E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Mann Coronagangster
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7541-7129-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7541-7129-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alex Mann lebt und arbeitet in Dresden. Er schreibt hauptsächlich Western und Thriller, in denen er Wert auf spannende Dialoge legt und seinen amerikanischen Vorbildern Elmore Leonard und George V. Higgins folgt. 'Coronagangster' ist sein zweiter Thriller.
Autoren/Hrsg.
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1
Einen Laden wie das Arizona hätte man nie im Keller des alten, etwas heruntergekommenen Neustädter Jugendstilhauses erwartet. Es war einem typischen amerikanischen Diner nachempfunden, mit knalligen grün-gelben Sitzbänken, die einen angenehmen Kontrast zu dem grellen Neonlicht abgaben, welches von den langen kastenförmigen Deckenstrahlern herableuchtete. Die Wände waren voll mit alten Reklametafeln, Nummernschildern, allen möglichen amerikanischen Souvenirs, die überall sonst kitschig gewirkt hätten, dem Laden aber ein gewisses Flair gaben. Und natürlich alte Kinoplakate und großformatige Fotos von Hollywoodstars. Charles Bronson als Vince Majestyk. Paul Newman als Hombre. Der Duke in irgendeinem seiner unzähligen Western. Clint Eastwood als Dirty Harry. Tim Olyphant als Raylan Givens. Es waren die Leinwandhelden des Besitzers, Frank Becker, der mit einer Flasche Radler in der Hand gelangweilt auf der Sitzbank an einem seiner Tische saß und auf jemanden wartete. Frank war Mitte vierzig, sein einst kastanienbraunes Haar war blasser und struppiger geworden, seine Haut trockener und faltiger. Er trug ein leichtes Jeanshemd, dass er sauber in seine braune Cordhose gesteckt hatte, deren weite Enden über ein paar abgewetzte Cowboystiefel gestülpt waren. Er passte gut zu diesem Laden, aber weder er noch sein Laden schienen in diese Stadt mit ihrem alten, barocken Charme zu passen, den man auf der anderen Seite der Elbe in Disneylandmanier neuaufleben lassen wollte.
Er hörte, wie die Tür geöffnet wurde und von allein wieder zuschlug, während weiche Gummisohlen die Treppe heruntertippelten. Ein Mann, der gute zehn Jahre jünger war als Frank, aber ohne Probleme auch für zwanzig Jahre jünger gehalten werden konnte, kam in den Raum, sah sich um, sah all die Stühle, die mit den Beinen nach oben auf den Tischen abgestellt waren, damit man darunter wischen konnte, sah die im Dunkel liegende Bar mit dem riesigen Spiegelregal voller Whiskyflaschen aller möglichen Sorten. Dieser junge Mann schien so gar nicht in den Laden zu passen. Eher in die Plastikwelt von Neu-Disneydresden mit seinem Hipsterdress, dem markenlosen Jackett, blassblauen Hemd, dem ein Bügeleisen gut getan hätte, der roten Hose und der ebenso markenlosen Kopie italienischer Schuhe, die nur dann gut aussahen, wenn sie frisch geputzt waren, was bei diesen hier schon eine Weile her war.
„Wie geht´s dir, Franky?“, fragte der junge Mann grußlos und schlenderte auf den Tisch zu.
Frank breitete die Arme aus. „Wie soll´s mir schon gehen? Ich hab` so viel Freizeit wie noch nie und hab` die besten Serien auf Netflix schon zwei Mal gesehen. Mir scheint die Sonne aus dem Arsch, Mann. Corona ist das Beste, was mir passieren kann.“
„Schon gut, Mann“, sagte der junge Kerl und zog sich den Stuhl zurecht, der am Kopfende des Tisches für ihn bereit stand. „War nur so ´ne Höflichkeitsfloskel. Kannst du mir vielleicht ´n Burger oder so was machen? Ich hab tierisch Kohldampf.“
„Was willst du, Seb?“
„´n Burger. Sagte ich doch.“
„Du kriegst jetzt keinen Scheiß-Burger. Weißt du, was mich der verdammte Laden kostet, Tag für Tag, nur weil er existiert? Miete, Versicherungen, Bereitstellungskosten für Strom und Wasser, obwohl ich nichts davon nutze.“
„Na dann nutz ihn doch und mach mir ´n Burger.“
„Du hast echt den Arsch offen, oder? Sobald ich die Küche anschmeiße, explodiert mein Energieverbrauch und das für ´nen Scheiß-Burger, den du als Freund wahrscheinlich auch noch umsonst-gratis haben willst?“
„Das ist doppelt gemoppelt?“
„Was?“
„Umsonst-gratis. Das sind zwei Worte, die das gleiche bedeuten.“
„Ja und die brauch´ ich, weil du´s beim ersten Mal anscheinend nicht raffst.“
„Also gibt´s keinen Burger?“
„Nein Mann!“, sagte Frank genervt.
„Kann ich dann wenigstens ´n Radler oder so haben? Durst hab` ich nämlich auch.“
Fluchend stand Frank Becker auf und ging zur Bar. Der junge Kerl hörte das Klappern eines Kühlschrankes, der anscheinend mit kleinen Flaschen vollgestopft war.
„Hast du vielleicht wenigstens was zu knabbern? ´n paar Erdnüsse oder so was, Frank?“
„Hast du Geld?“, fragte Frank hinter der Theke hervor.
„Nein, Mann.“
Der Kühlschrank wurde mit mehr Wucht, als notwendig war, wieder zugestoßen. Ein Zischen, als der Kronkorken von der Flasche gehebelt wurde und eine kleine Tüte Erdnüsse flog durch den Raum, klatsche vor Sebastian Hilbert auf den Tisch, rutschte über die lackierte Tischplatte und fiel ihm direkt in den Schoß.
„Bedien` dich“, sagte Frank Becker und kam mit zwei Radlerflaschen an den Tisch zurück. „Geht auf´s Haus.“
„Du bist zu großzügig.“
„Na an ´ner Scheißtüte mit Erdnüssen geh ich jetzt auch nicht pleite.“
„Dir geht´s dreckig, was?“
„Bist du gekommen, um mir was zu erzählen, was ich schon weiß?“, fragte Frank Becker genervt und leerte den Rest seiner ersten Flasche. „Der Laden lief richtig gut. Ich hatte schon einen Großteil meiner Küche abbezahlt, ich hatte ein Team zusammen, das brauchbar war und dann kam die verfickte Kung-Flu-Seuche.“
„Kung-Flu-Seuche?“
Frank Becker grinste breit. „Ja. Is´n Wortspiel. Kapierst du?“
Sebastian Hilbert überlegte einen Moment. „Ach so. Verstehe. Flu ist englisch für Grippe und Kung Flu, weil´s aus China kommt. Passt in den Laden. Guter Gag.“
„Ne. Scheißgag. Ich war schon oft pleite im Leben, aber gerade dachte ich, ich hab´s geschafft und könn´t mir ´ne schöne Rente aufbauen, da passiert so´n Scheiß. Ich hab ´n Arsch voll Schulden, die von Tag zu Tag wachsen, weil ich nicht einen Cent mehr einnehme und der Laden Kohle frisst und frisst.“
„Verkauf ihn doch.“
Frank seufzte schwer und nahm einen tiefen Schluck aus seiner neuen Flasche. „Ganz ehrlich? Ich hab` schon drüber nachgedacht. Das Problem ist, dass jetzt keiner ein Restaurant kauft und wenn, dann nur zu Dumpingpreisen. Statt großer hätt´ ich dann nur kleine Schulden. Aber wenn man nicht zahlen kann, ist´s letztlich scheißegal, ob man mit 200 oder 200.000 in der Kreide steht. Die Bank hat einen an den Eiern.“
„Was ist denn mit diesen ganzen staatlichen Hilfsprogrammen?“
„Die garantieren mir, dass ich nicht unter der Brücke leben oder verhungern muss, aber sie nützen mir einen Scheiß mit dem Laden.“
„Ehrlich? Ich hab´ mal gelesen, dass das gar nicht so wenig Geld ist, dass viele nur nicht die richtigen Summen abrufen, die ihnen zustehen.“
„Kann sein und weißt du, woran dass liegt? Weil´s hunderte Formulare gibt und keiner auf so einem Scheißamt, der einen eigentlich beraten soll, einem erklärt, was man machen muss. Sie erklären einem nur, dass man in die Zeile, wo Name steht, seinen Namen eintragen muss, als wäre man zu blöd zum Lesen. Aber wo, wann und wie ich vielleicht noch einen anderen Antrag besorgen kann, von dem ich nichts weiß, der mir aber helfen würde, dass wissen die Pfeifen nicht. Interessiert die ja auch nicht. Beamte werden ja schön weiter bezahlt.“
„Ja, die Welt ist ungerecht.“ Sebastian riss die Tüte auf, streute ein paar Erdnüsse auf den Tisch und fing an, sie zu essen.
„Und wie zum Hohn muss mir mein Nachbar das dumme Arschloch immer vorschwärmen, was für eine Chance ihm Corona doch bietet, weil er Zeit für die Kinder hat. Seine Frau ist Lehrerin im Elternurlaub, er ist freischaffender Künstler – also defacto schon immer arbeitslos – und jetzt machen sie sich jeden Tag einen Bunten, weil Sie für´s Nichtstun bezahlt wird. Sie fahren ins Gebirge, sie fahren in die Lausitz zum Baden oder nach Leipzig. Sie machen all das, was man noch machen darf, was – so schwärmt mir der Wichser immer vor – gar nicht mal so wenig ist. Er hat gerade ein tolles Leben, der Honk, und das Einzige, was bei mir weiterläuft, ist die Scheiß-Schuldenuhr. Jede Sekunde, die ich hier mit dir quatsche, nehmen meine Schulden zu. Ist wie mit dieser Scheiß-Anzeige, die dir zeigt, wie die Staatsschulden wachsen.“
„Wie groß sind denn deine Schulden?“
„Ich war mal runter auf vierzigtausend. Ein Klacks. In spätestens zwei Jahren wäre ich schuldenfrei gewesen und hätte noch jemanden eingestellt. Dann wäre ich nur noch zum Essen in meinen eigenen Laden gekommen. Jetzt haben sie sich mehr als verdreifacht. Müssten jetzt gute hundertfünfzigtausend sein. Aber wie gesagt, es wird sekündlich mehr. Am Ende des Quartals werden es um die hundertachtzigtausend sein. Aber das ist scheiß egal, weil ich keine Einnahmen hab`, weder für vierzig, noch für hundertachtzigtausend.“
„Wie lange hälst du noch durch?“, fragte Sebastian, holte eine angerissene Schachtel Zigaretten unter seinem Jackett hervor und ließ eine davon in seine linke Hand gleiten.
„Keine Ahnung. Schätze mein einziges Glück ist im Moment, dass die Scheiß-Banken nicht wissen, welchen ihrer vielen Gläubiger sie zuerst ins Grab bringen sollen. Theoretisch bin ich mit drei Raten im Rückstand, mein Dispo ist aufgebraucht und seit zwei Wochen bezahle ich meine Einkäufe durch meine Plattensammlung, die ich bei Ebay verhökere.“ Frank hielt inne und runzelte die Stirn, als Sebastian sich die Zigarette zwischen die Lippen schob und ein Feuerzeug hervorholte. „Ey, das ist ein Nichtraucherladen.“
„Ist doch eh grad´ keine Sau da“, sagte Sebastian und breitete die Arme aus, um die Leere des Raumes zu betonen.
„Ist mir scheißegal, ob jemand da ist, oder nicht, das ist mein Laden und hier wird nicht geraucht.“
„Ich...




