E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Maio Der verletzliche Mensch
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-83621-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Perspektiven auf eine anthropologische Grundsignatur
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-451-83621-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit der Coronapandemie wurde das Bewusstsein für die Verletzlichkeit des Menschen neu geweckt. Es wurde deutlich, dass jede und jeder grundsätzlich von Krankheit betroffen sein kann. Für das Selbstverständnis der Medizin erscheint es dringend erforderlich, den Blick auf die Grundverletzlichkeit des Menschen weiter zu schärfen. Was ist Verletzlichkeit genau und was verlangt die Perspektive auf die Verletzlichkeit des Menschen der Medizin ab? Welche Antwort muss die Medizin auf die Verletzlichkeit des Menschen geben? Ein Dialog zwischen Medizin, Philosophie, Theologie und Soziologie soll diesen Fragen nachgehen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vulnerabilität.
Konzeptionelle und phänomenologische
Annäherungen am Beispiel des Schmerzes
Claudia Bozzaro
Einführung
»Ich habe Schmerzen«, ruft die Schülerin in einem Theaterstück von Eugène Ionesco. »Ich habe Schmerzen«, ruft sie erneut und immer wieder. Doch der Lehrer führt unbeeindruckt seinen Unterricht fort. Sie wiederholt: »Ich habe Schmerzen, ich habe Schmerzen.« Er doziert stur weiter. Plötzlich fängt sie an, auf ihrem Stuhl hin und her zu wippen und vor Schmerzen zu stöhnen. Der Lehrer führt unbekümmert seinen Unterricht weiter. Schließlich schreit es aus ihr heraus: der Kopf, der Hals, der Bauch, die Glieder – alles tue ihr weh! Der Lehrer, der zuerst leichtfertig, dann immer mühsamer und ungeduldiger ihre Klage überhört hatte, geht auf die Schülerin zu, zieht ein Messer aus der Tasche und erdolcht sie.
Diese Szene stellt in zusammengefasster Weise die Handlung eines Theaterstückes von Eugène Ionesco dar. Ionesco ist ein Vertreter des sogenannten Theaters des Absurden, und in der Tat erscheint einem diese Szene zunächst einmal absurd. Doch bei genauerer Betrachtung erschließt dieses Stück in einer sehr direkten und unverblümten Weise, was Schmerzen, aber auch andere Erfahrungen von Verletzlichkeit in einem hervorrufen: nämlich den Wunsch, sie sollen aufhören. Schmerzen sollen aufhören zu stören und zu verstören. Sie sollen weggemacht werden. Das Dreiste an diesem Stück ist, dass Ionesco keineswegs das Mitleiden, das Mitgefühl mit der schmerzleidenden Schülerin thematisiert, sondern vielmehr das Unbequeme und Störende, das mit dem Schmerz, mit der schmerzleidenden Person verbunden ist.1 Ionesco trifft mit ebendieser Provokation den Nerv der Sache: Die bohrenden, sich immer wiederholenden Schmerzäußerungen der Schülerin treiben den Lehrer und auch den Zuschauer im Theater in den Wahnsinn. Der Lehrer reagiert schließlich in der konsequentesten Weise: Er liquidiert den Schmerz, indem er die schmerzleidende, vulnerable und unbequeme Person selbst liquidiert. Als Zuschauerin2 ist man über seine unerwartete Reaktion erschrocken und erleichtert zugleich.
Das Theaterstück von Ionesco beinhaltet einige zentrale Anregungen für eine Reflexion über das Thema der Verletzlichkeit, auf die im folgenden Beitrag eingegangen werden soll. Der vorliegende Text will einen Beitrag zur Klärung des Begriffs, der Erfahrung und der normativen Bedeutung von Verletzlichkeit leisten, indem er eine Erfahrung fokussiert, die als Verletzlichkeitserfahrung par excellence gelten kann: den Schmerz. In einem ersten Schritt sollen einige begriffliche Unterscheidungen in Bezug auf den Begriff der Vulnerabilität in aller Kürze dargestellt werden. Dabei wird der Begriff der Vulnerabilität als Synonym zum Begriff der Verletzlichkeit verstanden. Er wird jedoch bevorzugt, da im internationalen bioethischen Diskurs dieser Begriff geläufig ist. In einem zweiten und dritten Schritt werden dann anhand von zwei Beispielen – nämlich dem akuten und dem chronischen Schmerz – relevante Unterschiede verschiedener Verletzlichkeitserfahrungen herausgearbeitet und damit der Versuch unternommen, ihren unterschiedlichen normativen Stellenwert zu begründen. In einem anschließenden Teil werden mögliche Schlussfolgerungen aus der durchgeführten Analyse gezogen.
1. Begriffsklärung
Im bioethischen Diskurs hat sich die Unterscheidung zwischen einer grundlegenden und einer situativen Vulnerabilität etabliert. Mit der grundlegenden Vulnerabilität ist eine ontologisch bedingte Verletzlichkeit gemeint, die der Leiblichkeit und Endlichkeit im Sinne der Conditio humana immanent ist.3 Es bezeichnet ein Merkmal, das allem Lebendigen zukommt.4 Die situative Verletzlichkeit dagegen bezeichnet die Tatsache, dass einzelne Personen beziehungsweise Personengruppen in bestimmten Situationen und aufgrund bestimmter Merkmale – wie beispielsweise der Nichteinwilligungsfähigkeit – eine höhere Anfälligkeit haben, Schaden zu erleiden. Vor allem diese letzte Auffassung von Vulnerabilität hat in verschiedenen Diskursen in der Bioethik, speziell im Kontext der Forschungsethik, eine wichtige normative Rolle eingenommen. Hier dient der Begriff dazu, spezielle Schutzmechanismen für vulnerable Personen zu legitimieren:5 So sind zum Beispiel bei Forschungsvorhaben strengere Vorgabe zu beachten, wenn man Kinder oder kognitiv beeinträchtigte Personen einschließen möchte.
Beide Vulnerabilitätskonzepte wurden kritisch hinterfragt, vor allem in Bezug auf ihre normative Funktion. Vorausgesetzt wird nämlich für beide Konzepte, dass sie eine negative Konnotation haben, woraus sich jeweils ein moralischer Appell zum Schutz vor der Vulnerabilität ableiten lässt. Bezüglich der grundlegenden Vulnerabilität wurde auf das Problem hingewiesen, dass sich, wenn alle Individuen vulnerabel seien, aus deren Vulnerabilität keine besonderen Schutzpflichten mehr ableiten ließen. Der Begriff würde in normativer Hinsicht gewissermaßen obsolet.6 Der situative Vulnerabilitätsbegriff hingegen wurde kritisiert, weil er die Gefahr einer Stigmatisierung und Diskriminierung von als vulnerabel identifizierten Personen mit sich bringt.7 So haben bekanntlich die gut gemeinten Schutzvorgaben bezüglich besonderer Personengruppen auch dazu geführt, dass mit diesen gar nicht geforscht wurde und somit zum Beispiel Therapien speziell für diese Personengruppen erst gar nicht entwickelt wurden.8
Henk ten Have9 hat wiederum einen Versuch unternommen, den Vulnerabilitätsbegriff etwas anders zu konnotieren. Vulnerabilität sei grundsätzlich von Potenzialität gekennzeichnet, da es um die Möglichkeit gehe, dass ein Widerfahrnis eintrete:
»[V]ulnerability is a conditional notion. It expresses a potentiality. […] Vulnerability means that there is the possibility of harm, injury, exploitation or abuse but it does not imply that these negative effects are actually happening or have occurred.«10
Sein Ausgangspunkt ist die Kritik daran, dass die gängigen Vulnerabilitätsauffassungen letztlich die Vulnerabilität als ein Merkmal des einzelnen Individuums verstehen. Zwar sei natürlich die grundlegende Vulnerabilität auch in der Tat ein Charakteristikum, das allen Individuen zukomme, aber die situative Vulnerabilität – so ten Have – sei mitnichten etwas, was primär mit bestimmten Charakteristika besonderer Personengruppen zusammenhänge, zum Beispiel, weil sie nicht einwilligungsfähig seien. Vielmehr seien es situative, oft soziale Faktoren, die dazu führten, dass diesen Personen eine erhöhte Anfälligkeit für Schaden zukomme. Daher sei es sein Anliegen, den Vulnerabilitätsbegriff auch stärker als einen gesellschaftspolitischen Begriff zu verstehen. Dies schaffe gleichzeitig den Spielraum für schützende Eingriffe: »Because vulnerability is a potentiality there is also room for intervention.«11
In seinen Ausführungen unterscheidet ten Have zudem drei Aspekte, die Vulnerabilität ausmachen und die im Folgenden als Systematik dienen sollen: Sensitivität, Exposition und Adaptation. Sensitivität stehe für die grundlegende Anfälligkeit für Bedrohungen; Exposition bezeichne das konkrete Ausgesetztsein an Bedrohungen; Adaptation meine die Fähigkeit, auf Bedrohungen durch anpassendes Verhalten reagieren zu können. Diese drei Aspekte und ihre jeweilige Bedeutung für eine normative Einschätzung von Vulnerabilitätserfahrungen sollen im Folgenden anhand von zwei Beispielen präziser herausgearbeitet werden.
2. Der akute Schmerz
Stellen Sie sich vor, dass Sie an einem warmen Sommernachmittag barfuß am Strand entlangspazieren. Sie genießen die warmen Sonnenstrahlen, die Meeresbrise und beobachten die Möwen am Himmel. Plötzlich geht ein Schaudern durch Ihren Körper, Ihr Gesicht verzerrt sich, es schreit aus Ihnen heraus. Ihr Puls schießt in die Höhe, Schweiß bricht aus. Sie heben reflexartig Ihr Bein: Eine spitze Muschel hat sich tief in ihren Fuß hineingebohrt. Der akute Schock wandelt sich in einen anhaltenden, brennenden und pochenden Schmerz. Die Wunde blutet, rötet sich und schwillt an. Sie entfernen die Muschel aus dem Fuß und versorgen die Wunde. Der Schmerz beherrscht Sie dennoch. Nach einiger Zeit versuchen Sie wieder zu laufen, doch bei jedem Schritt meldet sich der Fuß mit einem stechenden Schmerz, und Sie sind sich plötzlich ganz sicher, dass Sie einen Fuß haben.
Das Erleben eines akuten, plötzlichen und vorübergehenden Schmerzes ist eine alltägliche Erfahrung, die jeder und jede bereits gemacht hat.
Die Internationale Gesellschaft für die Erforschung von Schmerz (IASP) definiert den Schmerz als eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit einer tatsächlichen oder möglichen Gewebeschädigung verbunden ist oder dieser ähnelt.12
Diese Definition beschreibt einige wichtige Aspekte des Schmerzes, indem sie auf den Zusammenhang zwischen der Verletzung des Gewebes, dem sensorischen Reiz und der emotionalen Verarbeitung verweist. Zugleich hebt sie auch die subjektive Komponente des Schmerzes hervor, indem sie davon spricht, dass sich dieser wie eine mögliche Gewebeschädigung anfühlt.
Es ist wichtig zu verdeutlichen, dass die Schmerzwahrnehmung ein dialogischer Prozess ist: Wenn bestimmte Reize gesetzt werden,...




