E-Book, Deutsch, 752 Seiten
Mailer Gespenster
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7844-8447-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Epos der geheimen Mächte, Erster Ring
E-Book, Deutsch, 752 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8447-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer ist hinter Harry Hubbard her? Warum brennt das Haus dieses eher zweitrangigen CIA-Offiziers, verschwindet seine Frau, flieht er in einem panischen Schrecken nach Moskau? Ist es, weil er für "Harlot" arbeitet, den großen alten Mann des CIA? Harlot war den "Hohen Heiligen" auf der Spur, einer mächtigen Gruppe innerhalb der "Agency" und verdächtig, den größten Verrat in der Geschichte der Geheimdienste begangen zu haben.
Harlot ist tot. Ermordet? Doch sein Geist sitzt den Hohen Heiligen im Nacken – und Harry Hubbard, der nun allein steht gegen übermächtige Gewalten.
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1
Vorab das Wichtigste. Ich bin ein Hubbard. Bradford und Fidelity Hubbard trafen sieben Jahre nach der Mayflower in Boston ein, und Seitenlinien der Familie findet man heute in Connecticut, Maine, New Hampshire, Rhode Island und Vermont. Meines Wissens bin ich aber der erste Hubbard, der öffentlich zugibt, daß der Familienname nicht ganz so eindrucksvoll ist, wie unser Anteil an Rechtsanwälten und Bankiers, Ärzten und Gesetzgebern vermuten läßt, dazu ein Bürgerkriegsgeneral, mehrere Professoren und mein Großvater, Smallidge Kimble Hubbard, Headmaster von St. Matthew’s, dessen Legende bis auf den heutigen Tag fortlebt. An warmen Sommermorgen pflegte er bis in das hohe Alter von neunzig Jahren, in seinen Einerkajak zu klettern und hundert Schläge in die Blue Hili Bay hinauszupaddeln. Natürlich wäre er schon bei einem falschen Schlag ins kalte Wasser von Maine gekippt – ein nahezu tödliches Risiko, aber er starb im Bett. Mein Vater, Boardman Kimble Hubbard, bei seinen Freunden als Cal bekannt – nach Carl »Cal« Hubbeil, dem Pitcher der New York Giants, den er verehrte –, war ebenso außergewöhnlich, aber ein so in sich gespaltener Mann, daß meine Frau, Kittredge, ihn als Studienobjekt für ihre wissenschaftliche Arbeit »Der Zwiespalt der Seele« benutzte. Er war ein Prahlhans und ein Schwadroneur, Bramarbas und Diakon in einem; ein kühner, kräftiger Mann, der sich morgens mit der gleichen Selbstverständlichkeit unter seine kalte Dusche stellte, mit der andere Eier und Schinken in sich hineinschaufeln. Er ging jeden Tag in die Kirche und war doch ein gewaltiger Schürzenjäger. In der schwierigen Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als FBI-Chef J. Edgar Hoover Präsident Truman in den Ohren lag, daß der geplante CIA doch gar nicht nötig sei, weil sein Federal Bureau of Investigation ja diese zusätzlichen Aufgaben übernehmen könne, begab sich mein Vater auf eine geheime Mission, die unsere Organisation retten sollte. Er verführte ein paar wichtige Sekretärinnen im Außenministerium und sammelte auf diese Weise eine Vielzahl bürointerner Geheimnisse, die er an Allan Dulles weiterleitete, der seinerseits alles mit einer Erklärung, die die Sekretärinnen vor Verfolgung schützte, ans Weiße Haus schickte. Damit gelang es, den Präsidenten zu überzeugen, daß Amerika einen richtigen Geheimdienst brauchte. Allen Dulles war von Cal Hubbard hellauf begeistert und sagte einmal zu mir: »Dein Vater wird es nicht zugeben, aber der Monat mit den Sekretärinnen war die beste Zeit seines Lebens.«
Ich betete meinen Vater an, und deswegen war meine Kindheit fürchterlich: dauernd machte ich mir Sorgen, übernahm mich und spürte trotzdem ständig eine entsetzliche Kälte in mir. Natürlich wollte ich sein wie er und konnte ihm doch nicht das Wasser reichen. Oft haßte ich ihn beinahe, weil ich ihn so enttäuschte und er mich kaum beachtete.
Meine Mutter war ganz anders. Ich bin das Resultat einer Ehe zweier Menschen, die so grundverschieden waren, daß sie von verschiedenen Planeten hätten stammen können. In der Tat trennten sich meine Eltern denn auch bald, und ich verbrachte meine Knabenjahre damit, die beiden Teile meines Wesens wieder zusammenzufügen.
Meine Mutter war zartknochig, attraktiv und blond und sie verbrachte ihre Zeit – von den Sommerferien abgesehen – in der feinen New Yorker Gesellschaft. Sie war eine »jüdische Prinzessin«, wobei man die Betonung getrost auf das zweite Wort legen kann. Sie hätte nicht einmal den Unterschied zwischen der Thora und dem Talmud erklären können. Sie erzog mich in völliger Unkenntnis aller Themen, die sonst die Juden bewegen – mit einer Ausnahme allerdings: Sie trichterte mir die Namen der großen jüdischen New Yorker Bankhäuser ein, und ich glaube, meine Mutter sah Salomon Brothers und Lehman Brothers als sichere Häfen für den Fall künftiger Stürme an.
Der Ururgroßvater meiner Mutter war ein bemerkenswerter Mann namens Chaim Silberzweig. Seinen Namen hatte er von den Einwanderungsbehörden in ein weniger unaussprechliches Hyman Silverstein verwandeln lassen. Er kam 1840 als Immigrant nach Amerika und arbeitete sich vom Straßenhändler und Hausierer zum Kaufhausbesitzer empor. Seine Söhne wurden Handelsprinzen, und seine Enkel, die sich nun Silverfield nannten, gehörten zu den ersten Juden, die man in Newport duldete. Obwohl die Familie meiner Mutter von Generation zu Generation verschwenderischer lebte, nahm dies angesichts des Vermögenszuwachses trotzdem nie katastrophale Ausmaße an: Das Vermögen meiner Mutter entsprach immer noch dem, was der erste Silverstein seinen Erben hinterlassen hatte. In ihren Adern floß jedoch nur noch ein Viertel jüdischen Bluts. Denn die Silverfields hatten reiche nichtjüdische Frauen geheiratet.
Obwohl ich meine Mutter als Kind öfter als meinen Vater sah, betrachtete ich doch die väterliche Seite als meine eigentlichen Verwandten. Die Sippe meiner Mutter versuchte ich zu ignorieren. Ein Mann, der in der Todeszelle saß und auf seine Hinrichtung wartete, hat einmal gesagt: »Wir schulden unseren Eltern nichts – wir gehen nur einfach durch sie hindurch.« So ein Gefühl hatte ich meiner Mutter gegenüber. Schon bald nahm ich sie nicht mehr ernst. Sie konnte bezaubernd und voller liebenswerter Torheiten sein, und wenn sie ihre amüsanten Abendessen gab, war sie sicherlich recht unterhaltsam. Gesellschaftlich hatte sie leider einen fürchterlichen Ruf, und ein paar Jahre, nachdem Jessica Silverfield-Hubbard eine Ex-Hubbard geworden war, druckte das Social Register ihren Namen nicht mehr ab. Weitere zehn Jahre dauerte es, bis auch ihre allerbesten Freundinnen sie schnitten. Schuld daran waren, so nehme ich an, weniger ihre vielen Affären als ihr Hang zur Mythomanie. Sie war eine krankhafte Lügnerin, und schließlich wurde die Erinnerung zu ihrer einzigen bleibenden Freundin. Diese gab ihr ein, was sie aus Gegenwart und Vergangenheit zu behalten wünschte, und so konnte man nie wissen, was Sache war, wenn man ihr zuhörte. Ich glaube, daß ich meine Begabung für die Spionageabwehr diesem Erbe meiner Mutter verdanke – schließlich kommt es dabei auch darauf an, den Gegner so mit falschen Informationen zu füttern, daß er diese als echt ansieht und die gewünschten Schlüsse zieht.
Jedenfalls kann ich kaum von mir behaupten, als guter Jude erzogen worden zu sein. Meine einzige Beziehung mit dem »Heringbaron«, wie meine Mutter den Ururgroßvater Chaim Silberzweig abschätzig zu nennen pflegte, bestand darin, daß mich antisemitische Äußerungen erbosten. In dieser Hinsicht hätte ich fast ein traditionsbewußter Getto-Jude sein können. Denn in solchen Momenten fühlte ich mich in der Tat als Jude. Ansonsten war meine Vorstellung vom Judentum verbunden mit gestreßten Gesichtern in der quietschenden New Yorker U-Bahn.
Meine Kindheit war allerdings die eines Knaben der besseren Gesellschaft. Ich besuchte die Buckley School und war ein Knickerbocker Gray, bis man mir nahelegte auszutreten – eine Folge meiner peinlichen Unfähigkeit, den harten Drill zu ertragen. Beim Marschieren bekam ich derartige Kopfschmerzen, daß ich die Befehle überhörte.
Natürlich mag auch der schlechte Ruf meiner Mutter dazu beigetragen haben, und dafür spricht auch die Art und Weise, in der mein Vater mich wieder in der Schule unterbrachte. Als Veteran von spartanischem Zuschnitt neigte er nicht dazu, für seinen Sprößling Vergünstigungen anzustreben. Diesmal aber rief er Leute an, die man sich für Notfälle aufspart. Die Hubbards hatten einflußreiche Freunde in New York, und mein Vater nahm mich mit auf einige Veranstaltungen, damit ich ein paar »alte Herren« der Grays kennenlernte. »Es ist unfair. Sie bestrafen den Jungen für Ihr Verhalten …« hörte ich ihn sagen, und dieses Argument muß gewirkt haben. Man nahm mich wieder auf, und ich schaffte es dann, mich trotz der Kopfschmerzen durchzubeißen, obwohl ich als Kadett sehr unglücklich war.
Ich glaube, Menschen, die eine schöne Kindheit hatten, erinnern sich auch gern daran. Ich erinnere mich am meisten noch an die Stunden, die ich mit meinem Vater verbrachte. Dieser ähnelte ein wenig Ernest Hemingway. Er war mindestens ebenso lebhaft und impulsiv und trug denselben großen, dunklen Schnurrbart. Er war auch wie Hemingway gebaut und hatte für einen Mann seiner Körperkraft relativ dünne Beine. »Wenn ich nicht solche spindeldürren Beine hätte, wäre ich vielleicht Fullback im ersten All-American Team geworden«, stellte er mitunter fest. Er hatte einen mächtigen Brustkorb, und darin schlug ein stolzes Herz.
Natürlich war er stolz auf sich selbst, und wenn ich sage, daß mein Vater zu Eitelkeit und Egoismus neigte, möchte ich ihn damit nicht herabsetzen. Denn während er die selbstgefällige Miene eines erfolgreichen College-Athleten zur Schau trug, war doch seine Beziehung zu anderen Spiegel seiner endlosen inneren Kämpfe. Die beiden Hälften seiner Seele lagen weit auseinander. Der Diakon und der Bramarbas mußten jeden Abend meilenweit wandern, bevor sie Ruhe finden konnten. Ich glaube, seine Stärke war, daß es ihm überhaupt gelang, eine Art inneren Frieden zwischen diesen beiden auseinanderstrebenden Hälften zustande zu bringen. Wenn aber der puritanische Schulmeister in ihm mit dem Eroberer an einem Strang zog, konnte er ungeahnte Energien entwickeln. Mein Vater war kein nachdenklicher Mensch, aber er hat den Satz geprägt: »Wenn deine Ideale und dein Egoismus beide zur selben Tat drängen, dann kannst du sicher sein, daß der Saft fließt.«
Am liebsten trug mein Vater seinen von mir so genannten »Kampfanzug«. Das war einstmals ein Anzug aus hellbraunem schottischem Tweed gewesen, so schwer und hart wie...




