Maine | Jenseits des breiten Flusses | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Maine Jenseits des breiten Flusses

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-18694-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-18694-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schottland 1893: Die 19jährige Evelyn Ballantyre macht sich auf, ihren Vater auf eine Reise nach Kanada zu begleiten. So kann sie die Grenzen des herrschaftlichen Anwesens hinter sich lassen, das für sie in den letzten Jahren eher ein Gefängnis als ein Zuhause war. Seit jener schicksalhaften Nacht, in der zwei Menschen starben, und ihr Jugendfreund, der Stallbursche James Douglas, der Tat beschuldigt fliehen musste. Doch als sie in der kanadischen Wildnis unverhofft auf James trifft, drängen die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit an die Oberfläche. Und Evelyn muss sich entscheiden, wo ihre Zukunft liegt …

Sarah Maine wurde in England geboren, wuchs dann aber in Kanada auf, bis sie in ihre Heimat zurückkehrte, um Architektur zu studieren. Schon als Kind lernte sie die einzigartige Schönheit Schottlands lieben, wenn sie dort mit ihren Eltern Urlaub machte, eine Tradition, die sie heute mit ihrer Familie fortführt. Sarah Maine lebt in York im Nordosten Englands.
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Eins

Columbian Exposition, Weltausstellung, Chicago, 1893

Alle paar Minuten durchschnitt ein riesiger Lichtstrahl den Nachthimmel über der White City so grell, dass die Vögel auf den dunklen Wellen des Sees erschraken. Er erhellte den eleganten Bug von Mr Larsens Jacht Walküre, die dort vor Anker lag, und ließ den Rumpf erglänzen. Nun erreichte er Evelyn Ballantyre, die, über die Backbordreling gebeugt, auf die schartigen Spiegelungen hinunterschaute. Sie begann, die Sekunden zu zählen. Eins, zwei, drei – als der Strahl sich entfernte, hob sie den Kopf und folgte ihm mit dem Blick über den Pier, der sich etwa einhundert Meter entfernt befand. Dort erhellte er die Promenade mit ihren Ständen und Buden, die bereits geschlossen waren, bevor er wieder hinaufwanderte und die Silhouetten klassischer Kuppeln und Kolonnaden beleuchtete.

Die White City, die Weiße Stadt …

Kurz streifte der Strahl das Achterdeck, wo Evelyns Vater und ihr Gastgeber Mr Larsen unter dem gestreiften Sonnensegel in Abendkleidung auf den Beginn des Festes warteten.

»Alles in Ordnung, Liebes?«, erkundigte sich ihr Vater. Sie nickte und wandte sich erneut dem See zu. Zuvor hatte sie ihnen Gesellschaft geleistet, war dann aber mit einem Lächeln aufgestanden, das keinem der Männer auffiel, um zur Reling hinüberzuschlendern und das Schauspiel mitzuverfolgen, wie Elekrizität das Ufer verwandelte. Das Gespräch der beiden hatte sich wie immer hauptsächlich um aktuelle Zeitungsartikel gedreht, in denen nun tagtäglich die Rede war von Bankrotten und Selbstmorden. Was gab es darüber noch Neues zu sagen?, fragte sich Evelyn.

Sie betrachtete stirnrunzelnd die Spitzen ihrer paillettenbesetzten Schuhe. Es handelte sich um ein neues, ausgesprochen teures Paar, das sie bei einem kurzen Einkaufsbummel während eines Landgangs in New York auf dem Weg nach Chicago erworben hatte. Die Pailletten funkelten, als der Lichtstrahl sie erfasste, Glanz ohne jegliche Substanz.

Die White City. Die Bezeichnung hatte sie in Schottland das erste Mal gehört und sich einen geheimnisvoll-magischen Ort vorgestellt. Die Stadt, die sie nun mit eigenen Augen sah, wurde tatsächlich ihren Erwartungen gerecht. Doch an der lauten Machinery Hall, der Maschinenhalle, in der sie den Vormittag verbracht hatten, war für sie nichts Ätherisches oder Magisches gewesen, und auch nicht am Mines and Mining Building, dem Gebäude, das sich Minen und Bergbau widmete und das sie am Nachmittag aufsuchten. Ihr Vater hingegen war natürlich von beiden Hallen fasziniert gewesen und hatte sich über Kosten und mögliche Gewinne erkundigt, während sie die außergewöhnliche Kleidung der wenigen Frauen betrachtete, die wie sie die Männer begleiteten.

Mr Larsen hatte im Salon der Jacht Reiseführer und Programme ausgelegt, die Evelyn fasziniert durchgegangen war.

»Die Welt kommt nach Chicago«, hatte er lächelnd erklärt, »lassen Sie sich von den Wundern der Stadt beeindrucken.« Sie hatte im Illustrierten Führer durch die Weltausstellung und Chicago und einem Buch über die Columbian Exposition geschmökert. Aus ihnen wussste sie, dass es abgesehen von den großen Pavillons auch einen japanischen Garten und eine chinesische Pagode zu bestaunen gab, dazu Eskimos und ein Indianerlager sowie die allseits beworbenen Attraktionen des Midway Plaisance. Aber ihr Vater hatte diese Seiten lediglich überflogen und sich stattdessen auf die langweiligste der Ausstellungshallen konzentriert, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was sie interessieren könnte.

Morgen jedoch, wenn auch die anderen Mitglieder ihrer Gruppe eintrafen, würden sie und Clementina die Männer ihren Maschinen überlassen und gemeinsam die Attraktionen des Woman’s Building erkunden. Ein Gebäude, ausschließlich von Frauen ersonnen, hatte Mr Larsen ihr erklärt, angefüllt mit weiblichen Schöpfungen, ausgestattet mit Wandgemälden, die die unterschiedlichen Lebensbereiche von Evelyns Geschlechtsgenossinnen feierten, außen geschmückt mit dem Werk einer Bildhauerin in Evelyns Alter.

Noch einmal blickte sie zu ihrem Vater hinüber, der ausgesprochen selbstzufrieden und weltmännisch wirkte, und überlegte, was sie selbst mit ihren neunzehn Jahren vorzuweisen hatte. Auf dem riesigen ländlichen Anwesen im Grenzgebiet zwischen Schottland und England, viele Kilometer von Edinburgh entfernt, verbrachte sie Wochen in der langweiligen Gesellschaft eines Zeichenlehrers und eines unsicheren Tutors, der ihr die klassische Literatur nahezubringen versuchte. Machte ihr Vater sich je Gedanken über ihre Gefühle oder ihre Zukunft? Oder ging er einfach davon aus, dass sie wie Clementina den Sohn irgendeines Nachbarn ehelichen und ihr Leben auf einem ähnlichen Anwesen wie ihrem eigenen verbringen würde, ohne je etwas von der großen weiten Welt mitzubekommen?

Wenn sie an die erbarmungslose Langeweile dachte, bekam sie es mit der Angst zu tun.

Begriff er denn nicht, dass es Langeweile gewesen war, die zu dem Zwischenfall geführt hatte?

Evelyn sah zu, wie die Spiegelungen auf dem Wasser sich in zackige Gebilde auflösten, wenn der Lichtstrahl sich der Walküre näherte. Einfach eine Freundschaft, nichts weiter, Folge ihrer Einsamkeit und wachsenden Frustration, ohne jede Bedeutung! Ihr Vater hatte schockiert sofort reagiert, sehr zu ihrer Freude, musste Evelyn zugeben, die sie sich allerdings lieber nicht anmerken ließ. Seit jenem grässlichen Tag, an dem sie sich in seinem Arbeitszimmer hatte rechtfertigen müssen, war kein Wort mehr über den Zwischenfall verloren worden, doch sie wusste, dass er sie nun mit Argwohn beobachtete.

Sie hörte ihn über eine Bemerkung von Mr Larsen lachen und schaute erneut in Richtung des verzauberten Ufers. Er beobachtete sie, ja, aber er sah nichts.

Die beiden Männer sprachen gerade davon, dass sie am folgenden Morgen das Electricity Buildung besichtigen wollten, bevor George und Clementina mit dem Zug eintrafen.

Mr Larsen hatte über Evelyns entsetzten Gesichtsausdruck geschmunzelt, als sie zum ersten Mal von diesem Plan hörte. »Wir werden uns auch das Midway Plaisance ansehen, das verspreche ich Ihnen, meine Liebe, und das Riesenrad von Mr Ferris. Sollen wir eine Fahrt damit wagen? Trauen Sie sich das?«

Sie hatte schmallippig gelächelt. Hielt er sie etwa für ein Kind, das man mit der Aussicht auf eine Leckerei abspeisen konnte?

Über den Dächern entdeckte sie nun das Riesenrad, erhellt von einer doppelten Reihe funkelnder Lichter. Ein erstaunlicher Anblick. Plötzlich konnte sie den Abend kaum noch erwarten. Aber die beiden unterhielten sich nach wie vor. Was hatten sie nur zu bereden? Rund um sie herum ereigneten sich finanzielle und politische Katastrophen, hatte man ihr erklärt, doch ihr Vater und Mr Larsen wirkten ruhig. Deswegen konnte sie eigentlich nur annehmen, dass sie keine ernst zu nehmenden Verluste erlitten hatten. Warum also die endlosen Gespräche?

»Es dauert nicht mehr lange, meine Liebe«, rief Mr Larsen ihr zu. »Bleiben Sie auf dem Posten. Der Magier sagt, wir sollen die Augen offen halten.«

Mr Larsen war Bankier, einer der wenigen Geschäftspartner ihres Vaters, die Ballantyre House aufsuchten. Wegen Bankgeschäften überquerte er den Atlantik regelmäßig einmal jährlich. Evelyn mochte ihn. Er war gesellig, sich selbst und anderen gegenüber großzügig, korpulent, sprach mit ihr über Bücher und Gemälde, fragte sie nach ihrer Meinung und versuchte, ihren Geschmack zu ergründen. Doch jedes Mal, wenn sie sich abmühte, ihre Gedanken zu formulieren, entführte ihr Vater ihn, um sich stundenlang mit ihm in seinem Arbeitszimmer zu vergraben oder auf der Terrasse bei Zeitungen und Zigarren endlos zu diskutieren. Die zwei sind dicke Freunde, hatte Evelyn die Haushälterin eines Nachmittags sagen hören, als sie den Tee zu ihnen hinausschickte.

Beim Blick auf die stahlgraue Oberfläche des Sees überkam Evelyn wieder dieses Gefühl der Übelkeit. Ihr Vater war hoch angesehen in der Grafschaft, ein Friedensrichter, der für die Königin Recht sprach.

Und Wilderer ihrer gerechten Strafe zuführte …

Evelyn schaute hinüber zu den Jachten, die in der Nähe vertäut waren, und begann, zur Ablenkung Bugspriete zu zählen. Achtzehn, neunzehn – es waren wohl zwanzig, eine kleine Flotte des New York Yacht Club, wie sie von Mr Larsen wusste. Sie zerrten an ihren Ketten wie nervöse Vollblüter, herausgeputzt mit Flaggen und Wimpeln, schick wie ihre Eigentümer. Der glänzende Lack reflektierte das Licht auf Messingrelings und hochglanzpolierte Decks, während der Geruch teurer Zigarren übers Wasser zu ihr herüberwehte. Vielleicht wurden dort ähnlich ernste Gespräche geführt, unterbrochen von Anweisungen an Bedienstete in Livree, die ihre Sorge, möglicherweise schon bald keinen Lohn mehr zu erhalten, hinter einer Maske der Dienstbeflissenheit verbargen.

»Was denkt die hübsche Evelyn wohl?«

Sie war die Altherrengalanterie des Bankiers gewöhnt, die er mit verschmitztem Blick und dem leicht singenden Akzent seines heimatlichen Aalborg präsentierte, als er sich zu ihr an die Reling gesellte. Sie schüttelte belustigt den Kopf.

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie ihr Vater einen Zug an seiner Zigarre nahm und sie beobachtete. Stellte er sich diese Frage ebenfalls?

»Ich versuche, dem allen einen Sinn abzugewinnen«, erklärte sie. Diese Antwort würde sie auch ihrem Vater geben, falls er sich jemals die Mühe machte, sich zu erkundigen.

»Ah. Der...


Maine, Sarah
Sarah Maine wurde in England geboren, wuchs dann aber in Kanada auf, bis sie in ihre Heimat zurückkehrte, um Architektur zu studieren. Schon als Kind lernte sie die einzigartige Schönheit Schottlands lieben, wenn sie dort mit ihren Eltern Urlaub machte, eine Tradition, die sie heute mit ihrer Familie fortführt. Sarah Maine lebt in York im Nordosten Englands.



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