E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Zuger-Reihe
Mansour Zugersee
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96041-910-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Zuger-Reihe
ISBN: 978-3-96041-910-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Monika Mansour, geboren 1973 in der Schweiz, liebte schon als Kind spannende Geschichten. Nach einer Lehre ging sie auf Reisen und verbrachte mehrere Monate in Australien, Neuseeland und den USA. Danach arbeitete sie am Flughafen, führte eine Whiskybar und war Tätowiererin. 2014 erfüllte sich ihr Traum vom Leben als Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Luzerner Hinterland. www.monika-mansour.com
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINS
Staatsanwalt Eckart Lind verliess den Einvernahmeraum. Der Chefermittler in diesem Mordfall, Samuel Bolander, folgte ihm. Sprachlos. Das war mit Abstand das schnellste, detaillierteste und längste Geständnis einer Mörderin, welches Lind je gehört hatte. Ihr Monolog war furchteinflössend, erzählt in der Gegenwart, als begehe sie die Tat erneut. Absicht?
«Welcher Mann kann mit so einer Frau verheiratet sein?», fragte Bolander. «Sie ist kälter als ein Gletscher. Sie redet über den Mord, als würde sie uns ihr Rezept für einen Rollbraten verraten.»
«Habt ihr den Gatten erreicht?»
«Er geht nicht ans Telefon. Vermutlich schläft er. Es ist vier Uhr morgens. Ein Streifenwagen ist hingefahren, um ihn herzubringen.»
Lind behielt seine Angst, dass der Ehemann womöglich ebenfalls Bekanntschaft mit dem Fleischermesser gemacht haben könnte, für sich. «Woher hatte sie das Messer?»
Bolander zuckte mit den Schultern.
Lind spielte mit seinen geknüpften bunten Armbändern am Handgelenk. «Ich meine ja nur, sie kam direkt von der Arbeit. In dem Bürogebäude gibt es keine Küche. Solch ein Messer braucht eine Reinigungskraft nicht für ihre Arbeit.»
«Sie muss es von zu Hause mitgebracht haben.»
«Eine geplante Tat?»
Bolander lehnte sich an die Wand. «Sie sagt, dass sie den Mann nicht kennt. Wählte sie ihn zufällig aus? Ihr willkürliches Opfer war unglücklicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort.»
«Es war eine lange Nacht.» Lind löste das Gummiband, welches seine grau melierten, langen Haare zusammenhielt. «Die Mörderin sitzt in U-Haft, und die Gesellschaft ist vor ihr in Sicherheit. Die offenen Fragen klären wir in den nächsten Tagen. Ich gehe heim und lege mich ins Bett.»
Bolander unterdrückte ein Gähnen. «Ich warte auf den Ehemann und spreche mich später mit der Pressesprecherin ab. Am Morgen kann Rizzo übernehmen und weitere Fakten zusammentragen.» Er massierte sich das Genick. «Mein erster Mordfall, seit Sara den Dienst quittiert hat und ich ihren Platz eingenommen habe. Mein erster Mordfall geht in die Geschichte ein als der am schnellsten gelöste aller Zeiten.»
Lind klopfte Bolander auf die Schultern. «Bilde dir nichts darauf ein. Ich bekomme das Gefühl nicht los, dass Katja Rosenstock hinter Gitter will. Etwas ist faul an der Sache.»
***
«Out!», rief Lucy und schwang den Tennisschläger über ihrem Kopf. «Matchball. Gib es zu, Dad, du hast keine Chance gegen mich.»
Tom brachte sich hinter der Linie in Stellung. Wenn er diesen Aufschlag nicht annahm, war er erledigt. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal gegen seine Tochter gewonnen hatte? Drei Monate? Dabei war seine Kleine erst vierzehn. Die Zeit verging zu schnell. Tom wurde alt.
Er blickte auf die Wanduhr der Halle des Tennisclubs Zug. Es war kurz vor sieben an diesem Mittwochmorgen. Tom war kein Morgenmuffel, aber die Energie, die Lucy aufbrachte, um in jeder freien Minute zu trainieren, war unmenschlich. Sie scheuchte ihn vor fünf aus dem Bett, um eine Partie Tennis zu spielen, bevor sie zur Schule musste. Dabei hatte sie heute Abend eine Doppelstunde mit ihrem Tennislehrer gebucht. Das wusste Tom genau. Er bezahlte monatlich die Rechnungen, um Lucys Traum vom Profitennis zu ermöglichen, etwas, wofür seine Ex Karo kein Engagement zeigte. Weder zahlte sie einen Teil der Rechnungen, noch trainierte sie mit Lucy. Einzig bei Turnieren liess sie sich dazu herab, aufgedonnert neben ihrem Gockel von neuem Liebhaber auf der Tribüne Platz zu nehmen.
Lucy liess den Tennisball drei Mal zu Boden schnellen, bevor sie ihn in die Höhe warf, mit dem Racket ausholte und ihn über das Spielfeld schmetterte. Wie ein Geschoss kam er angeflogen. Tom machte einen Satz nach rechts, streckte sich und touchierte den Ball mit der Kante seines Schlägers, was seine Flugbahn ablenkte und ihn steil in die Höhe katapultierte.
«Sieg!», rief Lucy und hüpfte ans Netz. Ihr blonder Pferdeschwanz schwang hin und her. «Gutes Spiel, aber du rostest langsam ein, Dad, echt. Von einem Ex-Kickboxchampion erwarte ich mehr.»
«Haha, mach dich nur über deinen Alten lustig.» Tom ging ebenfalls ans Netz und nahm seine Tochter in den Arm. Sie war bloss noch einige Zentimeter kleiner als er. «Ab unter die Dusche. Du musst zur Schule und ich in die Detektei.»
«Habt ihr denn endlich einen spannenden Fall?»
«Na ja, zu achtzig Prozent verfolgen wir Ehebrecher.»
«Öde.»
Das konnte sie laut sagen. Tom hatte es sich anders erträumt, als Natalie Krieger, Sara Jung und er vor einem knappen halben Jahr die «Trust Investigation GmbH» gründeten, eine Detektei und Sicherheitsfirma in Zug. Natalie war der Computerprofi und ermittelte in der digitalen Welt, Sara, die ehemalige Chefin der Zuger Kripo, kümmerte sich um Recherchen und Personenbefragungen, während Tom für Personenschutz und Sicherheit zuständig war. Ausserdem war er Ausbilder für angehende Sicherheitsleute und gab zusammen mit Sara Selbstverteidigungskurse. Die Einnahmen der Trust liessen bisher zu wünschen übrig. Das wird schon, dachte er, bloss nach allem, was er mit Natalie und Sara bisher durchgestanden hatte, hätte er sich ab und zu einen spannenden Fall gewünscht.
Zusammen mit Lucy sammelte er die Bälle auf dem Platz ein. «Sag mal, wie läuft es mit Alicia in der Schule? Karo lässt mich nur selten mit ihr sprechen.» Seine zwölfjährige Tochter war schwierig. Mode und Beauty waren ihr wichtiger als Mathe oder Deutsch. Auch für Sport interessierte sie sich nicht. Karo liess ihr alles durchgehen. Seine Ex war ein anderes Thema. Sie hatten lange nicht mehr miteinander gesprochen. Weshalb mussten Frauen Toms Leben schwer machen? Weshalb arbeitete er mit Frauen zusammen? Was stimmte nicht mit ihm? Er sollte wieder einmal seine alten Kumpel von Mitchs Boxclub besuchen.
Tom musste los. Jeweils montags, mittwochs und freitags hielten sie bei der Trust um acht Uhr eine Teamsitzung ab. Ein neuer Fall wäre gut, aber bloss kein weiterer gehörnter Ehemann, der seine Frau in flagranti erwischen wollte.
***
Natalie war auch heute die Erste, welche die Detektei aufschloss. Jedes Mal blieb sie für einen Augenblick stehen und atmete tief ein, bevor sie die Halle betrat. Nie zuvor hatte sie auswärts gearbeitet, war bloss zu Hause an ihrem Computer gesessen, um ihren zerbrechlichen Körper zu schützen. Auch wenn es ihrem Pfleger Musa nicht gefiel, dass er um vier Uhr früh aufstehen musste, um ihre Wunden zu versorgen, damit sie pünktlich um sieben bei der Trust eintraf. Ihr neues Selbstbewusstsein tat ihrem Körper gut. Die Wunden, Blasen und schmerzenden Stellen auf ihrer Haut waren ertragbar. Sie brachte es sogar über sich, am Morgen einen Kaffee zu trinken und ein Joghurt zu essen. Natalie war ein Schmetterlingskind. Seit Geburt, seit quälenden fünfundzwanzig Jahren, litt sie an Epidermolysis bullosa, einer Krankheit, die genetisch bedingt ihre Haut so zerbrechlich wie die Flügel eines Schmetterlings machte. Der kleinste Stoss verursachte eine Ablösung der Haut, schmerzende Blasen bildeten sich, die aufgestochen werden mussten. Die Krankheit betraf zusätzlich die Schleimhäute und die Speiseröhre, weshalb ihr eine Magensonde half, sich ausreichend zu ernähren. EB hatte ihre Finger über die Jahre zusammenwachsen lassen. Die Hände sahen entstellt aus, auch die Füsse, bloss die konnte sie in flauschigen Socken und gepolsterten Schuhen verstecken. Aber Jammern war nicht ihr Ding. Sie hatte es gut. Paps war vermögend genug, um ihr einen Pfleger und eine Haushälterin zu bezahlen, wofür sie dankbar war.
Natalie betrat die Firma, die zu einem Drittel ihr gehörte. Die Trust war in einer ehemaligen kleinen Schiffswerft untergebracht, die gleich neben der Papierfabrik in Cham lag. Das Gebäude war heruntergekommen, aber bot genug Platz und war über zehn Meter hoch. Es gab zwei Ebenen. Unten war das Dojo mit zwei Trainingsplätzen. Dazu kam der «Hindernis-Parcours», wie Tom ihn nannte, um den Nahkampf in einem fiktiven Gebäude zu simulieren. Betonplatten mit Fensteröffnungen, Türen, Treppen und Säulen standen in dem zweistöckigen Parcours, der mit Farbklecksen bunt bespritzt war. Natalie schaute gerne zu, wenn die Männer und Frauen mit ihren Fäusten oder Paintballs darin trainierten. Leider war das zu gefährlich für sie. Es hätte ihr gefallen.
In der hinteren Ecke befanden sich die Umkleidekabinen und Duschen. Zwei Frachtcontainer standen daneben an der Wand und dienten als Schulungszimmer, wo Tom und Sara Unterricht gaben. Eine Metalltreppe führte hoch zur Galerie. Zwei schlichte Büros und das Besprechungszimmer lagen unter dem Blechdach des Gebäudes. Die Trust besass diese Lagerhallen-Atmosphäre, die Natalie liebte.
Sie ging hoch und schloss ihr Büro auf. Da sie fast den ganzen Tag hier arbeitete, musste sie es nicht mit Tom und Sara teilen. Sie schaltete das Licht an. Es gab nur ein kleines Fenster an der Seite, was Natalie recht war. Schmetterlingskinder mochten kein starkes Sonnenlicht. Vier Computer standen auf drei Tischen. An der Wand hing ein riesiger Bildschirm, den sie für Videokonferenzen nutzte. Nach wie vor leitete Natalie «Kipekapeka», eine Organisation, die für Menschenrechte, Umweltschutz und gegen die Armut kämpfte. Die Mitglieder kamen aus der ganzen Welt, waren meist reiche junge Leute, welche wie Natalie ihren privilegierten Status für Gutes nutzen wollten. Sie operierten nicht selten mit illegalen Mitteln und kommunizierten häufig im Darknet. Nicht ungefährlich, legten sie sich doch nicht selten mit dem organisierten Verbrechen und korrupten Regierungen an, um Gefangene zu befreien oder Umweltsünden aufzudecken.
Natalie fuhr ihren Computer hoch....




