Maletzke Gartenglück
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7317-6055-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Gartenbücher - Garten-Geschenkbücher (CP983)
ISBN: 978-3-7317-6055-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elsemarie Maletzke wurde 1947 in Oberhessen geboren. Sie hat Reisebu?cher, Romane sowie hochgelobte Biografien u?ber Klassikerinnen der englischen Literatur verfasst. 2009 erhielt sie zusammen mit Christian Golusda und Andreas Maier den Robert-Gernhardt-Preis. Zuletzt wurde sie 2023 mit dem Ben Witter Preis ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet als Journalistin und Autorin in Frankfurt am Main.
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Die Namen der Rosen
Vor dreißig Jahren, als Stefanie Körner ein kleines Mädchen war, brachte ihre Mutter aus England das Virus mit, von dem sich das Landhaus Ettenbühl seither nicht wieder erholt hat. Diese »gartenwahnsinnige Mutter« begann ein Stück Wiese umzugraben und auf dem ehemaligen Aussiedlerhof im Markgräflerland alles zu kultivieren, »was englisch war«: alte Rosen und Rabatten im Cottagestil, Buchsbäume in Tiergestalt und Nachmittagstee mit Gurkensandwiches, Scones, Erdbeermarmelade und clotted cream – der doppeldicken englischen Sahne. Die durchgängig geblümten Zimmer im Gästeflügel, die »Crow’s Nest« oder »Gardener’s Retreat« heißen, übertreffen sogar noch jedes britische B & B, denn die Bettdecken sind nicht festgezurrt und die Badezimmerarmaturen sofort durchschaubar.
Ihre Mutter, sagt Stefanie Körner, sei eine starke Persönlichkeit. Sie aber auch. Deshalb müsse zwischen ihnen hin und wieder die Chefinnenfrage über das Landhaus Ettenbühl, das sich mit Restaurant, Rosenversand und Gartenkursen vom Privatgarten zum Wirtschaftsunternehmen ausgewachsen hat, neu geklärt werden. Früher erwies sich die Tochter resistent gegen die Neigung, im englischen Rosengarten Unkraut zu jäten. Auf Dauer hat sie das Virus dann doch erwischt. Denn die Fernsehredakteurin Stefanie Körner, die »keine Rose von einem Usambaraveilchen unterscheiden« konnte, hat den englischen Gartendesigner und Rosenzüchter John Scarman geheiratet. Bei Rosemary Verey, der großen alten Dame unter den Gartendesignern, hat er gelernt und mit dem Rosenzüchter David Austin zusammengearbeitet. In Staffordshire gab es einen formalen Rosengarten und eine Rosenschule, die er mit seiner ersten Frau Teresa gegründet hatte. 1998 kam er nach Ettenbühl, um dort einen Rosenkurs zu geben. »Im Jahr darauf kehrte er zurück«, sagt Stefanie Körner, »und irgendwann ist er geblieben.« Inzwischen haben sie zwei kleine Söhne, und der Garten ist auf fünf Hektar angewachsen. Scarman hat neue Gartenräume und grüne Ringe um »Granny’s Rosewalk« und die alten Lavendelrabatten gelegt, hohe Hecken, die die Abendsonne einfangen, schönlaubige Gehölze, ein Hainbuchen-Labyrinth, einen weißen »Wedding Garden«, in dem eine Trauerweide über den Tag hinausweist.
Heute macht Stefanie Körner keiner mehr eine Zentifolie für eine Moschata-Hybride vor. Auf den Gartenkursen übersetzt sie Scarmans lehrende Worte und leichte Scherze ins Deutsche. »Wir machen Infotainment im Doppelpack.« Eine der Lehren geht so: Es waren einmal zwei Rosenbeete; das eine wurde von einem Gärtner, das andere von einem ahnungslosen Mädchen mit Heckenschere bestellt. Beide trimmten ihre Rosen auf ihre Art. Welche sahen im Jahr darauf wohl besser aus? Na? Wir kommen darauf zurück.
Als Christoph Meckel über das Markgräflerland schrieb: »nichts außer dem Meer wird hier vermisst, und das Vorhandene ist in Fülle da«, hatte er vermutlich nicht an den Garten von Ettenbühl, sondern an die Vorzüge der Gegend am Fuß des Schwarzwalds gedacht, ihre menschenfreundlichen Proportionen, die von den fernen graublauen Vogesen gerahmt werden, die Rebhügel, Wälder und Kuhweiden, die würdigen Bauernhäuser, Obstspaliere und wirtlichen Platanen, unter denen man zum Gutedel wohlfeil Wurstsalat und Tellersülze mit Bratkartoffeln verzehrt.
Das im Ettenbühler Garten Vorhandene gibt es ja auch erst seit zehn Jahren, aber es üppt nun rosig über Mauern und Pergolen in Pink, Purpur und Rotweinrot, die Blüten geviertelt, gewirbelt und gefüllt oder offen wie ein unschuldiger Augenaufschlag, weiße Blütenblätter um ein Gekräusel goldener Staubfäden: Teehybride White Wings. Rosen füllen die Wipfel alter Kirschbäume und atmen unter der Sonne warme Düfte mit Noten von Apfelkuchen und Gewürznelken aus.
»Gerüche«, sagt John Scarman, »sind Auslöser von Erinnerungen und Gefühlen.« Eine seiner stärksten Kindheits-Eindrücke war der Garten seiner Großmutter, in dem es nach Rosmarin, Wacholder und Rosen geduftet hatte. Seine Rosen müssen zuverlässig und pflegeleicht sein, aber vor allem müssen sie duften, »bezaubernd« duften, Duftfallen für Besucher stellen, die nach Umrundung einer Hecke plötzlich eingehüllt werden: Ahhh! Was ist … ? Riech doch mal! An die dreihundert Sorten zieht er in Ettenbühl, jedes Jahr kommen neue hinzu.
Er wartet am Drehkreuz zum Garten und geht voraus, entlang der gemischten Rabatte voller Rittersporn und weißer Königskerzen, die von gewaltigen Tonnen aus Leyland-Zypressen gesäumt wird. Dahinter liegen zur Talseite ein Potager und ein Beerengärtchen, und noch weiter eine Mammutbaumallee, über die der Blick ins schön gewellte Tal geht. Zur Rechten brandet die Rabatte an ein Wäldchen mit Märchenwiese, auf der Hirsche aus Buchsbaum stehen, und an den Pfingstrosenweg, wo im Sommer ein nach Orangenlimonade duftender Bauernjasmin die Luftherrschaft über die Päonien angetreten hat. Mr. Scarman ist ein attraktiv verwitterter, schmaler Mann um die sechzig in kariertem Hemd und zwiegenähten Lederschuhen; die roten Griffe der Gartenschere ragen aus der Jeanstasche. Der Stimme hört man die Wohlgeborenheit an – sein Vater war Lordrichter und Mitglied des Oberhauses, seine Mutter in den dreißiger Jahren die Gesellschafterin der Orient- und Forschungsreisenden Freya Stark –, aber im Schuppen hängt ein besonders mitgenommenes Exemplar von Barbourjacke, und wenn Mr. Scarman seine Rosen okuliert, schnallt er sich für die Edelreiser eine abgeschnittene Plastikwasserflasche um die Wade, einen praktischen Behälter, den man im Angebot des Country Shops vergeblich suchen würde.
Rosenschnitt ist eine Art Religion, deren verschiedene Kirchen einander spinnefeind sind. Gegen den »Ketzer« John Scarman erhob sich vor zehn Jahren ein warnendes Geraune bei deutschen Züchtern und Verbänden: Wenn euch eure Rosen lieb sind, schützt sie vor diesem Mann! Denn Scarman lichtet die Sträucher nicht nach klassischer Manier aus. Er knipst auch nicht die Triebe einen halben Zentimeter über dem letzten nach außen weisenden Auge ab, sondern schnippt das ganze Gewusche zügig in eine gefällige Fasson. Die dünnen Zweige bleiben drinnen, um dem Busch Stand zu geben, und wohin das Rosenauge blickt, ist ihm egal. Inzwischen sieht man, was dabei herauskommt: eine Pracht.
»Die Schule der Heckenscherer kam und verschwand wieder«, grummelte ein Experte in der Zeitschrift Gardeners World. »Ich ziehe bei weitem die traditionelle bewährte Methode vor: fünfundzwanzig Zentimeter über dem Boden …« In der Geschichte vom Gärtner und dem Mädchen siegt übrigens die Schnipplerin über den Traditionalisten.
Vielleicht sind Rosen einfach robuster und weniger nachtragend als ihre Gärtner. Sie blühen auch, wenn man sie vergisst oder vernachlässigt. Nur Sex mit Rosen ist ein Vorgang, der viel Zeit, Konzentration, Geduld und eine gewisse Ruchlosigkeit erfordert, gegen die der Züchter sein »Herz wappnen muss«. Es beginnt mit dem Entblättern der Blüte, dem Abschaben des Pollens und dem Einreiben fremden Blütenstaubs mit den Fingerspitzen auf den Stempel. Aus den Hagebutten werden Sämlinge gezogen. Es folgen Jahre unter Beobachtung im Freiland, die für viele Kandidaten damit enden, dass sie von Mr. Scarmans Doppeltgenähten in den Staub getreten werden. Diese weiße sah als Knospe noch perfekt aus, aber der Regen hat die Blüte übel befleckt. Eine schlechte Anlage. Weg mit ihr! Eine andere begann nach Marzipan zu riechen. Unfein!
Ja, muss es denn jedes Jahr vier, fünf neue Rosen aus dem Hause Scarman geben? Sind wir nicht schon mit Tausenden köstlicher alter Bourbon-, Alba-, Damascena- und Portland-Rosen bis zur babylonischen Verwirrung beschenkt? Ganz zu schweigen von dem Kroppzeug, das nicht duftet und wie aus Plastik gegossen dauerblüht? Schon, aber Rosen sind auch dem veränderten Klima und dem Ansturm neuer Krankheiten und Schädlinge unterworfen. Mr. Scarman ringt mit dem deutschen Wort »Zünsler«, einem geflügelten Feind, der in seinen Garten eingedrungen ist. Die alten, einmal blühenden Rosen widerstehen ihm, andere schwächeln, und wieder andere sind auf einmal nicht mehr gefragt, wie die pastellfarbenen mit den schweren, gefüllten Köpfen. Deshalb müssen neue, widerstandsfähige Sorten nachwachsen.
Einer neuen Rose einen Namen zu geben, ist eine große Ehre oder eine sehr teure Angelegenheit. Die meisten historischen Rosen hatten Glück mit ihren Paten. Gestalten, an die sich sonst niemand mehr erinnerte – etwa eine Honourable Mrs. Cat oder der Commandant Beaurepaire – haben sich damit unsterblich gemacht. Andere heißen, wie sie aussehen: Veilchenblau, Blanchefleur oder Maiden’s Blush, aber wer möchte schon eine Rose im Garten haben, die Leverkusen, Super Dorothy oder Chrysler Imperial heißt? Warum nicht gleich General Motors?
John Scarman hat seinen Eltern je eine Rose gewidmet. Lady Scarman ist eine liebliche, weiße Moschata-Hybride und nahezu perfekt. Sie blüht lange, duftet fein und klettert üppig. Lord Scarman soll die seine, eine Gallica, sehr geschätzt haben; ihr Scharlachrot erinnerte ihn an seine frühere richterliche Amtsrobe. In anderen Fällen hat der Züchter auf die Kosenamen seiner Kinder zurückgegriffen. So erklimmt Donna zusammen mit Nickleby den Pavillon im Wassergarten, in dem sich Brautpaare gern fotografieren lassen, zwei weiße Rambler,...




