Marbe | Schmiergeld | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Reihe: Eichborn

Marbe Schmiergeld


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2973-5
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7325-2973-5
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Stadtarchitekt Job wohnt mit seiner Ehefrau Gaby, den pubertierenden Zwillingen und einem Hund in einem geschmackvollen Haus in Haarlem. Seit er seine Stelle verloren hat, dreht die Familie jeden Cent um. Niemand soll merken, dass es finanzielle Probleme gibt. Da kommt die neue hilfsbereite Nachbarin Judith gerade recht, die mit Gaby eine enge Freundschaft aufbaut und finanziell aushilft. Doch Judith spielt ein undurchdringliches Spiel, und selbst die Nachbarschaft ist nach einem Mord nicht mehr die, die sie einmal war.

Ein Gesellschaftsroman über Integrität, Korruption, und darüber was es braucht, reich zu werden und zu bleiben.



Nausicaa Marbe, geboren 1963, ist gebürtige Rumänin und kam mit 18 Jahren in die Niederlande. 1998 wurde sie mit ihrem Debütroman Mândraga schlagartig bekannt. Ihre Kolumnen in De Volkskrant, heute in De Telegraaf erhitzen immer wieder die Gemüter. Nach einigen Sachbüchern hat sie mit SCHMIERGELD ihren zweiten Roman vorgelegt.
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1


Seitdem wir in unserem Haus am Haarlemer Wald wohnen, bekomme ich während des Urlaubs Heimweh. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit unserem Zuhause, den ersten erhaschten Blick aus dem Wagen heraus, den Beweis dafür, dass es noch steht. Ein schöner Bau, der den Abschluss einer stilvollen Häuserreihe bildet, mit einer einladenden weiß gekiesten Auffahrt bis zur Garage unter einer mächtigen Magnolie. Sobald die prallen Backsteinwangen in Sicht kommen, scheint die Eingangstür zwischen ihnen zu lächeln.

Das habe ich irgendwann einmal laut im Auto gesagt, als ich nach einer höllisch langen Italienfahrt mitten in der Nacht mit schmerzenden Knochen und vollkommen steif in unsere Straße einbog. Furchtbar geschafft war ich. Ich hatte angenommen, im Auto würden alle schlafen und ich könnte etwas von meiner Anspannung nach der zwanzigstündigen Autobahnfahrt fallen lassen, indem ich diesen etwas blöden Gedanken laut aussprach.

Aber die Kinder waren noch wach. Sofort fielen sie über mich her.

»Dir scheint das Autobahnfahren wohl nicht bekommen zu sein, Jo-hob«, spöttelte mein Sohn und schlug dabei eine Kreischstimme an, die seine Mutter auch gerne einsetzte, wenn sie mich im Supermarkt aus den Augen verloren hatte. Dann hallte mein Name zwischen den Regalen, und ich verzog mich vor lauter Scham schnell in einem anderen Gang.

»Unser Haus ist echt scheiße«, höhnte meine Tochter, doch ihrer Stimme mangelte es an Überzeugung und Lautstärke. Es passierte öfter, dass sie etwas vor sich hin nuschelte. Die ganze aufbrodelnde Unzufriedenheit, die allen Pubertierenden gemein ist, machte sich sofort Luft. Sie war es los, mich hatte es verletzt. Genauso gut hätte dieses launische Kind auch etwas Freundliches sagen können. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Gaby in besseren Zeiten mir ihre Hand besänftigend auf den Oberschenkel gelegt hatte, wenn die Kinder hinten boshafte Bemerkungen von sich gaben oder nicht damit aufhörten, Radau zu machen – um damit zu verhindern, dass ich bissig antwortete oder in die Luft ginge. So einfach löschte sie meine aufflammende Wut. Lass nur!, signalisierte sie. Es gibt auch noch mich, wir haben ein gutes Leben. Als hätte sich eine Friedenstaube auf meinem Bein niedergelassen.

Vor nicht allzu langer Zeit waren solche Intimitäten noch selbstverständlich gewesen. Wir saßen nebeneinander und schwiegen zufrieden, weil wir beide wussten, dass nicht zu reden nichts zu bedeuten hatte. Es handelte sich um eine selbstgewählte Stille, denn Gaby und ich hatten andauernd etwas zu besprechen. Wir führten ein endloses Gespräch. Es gab immer einen roten Faden. Dieser komfortable Fundus an Gesprächsstoff sorgte dafür, dass wir uns nicht auseinanderlebten. Schweigen belastete uns nie. Es war eine Atempause, in der wir unsere Gedanken sammelten. Und dazu war das Auto ein idealer Ort.

Das hatte sich geändert. Im Sommer kehrten wir aus Deutschland zurück, die Fahrt war ein Klacks, wir waren in der Eifel gewesen. Auf dem Beifahrersitz saß Gaby die letzten Kilometer tapfer ab. Dann und wann vernahm ich einen Seufzer. Einer der entmutigten Sorte, der sich mit leichter Selbstbeschuldigung ankündigt, sich aber zugleich vor einer Reaktion absichert.

Ich gab Gas. Ja, erst recht in der Stadt. Verpisst euch doch mit euren Knöllchen. Schon wieder eins, ich bezahlte sie am laufenden Band. An die Straßenverkehrsordnung hielt ich mich nicht. Besonders nicht, wenn ich alleine im Auto saß und alleine auf der Straße war. Das Navi warnte mich vor Blitzern, doch beim Ertönen des Pling-Signals drückte ich automatisch aufs Gas, anstatt zu bremsen. Ein Reflex. Kurven schnitt ich, und oft streifte ich eine Bordsteinkante, einen Poller, einen Seitenspiegel. Ansonsten verhielt ich mich fast immer korrekt.

So korrekt, dass ich dadurch meine Stelle verlor.

So korrekt, dass ich versuchte, aus unserem Ferienziel, einem deutschen Kaff, das man nur mit der Lupe auf der Karte finden konnte, etwas Nettes zu machen. Für die Kinder. Wir hatten noch nie so nah an unserem Zuhause Urlaub gemacht und dann auch noch in einem so verschlafenen Nest. Gaby hatte gebucht.

»Alles, woran du bislang gewöhnt warst, kannst du dir zukünftig aus dem Kopf schlagen«, warnte sie mich während der Zeit, als sie allmorgendlich den Laptop aufklappte, um sich auf Schnäppchenjagd zu begeben.

»Von nun an wird alles anders. Gewöhn dich schon einmal daran.«

Seit ich arbeitslos war, betrachtete sie es als ihre Aufgabe, unser Leben zu organisieren und sich um alles bezüglich meiner Arbeitslosigkeit zu kümmern. Dafür zu sorgen, dass wir finanziell nicht abstürzten.

Ende Juni, als die Kinder bereits nachfragten, wohin wir dieses Jahr in Urlaub fahren würden, suchte sie immer noch online nach günstigen Reiseangeboten, täglich, stundenlang. Ohne Ergebnis. Ich musste dieses hoffnungslose Unterfangen beenden.

»Jetzt buch doch endlich etwas, irgendwo, wo es warm ist, ein günstiges Haus mit Schwimmbad. Und zwar heute!«, wurde ich eines Morgens energisch.

Sie blickte mich an, als hätte ich ihr vorgeschlagen, uns einen Privatjet zuzulegen und damit nach Südafrika zu fliegen. So ein zierliches Modell, in dem wir ein einziges Mal gesessen hatten, als meine zufriedenen Kunden als Zeichen ihrer Dankbarkeit uns zu einem Trip eingeladen hatten. Damals lief das so, wenn ich für jemanden ein Ferienhaus im Ausland entworfen hatte und der glückliche Besitzer sich über die gute Zusammenarbeit freute. Der Auftrag wurde mit einer Einladung des Architekten mit Familie abgerundet. Nicht ein einziger brauchbarer Kontakt für die Zukunft hatte sich daraus ergeben. Wer scheitert und stürzt, der existiert in dieser Welt nicht mehr.

»Es gibt keine günstigen Häuser mit Pool«, zischte Gaby. Aus ihrem Mund klang alles wie ein Vorwurf, den sie sich hätte verkneifen können. Der Effekt blieb sowieso aus. So schätzte sie mich inzwischen ein.

»Du meinst: Sogar die günstigen Häuser sind für uns zu teuer«, sagte ich. »Du meinst: Sieh dir doch nur an, was aus uns geworden ist.«

Gaby konnte dermaßen abwertend die Augen verdrehen, dass man an ihr abprallte und ein weiteres Gespräch unmöglich war.

»Ich meine gar nichts. Ich will dich nur direkter mit den Tatsachen vertraut machen.«

Als ob ich die Tatsachen nicht kennen würde. Tatsache war, dass ich meinen Kindern Ruhe gönnen wollte, Sonne, Meer, ein sauberes Bett, gesundes Essen. Das ganze Jahr über rackerten sie sich in der Schule ab. Probleme mit den Hausaufgaben oder Noten gab es keine. Falls nötig, erreichten sie sie mit der eisernen Disziplin eines Strebers. Sie wussten selbst, wann sie sich anstrengen und wann sie abhängen durften. Dafür musste ich sie belohnen. Zudem wollte ich mit meiner Frau an einem schönen Ort sein. Das wollte ich ihr sagen, doch sie kam mir zuvor.

»Es gibt eine Krise, Job. Sowohl auf der Welt als auch in deinem Portemonnaie.«

Letzteres stimmte nicht ganz. In meinem Portemonnaie befand sich noch genug. Gerade ausreichend, um so zu tun, als würden wir uns innerhalb eines Jahres nicht am Rande des Abgrundes befinden. Fast alles, was ich besessen hatte, war verbraucht. Ich lebte von meinen Rücklagen, und darüber wollte ich nicht klagen. Immerhin hatte ich noch etwas Erspartes, auch wenn es zusehends schmolz. Beunruhigender als die drohende Armut, die Gaby wie eine unentrinnbare Naturkatastrophe fürchtete, empfand ich eher die Veränderung meiner Frau. Einst war sie die Ruhe selbst gewesen, der heimische Stoßdämpfer und Blitzableiter, doch nun spielte sie den düsteren Buchhalter, allzeit eine unheilverkündende Nachricht auf den Lippen.

Einst konnte ich es kaum erwarten, am Abend endlich wieder zu Hause und dort unbefangen einfach ich selbst zu sein. Seit Kurzem lebte ich mit einer Grüblerin zusammen, die ich oft abends im Dunkeln antraf. Jemand, der unentwegt über Geldprobleme klagte. Verschwenderisch oder verwöhnt war Gaby nie gewesen, es war also keine Rede von Entwöhnung. Allerdings nagten Sorgen an ihr. Nicht unseretwegen, sondern wegen der Kinder, dass sie mittellos zurückbleiben könnten. Es trieb sie zu Anfällen, rhetorisch, in rasendem Tempo, bissig in einer für sie ungewöhnlichen Schärfe. Insgeheim bewunderte ich das. Für mich nicht ganz nachvollziehbar war jedoch ihr zwanghaftes Verhalten, wenn es um unsere Ausgaben ging. Wie sehr sie sich damit doch manchmal bloßstellte.

Im Supermarkt fischte sie aus meinem Wagen die Sachen heraus, die ihr zu teuer erschienen, und tauschte sie gegen die billigste Alternative aus.

»Keinen Innocent Smoothie, stell den sofort wieder zurück. Bist du denn vollkommen durchgedreht?«, konnte sie aufschreien, noch bevor ich meine Hand um die Flasche im Kühlregal gelegt hatte. Dann erschrak ich, schloss sogleich die Tür und hatte keine Lust mehr auf einen Smoothie. Die Leute um uns herum machten ein Gesicht, als liefe ein Geisteskranker im Laden herum.

An der Tankstelle sprang sie sofort aus dem Wagen, wenn ich mit dem Tanken fertig war, und eilte hinein zum Bezahlen, um zu verhindern, dass ich womöglich bei den Süßigkeiten, Chips und Getränken zuschlagen würde. Über die Miniflaschen, die dort doppelt so teuer waren wie eine große im Supermarkt, konnte sie mir endlose Vorwürfe machen. Die Tageszeitung hatte sie abbestellt. Gingen wir mal ins Kino, stopfte sie sich vorher die Taschen mit Cola-Dosen und Knabberkram voll. Ich konnte noch knapp verhindern, dass sie dem Fensterputzer kündigte. Doch die Putzfrau, auch wenn sie keine Perle war, hatte sie bereits entlassen. Damit konnte ich ja noch leben. Doch als sie sich eines Tages heimlich mein Handy schnappte, um die...


Nausicaa Marbe, geboren 1963, ist gebürtige Rumänin und kam mit 18 Jahren in die Niederlande. 1998 wurde sie mit ihrem Debütroman Mândraga schlagartig bekannt. Ihre Kolumnen in De Volkskrant, heute in De Telegraaf erhitzen immer wieder die Gemüter. Nach einigen Sachbüchern hat sie mit SCHMIERGELD ihren zweiten Roman vorgelegt.



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