E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Cem Cengiz
Mansour Die Tote vom Titlis
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-495-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Cem Cengiz
ISBN: 978-3-96041-495-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Monika Mansour, geboren 1973 in der Schweiz, liebte schon als Kind spannende Geschichten. Nach einer Lehre ging sie auf Reisen und verbrachte mehrere Monate in Australien, Neuseeland und den USA. Danach arbeitete sie am Flughafen, führte eine Whiskybar und war Tätowiererin. 2014 erfüllte sich ihr Traum vom Leben als Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Luzerner Hinterland. www.monika-mansour.com
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EINS
«Woah!» Cem duckte sich im letzten Moment, eh die scharfen Kanten über seinen Kopf hinwegschwangen, dabei balancierte er das Frühstückstablett beinahe akrobatisch, obwohl der Milchschaum des Cappuccinos bedenklich ins Wanken kam. «Wollen Sie mich damit ermorden?» Cem richtete sich auf und wartete, bis der Kaffee sich beruhigt hatte. «Ich habe gestern geheiratet und würde gerne weiterleben.» Er schaute den jungen Mann an, der soeben voller Elan und mit einem Paar Skier auf der Schulter aus seinem Hotelzimmer gestürmt war.
«Sorry, Mann, ich hab’s eilig.» Der Typ zog sich die schwarze Wollmütze tiefer ins Gesicht und blickte verstohlen auf. «Besser, Sie bringen Ihrer Frau den Cappuccino ans Bett, solange er noch heiss ist. Ich will nicht der Grund für eine erste Ehekrise sein.»
Was für ein frecher Rotzlöffel, der war ja kaum volljährig. Bartschatten war jedenfalls keiner zu sehen. Die dunklen, eng stehenden Augen lagen tief unter markanten Augenbrauen, eines zwinkerte Cem zu.
«Ich muss los, Herr Nachbar.» Er hielt sich die Hand neben den Mund und beugte sich verschwörerisch vor. «Der Berg ruft.»
«Draussen braut sich ein Unwetter zusammen. Scheint mir eher, als wolle der Berg seine Ruhe.»
«Ruhe gönn ich dem alten Felsklotz nicht. Nicht heute. Tschüss, und viel Spass bei dem, was man als Bräutigam in den Flitterwochen so tun darf.» Weg war er.
Cem schüttelte belustigt den Kopf und setzte seinen Weg den Hotelkorridor entlang fort.
Das Hotel Terrace am Südhang von Engelberg war nicht das Ritz in Paris, aber es war elegant und gemütlich, mit rustikalem Charme. Es grenzte an ein Wunder, dass sie Mitte April überhaupt ein Zimmer in diesem Ferienort für die Hochzeitsnacht gefunden hatten. Cem pfiff eine Melodie vor sich her. Er hätte auch in einer Skihütte übernachtet. Wichtig war nur die Frau. Seine Frau. Sie lag, in einen Hauch von weissem Chiffon gekleidet, schlafend im Bett in der Suite, ein verlockender Gedanke …
Es war kurz vor neun. Obwohl sie nach der kleinen Feier letzte Nacht in Luzern heute erst in den frühen Morgenstunden ins Bett gefallen waren, hatte Cem keinen Schlaf gefunden. Im Kopf und Bauch tanzten Schmetterlinge. Noch vor drei Monaten hätte er sich kaum träumen lassen, so schnell unter die Haube zu kommen. Ihr gemeinsamer spontaner Entschluss zur Hochzeit überraschte auch ihre Familien und Freunde. Cems Mutter lernte erst gestern die Eltern der Braut kennen. Seine jüngere Schwester Nesrin war extra kurzfristig aus London angereist. Der Abend war perfekt gewesen. Als Evas Onkel Heiri auf seinem Schwyzerörgeli «Es Burebüebli mahn i nid» anstimmte, liess es sich Nesrin nicht nehmen, ihren grandiosen Bauchtanz dazu vorzuführen: Multikulti vom Feinsten. Wer sagt denn, dass das nicht funktionierte? Obwohl die Familien aus anderen Kulturkreisen kamen, verstanden sie sich auf Anhieb gut, was bestimmt auch der Schar Kinder zu verdanken war. Die Kids seiner Cousine Aygül sorgten für Stimmung, durch ihre Adern floss eben echtes türkisches Blut. Schade nur, dass Aygül die Feierlichkeit zu Hause hatte aussitzen müssen. Trotz aller Bemühungen bestanden die Zürcher Behörden auf ihrem Hausarrest, selbst das Argument, dass ranghohe Beamte der Luzerner Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft zu der Feier geladen waren, stiess in Zürich auf taube Ohren. Nächsten Monat sollte ihr Prozess beginnen, was mitunter ein Grund war, weshalb Cem und seine Braut die Flitterwochen auf den Malediven auf den Herbst verschoben hatten. Ein gemeinsames Wochenende in Engelberg musste für den Moment genügen, aber Cem war entschlossen, es unvergesslich zu machen, nichts anderes hatte seine Braut verdient. Verstohlen warf er einen Blick auf den Ring am Finger, ein schlichtes Schmuckstück aus Platin. Ein seltsames Gefühl, welches ihn mit einer Überdosis Glückshormonen versorgte. Er durfte sich Ehemann nennen. Und Stiefvater. Den sechsjährigen Alain hatte er längst ins Herz geschlossen. Was zum perfekten Glück fehlte, war die gemeinsame Wohnung. Das passende Objekt zu finden war eine Herausforderung. Auch die würden sie in den nächsten Wochen gemeinsam meistern, dachte Cem zuversichtlich. In der Zwischenzeit pendelten sie zwischen Stans und Luzern.
Er schob die Schlüsselkarte ins Schloss und öffnete die Tür zur Suite. Das Bett war leer. «Zimmerservice.»
Er hörte es plätschern, dann trat sie aus dem Bad. Statt des Hauchs Chiffon trug sie einen flauschigen Bademantel. Ihr dunkles, schulterlanges Haar war zerzaust und lockig. Ein ungewohnter Anblick, da sie es im Alltag zu einem strengen Pagenschnitt frisierte.
«Ein Cappuccino mit extra Milchschaum und ein Buttergipfeli, wie Madame gewünscht hat.» Cem stellte das Tablett auf einen kleinen Beistelltisch und ging auf sie zu. «Und für ein angemessenes Trinkgeld gibt es einen ‹Am Morgen nach der Hochzeit›-Spezialservice von mir persönlich dazu.»
«Den nehm ich.» Eva schlang ihre Arme um Cem. «Du kannst mir gleich den Rücken einseifen, während ich mich in der Wanne nach dieser anstrengenden Nacht entspanne.»
Cem strich mit seinen Fingern durch ihren Lockenkopf, der verführerisch nach Pfingstrosen duftete. «Hey, dein türkischer Ehemann hat noch ganz andere Talente auf Lager.»
Sie kniff ihn in den Allerwertesten. «Weiss ich. Ich bin längst deinem südländischen Charme verfallen, deinem treuherzigen Dackelblick, deinem schelmischen Grinsen, deinem Humor und deinem unglaublich riesigen Herzen. Da sehe ich über die leicht schüttere Haarpracht am Hinterkopf, die süssen Mini-Speckröllchen um die Hüften und über deinen verstaubten Modegeschmack hinweg.» Sie knöpfte ihm das Hemd auf. «An die prächtigen Brusthaare habe ich mich gewöhnt, die mag ich mittlerweile.» Mit den Fingernägeln fuhr sie über seine nackte Brust. «Man kann dich so schön kraulen …»
«Weib, du wirst unanständig frech.» Er setzte einen strengen Blick auf, der sie zum Lachen brachte.
«Cem, eines kannst du nicht: böse gucken. Das passt einfach nicht zu dir.»
Nur wenige Touristen warteten an diesem Freitagmorgen auf die Kabine der Luftseilbahn Rotair, die sie das letzte Stück von der Sektion Stand auf den Gipfel des Titlis bringen sollte. Die Spitze des Berges lag auf über dreitausend Metern und war unter einer kompakten Schicht grauer Wolken verborgen, welche einen Kriegstanz aufführten. Der Berg schien nicht in Stimmung für Besucher.
Cem zog Eva enger an sich, die in eine dicke dunkelblaue Daunenjacke gepackt war. Ihm war noch flau im Magen von der Fahrt des Titlis Xpress von der Talstation Engelberg hoch bis zur Sektion Stand. Die Kabinen der Achter-Gondeln hatten im stürmischen Wind heftig geschaukelt. Das aufkommende Unwetter schien Evas gute Stimmung kaum zu trüben, sie war in Stans aufgewachsen und kannte die Launen der Berge, die sie über alles liebte. Cem hatte ihr versprochen, ihren Liebling, den Titlis, zu erobern, natürlich nur bequem per Seilbahn. Tatsächlich war er nie oben gewesen. Sie liess seine Ausflucht, dass er ein Zürcher sei, nicht durchgehen, schliesslich wohnte er seit einigen Jahren in Luzern und war jetzt mit einer Nidwaldnerin verheiratet. Er hatte es mit der Ausrede versucht, dass es in der Schweiz zu viele Berge für ein Menschenleben gebe, alle könne er unmöglich erklimmen. Immerhin sei er schon auf dem Säntis gewesen und habe das Matterhorn gesehen, zudem grüsse er jeden Morgen vom Büro aus den Pilatus. Für diese Bemerkung hatte er Evas zarten Ellbogen an seinen Rippen zu spüren bekommen, und zur Strafe würde er am Sonntag das Flitter-Weekend mit einem Ausflug auf das Stanserhorn abschliessen dürfen; wenn das Wetter bis dahin nicht komplett verrücktspielte.
Cem blickte auf die grosse Kabine der Seilbahn, die bedenklich schwankend näher kam. Die Rotair war eine Drehgondel. Während der Fahrt drehte sich die Kabine um dreihundertfünfundsechzig Grad, was laut Prospekt eine herrliche Panoramasicht versprach. An diesem Mittag hätte Cem auf noch mehr Drehung gerne verzichtet. Er zog seine Mütze tiefer über die Ohren und den Reissverschluss seiner Lederjacke bis ganz nach oben. Winter war nicht sein Ding. Er hasste Schnee, Eis und Kälte, ein Umstand, der früher oder später zu einem Problem werden könnte. Eva war mit Skiern an den Füssen aufgewachsen und hatte in ihrer Kindheit an einigen Abfahrtsrennen teilgenommen. Sie überraschte Cem immer wieder. Die perfekt in Szene gesetzte, strenge und brillante Staatsanwältin verbarg ihre wilde Seite, die nach Adrenalin lechzte, hinter Stil, Intelligenz und Disziplin. Cem hatte sie längst durchschaut.
«Was grinst du denn?», fragte Eva und hauchte ihm einen Kuss auf die hochgezogenen Mundwinkel.
Cem zog die herrlich nach Blumen duftende Luft in die Lungen. Ihr Parfum bringt mich eines Tages um den Verstand, dachte er.
Gemurmel ging durch die etwa zwanzig Abenteurer, die mutig genug auf die Rotair warteten, die sich langsam, Zentimeter um Zentimeter, einparkierte. Cem drehte den Kopf und sah einen Mann auf die Plattform stürmen. Er überrannte in seiner Hektik beinahe ein kleines Mädchen, das jetzt auf einem Fuss hüpfte und wimmerte. «Passen Sie doch auf!», schnauzte ihn die Mutter an und kniete sich tröstend zu ihrer Tochter.
Der Mann zog den Kopf zwischen die Schultern und blickte sich nervös um, ohne ein Wort der Entschuldigung. Er trug eine ausgeleierte Winterjacke, die an mehreren Stellen geflickt war. Seine Hände steckten in den Taschen. Das kantige Gesicht zierte ein Vollbart, was ihn älter machte. Er war um die dreissig Jahre, schätzte Cem, und eindeutig ein Ausländer, vermutlich ein Araber. Vielleicht ein Syrer, da seine Augen ungewöhnlich hell waren. Jedenfalls entsprach er keinem typischen...




