E-Book, Deutsch, Band 2, 0 Seiten
Reihe: Ein Land für Helden
Mann Der Monolith -
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11675-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Land für Helden 2 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 0 Seiten
Reihe: Ein Land für Helden
ISBN: 978-3-641-11675-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Britannien, 1993: In einer Welt, in der das Römische Weltreich noch besteht und man von Eboracum – York – bis an die Südküste wandern kann, ohne je aus dem Schatten der Wälder herauszukommen, sind drei ganz unterschiedliche Menschen dem Imperium und seinen starren Gesetzen entkommen. Sie haben sich zu den Heiden in die Wälder geflüchtet und dabei ein uraltes, magisches Britannien entdeckt, das sich anschickt, den Römern die Stirn zu bieten. Doch ihr Versteck wurde entdeckt, und erneut sind Miranda, Angus und Viti auf der Flucht. Sie wollen zu Stand Alone Stan, einer Gemeinde, die rund um einen Monolithen im Yorkshire Moor entstanden ist. Doch die Reise ist gefährlich, denn Wildkatzen, Bären und Wölfe lauern in den Wäldern, und die Römer sind ihnen dicht auf den Fersen …
Phillip Mann wurde 1942 in Northallerton, Yorkshire geboren und lebt seit 1969 in Neuseeland. Von 1970 bis 1998 unterrichtete er Theaterwissenschaften an der Victoria University of Wellington, diesen Posten gab er auf, um sich anderen Projekten zu widmen. 1982 erschien sein erster Roman „Das Auge der Königin“, der den Auftakt zu einer Reihe weiterer SF-Romanen bildete (z. B. „Der Herr von Paxwax“, „Der Fall der Familien“, „Pioniere“, „Wolfsgarn“ und die „Ein Land für Helden“-Tetralogie). Ab Mitte der 1990er Jahre schrieb Mann keine Science Fiction mehr, um sich vor allem dem Theater zu widmen; erst 2013 kehrte er zu diesem Genre zurück.
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Auf dem Weg nach Stand Alone Stan
Coll, Angus und Miranda, die den Kopf tief in ihrer Kapuze vergraben hatten, redeten beim Gehen nicht miteinander. Sie wichen dem weichen Schlamm und den Pfützen aus, die sich auf dem Waldpfad unter den Bäumen gebildet hatten. Die einzigen Geräusche waren das Quietschen ihrer Schritte und der plötzliche Wasserguss, wenn der Wind die hohen Bäume durchrüttelte und die Blätter sich neigten.
Jeder von ihnen hatte sich in seine eigene Gedankenwelt verloren, sie achteten kaum auf den dunklen Pfad, auf dem sie entlangstapften. Angesichts der grausigen Erinnerung an den Überfall auf das Dorf hatten sich bei jedem von ihnen Hoffnung, Energie und die Zielbewusstheit, mit der sie am frühen Morgen aufgebrochen waren, nach und nach verflüchtigt. Diese Erinnerung konnten sie nicht ruhen lassen, sie mussten sich mit ihr auseinandersetzen und sie annehmen. Die Gewalt, deren Zeuge sie gewesen waren, hatte jeden der drei auf ganz eigene Weise schockiert: Jeder fühlte sich von ihr verletzt, von ihr beschmutzt, von ihr herausgefordert.
Miranda hielt die Schachtel mit dem Schädel, der ihr freundlich gesonnen war und sie beschützen sollte, eng an die Brust gedrückt. Bella hatte ihr den Schädel geschenkt, ehe das Gasthaus niedergebrannt wurde. Bella hatte richtig erraten, dass Miranda sich ohne die vertraute Routine des Gasthausalltags und ohne die wärmenden Arme von Gwydion einsam und verlassen vorkommen würde. Ihr eigenes, fein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und ihr gesunder Menschenverstand hatten sie dazu veranlasst, trotz der Eile und Hektik, mit der das Gasthaus geräumt wurde, in die Nische über Mirandas Zimmertür zu greifen, den Schädel herauszuholen, ihn abzustauben und ihn Miranda zu reichen. »Nimm ihn. Gwydion wird eine Schachtel dafür finden. Ich schätze, die alte Polly hat dich ins Herz geschlossen. Und in fünf Minuten oder so braucht sie auf dieses Zimmer sowieso nicht mehr aufzupassen. Sie wird dich sicher bewahren – egal, was passiert.«
Miranda hatte den Schädel von Bellas Urgroßmutter an sich genommen und Bella dankbar geküsst.
Als sie den Schädel in seiner Schachtel verstaut und auf Rosmarinzweige und zusammengerollte Kügelchen von Zitronenmelisse gebettet hatte, wurde ihr bewusst, wie seltsam sie geworden war. Was war aus dem konventionellen Mädchen geworden, das eine Musterschülerin der polytechnischen Schule von Eburacum gewesen war? Wer war diese Heidin mit den strahlenden Augen, die Trost in dem Schädel einer Frau fand, die schon seit mehr als vierzig Jahren tot war? Es spielte keine Rolle. Miranda, die Realistin, war inzwischen genauso stark wie Miranda, die Romantikerin, und sie suchte Trost, wo sich ihr Trost bot, egal, wie seltsam dieser Trost sein mochte.
Deshalb hielt Miranda jetzt beim Gehen die Schachtel eng an sich gedrückt und versuchte sich vorzustellen, dass die alte Polly mit ihr ging. Trotzdem konnte sie sich nicht gegen das Gefühl von Einsamkeit wehren. »Ist das alles, um was es in diesem Leben geht?«, fragte sie sich traurig. »Kaum findet man Trost, ist er auf und davon.« Ihr fielen Jungen ein, die sie einmal auf den Straßen von Eburacum beobachtet hatte. Sie ärgerten einen Hund, befestigten einen Knochen an einer Schnur und schlenkerten ihn vor seinem sabbernden Maul hin und her. Sie hatte gesehen, wie der Hund hochgesprungen, gebellt und in die Luft geschnappt hatte.
Miranda zitterte. Ihre Füße fühlten sich feucht an. Der Regen war durch eine Naht in ihre Kapuze gedrungen, das Wasser tropfte ihr in den Nacken. Es juckte sie am Rücken, im Gesicht und an den Oberschenkeln, wo der Nesselausschlag heilte. Ihr wurde fast schwindelig bei der Erinnerung daran, wie die Sturmsoldaten angekommen waren und in Bellas Augen Panik gestanden hatte, als sie Miranda die Brennnesseln ins Gesicht warf. Wieder hörte sie Bella schreien: »Reib dich damit ein. Reib dich mit den Nesseln ein. Fahr dir damit über Gesicht und Arme. Heb deinen Rock hoch, fahr dir über die Beine, fahr dir über die Innenseite der Oberschenkel.«
»Warum …?«
»Mach's einfach. Die vergewaltigen. Die töten. Sie werden gleich hier sein.«
Miranda erinnerte sich daran, wie Türen eingetreten und die Gefangenen mit Draht gefoltert wurden. Sie erinnerte sich an Gwydions Kühnheit, als er dem geblendeten Kommandeur wie ein Vogel ins Gesicht geflötet und den römischen Offizier mit einem einzigen Hieb getötet hatte. Danach das Niederbrennen des Dorfes … und so viel anderes. So viel. So viel. Die Erinnerung erschöpfte Miranda.
Zum hundertsten Mal blickte sie sich um und hoffte, die große Gestalt von Gwydion zu sehen, der sie mit großen Schritten überholen wollte. Aber da war nur der trostlose Pfad mit den Abdrücken ihrer Schritte, die sich mit Wasser füllten. Während sich Miranda dem Takt ihrer Schritte überließ, begann sie sich allmählich merkwürdig losgelöst vom eigenen Leben zu fühlen, so als hätte sie keine Kontrolle mehr über das, was geschah. Sie wurde einfach mitgerissen. Sie war eher Beobachterin als diejenige, die dies alles selbst durchlitt. Über der Vergangenheit lag bereits ein Nebel. Und die Zukunft war nicht mehr als eine Krümmung in dem Pfad, der vor ihr lag.
Coll, der jetzt diesen neuen Namen trug und noch vor wenigen Stunden Viti geheißen hatte, schlug sich mit Schuldgefühlen herum. Er wusste, dass der Überfall auf das Dorf nur ihm gegolten hatte. Er war derjenige, nach dem gefahndet wurde. Er war der letzte lebende Sohn der Erblinie Ulysses, und die Familie Ulysses war eine der mächtigsten in der ganzen römischen Welt. Er war derjenige, der abtrünnig geworden war. Er konnte sich den Hass vorstellen. Was würden sein Vater oder die Behörden nicht anstellen, um ihn zu fassen? Coll sah das Gesicht seines Vaters vor sich, unnachgiebig wie Stein, als er die Worte seiner Spione vernahm und den Sturmsoldaten den Befehl gab, über das Dorf herzufallen. Denn Coll machte sich nichts vor: Er war im Luxus und in der Brutalität der römischen Elite großgeworden.
Inzwischen wäre ein Teil von ihm am liebsten unter den Bäumen verschwunden, weg von Miranda und Angus. Gern hätte er sich auf den Rückweg nach Eburacum gemacht und dort selbst den Behörden gestellt – oder auch in Sichtweite der Stadttore Selbstmord begangen. Was ihn davon abhielt, war einzig und allein die Gewissheit, dass ein solcher Schritt das Opfer so vieler Menschen im Dorf sinnlos und bedeutungslos machen würde. Und unter diesen Menschen waren auch diejenigen, mit denen er Freundschaft geschlossen hatte.
Nein. Sein Weg führte vorwärts oder nirgendwo hin. So schwer das auch war.
Aber diese stoische Haltung stärkte nur noch das Gefühl der Ohnmacht. Er hatte diesen Lebensweg nicht freiwillig gewählt. Warum ich?, dachte er zum hundertsten Mal, und zum hundertsten Mal gab es darauf keine Antwort. Es war einfach so, wie es war. Und so stolperte er vorwärts und dachte an Rache. Er dachte auch an Sicherheit. Vor ihm lief Miranda, für die er Gefühle hegte, die er nicht benennen konnte. Er wollte sie beschützen, obwohl er wusste, dass sie seinen Schutz überhaupt nicht wollte. Und vor ihr lief Angus, den er gern hatte, obwohl Angus einmal versucht hatte, ihn umzubringen. Er hatte so viele Menschen in gefährliche Situationen gebracht! Ich hoffe, dachte Coll bei sich, dass Lyf es richtig hinbekommen hat. Ich hoffe, dass dieser anonyme Leichnam, den sie so bekleidet haben, dass er wie ich aussieht, und dann verbrannten, die Soldaten überzeugt. Vielleicht hören sie auf, nach mir zu suchen. Vielleicht werden wir alle dann in größerer Sicherheit sein. Vielleicht vergisst man mich. Vielleicht … vielleicht zieht sich mein Vater auf die Güter im Norden zurück und lässt alles andere schleifen. Ich hoffe es.
Angus ertappte sich dabei, dass er in Gedanken mit sich selbst sprach. Diese Angewohnheit hatte er während der Zeit entwickelt, als er zusammen mit Damon oben auf den hohen Bäumen gearbeitet hatte. Er konnte einen Dialog hören. Eine Stimme war wütend. »Diese Scheißkerle hatten kein Recht, daherzukommen, um zu töten und zu vergewaltigen. Ein gerechter Staat würde sie dafür bezahlen lassen.«
Die andere Stimme war eher resigniert. »Gerechtigkeit ist eine Illusion. Nur den Wohlhabenden widerfährt Gerechtigkeit. Für die Machtlosen gibt es keine Gerechtigkeit.«
»Haben die Menschen, die sie vergewaltigt und umgebracht haben, keine Rechte?«
»Überhaupt keine, soweit es die Römer betrifft.«
»Aber sie sind doch Menschen, Männer und Frauen. Männer und Frauen wie wir alle.«
»Für die Römer nicht, und die Römer haben die Macht.«
»Also zählt nur Macht?«
»Allein die Macht. Für den materialistischen Verstand.«
»Pah. Das muss man ändern. Man muss den Schwachen ein Schwert in die Hand geben. Diesen brutalen Hurensöhnen muss man eine Lektion erteilen.«
… Und so setzte sich sein Dialog immer weiter fort. Gelegentlich trat Angus auf dem Pfad Steine weg, während sich sein eigensinniger Kopf, der zwar nicht geschult war, aber schnell begriff und ausgezeichnet arbeitete, mit solchen Ideen wie Gerechtigkeit und Gleichheit herumschlug: Vorstellungen, für die ihm – abgesehen von der kurzen Lebensspanne, die er im Dorf verbracht hatte – jeglicher Bezugsrahmen fehlte.
Einmal hörten sie beim Laufen das Geräusch von Trommeln. Es schien von weit her und aus großer Höhe über ihnen zu kommen. Sie blieben stehen.
»Also, das haben wir schon einmal gehört«, stellte Angus fest. »Und damals hat es nichts Böses bedeutet.«
»Nein, es klingt meiner...




