E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Mallery Ich fühle was, was du nicht siehst
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95649-954-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95649-954-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nicht freiwillig kehrt die Krimiautorin Liz Sutton zurück in ihre Heimatstadt Fool's Gold, sondern nur, weil sie sich um ihre beiden Nichten kümmern muss. Der Zustand ihres Elternhauses ist noch der kleinste Schock, denn kaum wieder da, trifft sie schon auf Ethan. Den Mann, der ihr einst das Herz gebrochen hat - und den sie in ihren Romanen schon auf die grausamsten Weisen zur Strecke gebracht hat. Und dem sie schon lange etwas Bedeutendes hätte sagen müssen ...
'Susan Mallery hat mit dem zweiten Band der Fool's Gold -Serie ein Buch geschrieben, dass ich kaum aus der Hand legen konnte. Ich kann es kaum erwarten, nach Fool's Gold zurückzukehren.'
Romance Reviews Today
Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren herzerwärmenden Frauenromanen, die in 28 Sprachen übersetzt sind. Sie ist dafür bekannt, dass sie ihre Figuren in emotional herausfordernde, lebensnahe Situationen geraten lässt und ihre Leserinnen und Leser mit überraschenden Wendungen zum Lachen bringt. Mit ihrem Ehemann, zwei Katzen und einem kleinen Pudel lebt sie in Washington.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Liz Sutton hatte immer gewusst, dass die Vergangenheit sie irgendwann einholen würde. Sie hatte nur nicht geahnt, dass es heute so weit wäre.
Ihr Tag hatte relativ normal begonnen. Sie hatte ihren Sohn morgens in den Schulbus gesetzt und war anschließend durch den Flur ihres Hauses in ihr Arbeitszimmer gegangen. Dort hatte sie fünf einigermaßen annehmbare Seiten geschrieben, eine Pause eingelegt, um ein wenig nachdenklich auf und ab zu gehen, und danach drei dieser fünf letzten Seiten wieder gelöscht. Sie versuchte gerade herauszufinden, wen sie im ersten Kapitel ihres neuen Buches ermorden sollte. Vor allem: Wie würde er – oder sie – ermordet werden? War eine Enthauptung allzu vorhersehbar? Glücklicherweise klopfte in diesem Moment ihre Assistentin an die Tür und ersparte Liz dadurch, sich entscheiden zu müssen.
„Tut mir leid, dass ich störe“, sagte Peggy und reichte ihr mit leicht gerunzelter Stirn ein Blatt Papier. „Aber ich dachte, du würdest das lesen wollen.“
Liz nahm das Blatt. Es war der Ausdruck einer E-Mail. Auf ihrer Website gab es einen Link, über den Fans mit ihr in Kontakt treten konnten. Um den Großteil der Mails kümmerte sich Peggy, aber hin und wieder war etwas dabei, womit sie nicht wirklich etwas anfangen konnte.
„Mal wieder ein durchgeknallter Stalker?“, erkundigte sich Liz. Sie war geradezu lächerlich dankbar für die Unterbrechung. Wenn es mit dem Schreiben nur zäh voranging, war sogar eine Morddrohung aufregender als das eigene Buch.
„Eher nicht. Sie sagt, sie ist deine Nichte.“
Nichte?
Liz überflog den Ausdruck.
Liebe Tante Liz,
mein Name ist Melissa Sutton. Mein Dad ist dein Bruder Roy. Ich bin vierzehn Jahre alt, meine Schwester Abby ist elf. Vor ein paar Monaten musste unser Dad ins Gefängnis. Seine neue Frau, unsere Stiefmutter, hat gesagt, sie würde sich um uns kümmern. Aber dann hat sie es sich anders überlegt und ist gegangen. Ich dachte, Abby und ich würden schon zurechtkommen. Ich bin wirklich reif für mein Alter. Das sagen meine Lehrer ständig.
Jetzt ist sie schon eine ganze Weile weg, und ich habe ziemliche Angst. Ich habe es Abby nicht gesagt, weil sie noch ein Kind ist, aber ich weiß nicht, ob wir es schaffen. Dad möchte ich nicht erzählen, was passiert ist. Er hat Bettina nämlich wirklich gern gehabt und wird traurig sein, dass sie nicht auf ihn gewartet hat.
Deshalb dachte ich, du könntest uns helfen. Ich weiß, dass wir uns noch nie gesehen haben, aber ich habe alle deine Bücher gelesen, und sie gefallen mir echt gut.
Es wäre schön, bald von dir zu hören.
Deine Nichte Melissa
P.S.: Ich verwende den Computer in der Bücherei, das heißt, du kannst mir nicht per E-Mail antworten. Aber hier ist unsere Telefonnummer. Wir haben zu Hause zwar kein Licht mehr, aber das Telefon funktioniert noch.
P.P.S.: Wir wohnen in deinem alten Haus in Fool’s Gold.
Liz las die E-Mail ein zweites Mal und versuchte zu verstehen, worum es darin eigentlich ging. Roy war also wieder in Fool’s Gold. Zumindest war er es gewesen, bevor er ins Gefängnis gegangen war.
Sie hatte ihren Bruder seit fast achtzehn Jahren nicht mehr gesehen. Er war einige Jahre älter als sie und in jenem Sommer von zu Hause fortgegangen, als sie zwölf geworden war. Offensichtlich hatte er ein paarmal geheiratet und Kinder bekommen. Töchter. Mädchen, die allein in einem Haus lebten, das schon vor zwölf Jahren heruntergekommen und scheußlich gewesen war. Sie bezweifelte, dass es seither viele Renovierungsbestrebungen gegeben hatte.
Ihr schossen jede Menge Fragen durch den Kopf. Fragen zu ihrem Bruder und dem Grund dafür, dass er nach so langer Zeit nach Fool’s Gold zurückgekehrt war. Fragen, warum er im Gefängnis war und was um alles in der Welt sie mit zwei Nichten anfangen sollte, die sie nicht kannte.
Sie sah auf ihre Uhr. Es war noch nicht mal elf. Da Tyler heute seinen letzten Schultag vor den Sommerferien hatte, würde er um halb eins fertig sein. Wenn sie es bis dahin schaffte, das Auto zu packen, könnten sie direkt von der Schule aus losfahren und in ungefähr vier Stunden in Fool’s Gold sein.
„Ich muss mich darum kümmern“, erklärte Liz ihrer Assistentin, während sie eine Adresse auf einen Zettel schrieb. „Ruf die Stadtwerke in Fool’s Gold an und sorge dafür, dass der Strom wieder eingeschaltet wird. Die Bezahlung mit Kreditkarte sollte funktionieren. Ich rufe die Mädchen an und gebe Bescheid, dass ich komme.“
„Sind sie wirklich deine Nichten?“, fragte Peggy.
„Ich denke schon. Ich habe meinen Bruder zwar schon seit der Zeit nicht mehr gesehen, als ich in ihrem Alter war, aber ich kann sie dort nicht allein wohnen lassen.“ Sie schüttelte den Kopf und überlegte, was noch getan werden musste. Ihr nächstes Buch würde nicht vor Herbst erscheinen, also musste sie sich keine Gedanken über Werbung und Lesereisen machen. Und mit ihrem Laptop konnte sie überall an ihrer neuen Geschichte arbeiten. Zumindest theoretisch.
„Ich weiß nicht, wie lange wir weg sein werden“, fuhr sie fort. „Ich schätze, es wird ein paar Wochen dauern, bis ich alles geregelt habe.“
Peggy starrte sie an. „Einfach so?“
„Was meinst du?“
„Willst du dir das nicht überlegen? Die meisten Leute hätten Bedenken. Du kennst diese Mädchen ja nicht mal.“
Stimmt, dachte Liz. Aber hatte sie eine Wahl? „Es sind Kinder, sie sind ganz allein, und sie sind mit mir verwandt. Ich muss irgendetwas tun.“
„Das ist typisch für dich“, sagte Peggy. „Du bist schnell entschlossen und tust, was du für richtig hältst – was bewundernswert ist. Aber nicht immer klug.“
„Irgendjemand muss sich darum kümmern.“ Außerdem war sie es von Kindheit an gewohnt, sich um alles zu kümmern, weil ihrer Mutter alles egal gewesen war. „Mit ein wenig Glück bin ich bald wieder da.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich schaffe das hier schon.“
Liz zwang sich zu einem Lächeln. „Ich weiß. Ich gehe jetzt packen und hole anschließend Tyler ab. Wir fahren heute nach Fool’s Gold.“
„Vielleicht wird es ganz schön, nach Hause zu kommen.“
Liz bemühte sich sehr, neutral dreinzuschauen. „Sicher. Okay, ich rufe jetzt die Mädchen an.“
Sie wartete, bis Peggy draußen war. Dann griff sie zum Telefon, wählte die vertraute Nummer und ließ es acht Mal klingeln, bevor sie auflegte. Niemand da. Gut, es war ein Werktag. Die Mädchen waren wahrscheinlich noch in der Schule. Sie würde es später noch einmal versuchen. Von ihrem Handy aus.
Sie musste für sich selbst und für ihren Sohn packen, ein paar Freunde anrufen, um Bescheid zu geben, dass sie für ein paar Wochen wegfuhr, und per E-Mail auch ihren Herausgeber und ihre Literaturagentin informieren. Alles eine Frage der Organisation, dachte sie, während sie die Zettel mit den Notizen einsammelte, die sie sich zu ihrem aktuellen Roman gemacht hatte. Sie war gut im Organisieren. Die Fähigkeit zu planen und Probleme zu lösen war einer der Gründe, warum ihr das Schreiben ihrer Krimi-Reihe so viel Spaß machte. In ihrem Job als Autorin war sie immer gut gewesen. Es war der Rest ihres Lebens, bei dem sie hin und wieder ins Stolpern geriet.
„Selbstbetrachtung folgt später“, murmelte sie halblaut. „Jetzt ist Action angesagt.“
Sie fuhr ihren Laptop herunter und nahm ihn von der Dockingstation. Dann packte sie ihre Notizen, ein paar Stifte und Schreibblöcke sowie ihr Adressbuch ein und ging den Flur hinunter in ihr Schlafzimmer.
Eine gute Stunde später hatte sie hoffentlich alles gepackt, was sie brauchten, das Auto beladen und mit Peggy alles Nötige besprochen. Ihre Assistentin würde sich um das Haus kümmern und während Liz’ Abwesenheit alle Rechnungen bezahlen.
„Geht es dir gut?“, erkundigte sich Peggy.
„Sicher. Großartig. Warum?“
Peggy, Mitte vierzig und frühere Assistentin der Geschäftsleitung einer großen Firma, runzelte die Stirn. „Ich will mich nur vergewissern. Du bürdest dir ja eine Menge auf.“ Sie zögerte. „Ich meine, falls es niemanden gibt, der sich um die Mädchen kümmert, dann …“
Dann hätte Liz möglicherweise plötzlich die Verantwortung für zwei Nichten, die sie bislang gar nicht kannte. „Ich weiß. Damit setze ich mich auseinander, wenn ich mehr Informationen habe.“
„Mac und ich waren in unseren Flitterwochen in Fool’s Gold. Das war damals, als ich die Ehe noch für etwas Gutes gehalten habe. Ich wusste nicht, dass du von dort bist.“
Niemand weiß das, dachte Liz grimmig. Sie fand das Leben einfacher, wenn sie nichts von ihrer Vergangenheit erzählte. „Ich bin direkt nach der Highschool weggezogen. Jetzt ist San Francisco meine Heimat.“
Peggy lächelte sie an. „Ruf mich an, wenn du irgendetwas brauchst.“
„Mach ich.“
Liz ging hinunter in die kleine Garage und stieg in ihren Lexus. Sie hatte vier Koffer, einige Kartons mit Tylers Lieblingsvideos sowie seiner Xbox und ein paar Büchern gepackt. Sie überprüfte noch einmal, ob sie nichts vergessen hatte – das war einfacher, als darüber nachzudenken, was sie gerade zu tun im Begriff war. Nämlich an den einzigen Ort zurückzukehren, in den sie nie mehr einen Fuß hatte setzen wollen: die Stadt, in der sie aufgewachsen war.
Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie es wirklich tun musste. Zwei Kindern zu Hilfe zu eilen, die sie noch nie gesehen hatte. Dann schüttelte sie den Gedanken ab. Im Moment gab es außer ihr niemanden. Sie konnte die Mädchen nicht einfach ihrem...




