes, wortverlorenes Lallen daherkamen. Dies war dem Brauch geschuldet, dass ein Bauer, der nicht als geizig gelten wollte, seinen Gästen, kaum dass sie aus ihrem Glas einen Schluck genommen hatten, ungefragt auf der Stelle nachschenken ließ oder selbst nachschenkte. Bei der feineren Version dieses Brauchs ging dem Nachschenken ein ritueller Dialog voraus, bei welchem sich die Aufforderung, sich nachschenken zu lassen, mit der gespielten Ablehnung durch den Gast mehrfach abwechselten. Schließlich gab der Gast nach, aber nicht ohne eine einschränkende Bemerkung anzubringen: Aber bloß noch e Muggeseggeli! Dann wurde das Glas wieder randvoll gemacht. Der Gast sagte nichts mehr, bis er, früher oder später, einen kräftigen Schluck nahm und das ganze Ritual von vorne begann. Ob nun mit oder ohne rituellen Dialog, es saßen stets alle vor vollen...



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