Mansour | Der Himmel über den Alpen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Mansour Der Himmel über den Alpen

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-105-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-98707-105-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein ungewöhnlicher Liebesroman, temporeich, gefühlvoll, leidenschaftlich. In einem Sanatorium in den Berner Alpen lassen sich vermögende Patienten mit psychischen Problemen diskret behandeln. Die quirlige Sunshine leidet unter der Misshandlung ihrer italienischen Mafiafamilie. Rainman, erfolgreicher koreanischer Popstar, ist mit einem tragischen Geheimnis belastet. Beide lassen sich am selben Tag einliefern - und entdecken hier, in ihrer Heimat, wo sie als Kinder glücklich waren, nicht nur eine neue Liebe, sondern finden auch die Kraft, ihre Zukunft neu zu schreiben.

Monika Mansour, geboren 1973 in der Schweiz, liebte schon als Kind spannende Geschichten. Nach einer Lehre ging sie auf Reisen und verbrachte mehrere Monate in Australien, Neuseeland und den USA. Danach arbeitete sie am Flughafen, führte eine Whiskybar und war Tätowiererin. 2014 erfüllte sich ihr Traum vom Leben als Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Luzerner Hinterland. www.monika-mansour.de
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2

Am nächsten Morgen rieb sich Rainman die brennenden Augen, da er die ganze Nacht an die Decke gestarrt hatte. Er setzte sich im Bett im Schneidersitz hin und blickte aus dem Fenster. Dicke Wolken zogen über die Berghänge. Er biss sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckte. Wie hatte er glauben können, dass Abstand und Einsamkeit es leichter machten? Wie hatte er glauben können, in seiner Heimat Trost zu finden? Wie hatte er gestern bloß diesen Song auf der Bühne spielen können? Noch fehlte der Text dazu. Rainman ließ seine Stirn auf die Matratze fallen, legte seine Arme über den Kopf und verharrte wie zu einem Kokon zusammengerollt. Er würde nicht als Schmetterling daraus entwachsen. Sein Kokon war seit Monaten von innen heraus am Verkümmern.

Es klopfte an der Tür, und Emil trat ein. »Schön, einen Musiker bei uns zu haben. Ihr Spiel gestern war grandios. Ich muss es wissen. Ich spiele auch in einer Band. Mundartrock, das mag ich, kennt man in Südkorea wohl nicht.« In Plauderlaune strahlte er Rainman an. Emil war groß, stämmig, stark, eine Berner Frohnatur. Er ließ sich durch die Unordnung im Zimmer die gute Laune nicht verderben. »Sie sind bestimmt eine Haushälterin gewohnt. Macht nichts. Vor dem Mittag werden die Zimmer gereinigt.« Er schaute Rainman herausfordernd an, der nach wie vor im Schneidersitz auf dem Bett saß. »Ich gebe Ihnen zehn Minuten zum Anziehen, dann bin ich zurück.«

Exakt zehn Minuten später stand Rainman umgezogen und geduscht neben der Tür. »Gehen wir«, sagte er zu Emil, ließ diesen stehen und ging vor.

Im Speisesaal suchte sich Rainman einen Tisch in der Ecke, abseits der anderen Gäste. Emil fragte, ob er noch etwas brauche, und verabschiedete sich für den Moment.

Dresscode gab es im Sanatorium keinen, jeder und jede trug, was ihm oder ihr gefiel, die meisten wählten einen bequemen Trainingsanzug oder schlicht T-Shirt und Jeans. Rainman hatte sich für einen dunkelgrauen Sweater und eine schwarze Sporthose entschieden.

Unglücklich starrte er auf die Toastscheibe vor sich auf dem Teller. Er vermisste eine Fischsuppe und Reis zum Frühstück, aber auch die hätte er nicht angerührt.

»Der Platz gefällt mir«, sagte eine Frauenstimme.

Rainman blickte auf, in ein Paar türkisblaue Augen, die strahlten, als gäbe es bloß Glück auf dieser Welt. »Sonst kenne ich hier ja niemanden. Verstehen Sie eigentlich Deutsch? Englisch geht auch.«

Er schaute weg, hinüber zur Tür, über welcher ein grünes Notausgangschild angebracht war. »Wir kennen uns nicht«, sagte er zerknirscht.

»Sie sprechen Berndeutsch? Das macht es unkompliziert. Natürlich kennen wir uns. Haben Sie schon vergessen, gestern standen wir gemeinsam auf der Bühne.«

»Sie haben meinen Song ruiniert.«

»Hach, Sie sind nachtragend?« Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. »Wir hätten ein modernes Lied vortragen können. Ich habe eine schöne Stimme. Aber dieser Song, phuuu, den kenne ich nicht, und er verbreitete Weltuntergangsstimmung, und das an unserer Willkommensparty.« Sie fuhr sich mit der Hand über den Unterarm. »Da bekomme ich gleich wieder Gänsehaut.«

»Sie haben mich beschimpft.« Rainman schob den Teller mit dem Toast von sich weg.

»Habe ich?« Sunshine zuckte mit den Schultern. »Ich kann mich nicht daran erinnern. Das kommt manchmal vor.« Sie tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Aussetzer. Hier oben herrscht Chaos, sagen zumindest Freunde und Familie. Komisch. Ich fühle mich wunderbar. Ist das Leben nicht schön? Wie heißen Sie? Also mich nennt man hier Sunshine. Ich habe den Namen ausgesucht. Ich mag ihn. Ja, das bin ich, ein Sonnenschein, finden Sie nicht?«

»Sie reden viel.«

»Mamma mia, das haben Sie schön erkannt. Es gibt so vieles, das ich sagen will. Ich bekomme Depressionen, weil ich denke, dass das Leben zu kurz ist, um alles zu sagen, was mir auf der Seele liegt.« Sie griff beherzt nach dem Toast auf Rainmans Teller. »Ich verhungere. Die letzte Nacht war anstrengend. Das Bett ist zu hart für meinen Geschmack.« Sie biss in den Toast und sprach mit vollem Mund weiter. »Für das Geld, das man zahlt, sollte man wirklich einen besseren Service erwarten, nicht? Egal. Er zahlt, und ich bin ihn los.« Mit dem Toast tippte sie sich an die Schläfe. »Dadrin, dadrin ist, ja, was ist dadrin?«

Er musterte ihr Gesicht. Auf eine natürliche Art war es ein schönes Gesicht. Die Nase war eher klein, die Wangen rosig, die Oberlippe schmal, aber die Unterlippe glänzte im Licht der Morgensonne. Ihre Augen waren groß und ließen ohne Filter in ihre Seele blicken, so als sprächen sie direkt mit ihm und hörten nicht auf die Worte, die aus Sunshines Mund sprudelten. Er sah Schmerz in diesen strahlenden Augen und musste unweigerlich wegschauen.

»Ich schätze, kein Arzt der Welt kann definieren, was dadrin abgeht. Anarchie herrscht. Wahnsinn. Aber hey«, sie zeigte mit dem Toast auf ihn, »sagen Sie niemals, dass ich blöd bin. Das bin ich nicht. Ich bin klug. Sehr clever. Oh, ich esse Ihnen das Frühstück weg.« Mit einem Lächeln legte sie das Brot zurück auf den Teller und schob ihn Rainman hin. »Drei Uhr, von da kommen sie, richtig? Hinter meiner rechten Schulter. Mi dispiace, war schön, mit Ihnen zu plaudern, Sie sind ein angenehm stiller Zuhörer, aber ich muss leider ganz schnell weg. Ärger steht an.« Sie stand hastig vom Stuhl auf und warf ihm einen Luftkuss zu. »Ciao, bello.«

Weg war sie, rannte zwischen den Tischen Richtung Seitenausgang, Emil und Lisi hinter ihr her.

Rainman verbrachte den Rest des Morgens in seinem Zimmer. Das Mittagessen ließ er aus. Sein Magen blieb leer. Er fühlte sich schwindlig. Ein Zeichen? Er holte sein Mobiltelefon hervor und blätterte die Bildergalerie durch. Er hatte Fotos von einigen seiner Konzerte gespeichert, von seinen Eltern, von Jun-ho, der sein einziger Freund war, von Herrn Gu, seinem Manager und Mentor, und von koreanischem Essen, das er sich wegen der vielen Kalorien lieber anschaute, als es zu essen. Es gab kein Bild von einer Frau. Er würde kein gebrochenes Herz zurücklassen – von den Halos, wie sich seine Fangemeinschaft nannte, abgesehen.

Er schickte seiner Mutter eine Sprachnachricht, teilte ihr mit, dass es ihm gut ging und er sie vermisse. In Korea war es Abend, sie war um diese Zeit im Fitnessstudio und würde die Nachricht erst später abhören. Er wollte nicht an sie denken, es tat weh. Danach rief er Jun-ho an.

»Wie ist die Pension Seeblick?«

»Einzigartig und gewöhnungsbedürftig, aber sauber, und die Gastgeberin ist freundlich. Allerdings hat sie erwähnt, dass es in den nächsten Tagen ein Problem mit dem Zimmer geben wird. Ich habe eine Honeymoon-Suite für mich allein bekommen, kannst du dir das vorstellen? Und dabei habe ich nicht einmal die Zeit für eine Freundin, wegen des Stresses und vollen Terminkalenders, den ich mit dir habe.«

»Nimm dir ein schickes Hotel in Interlaken.«

»Das ist zu weit weg. Ich bleibe in deiner Nähe, für Notfälle. Man weiß nie, was du anstellst. Hast du gut geschlafen und dich eingelebt? Gefällt dir die Suite? Soll ich am Nachmittag vorbeischauen? Brauchst du etwas?«

»Ich brauche keinen Babysitter.«

Es war kurz still in der Leitung. »Hast du die dunklen Wolken gesehen, die aufziehen?«, fragte Jun-ho. »Das Wetter in den Bergen ist unberechenbar, fast wie bei uns zu Hause, nicht?«

Zu Hause, dachte Rainman. Es war ein Fremdwort für ihn. »Regen zieht auf, das ist gut. Danke, Jun-ho, dass du all die Jahre auf mich aufgepasst hast.«

»Sprich nicht so, ich hasse es.«

»Ich weiß.« Rainman legte auf. Er brachte kein weiteres Wort heraus. Aus dem Schrank holte er seinen schwarzen Anzug, den das Zimmermädchen aufgehängt hatte. Er zog sich um und überprüfte im Bad sein Spiegelbild, sparte nicht an Parfum und Haargel. Es war so weit. Von ein bis zwei Uhr war im Sanatorium laut Plan Mittagsruhe, die Angestellten beim Essen und die Patienten und Patientinnen auf ihren Zimmern. Niemand würde ihn aufhalten. Er wusste, wo er hinwollte. Es gab einen Grund, weshalb er sich diesen Ort ausgesucht hatte. Rainman hatte den Prospekt genau studiert und sich weitere Bilder im Netz angesehen. Die Dachterrasse bot einen fabelhaften Ausblick. Und sie war hoch genug.

In der fremden Heimat zu sterben war einfacher, und die Schlagzeilen waren leiser.

***

Konnte Sunshine gestern ihren Auftritt nicht genießen, so zumindest heute ihre unerlaubte Besichtigungstour. Sie kannte sich in dem großen Gebäude nicht gut aus, wusste aber, dass es vom Empfang links zum Westflügel ging, dorthin, wo die Männer untergebracht waren. Es war an der Zeit gewesen, das Sanatorium auszukundschaften. Die Betreuer mussten sich sputen, um sie einzuholen. Sie wusste, weshalb sie an diesem Morgen ihren Sportdress von Gucci gewählt hatte, auch wenn der einen falschen Eindruck hinterließ. Sport gehörte nicht zu Sunshines Lieblingsbeschäftigungen, Shopping hingegen schon. Es gab nichts Befriedigenderes, als Andrea Morrones Geld auszugeben. Es war ihre einzige Möglichkeit, ihm zu schaden.

Sie hatte nicht rebelliert, als sie von Emil eingefangen und von Lisi zurück in den Ostflügel gebracht wurde. Sie hatte ihren Spaß gehabt.

Zurück in ihrem Zimmer, musste sie an das Frühstück mit dem Asiaten denken. Sie hatte Lisi nach seinem Alias gefragt. Rainman. Ja, das passte zu ihm. Seine Traurigkeit war ansteckend. Er war seltsam, wie eine wandelnde Wachsfigur, wunderschön und zart, aber mit der Ausstrahlung eines weisen alten Mannes. Seine Haut war hell, Bartwuchs hatte er nicht, dafür waren seine Augenbrauen, wenn man sie hurtig unter dem vollen schwarzen...


Mansour, Monika
Monika Mansour, geboren 1973 in der Schweiz, liebte schon als Kind spannende Geschichten. Nach einer Lehre ging sie auf Reisen und verbrachte mehrere Monate in Australien, Neuseeland und den USA. Danach arbeitete sie am Flughafen, führte eine Whiskybar und war Tätowiererin. 2014 erfüllte sich ihr Traum vom Leben als Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Luzerner Hinterland.
www.monika-mansour.de

Monika Mansour, geboren 1973 in der Schweiz, liebte schon als Kind spannende Geschichten. Nach einer Lehre ging sie auf Reisen und verbrachte mehrere Monate in Australien, Neuseeland und den USA. Danach arbeitete sie am Flughafen, führte eine Whiskybar und war Tätowiererin. 2014 erfüllte sich ihr Traum vom Leben als Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Luzerner Hinterland.
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