Manheller | In den dunklen Gassen von Mayen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 400 Seiten

Reihe: Kommissar Van de Molen

Manheller In den dunklen Gassen von Mayen

Historischer Kriminalroman aus der Eifel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95441-732-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Kriminalroman aus der Eifel

E-Book, Deutsch, Band 1, 400 Seiten

Reihe: Kommissar Van de Molen

ISBN: 978-3-95441-732-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Finstere Zeiten Ein Mordfall in Mayen 1919 Die Straßen und Gassen des Städtchens Mayen am östlichen Rand der Eifel liegen in tiefem Dunkel. Für die Laternenbeleuchtung fehlt wegen des verlorenen Kriegs das Gas. In dieser Finsternis schlägt ein Mörder zu, schnell, skrupellos, und wie er glaubt, unbeobachtet. Kommissar Jakob van de Molen ist erst vor fünf Monaten von Berlin in die kleine Stadt versetzt worden, in der angesichts der katastrophalen Versorgungslage ein täglicher Kampf ums Überleben den Alltag der Menschen prägt. Als neuer Leiter der Kriminalpolizei hat er es nicht leicht mit den städtischen Honoratioren, denn schon bald sieht er sich den Anfeindungen von Stadtrat Maus, dem skrupellosen Leiter der Ortspolizeibehörde, ausgesetzt. Auch an die Menschen mit ihrer harten und direkten Sprache, die bei der schweren Arbeit im Schieferbergwerk und den Basaltsteinbrüchen ihr karges Brot verdienen, muss er sich erst gewöhnen. Van de Molen kennt die junge Frau, deren Leiche in einer stürmischen Nacht vor dem Tor der Genovevaburg im Schnee gefunden wird: Elfriede, das Dienstmädchen des Stadtrates war kein Kind von Traurigkeit, heißt es. Aber wer hat sie ermordet? Alles deutet darauf hin, dass ihr ehemaliger Freund, ein gewalttätiger Steinbrecher, sie erschlagen hat. Doch mit dem scheinbar schnellen Ermittlungserfolg will sich Van de Molen nicht zufriedengeben und sucht weiter. Da erwächst aus dem Hinweis eines stadtbekannten Klaukindes ein schrecklicher Verdacht, aus dem bald bittere Gewissheit wird.

Wilfried Manheller, geb. 1956, war seit 1977 im Polizeidienst des Landes Rheinland-Pfalz, zunächst bei der Schutzpolizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler, dann als Dienstgruppenleiter im Polizeipräsidium Mainz. Später wurde er dann Leiter des K3 (Kommissariat zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität) in Mayen und 2006 Leiter der Kriminalpolizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Seit dem Jahr 2018 widmet er sich im Ruhestand unter anderem der Schriftstellerei und verfasste zwei historische Romane über die Zeit der Bauernkriege. 'In den dunklen Gassen von Mayen' ist sein erster historischer Kriminalroman und der Beginn einer Reihe um den Ermittler Jakob van de Molen.
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1
DER MORD AN DER GENOVEVABURG


Montag, 10. Februar 1919

Während sich in Weimar die Männer, die man später als Novemberverbrecher beschimpfen und verfolgen würde, der reaktionären Kräfte des untergegangenen Kaiserreichs erwehren mussten, beherrschten in Mayen, einer kleinen Stadt am östlichen Rand der Eifel in der preußischen Rheinprovinz, der tägliche Kampf ums Überleben angesichts der katastrophalen Versorgungslage und die schwere Arbeit im Schieferbergwerk und in den Basaltsteinbrüchen den Alltag der Menschen.

Und während die Nationalversammlung im festlich beleuchteten Nationaltheater in Weimar das Gesetz über die vorläufige Reichsgewalt beschloss und die Vorbereitungen für die Wahl des ersten Reichspräsidenten am nächsten Tag traf, lag der Marktplatz in Mayen im Dunkeln; für die Straßenbeleuchtung fehlte – dem verlorenen Ersten Weltkrieg geschuldet – seit Ende des Jahres 1918 das Gas.

Es war bitterkalt an jenem Abend des zehnten Februar 1919. Ein scharfer Nordostwind jagte spitze Schneekristalle durch die Stadt und vertrieb die Menschen in ihre schlecht geheizten Wohnungen, sodass die Straßen menschenleer waren.

Die Kirchturmglocke von Herz Jesu schlug zehn Uhr.

Eine Seitentür öffnete sich, ein Kind, ein Mädchen von vielleicht zehn oder elf Jahren, verließ laut hustend die Kirche und blickte sich verstohlen um. Draußen, in einer dunklen Ecke neben der Tür, stand ein alter Handkarren mit Eisenrädern, in dem nur einige Bretter lagen. Das Kind packte die Deichsel, ruckelte an dem Karren, der in der Kälte im Schnee festgefroren war, und zog ihn dann mit quietschenden Rädern in Richtung Marktplatz. Der Schnee brachte immerhin so viel Licht, dass man trotz der fehlenden Straßenbeleuchtung noch genug sah. Das Mädchen ging langsam die Straße entlang, blickte in alle Hofeinfahrten und sonstigen finsteren Ecken, verschwand bisweilen in einer dieser Ecken, als suchte es etwas, und kam doch immer mit leeren Händen zum Karren zurück. Wurde es wieder von einem trockenen Hustenanfall geschüttelt, hielt es sich sofort einen Ärmel der zu großen und zu dünnen Leinenjacke vor den Mund und schaute sich prüfend um, als hätte es Angst, gehört zu werden und aufzufallen.

Gegen halb elf kam ein Mann mit eiligen Schritten von der Burg hinunter. Die Arme schwenkend, als durchschritte er ein Kornfeld, bog er in den Burgfrieden ein und folgte außerhalb der Stadtmauer dem Boemundring. Das Kind sah ihn, drückte sich kurz in das Dunkel einer Hofeinfahrt und ging dann hinter ihm her, bis er in der Neutorstraße verschwand.

Auf dem Weg zurück zum Karren holte es in der Bärengasse eine stadtbekannte, attraktive Mittvierzigerin mit zweifelhaftem Ruf ein, die wegen ihrer Vorliebe für silbergraue Kaninchenfelle nur die Selwa Knain genannt wurde.

»Na, Lisbethchen, auch noch unterwegs? Wenn die anderen im Bett liegen, sind wir zwei noch fleißig, jede auf ihre Art, nicht wahr?« Die Frau zündete sich eine Zigarette an. »Aber es ist verdammt dunkel. Pass bloß auf, dass dich nicht mal einer überfällt.«

Lisbethchen schüttelte den Kopf. »Selwa Knain, da brauchste kein Angst ze habe. De Duudschläje-Tünn passt doch auf mich auf, un dat wissen de Spitzbube.«

»Stimmt, hatt' ich vergessen.« Selwa Knain lachte vor sich hin, und als sie den Karren erreichten, stützte sie sich mit einer Hand auf Lisbethchens Schulter und schaute hinein. »Na, hast du denn wenigstens etwas gefunden?« Sie sah die Bretter, schüttelte den Kopf, kramte in der Manteltasche und gab dem Mädchen einen Groschen in die Hand. »Kauf dir davon morgen ein paar süße Brötchen, aber iss sie selbst, damit du mir nicht doch noch eingehst. Klar?«

Lisbethchen machte einen kleinen Knicks. »Danke, Selwa Knain, mach' esch!«

Die Frau schaute das Kind prüfend an. »Ich habe gehört, du stehst auch unter dem Schutz von dem Kommissar, dem van de Molen? Bist wohl unter die Ehrlichen gegangen.«

Lisbethchen schien für einen Augenblick zu überlegen. »Ach, weißte, Selwa Knain, me muss ja gucke, wo me bleibt. Un der Kommissar gibt me ab und an och was ze esse.«

»Ja, gehst du denn nicht mehr klauen? Da werden sich die Mayener aber freuen.«

»Was du alles wisse willst, Selwa Knain! Esch hab doch nie geklaut. Esch hab nur die Sache aufgehobe, die auf de Straß lage. Esch klau doch net!«

Die Frau strich Lisbethchen mit der Hand über den Kopf. »Du bist schon ein armes Stück«, sagte sie ehrlich bedauernd und blickte sich verstohlen um. »Und vergiss nicht: Wegen dem, was du da neulich in der Kirche gesehen hast, bei der Beichte … Kein Sterbenswörtchen zu der Sache mit mir und dem Pastor Ölheim in der Sakristei. Du hast ja gehört, was der Pastor gesagt hat: Das wär eine Todsünde, wenn du etwas davon erzählen würdest, und du kämst in die Hölle!«

Lisbethchen wich einen Schritt zurück. »De weißt doch, esch sag nix, brauchst kein Angst ze habe, Selwa Knain.«

»Und pass bloß auf, dass der Kainz dich nicht mal erwischt. Das ist doch ein ganz Scharfer bei den Kriminalen, meint der Duudschläje-Tünn. Der steckt dich ins Loch.«

»Du meinst die Ratt? Dat is wahr, dem ist net ze traue, aber esch pass schon auf, un um die Uhrzeit liegt der im Bett. Weißte, der is gemein, aber net fleißig. Außerdem: De Kommissar is dem sei Chef, der wäscht dem dann seine Kopp, bis de Ohre rot werde, dat kannste aber glaube.«

»Ich sag's ja nur. Der Kommissar ist ja auch nicht immer um dich herum. Pass halt auf und lass dich bei deiner Organisiererei nicht erwischen, würdest mir fehlen … Mein Gott, Lisbethchen!«, erschrocken legte Selwa Knain eine Hand auf den Mund, »jetzt rede ich hier mit dir, als hätt' ich alle Zeit der Welt, und hätt' beinahe meinen Freund vergessen, der wartet doch noch auf mich!« Sie kicherte vor sich hin, zog sich den grauen Kaninchenpelz fester um den Hals und verschwand mit trippelnden Schritten im Dunkel des Marktplatzes.

Lisbethchen packte den Karren und machte sich auf den Weg in Richtung der Weiersbach, wo sie mit ihrer Familie in einem feuchtkalten Kellerloch hauste.

Doch wieder kam ein Mann eiligen Schrittes vom Burgweg hinunter und zwang Lisbethchen, erneut im Dunkel einer Hofeinfahrt zu verschwinden. Fassungslos über so viel störenden Fußgängerverkehr um diese Uhrzeit schüttelte das Mädchen unwillig den Kopf. Dass der eilige Fußgänger auf seinem Weg über den Marktplatz einer unvorsichtigen Katze einen Tritt gab, dass sie quer über das Pflaster flog, sah Lisbethchen nicht, reimte es sich aber zusammen, als sie das vorwurfsvolle Kreischen der Katze hörte.

Da das Quietschen des Handkarrens nicht zu unterdrücken und auch nicht zu überhören war, wartete das Kind eine geraume Zeit, freute sich, als die Katze noch vorbeikam und um seine Beine strich, und machte sich wieder auf den Weg, die Katze im Schlepptau. Man ging noch einige Meter gemeinsam, dann trennten sich ihre Wege, weil der Katze im Schnee die Füße kalt wurden.

Als sich Lisbethchen mit dem quietschenden Karren der Weiersbach näherte, wurde am ersten Haus die Tür geöffnet. Lichtschein fiel auf eine schwere Gestalt in rotem Mantel, roten Stiefeln und mit roter Pelzkappe auf dem Kopf. Der Mann stellte sich mitten auf den Weg, den das Lisbethchen nahm. »Na, Lissje, wo kümmst de denn jetzt noch her? Warste widda fringse?« Auch der Mann beugte sich über den Karren, schüttelte missmutig den Kopf, als er nur die paar Bretter darin sah, und nahm sich das dickste davon. »Dat wollste mir doch suwisu schenke, udda, Lissje? Kann esch good brauche. Hast ane good bai mie.« Auch er streichelte Lisbetchen über das Haar; sie schaute zu Boden. »On loss desch net von de Ratt, dem Kainz, erwösche. Dat es en harte Hond, der spiert desch en! Der neu Kommissar soll den stramm enjenordet hann, on seitdem ka'ma dem noch winija traue. Erjendwann scheeßen esch dem en Kuhel en saine dreckeje Kopp.«

»Esch wahs! Haste me at emol jesoht, Duudschläje-Tünn, dat behaalen esch noch. Wejen mie mohste dem neust dohn, esch passen schun off.«

»Joh, joh, dau bes schun mei Bestet, Lissje. Esch haalen joa och de Hand üwa desch, wenn de wahst, bat esch maanen.«

»Mit wäret lewa, dau jäwsa ma ebbes ze ähße. Esch hann seit jesda neust mieh krisch«, klagte sie und schaute ihn mit treuen Augen an.

»Maanste dau dann, esch wär de Armekösch? On dau wahst doch, bie de Leut soan: ›Gibste mir, geb ich dir. Hab isch nix, kriegste de och nix!‹ Su es et Läwe, Lissje.«

Lisbethchen hob den Kopf und schaute Duudschläje-Tünn an. »Tünn, hann esch die at gesoaht, dat esch nimmie su good hüren on sehn? Wenn de verstahst, bat esch maanen.«

Duudschläje-Tünn lachte laut auf, klopfte Lisbethchen mit seiner schweren Hand auf die Schulter, dass es zur Seite einknickte, und bestätigte ihr: »Lissje, esch sehn, dau has at vill von mir jeliehrt. Waat emol …« Er ging zurück in seine Wohnung. Man hörte es poltern, es klatschte zweimal laut, dann schrie eine Frau, und Tünn kam ruhigen Schritts wieder nach draußen. »Esch mohst em Ammi mohl widda zeije, ber de Häär em Haus es. Häi! Haste noch ebbes zom kniwele.« Er wuselte Lisbethchen durch die Haare. »Un merk dir: Esch halen de Hand üwwa desch, sos kaane, och net de Kommissar. Esch künnt och dem Kommissar en Kuhel en de Kopp scheeße, anfach su. Künnt esch doan, Lissje.«

»Dat machste net, Tünn, dat machste net!«, beschwor sie ihn mit weinerlicher Stimme.

»Un wenn doch?«, wollte er sie...


Manheller, Wilfried
Wilfried Manheller, geb. 1956, war seit 1977 im Polizeidienst des Landes Rheinland-Pfalz, zunächst bei der Schutzpolizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler, dann als Dienstgruppenleiter im Polizeipräsidium Mainz. Später wurde er dann Leiter des K3 (Kommissariat zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität) in Mayen und 2006 Leiter der Kriminalpolizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Seit dem Jahr 2018 widmet er sich im Ruhestand unter anderem der Schriftstellerei und verfasste zwei historische Romane über die Zeit der Bauernkriege. „In den dunklen Gassen von Mayen“ ist sein erster historischer Kriminalroman und der Beginn einer Reihe um den Ermittler Jakob van de Molen.

Wilfried Manheller, geb. 1956, war seit 1977 im Polizeidienst des Landes Rheinland-Pfalz, zunächst bei der Schutzpolizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler, dann als Dienstgruppenleiter im Polizeipräsidium Mainz. Später wurde er dann Leiter des K3 (Kommissariat zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität) in Mayen und 2006 Leiter der Kriminalpolizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Seit dem Jahr 2018 widmet er sich im Ruhestand unter anderem der Schriftstellerei und verfasste zwei historische Romane über die Zeit der Bauernkriege. "In den dunklen Gassen von Mayen" ist sein erster historischer Kriminalroman und der Beginn einer Reihe um den Ermittler Jakob van de Molen.



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