Mandanipur | Eine iranische Liebesgeschichte zensieren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Mandanipur Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-293-30714-8
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-293-30714-8
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein iranischer Schriftsteller ist es leid, immer nur düstere Romane mit tragischem Ausgang zu schreiben. Also beginnt er eine Liebesgeschichte - ein Projekt mit Tücken. Denn wie ein mächtiger Schatten wacht Herr Petrowitsch, der Zensor, über jedes Wort und liest sogar die Gedanken des Schriftstellers zwischen den Zeilen. Also müssen Sara und Dara, das junge Paar aus Teheran, tausend Listen und Tricks ersinnen, um sich zu finden. Ihre Liebe muss sich bewähren gegen Anfeindungen und Gefahren, nicht zuletzt gegen die Verdikte des Zensors, der dem Schriftsteller genau dann in die Tasten fällt, wenn die Zauberkraft der Liebe ihre Wirkung zeigt. Wird es dem Schriftsteller gelingen, die Geschichte von Sara und Dara zu einem glücklichen Ende zu bringen?

Shahriar Mandanipur, geboren 1957 in Schiras, ist einer der bekanntesten iranischen Autoren. Er studierte Politikwissenschaften und war Soldat im iranisch-irakischen Krieg. Für seine Werke hat er zahlreiche Preise gewonnen. Über zehn Jahre lang war er Chefredakteur der Literaturzeitschrift Asr-e Pandjshanbeh (»Donnerstagabend«), die 2009 aus politischen Gründen eingestellt wurde. Mehrere Gastprofessuren führen ihn immer wieder in die USA, wo er zeitgenössische iranische Literatur und Film unterrichtet.
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Nieder mit der Diktatur!Nieder mit der Freiheit!


TTausendundeiner Nachtumschlingen, vereinigen sich, sie

Vielleicht liegt es an diesen Fäusten, dass vom heiligen Himmel Irans niemals ein Wunder herabsteigt. Seit hundertundeinem Jahr, seit der ersten Revolution für Demokratie, werden so die Fäuste von Gottesmännern in den Himmel über dem Iran gereckt, beim Gebet, unter Tränen, mit frommen Klagen; und ich glaube, kein anderes Land fleht so inständig um den baldigen Anbruch des Auferstehungstags.

Das Mädchen erregt die Aufmerksamkeit jener geheimnisvollen Personen, die wie bei jeder Kundgebung von diskreten Winkeln aus das Geschehen überwachen und die Identität der Anwesenden feststellen. Sie weisen einander auf die junge Frau hin. Einer von ihnen fotografiert und filmt sie höchst professionell.

Ich weiß:

NIEDER MIT DER FREIHEIT,

NIEDER MIT DER KNECHTSCHAFT

Eine sonderbare Botschaft! Ich glaube nicht, dass man ihr schon mal begegnet ist, weder unter despotischer, kommunistischer noch unter populistischer Herrschaft, ja nicht einmal unter einem sogenannten liberalen Regime. Und auch künftig, unter all den Herrschaftsformen, für die wir noch gar keine Namen haben, dürfte man ihr schwerlich begegnen.

In den Atempausen zwischen ihrem Parolengeschrei für Freiheit und Demokratie zeigen die Studenten auf das Mädchen mit dem Schild und fragen: »Wer um alles in der Welt ist denn die? Was will sie damit sagen?«

Erfahrenere Kommilitonen, die Veteranen des Protests, antworten: »Achtet nicht auf sie. Die ist eingeschleust! Die Gottespartei bezahlt sie, damit sie Misstrauen und Zwietracht unter uns sät. Um dieses Komplott zu durchkreuzen, müsst ihr einfach so tun, als wäre sie gar nicht da.«

Auf der andern Straßenseite weisen die fanatischen Anhänger der Partei Gottes ebenfalls auf das Mädchen und fragen: »Was meint diese Göre da drüben?«

Sie hören von ihren Führern: »Das ist so eine Schlampe von diesen Kommunisten, die neuerdings wieder aus ihren Löchern kriechen, weil ihr Großer Bruder in Russland an Stärke gewinnt. Aber die Flegel haben bloß eine Handvoll Parteimitglieder. Lächerlich, mit so was wollen die sich wichtigmachen. Ignoriert das dumme Ding. Tut, als wäre sie Luft.«

Geheimpolizisten mit Funkgeräten streifen am Standort des Mädchens vorbei und fragen: »Was soll das? Für solche Fälle haben wir keine Richtlinien. Was machen wir mit ihr?« Und sie empfangen die Weisung: »Mit äußerster Wachsamkeit und Vorsicht beobachten! Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine vom amerikanischen Imperialismus gesteuerte Verschwörung, ein neues Komplott für eine weiße Revolution … Observieren, aber so, dass sie keinen Verdacht schöpft.«

Stumme Schatten von Zorn und Hass, lautlose Schreie voller Blut und Hoffnung und Finsternis flirren durch die Luft. Aus Richtung der Anatole-France-Straße und vom runden Platz der Revolution hat die Polizei den gesamten Fahrzeug- und Fußgängerverkehr gesperrt. Hunderte Autos stauen sich, nervöse, gereizte Fahrer hupen. Dazwischen stehen Neugierige und spähen zur Universität hinüber. Genau hier haben vor über einem Vierteljahrhundert an einem bewölkten Wintertag die Menschen von Teheran das Reiterstandbild des Schahs niedergerissen.

O mein Freund, mein Kamerad,

Steh mir zur Seite treu und grad

Tränen teilen wir und Schmerz,

Unsern Leib bedecken Striemen,

Spuren von Tyrannenhand,

Unkraut wuchert übers Land,

Ob sie gut sind, ob sie fehlen,

Tot sind unsrer Menschen Seelen,

Mit eignen Händen müssen wir den Vorhang teilen,

Wer sonst als du und ich kann diese Schmerzen heilen …

Das Handgemenge beginnt. Rufe von Parolen, obszöne Flüche, Schreie niedergeknüppelter junger Männer und Frauen mitten im Alltagslärm der Elfmillionenstadt.

Wir überspringen die Szene, denn sie gehört offensichtlich nicht in eine Liebesgeschichte. Immerhin – wenn Sie aufgepasst haben, ist Ihnen nicht entgangen, wie ich mit der bekannten List des Schriftstellers das Gerangel zwischen Bereitschaftspolizei und Studenten so darstelle, dass man mir keine politische Einseitigkeit vorwerfen kann.

Fragen Sie mich, wer ich bin, damit ich Ihnen Auskunft gebe:

Ich bin ein iranischer Schriftsteller, der es leid ist, düstere und bittere Geschichten zu schreiben, Geschichten voller Gespenster, gestorbener Erzähler und einem vorhersehbaren Ende in Tod und Untergang. An der Schwelle der fünfzig habe ich begriffen, dass die angeblich wirkliche Welt hinreichend Tod, Zerstörung und Schmerz enthält und ich als Autor kein Recht habe, ihr in meinen Geschichten weitere hoffnungslose Niederlagen hinzuzufügen. In meinen Erzählungen und Romanen treten Männer auf, denen ich eine romantische Tapferkeit angedichtet habe, über die ich selbst nicht verfüge. Ebenso schuf ich Frauen, deren Leib und Seele ich nach der Frau meiner Träume und Sehnsüchte ausformte – obgleich ich nie aufrichtig genug war, dabei wirklich präzise vorzugehen, es war ja nicht auszuschließen, dass ich sie am Ende mit ihren realen Vorbildern verwechselte. Unter uns: Ich habe gelegentlich sogar geschummelt und mir das blonde Haar meiner Fantasiefrau als schwarz, einmal auch als braun gedacht und es so beschrieben. Kurz und gut: Ich kann mich nicht ausstehen, wenn ich Figuren, die ich mag, die ich sorgfältig Wort für Wort geschaffen und entwickelt habe, zuletzt ins Dunkel, in einen blutigen Tod schicke, wie Dr. Frankenstein.

Aus diesem Grund und aus Motiven, die mir, wie bei Autoren üblich, vermutlich erst später aufgehen werden, möchte ich aus tiefstem Herzen eine Liebesgeschichte schreiben. Die Geschichte eines Mädchens, das den Mann, der es seit einem Jahr anhimmelt, nie gesehen hat und leidenschaftlich liebt. Eine Erzählung, die am Ende ein Tor zum Licht aufstoßen soll. Eine Story, die zwar kein Happy End hat wie romantische Hollywoodfilme, aber doch eins, das dem Leser keine Angst macht, sich zu verlieben. Und selbstverständlich soll niemand den Text als politisch abstempeln können. Mein Dilemma besteht nun aber darin, dass ich die Liebesgeschichte in meiner Heimat herausbringen will. Anders als in vielen Ländern der Erde ist das Schreiben und Veröffentlichen von Liebesgeschichten in meinem geliebten Iran kein leichtes Unterfangen. Nach dem Sieg einer unserer letzten Revolutionen – als mithilfe westlicher Medien unsere Rufe nach Freiheit der Welt in den Ohren gellten – wurde, um zweitausendfünfhundert Jahre despotischer Königsherrschaft gutzumachen, eine islamische Verfassung verabschiedet. Diese neue Verfassung gestattet, alle nur erdenklichen Bücher und Zeitschriften zu schreiben und zu drucken, und verbietet ausdrücklich deren Zensur. Leider aber erwähnt sie mit keinem Wort, dass die Bücher und Zeitschriften auch ohne Weiteres die Druckereien verlassen dürfen.

In der ersten Zeit nach der Revolution lief es so: War ein Buch gedruckt, hatte der Verleger dem Ministerium für Kultur und islamische Führung drei Exemplare vorzulegen, um eine Auslieferungsgenehmigung zu erhalten. Beurteilte das Ministerium das Werk als schädlich, dann blieb die gesamte Auflage im Lager der Druckerei liegen, und der Verleger musste zusätzlich zu den Druckkosten entweder Lagergebühren zahlen oder die Bücher zu Pappe recyceln. Dieses System brachte viele Verlage an den Rand des Ruins.

Um das finanzielle Risiko einzuschränken und zu vermeiden, dass die Bücher bis zur Vertriebsgenehmigung jahrelang in Lagerräumen vor sich hinmodern, hat sich in letzter Zeit aufgrund einer halb mündlichen, halb offiziellen Übereinkunft die Praxis ergeben, dass der unabhängige Verleger freiwillig, eigenhändig und auf eigenen Füßen drei Ausdrucke des mit modernster Layoutsoftware erstellten Manuskripts im Ministerium für Kultur und islamische Führung abliefert, damit er die bewusste Genehmigung erhält, bevor er den Druckauftrag erteilt.

In einer bestimmten Abteilung dieses Ministeriums sitzt ein Herr mit dem Spitznamen Petrowitsch (ganz recht: jener Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch, der Raskolnikows Morde aufzuklären hat). Ihm obliegt die gewissenhafte Lektüre von Büchern, namentlich von Romanen und Erzählungen und ganz besonders von Liebesgeschichten. Er streicht jedes Wort, jeden Satz, jeden Absatz und sogar ganze Seiten, wenn sie anstößig wirken und folglich eine Gefahr für die öffentliche Moral und die altehrwürdigen gesellschaftlichen Werte darstellen. Gibt es zu viele solche Streichungen, gilt das Buch als ungeeignet zur Veröffentlichung; sind sie...


Ballin, Ursula
Ursula Ballin, geboren 1939 in Hamburg, wuchs in England und Finnland auf. Viele Jahre verbrachte sie in China und Taiwan, zuletzt als Professorin für Geschichte in Taipeh. Ursula Ballin lebt als freie Übersetzerin in München.

Mandanipur, Shahriar
Shahriar Mandanipur, geboren 1957 in Schiras, ist einer der bekanntesten iranischen Autoren. Er studierte Politikwissenschaften und war Soldat im iranisch-irakischen Krieg. Für seine Werke hat er zahlreiche Preise gewonnen. Über zehn Jahre lang war er Chefredakteur der Literaturzeitschrift Asr-e Pandjshanbeh (»Donnerstagabend«), die 2009 aus politischen Gründen eingestellt wurde. Mehrere Gastprofessuren führen ihn immer wieder in die USA, wo er zeitgenössische iranische Literatur und Film unterrichtet.



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