Mann Flucht in die Wälder
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11674-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Land für Helden 1 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 0 Seiten
Reihe: Ein Land für Helden
ISBN: 978-3-641-11674-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist unsere Zeit, aber nicht unsere Welt: Die römischen Legionen haben Großbritannien nie verlassen. Noch immer herrschen sie über ein Weltreich und sichern es mit moderner Technik und Skrupellosigkeit. Eboracum, das wir als York kennen, ist die Hauptstadt Britanniens. Solarbetriebene Fahrzeuge transportieren Bürger und Güter auf schnurgeraden Straßen von Stadt zu Stadt und durchqueren dabei die Wälder. Außerhalb von Eboracum steht der Kampfdom, eine riesige Arena, in dessen künstlich gestalteter Landschaft brutale Spiele ausgetragen werden. Viti, Miranda und Angus fliehen aus dem Dom in die Wälder – und stellen dort fest, dass die „Pax Romana“, der römische Friede, brüchig ist: In den englischen Wäldern erwacht die magische Tradition des alten Britanniens zu neuem Leben …
Phillip Mann wurde 1942 in Northallerton, Yorkshire geboren und lebt seit 1969 in Neuseeland. Von 1970 bis 1998 unterrichtete er Theaterwissenschaften an der Victoria University of Wellington, diesen Posten gab er auf, um sich anderen Projekten zu widmen. 1982 erschien sein erster Roman „Das Auge der Königin“, der den Auftakt zu einer Reihe weiterer SF-Romanen bildete (z. B. „Der Herr von Paxwax“, „Der Fall der Familien“, „Pioniere“, „Wolfsgarn“ und die „Ein Land für Helden“-Tetralogie). Ab Mitte der 1990er Jahre schrieb Mann keine Science Fiction mehr, um sich vor allem dem Theater zu widmen; erst 2013 kehrte er zu diesem Genre zurück.
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Über die Wildnis
Aber im Augenblick treiben wir langsam über den riesigen wildwuchernden Wäldern des nördlichen Britanniens. Wir befinden uns ein paar Meilen östlich und ein wenig nördlich der großen Stadt Eburacum, die in dieser Welt Britanniens Hauptstadt ist. In unserer Welt kennt man diese Gegend als Pickering-Tal in der Grafschaft Yorkshire, und die große Stadt heißt York. Es ist mitten am Nachmittag und Frühling. Nach einem hellen warmen Tag fallen die Sonnenstrahlen schräg in den Wald und tauchen den herumwirbelnden Staub, die Pollen und tanzenden Insekten in goldenen Nebel.
Der Wald ist überwältigend, er dehnt sich aus, soweit das Auge reicht. An manchen Stellen erstrahlt das blasse Grün neuer Blätter, an anderen Stellen wirkt der Wald düster. Es gibt hier auffallend viele Stechpalmen und Haselnusssträucher, ihre Früchte sind bei Menschen und Vögeln sehr beliebt.
Eiben, nach menschlichen Maßstäben uralt, träumen im Schatten der größeren Bäume. Weiden markieren mit ihren hoch aufragenden Ästen die Wasserläufe und strecken ihre Arme zu den gewöhnlichen Erlen hinüber. Für Kontrast in Farbe, Form und Erscheinung sorgen Buchen und Eichen. Der Wald ist üppig und geheimnisvoll. Wenn der Wind bläst, schwanken die Baumwipfel, die Äste beugen sich, ächzen und schaben aneinander – dann ist der Wald wie ein einziges Lebewesen, ein gewaltiger grüner Organismus, der seine Zeit in Jahreszeiten und Jahrhunderten misst.
Hin und wieder treiben wir über dichte Hecken hinweg, die aus gestutztem Hagedorn, Haselnusssträuchern, manchmal auch aus Stechpalmen bestehen. Diese Hecken bilden eine Abgrenzung, sie halten den mächtigen Wald zurück und schützen kleine Dörfer. Jedes Dorf ist weitgehend als Runddorf angelegt, die Häuser stehen eng zusammen, es bleibt aber noch genügend Raum für kleine Gärten und Obstbäume. Bei vielen der großen Bäume, die nahe am Dorf wachsen, hat man die Äste zurückgeschnitten, damit das Tageslicht hereinfallen kann. Allerdings nicht bei den Lieblingsbäumen, den Eichen. Sie ragen hoch über die Hecke und werfen ihre Schatten auf die Lichtung. Im Herbst prasseln die Eicheln auf die Hausdächer und verstopfen die Dachrinnen.
Die Häuser bestehen aus Holz, Backsteinen und Lattenwerk und sind mit Ziegeln gedeckt, viele sind als kreisförmige Pfahlbauten angelegt. Unterhalb der Häuser ist Platz für Tiere. Die Häuser haben kleine Fenster und hohe Schornsteine, aus denen blauer Holzkohlenrauch aufsteigt. Vor den Haustüren hat man Rosmarin, Thymian, Zitronenmelisse und Minze angepflanzt. Zäune trennen kleine Parzellen gegeneinander ab. Dort wachsen Rüben neben Winterkohl, dort vermodert der Ausschuss der herbstlichen Ernte zu Kompost.
Das Frühjahrspflügen hat schon begonnen, an manchen Stellen sprießen aus der dunklen Erde schon die hellgrünen Halme der im Herbst eingesäten Frühsorten von Roggen und Gerste. Am Rande der Felder hat man feuchte Pflanzen, verrottende Ringelblumenblätter, schmutziges Erbsenstroh und die fauligen Ablagerungen aus Abwassergräben zum Abtransport in die Kompostbehälter aufgeschichtet.
Das Dorf ist voller Menschen, denn die Tagesarbeit ist getan. Jetzt ist es an der Zeit, auf dem Dorfplatz miteinander zu schwatzen und zu trinken. Überall riecht es nach Essen. Hühner gackern und picken unter den Tischen, die man in die Sonne gerückt hat. Kinder singen und schreien. Irgendwo wird gehämmert, ein Streit bricht aus. Anderswo wird gelacht. Dies sind die ›Wilden‹, wie die Römer sie nennen, die Waldbewohner, deren Feuer an Beltane brennen. Diese Männer und Frauen stammen von den Kelten ab, die Jahrhunderte vor den Römern in Britannien eingefallen sind, oder auch von den Wikingern und entlaufenen afrikanischen und orientalischen Sklaven. In ihren Adern fließt das Blut der frühesten Bewohner dieses Landes, das Blut der Männer und Frauen, die in den Hügeln steinerne Kreise und Festungen errichtet haben. Diese Waldbewohner setzen eine Kultur fort, die schon uralt war, als die Römer einfielen – manche behaupten sogar, dass diese Kultur bis zum alten Atlantis zurückreicht –, und sie sind auch keineswegs die einzigen Bewohner des Waldes.
Im Dorf versüßen nicht nur die Frühlingsblumen die Luft, sondern auch die Schweine, die zwischen den Eichen grunzen und schnüffeln. Kühe trampeln in den nassen Wiesen jenseits der Dorfmauer herum. Schafe blöken innerhalb der Einzäunungen, die man aus Weiden geflochten hat. Bärtige Ziegen zerren an ihrem Strick, alles, was außerhalb ihrer Reichweite liegt, macht ihnen ganz besonders Appetit. Ein Hund läuft von der Rückseite eines Hauses fort und duckt sich ins Gras, als er gerufen wird.
Unterhalb der Waldbäume schlängeln sich schmale Wege und verbinden die abseits stehenden Häuschen zu einem Netz. Alle Pfade sind gut ausgetreten, jeder Weg ist gerade breit genug, dass zwei Packpferde aneinander vorbei können. Man betritt das Dorf durch ein Tor, das jeden Abend bei Sonnenuntergang geschlossen wird. Oben ist das Tor mit Dornen gespickt. Es ist so hoch und solide gebaut, dass es einen brünftigen Hirsch oder ein Rudel heulender Wölfe aufhalten kann. Außerhalb der Dörfer verzweigen sich die Wege und verlieren sich unter den Bäumen, um am nächsten Dorf wieder aufzutauchen.
Nach Norden hin vermischt sich das Bunt des riesigen Waldes mit dem Nebelgrau und Purpurrot der Moore. Die Bäume weichen Farnkraut und Heide. Nach Osten hin drängt sich der Wald bis an den Rand der Klippen, die an die graue Nordsee grenzen. Dort sind die Bäume verkrüppelt und windschief, die salzige Brise hat ihnen phantastische Formen verliehen. Zum Süden und Westen hin umhüllt der Wald die niedrigen Hänge der Wolds und umsäumt die salzige Marsch dort, wo der Fluss Ouse mit den Gezeiten ringt. Dann drängt der Wald nach Süden und umschließt Hügel und Fluss mit seinen Ästen. Man sagt, dass derjenige, der jenseits der Mauern von Eburacum seinen Fuß in das grüne Gehölz setzt, den Schutz des Waldes bis zum Ufer jenes fernen Meeres im Süden nicht mehr verlassen muss.
Mit diesem weitläufigen Dickicht aus Bäumen und Unterholz hat sich das Land von der letzten Eiszeit erholt. Dieser Wald ist die Heimat von Wildkatzen, riesigen Wölfen und Bären. Selbst einen Tiger mit geflecktem Zottelfell und gekrümmten Fangzähnen hat man unter den Fichten nahe bei Kirkdale umherschleichen sehen. Und es gibt dort auch noch weitere Lebewesen, Lebewesen, die man selten sieht – es sei denn, sie wollen gesehen werden. Sie bewegen sich lautlos.
Zwar wimmelt der Wald von Leben, aber während wir über den Baumgipfeln dahintreiben, sehen wir nur Vögel aufflattern und gelegentlich einen Sonnenstrahl auf dem Wasser funkeln. Möglich, dass wir in der Ferne beizenden Rauch über dem Blätterdach aufsteigen sehen. Schließlich ist heute der erste Mai, zur Feier Beltanes brennen Feuer.
Plötzlich gelangen wir an einen Ort, an dem man große Waldflächen gerodet hat. Innerhalb dieses Gebietes liegt ein genau abgegrenztes Rechteck. Mit ein bisschen Phantasie könnten wir uns vorstellen, dass irgendein alter Gott, sagen wir Jupiter oder Vulkan, hier einen Riesen damit beauftragt hat, ein bestimmtes Waldgebiet abzuholzen. Der Rand ist durch hohe Steinmauern gekennzeichnet. Hinter den Zinnen patrouillieren Soldaten. An den Ecken ragen Wachtürme auf. Innerhalb dieses gerodeten Gebietes befinden sich quadratische Felder, lange Reihen von Glashäusern, ovale Fischteiche, Bewässerungsgräben, abgestufte Wasserkanäle und Windmühlen. Im Mittelpunkt der gerodeten Lichtung stehen mehrere Fertighäuschen, sie ziehen sich rings um eine Grasfläche, die ein Spielfeld darstellt. Diese kleine Ansiedlung sieht wie ein Dorf aus, aber in Wirklichkeit handelt es sich um einen einzigen Bauernhof. Dieser Bauernhof ist einer von vielen, die in der ganzen Provinz verstreut liegen. Sein einziger Zweck besteht darin, die Nahrungsmittel zu produzieren, die der Staat verlangt. Eburacum und dem benachbarten Heereslager liefert der Bauernhof Frischfleisch und Gemüse in bester Qualität. Jeder staatliche Bauernhof hat einen eigenen Namen und eine eigene Nummer. Die Höfe wetteifern nicht nur in der landwirtschaftlichen Produktion miteinander, sondern auch im Sport, das erklärt, wie wichtig das zentrale Spielfeld ist. Hier werden Ringkämpfe und Rennen ausgetragen. Zwei Gruppensportarten, ganz ähnlich wie Rugby und Cricket, sind besonders populär. Im Moment werden gerade die Rugby-Pfosten eingelassen, und die Gärtner sehen nach, welche Schäden das Cricket-Hauptfeld im Winter abbekommen hat.
Möglich, dass wir vieles wiedererkennen. Weniger vertraut sind wahrscheinlich die hohen Säulen, die das ganze Areal rund um den Bauernhof umgeben. An ihren Spitzen sind schwarze Platten mit Solarzellen angebracht. Solarenergie ist in dieser Welt weit verbreitet. Diese Technik ist, im Gegensatz zu vielen anderen, recht weit fortgeschritten. Der Bauernhof wird weitgehend mit Solarstrom versorgt.
Durch Straßen sind all diese staatlichen Bauernhöfe zu größeren Einheiten verbunden. So gerade wie Richtschnüre zerschneiden diese Landstraßen den wildwuchernden bunten Wald. Je weiter wir uns vom wilden Herz des Waldes auf Eburacum und seine Nachbarstädte zubewegen, desto augenfälliger werden Ordnung, Planung und wirtschaftliche Vorsorge. Die Straßen bekräftigen: Vernunft überwindet das Chaos der Natur. Und das ist für diejenigen, die der Meinung sind, dass die wilde Natur bezähmt werden muss, ein tröstlicher Gedanke. Dem aufmerksamen Beobachter entgeht allerdings nicht, dass die Vegetation dort am undurchdringlichsten ist, wo der Wald auf die zurechtgetrimmten Straßenbegrenzungen stößt. So als wollte der wildwuchernde Wald...




