Maldini | Der Tote am Tiber | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Ein Fall für Giulia Malfante

Maldini Der Tote am Tiber

Der erste Fall für Giulia Malfante
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70592-5
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der erste Fall für Giulia Malfante

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Ein Fall für Giulia Malfante

ISBN: 978-3-311-70592-5
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein sonniger Morgen im malerischen Trastevere, durch dessen schmale Gassen sich die Vespas schlängeln. Hier betreibt Giulia Malfante eine kleine Bar samt Pension und serviert gerade die ersten caffè , als Commissario Rignoni ihr die traurige Nachricht überbringt, dass einer ihrer Gäste tot am Ufer des Tiber aufgefunden wurde. Auf dem Sekretär des gemütlichen Zimmers: ein Abschiedsbrief. Signore Gianfranco Crivelli war nicht nur der Bruder eines einflussreichen römischen Industriellen, sondern hatte auch eine schillernde Vergangenheit: Er war mit einer der berühmtesten Schauspielerinnen Italiens verheiratet, stand in den siebziger Jahren mit einer linken Untergrundorganisation in Kontakt und vertrat als Anwalt Menschen, die unter Leuten wie seinem Bruder zu leiden hatten. Giulia kann nicht glauben, dass der alte Herr sich das Leben genommen hat. Dann steht der Neffe des Toten vor ihr, ein geheimnisvoller Brief seines Onkels hat ihn in die Bar Da Giuseppe geführt. Luca und Giulia beginnen, gemeinsam zu ermitteln. Mit den skurrilen Antiquaren Beppo und Nello stehen ihnen zwei belesene Helfer zur Seite, und mit Enrico, dem Freund von Giulias Tochter, ein Mann der Tat.

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Eins


So früh am Morgen war noch nicht mit Gästen zu rechnen, wenngleich manchmal der ein oder die andere Berufstätige hereinschneite, einen Caffè bestellte und in einer fliegenden Bewegung zu sich nahm. Man musste munter werden – vielleicht hatte der müde Gast Angst, an der Straßenbahnhaltestelle nach einer viel zu kurzen Nacht einzuschlafen und zu spät ins Büro oder in die Fabrik zu kommen. Tatsächlich gab es hier im klassischen Arbeiterviertel Trastevere sogar noch ein paar Arbeiter, auch wenn man sie fast schon an einer Hand abzählen konnte. Längst war der Stadtteil jenseits des Tiber von jungen Hipstern aus aller Welt eingenommen worden – und von Touristen. Die Ureinwohner taten sich manchmal schwer damit, sich in ihrem alten e noch zu Hause zu fühlen. Wenn sie es sich überhaupt leisten konnten, hier zu wohnen. Aber nach und nach, so schien es zumindest Giulia, nach und nach wurden die Alteingesessenen wieder präsenter. Manche, die hier aufgewachsen waren, kehrten zurück, als würden sie sich ihr Stückchen von Rom zurückerobern wollen. Vielleicht redete sie sich das auch nur ein, nun, da sie wieder hier war. Sie stammte aus Trastevere – es ließ sich nicht leugnen.

Ihr Vater hatte die Bar aufgebaut, er würde vielleicht sogar behaupten, er habe sie gemacht. Er hatte die goldenen Zeiten miterlebt, die Sechzigerjahre, als Elsa Morante und Alberto Moravia Stars waren und Federico Fellini, Marcello Mastroianni und Pier Paolo Pasolini zum Feiern vorbeikamen. Ja, auch bei Giulias Vater Giuseppe hatten sie manchmal ihren Caffè getrunken oder einen Aperitif am Abend, bevor sie weiterzogen in eins der noch ganz traditionellen Restaurants oder auch in Kaschemmen, je nachdem. Heute musste man dieses alte Trastevere mit der Lupe suchen, aber ganz untergangen war es noch nicht, Giulias Bar war der beste Beweis dafür: Nicht viel hatte sich verändert, seit ihr Vater jung gewesen war und Da Giuseppe eröffnet hatte, hier an der Piazza di San Francesco D’Assisi. Das Haus gehörte der Familie, im ersten Stock waren vier Zimmer, die an Touristen vermietet wurden – eine Neuerung, die Giulia eingeführt hatte, als sie im Jahr 2011 – vor vier Jahren – zurückgekommen war. Und im zweiten Stockwerk wohnte Giuseppe, komfortabel und geräumig. Als Wohnzimmer allerdings diente ihm sein altes Café. Er kam morgens spätestens um zehn, um genüsslich sein Cornetto zu verspeisen, und abends um zehn saß er noch mit seinen alten Freunden beim Glas Wein, bis Giulia die Rollläden herunterließ, mit den Gläsern klirrte, ein Gute-Nacht-Lied pfiff und den alten Herren einfach die Schlüssel auf den Tisch legte und nach Hause ging, wenn sie die Zeichen glattweg ignorierten.

Giulia selbst wohnte ein paar Straßen weiter. Manchmal kam es ihr komisch vor, dass nun alles seine Ordnung hatte. Sie war zurückgekehrt, und ihr Vater durfte stolz auf sie sein: die heimgekehrte Tochter. Das Erbe ihres Vaters hatte sie doch noch angenommen, nachdem sie sich so sehr dagegen gesträubt hatte. Das Sträuben – lange her. Sie konnte es allerdings nicht verhehlen, dass sie sich freute, morgens das Café aufzuschließen, Tische und Stühle vor die Tür zu stellen, die Markise herunterzukurbeln, die Kaffeemaschine anzuwerfen, die Panini vorzubereiten, ein Pläuschchen mit dem Pasticciere aus der Via della Luce zu halten, der ihr die Dolci vorbeibrachte, und schließlich alles in der Auslage zu drapieren. Die meiste Zeit in diesen frühen Morgenstunden aber durfte sie schweigen, bevor sie den restlichen Tag über ununterbrochen mit ihren Gästen plauderte, die meisten davon Stammgäste, also Freunde.

Ohne Vittorio allerdings wäre sie verloren gewesen. Vittorio kam erst gegen elf. Ein junger schlaksiger Kerl, der ein Glücksgriff war. Ihr schien er zunächst ein bisschen reserviert, so wie er auch den Gästen gegenüber immer erst ausgesprochen zurückhaltend wirkte. Aber nach einer Weile taute er auf, und dann war er ein wahrer Schatz. Vittorio sah zu allem Überfluss recht schmuck aus, weshalb einige Frauen des Viertels regelmäßig vorbeikamen – Männer übrigens auch. Giuseppe würde zwar behaupten, die Männer kämen allein wegen Giulia, wegen ihrer wilden, rötlich schimmernden Locken, ihrer jugendlichen Verve, ihrer herzlichen und beherzten Art. Sie aber wollte sich das nicht einbilden, hatte sie doch immerhin eine volljährige Tochter. Die Zeiten waren vorbei, da ihr hinterhergepfiffen wurde. Und wenn es doch einmal vorkam, so ignorierte sie diese etwas machohafte Bewunderungsgeste geflissentlich. Sie konnte gut auf männliche Dummheiten verzichten, ohne Zweifel war sie eine emanzipierte Frau.

Wie sie es liebte, den ersten Caffè morgens allein zu trinken. Manchmal setzte sie sich einfach auf die Bordsteinkante vor ihrer Bar und schaute der Stadt dabei zu, wie sie erwachte. Zumindest dem kleinen Ausschnitt der Stadt, den sie hier zu Gesicht bekam, den vorbeiknatternden Autos und Vespas, den beschwingt und mit flatternden Armen grüßenden Geschäftsleuten der Nachbarstraßen, den beflissenen Kulturreisenden, die sich schon am frühen Morgen von Berninis seliger Lodovica Albertoni verzücken lassen wollten. Die Lage jedenfalls konnte besser nicht sein. An der Peripherie des touristischen Hotspots gelegen, herrschte hier noch ein bisschen dörflicher Friede.

Giulia hatte freilich gar nichts gegen Touristen, immerhin war sie jahrelang selbst eine gewesen. Wo sie überall herumgekommen war! Südamerika, Japan, Ghana, in ganz Europa natürlich, in Berlin hatte sie eine ganze Weile gelebt, sie sprach ein paar Sprachen, nicht unbedingt perfekt, aber passabel. Manchmal fragte sie sich, ob sie das Nomadendasein vermisste. Ja und nein, lautete dann stets die Antwort. Als ihre Tochter heranwuchs, wurde Giulia immer sesshafter, und das nicht nur notgedrungen, sondern auch einem inneren Bedürfnis folgend. Einige Jahre hatte sie mit der kleinen Carla in Berlin verbracht. Giulia nannte sie manchmal »tedesca«, und seltsamerweise hörte ihre Tochter das gar nicht ungern. Carla vermisste das ruppige Berlin. Sie sagte das nicht laut, aber Giulia konnte das spüren, weil es ihr ganz ähnlich ging. Den Berliner Winter allerdings vermisste sie nicht.

Die Glocken von San Francesco a Ripa läuteten ohrenbetäubend zum Morgengebet, eine deutliche Aufforderung. Der erste Gast kam, Elio, ein Werbegrafiker, alteingesessen und verschmitzt. Er las bei Giulia seine Zeitung, machte Witze über die Politik und kritzelte immerzu in ein Notizbuch. Und es kam noch jemand anderes, den sie jedoch nicht kannte und der, wie sich schnell herausstellen sollte, auch kein Interesse an ihrem Caffè oder einem Frühstücks-Snack hatte.

»Signora Malfante?« Der Mann hatte einen bestimmten und bestimmenden Ton. Zum Plaudern schien er nicht aufgelegt.

»Ja, ganz richtig, Giulia Malfante. . Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Commissario Rignoni. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Haben Sie einen Augenblick, können wir uns setzen?«

Giulia führte den Kommissar an einen Tisch in der Ecke, bot ihm ein Getränk an, aber der schüttelte nur den Kopf und bat sie, Platz zu nehmen. Giulia wunderte sich über diesen Besucher, und in den wenigen Sekunden, die nun vergingen, durchkreuzten unzählige schreckliche Ahnungen ihre Gedanken – zuerst dachte sie an ihre Tochter Carla, die im Centro wohnte. Giulia gehörte nicht zu den ängstlichen Müttern, von denen sie in ihrem Leben einige kennengelernt hatte, aber nun kamen ihr alle möglichen Unglücksfälle in den Sinn, die Carla ereilt haben mochten. Dann dachte sie an ihren Vater, der hoffentlich oben in seinem Bett lag und schlief und nicht auf dumme Gedanken gekommen war. Aber zuzutrauen war ihm doch einiges … Zum Glück wurde sie von diesen Fantasien rasch erlöst.

»Kennen Sie einen gewissen Gianfranco Crivelli?«, fragte der Commissario ohne weiteres Vorgeplänkel.

»Selbstverständlich. Er ist Gast in meiner Pension.«

»Wann«, fragte der Kommissar mit einer gewissen Dringlichkeit in der Stimme, »wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« Er blickte sie dabei an, es schien Giulia fast, als würde er niemals zwinkern. Der Mann irritierte sie.

»Das muss gestern gewesen sein, gestern Morgen. Er hat hier in der Bar gefrühstückt, dann hat er sich verabschiedet.«

»Zu welcher Uhrzeit war das?«

Giulia überlegte. Sie war sich nicht ganz sicher, es musste aber vor 10 Uhr gewesen sein, denn ihr Vater hatte sich noch nicht blicken lassen.

»Ich denke, gegen halb neun oder neun«, sagte sie mit einer etwas unsicheren Stimme, über die sie sich ärgerte. Welchen Grund gab es, eine wackelige Stimme zu haben? Was wollte dieser schnöselige Commissario überhaupt von ihr? Jung und grün hinter den Ohren war er, auf jeden Fall etwas jünger als sie.

»Wissen Sie, wo Signor Crivelli hingegangen ist?«

»Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Sie haben aber doch bestimmt ein gutes Verhältnis zu Ihren Gästen und unterhalten sich manchmal mit ihnen, nicht wahr?« Commissario Rignoni war ihr wenig sympathisch. Sie mochte seinen Ton nicht.

»Natürlich unterhalte ich mich zuweilen mit meinen Gästen, aber ich frage sie nicht aus. Sie erzählen mir von ihren Unternehmungen, wenn sie Lust dazu haben. Und wenn nicht, dann eben nicht.« Sie hatte die Sicherheit in ihrer Stimme wiedergewonnen. Und wunderte sich zugleich über den strengen Klang. Ob Rignoni es bemerkt hatte? Sie wollte es wiedergutmachen und fügte hinzu: »Wenn Sie mich aber fragen, was ich annehme, dann würde ich wohl auf einen Spaziergang tippen. Signor Crivelli schien einen Morgenspaziergang machen zu...


Maldini, Enzo
Enzo Maldini, geboren 1977, Vater Römer, Mutter Stuttgarterin, wuchs in einer schwäbischen Kleinstadt auf. Nach einem Studium der Geschichte und Ethnologie lebte er lange in Berlin. Er arbeitete als Antiquar, Aushilfskoch, Konzertveranstalter, Postbote und persönlicher Assistent einer bekannten Schauspielerin. Heute pendelt er zwischen dem Rhein-Main-Gebiet und dem Tessin. Sein Sehnsuchtsort aber ist und bleibt Rom.



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