E-Book, Deutsch, 643 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Mann / Kurzke Betrachtungen eines Unpolitischen
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401460-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fischer Klassik PLUS
E-Book, Deutsch, 643 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401460-9
Verlag: S. Fischer
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Thomas Mann, 1875-1955, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur. Manns vielschichtiges Werk hat eine weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden. Ab 1933 lebte er im Exil, zuerst in der Schweiz, dann in den USA. Erst 1952 kehrte Mann nach Europa zurück, wo er 1955 in Zürich verstarb.
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Der Protest
In seiner krankhaft leichten, unheimlich genialen Art, die immer ein wenig an das verkommene Schwatzen gewisser religiöser Personnagen in seinen Romanen erinnert, spricht Dostojewskij – 1877 – über die deutsche Weltfrage, über »Deutschland, das protestierende Reich«. Solange es überhaupt ein Deutschland gebe, sagt er, sei seine Aufgabe das Protestantentum gewesen: »Nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein Protestantentum, sein Protest, wie er einsetzte mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und darauf gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom überging und auf all die Völker, die von Rom seine Idee, seine Formel und sein Element empfingen, der gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht.«
Er führt dann in großen Zügen die Geschichte der römischen Idee vorüber: angefangen beim alten Rom mit seinem Gedanken einer universalen Vereinigung der Menschheit, seinem Glauben an die praktische Verwirklichung dieses Gedankens in Gestalt einer Allerweltsmonarchie. Diese Formel, sagt er, sei gefallen, aber nicht die Idee; denn die Idee sei die Idee der europäischen Menschheit, aus ihr habe sich deren Zivilisation gebildet, für sie allein lebe sie überhaupt. Der Gedanke der römischen Universalmonarchie sei ersetzt worden durch den der Vereinigung in Christo; worauf jene Spaltung des neuen Ideals in das , das Dostojewskij als das Ideal der durchaus geistigen Vereinigung der Menschen bezeichnet, und in das , römisch-katholische, päpstliche erfolgt sei, in welcher Gestalt die Idee ihren christlichen, geistigen Charakter zwar nicht aufgegeben, aber die altrömische, politisch-imperiale Überlieferung bewahrt habe. Seitdem, sagt Dostojewskij weiter, habe die Idee der universalen Vereinigung immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Die Entwicklung des Versuchs habe jedoch zum Verlust des wesentlichen Teiles der christlichen Grundsätze geführt. Die Erben der altrömischen Welt, dahin gelangt, das Christentum geistig zu verwerfen, verwarfen mit ihm auch das Papsttum: und zwar geschah das in der französischen Revolution, die nichts anderes war (im Grunde nichts anderes), als die letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen Formel der universellen Vereinigung. Die Verwirklichung der Idee – wir folgen noch immer dem Dostojewskijschen Gedankengange – die Verwirklichung war sehr unzulänglich. Zwar herrschte vollkommenste Zufriedenheit bei jenem Teil der menschlichen Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte, nämlich bei der Bourgeoisie: diese triumphierte und hielt dafür, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Diejenigen Geister aber, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide für die Entwicklung des menschlichen Organismus unentbehrlich sind, – sie schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, denen die neue, revolutionäre Formel der allmenschlichen Vereinigung nichts oder sehr wenig gegeben hatte: der Sozialismus sprach sein neues Wort.
Und Deutschland? Und die Deutschen? Dostojewskij sagt: »Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen Welt hat vereinigen wollen, d.h. mit allen Erben der altrömischen Bestimmung. Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen 2000 Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach – und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee – so, glaube ich –« (dies ist eine gewaltige Stelle; man spürt plötzlich, wo man ist: beim ersten Psychologen der Weltliteratur!) »so«, sagt er, »glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, gegen die römische Welt zu kämpfen. Zur Zeit des römischen Christentums kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk um die Oberherrschaft. Endlich protestierte es in der allermächtigsten Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war furchtbar und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden und ging in Erfüllung, – wenngleich es noch immer eine negative blieb und das positive Wort noch immer nicht gesagt wurde …«
Nach dieser Tat, so fährt Dostojewskij ungefähr fort, erstirbt der germanische Geist auf längere Zeit. Die westliche Welt aber, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen Wissenschaft, neuer Grundsätze, »sucht sich in eine andere neue Wahrheit umzugebären«, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten; und der erste Versuch dieser Umgestaltung ist die Revolution. Welch verwirrendes Ereignis für den germanischen Geist! Er versteht im Grunde, deutet Dostojewskij an, so wenig davon, wie der romanische von der Reformation; ja, er ist nahe daran, seine Individualität einzubüßen und den Glauben an sich zu verlieren. »Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der äußersten westlichen europäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschlands fühlte mehr denn je, daß er keinen Körper, keine Form habe, die ihn ausgedrückt hätte. Und damals entstand in ihm das dringende Bedürfnis, sich wenigstens äußerlich in einen einzigen festen Organismus zusammenzufügen: in Anbetracht der neuen herannahenden Phasen seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt …«
Wer sich der geistigen Anschauung großer Erschütterungen, zermalmender Katastrophen hingibt, läuft immer Gefahr, in den Verdacht zu geraten, die Eitelkeit stachle ihn, an einem Erdbeben seinen Witz zu erproben. Unter großen und schrecklichen Umständen erscheint der Geist sehr leicht als Frivolität. Dennoch ist ohne Geist kein Ding zu erkennen, das kleinste nicht, geschweige die großen Geschichtsphänomene. Sie alle haben ein doppeltes Gesicht. Zieht man von der Französischen Revolution »die Philosophie« ab, so bleibt die Hungerrevolte. Es bleibt eine Umwälzung in den Besitzverhältnissen. Aber wer wollte leugnen, daß der Französischen Revolution auf diese Weise großes Unrecht geschähe? Es ist mit dem Erlebnis unserer Tage nicht anders, und unmöglich kann man den erbitterten Puristen beistimmen, welche, aus freilich begreiflichem Schrecken vor dem Feuilleton, darauf bestehen, die einzige Wirklichkeit dieses Krieges sei seine Erscheinung, nämlich namenloses Elend, und es sei frech, einen Sinn dafür zu erwitzeln und diese abscheuliche Wirklichkeit zu fälschen und zu beschönigen, indem man Geist hineinzutragen, hineinzudeuten versuche. Die Forderung solcher Abstinenz ist inhuman, obgleich sie humanitärem Schmerz über den Verfall der Brüderlichkeit entstammt. Nicht immer ist das Humanitäre dasselbe wie das Humane.
Dostojewskijs Anschauung der europäischen Geschichte oder vielmehr der eigentümlich widerstrebenden Rolle Deutschlands in ihr ist nicht weniger wahr, weil sie geistreich ist. Daß seine Deutung Freiheiten, Einseitigkeiten, ja Fehler enthält, glaube ich zu sehen. Wenn er etwa erklärt, die Entwicklung der römischen Vereinigungsidee habe in der Revolution zum Verlust des Teiles der christlichen Grundsätze geführt, so scheint er mir zu verwechseln, was die Revolution selber verwechselte, nämlich das Christentum mit der Kirche; denn aller Vernunftkultus, aller Haß auf die Klerisei, aller entfesselte Hohn auf die Dogmen und Legenden der positiven Religionen im allgemeinen und den »Bastard einer treulosen Ehefrau« im besonderen hinderte nicht, daß der Revolution, soweit sie Rousseausches Geistesgepräge trug, ein gutes Teil Christlichkeit, christlicher Universalität, christlicher Empfindsamkeit zu Grunde lag. Nicht umsonst spricht Madame Roland in ihrem Brief an den Papst von »jenen evangelischen Grundsätzen, welche die reinste Demokratie, die zärtlichste Menschenliebe und die vollkommenste Gleichheit atmen.« Auch ist leicht festzustellen, daß bis zum heutigen Tage aller Rousseauismus, aller radikale Demokratismus, alles Revolutionsepigonentum jeden Augenblick bereit ist, in christlichem Stile zu moralisieren, ja, das Christentum bewußt als Eideshelfer anzurufen. Und endlich wird es irgend etwas auf sich haben, daß gegen Deutschland, gegen das Deutschland dieses Krieges von gegnerischer Seite, aus dem Lager der »Zivilisation«, der Vorwurf des und der heimlichen Odinsanbeterei geschleudert werden konnte, – irgend etwas, meine ich, wird es auf sich haben damit, da in unserer eigenen Mitte das Witzwort geprägt worden ist, die einzigen Christen in Deutschland seien die Juden. – Was aber das Verhältnis des deutschen Geistes zur römischen Welt betrifft, so sieht Dostojewskij, wie mir scheint, von zwei großen symbolischen deutschen...




