E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Marin Mut zur Veränderung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0711-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom Fremdsein zum Ankommen
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-6951-0711-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Marin wurde 1968 in Bukarest geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Rumänien. Bis zu seinem 22. Lebensjahr lebte er dort, bevor er nach Deutschland auswanderte. Der Militärdienst prägte ihn als eine dunkle und herausfordernde Zeit seines Lebens. In Deutschland absolvierte er zunächst eine Krankenpflegeausbildung und verfolgte anschließend konsequent seinen Traum, Psychotherapeut zu werden. Heute leitet er eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung sowie zwei psychotherapeutische Praxen, von denen eine als Lehrpraxis unter der Supervision von Prof. Rainer Sachse geführt wird. Seine Erfahrungen, seine Herkunft und sein beruflicher Werdegang fließen in seine Texte ein und verleihen ihnen eine besondere Tiefe und Authentizität.
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Bukarest 1968–1986
Die ersten Erinnerungen sind oft die schärfsten, auch wenn sie voller Unbehagen sind. Moraru erinnerte sich noch genau an den Kindergarten in Bukarest. Es waren vor allem zwei Momente, die sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, zwei Erinnerungen, die er einfach nicht loswerden konnte.
Der erste Moment war die Milch. Diese verdammte Milch. Jeden Morgen stand sie auf dem Tisch, warm und weiß, mit einem feinen Film, der sich auf der Oberfläche bildete, sobald sie abgekühlt war. Er konnte sie nicht ertragen. Dieser Geruch, dieses leichte Schaukeln in der Tasse, als ob sie ihm sagen wollte: »Du musst mich trinken, ob du willst oder nicht.« Und er wollte nicht. Keinen Schluck wollte er trinken.
Aber er musste. Die Erzieherinnen ließen ihm keine Wahl. »Du bleibst sitzen, bis du alles getrunken hast«, sagten sie, ihre Gesichter streng, ihre Arme verschränkt, als ob er ein unbarmherziges Monster wäre, das es zu bezwingen galt. Die anderen Kinder liefen längst herum, spielten, lachten, doch er saß da, vor dieser Tasse, die ihn anstarrte wie ein Feind, den er nicht überwinden konnte. Die Milch wurde zusehends kälter, die Haut dicker – und ihm drehte sich der Magen um.
Er versuchte, sich kleinzumachen, tiefer auf seinen Stuhl hinabzurutschen, aber ihre strengen Blicke bohrten sich in ihn hinein. Tränen sammelten sich in seinen Augen, brannten, aber er wollte nicht weinen. Er wollte nicht, dass sie sahen, wie schwach er war. Schließlich schloss er die Augen, nahm einen tiefen Atemzug, hielt die Luft an und trank. Die Haut, die sich wie ein zäher Film über seine Zunge legte, der widerliche Geschmack von lauwarmer Milch, der sich in seinem Mund ausbreitete – er schluckte und würgte, ein kleiner Krieger im Kampf gegen etwas, das viel zu groß für ihn war. Am Ende schaffte er es irgendwie, aber das Gefühl blieb, dieses Gefühl von Zwang und Ohnmacht, das er damals nicht in Worte fassen konnte.
Der zweite Moment, der sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte, ereignete an einem Freitag. Er wusste noch, dass es ein Freitag war, weil er die Tage gezählt hatte. Freitage waren gut. Sie bedeuteten das Ende der Woche, das Versprechen, ein paar Tage zu Hause zu sein, weit weg vom Kindergarten. An diesem Freitag aber verspätete sich seine Mutter. Sie verspätete sich sogar sehr. Er saß da, das letzte Kind in der Ecke des Raums, und sah, wie die anderen abgeholt wurden, einer nach dem anderen. Die Sonne ging langsam unter und der Raum wurde immer dunkler. Die Stimmen der Erzieherinnen, die normalerweise laut und bestimmt waren, wurden leiser und leiser, schließlich zu einem Flüstern.
Er spürte die Blicke auf ihm. Die Erzieherinnen standen an der Tür, unterhielten sich leise miteinander, warfen ihm zwischendurch Blicke zu und kicherten. »Vielleicht kommt sie gar nicht mehr«, hörte er eine von ihnen sagen. Ihre Augen blitzten vergnügt, als hätte sie etwas Lustiges gesagt. Eine andere lachte leise – ein kaltes, beinah triumphierendes Lachen, und er spürte, wie sich ein Kloß in seinem Magen bildete. Er zog die Knie an seine Brust, versuchte, sich unsichtbar zu machen, und starrte auf die Uhr an der Wand. Jede Sekunde dehnte sich, wurde zu Minuten, zu einer Ewigkeit.
Er hatte das Gefühl, er sollte etwas sagen, sich irgendwie verteidigen, erklären, dass seine Mutter kommen würde, dass sie ihn nicht vergessen hatte. Aber die Worte blieben in seinem Hals stecken. Er fühlte sich so klein, so verloren. Die Minuten zogen sich hin, und er hörte wieder das leise Lachen der Erzieherinnen, das sich in seinen Ohren festsetzte. Es war kein freundliches Lachen, sondern ein Lachen, das ihn durchbohrte, als wäre es ihre Art, ihm zu sagen, dass er allein war, dass sich niemand um ihn scherte.
Schließlich, als die Dunkelheit fast ganz hereingebrochen war, erschien seine Mutter. Ihre Wangen waren rot, und er sah die Erleichterung in ihren Augen, als sie ihn sah. Sie kam auf ihn zu, hob ihn hoch, als könnte sie all die Stunden des Wartens einfach wegwischen. Doch in ihm blieb dieses Gefühl, dass er irgendwie nicht wichtig genug war, dass er vergessen werden konnte.
Es sind nur kleine Dinge, Kleinigkeiten, die man fast vergisst – ein Becher Milch, ein verspäteter Freitag – aber sie bleiben haften, nagen an einem, bauen sich zu etwas Größerem auf. Und irgendwie hatte er schon damals gespürt, dass es nicht einfach um die Milch ging oder um die Verspätung seiner Mutter. Es ging um das Gefühl, dass er nicht die Kontrolle hatte, dass sein Leben von den Entscheidungen anderer bestimmt wurde, die er nicht verstehen konnte.
Und diese Momente sind es, an die er sich erinnerte, diese ersten Stiche, die ihm zeigten, dass die Welt kein sicherer Ort war.
Aber es gab auch Momente der Leichtigkeit in Bukarest. Besonders in dem Garten vor ihrem Haus. Dort fühlte sich Moraru frei. Sie hatten einen winzigen Streifen Land, auf dem seine Mutter Gemüse anbaute. Es war ein Ort, an dem der Lärm der Stadt endlos fern schien. Hier spielte Moraru mit seinen Freunden, baute kleine Verstecke zwischen den Sträuchern und Mirabellenbäumen und träumte von Abenteuern. Oft saßen sie einfach auf dem Boden, blickten in den Himmel und stellten sich vor, wie es wäre, die Stadt hinter sich zu lassen und hinaus in die weite Welt zu reisen.
Aber die Stadt war kein Ort, den man einfach verlassen konnte. Die Grenzen waren geschlossen, und die Möglichkeit, das Land zu verlassen, blieb für die meisten Menschen nur ein ferner Traum. Moraru spürte diese Enge nicht nur in den Straßen von Bukarest, sondern auch in den Gedanken der Menschen um ihn herum. Doch gerade deshalb lernte er, in den kleinen Dingen Freiheit zu finden – in der Musik, die er hörte, in den Büchern, die er las, und in den Gesprächen, die er mit seiner Mutter führte.
Moraru wuchs in einem Haus voller Stimmen auf, jede mit einem eigenen Klang, einer eigenen Melodie. Die Familie lebte in einem großen, alten Haus in Bukarest, das von außen schlicht und abgenutzt wirkte, doch innen war es lebendig – voller Geschichten, die sich in jeder Ecke versteckten. Der Putz bröckelte hier und da von den Wänden, und die Holzdielen knarrten unter den Füßen, als wollten sie erzählen, wer alles schon durch diese Räume geschlichen war. In diesem Haus lebte Moraru mit seinen Eltern, seinem älteren Bruder Vasile, seiner jüngeren Schwester Maria, seiner Oma und seiner Großtante – ein kleines Universum, in dem die Zeit manchmal stillzustehen schien.
Morarus Mutter, Angela Victoria, war der ruhige, aber auch kraftvolle Mittelpunkt dieser kleinen Welt. Sie arbeitete für eine deutsche Sendung des rumänischen Fernsehens, eins der wenigen Programme auf den zwei staatlichen Kanälen, die überhaupt ausgestrahlt wurden. In einer Zeit, in der nur Propaganda und staatlich kontrollierte Nachrichten durch den Äther gingen, glich ihre Arbeit einem schmalen Spalt Licht in einer ansonsten düsteren Informationswelt. Seine Mutter sprach fließend Deutsch, es war ihre Muttersprache. Und sie ließ keinen Tag verstreichen, an dem sie nicht diese Sprache benutzte. Für sie war Deutsch wie eine Melodie aus ihrer Kindheit, eine Verbindung zu einer Welt, die vor der Zeit des Kommunismus existiert hatte, ein Hauch von Freiheit und Identität.
In den frühen Morgenstunden, bevor die Sonne richtig aufgegangen war, saß seine Mutter oft in der Küche, drehte sich eine Zigarette und summte leise ein altes deutsches Lied: »Die Gedanken sind frei«. Die ersten Strahlen des Tageslichts fielen durch das Fenster und beleuchteten ihr stilles und zugleich liebevoll gezeichnetes Gesicht, das von den Jahren geprägt, aber doch voller Würde war. Sie wirkte dann nachdenklich, fast abwesend, als würde sie in eine andere Zeit und an einen anderen Ort reisen. Für Moraru war diese Szene eine vertraute, beinah magische Erinnerung – der Duft von Kaffee und Tabak, der Klang ihrer leisen Stimme. Sie war eine Frau, die zwischen zwei Welten lebte: der offiziellen rumänischen Welt draußen, wo sie sich angepasst und diszipliniert verhielt, und der intimen deutschen Welt drinnen, in der sie sich fallen ließ und ihre wahre Persönlichkeit zeigte.
Sein Vater, ein großer, breitschultriger Mann mit einer tiefen, rauen Stimme, war das genaue Gegenteil. Für ihn war die deutsche Sprache wie ein Fremdkörper in seinem eigenen Haus. Er verstand kein Deutsch und wollte es auch nicht verstehen. Er hielt es für die Sprache der Vergangenheit, für etwas, das nicht in seine Welt passte. Oft stieß es ihm bitter auf, wenn er hörte, wie seine Frau mit den Kindern oder mit ihrer Mutter und Tante auf Deutsch sprach. »Wir sind Rumänen, und wir sprechen Rumänisch«, sagte er immer wieder, seine Stimme fest, eindringlich und keine Widerworte zulassend. Seine Augen funkelten dabei vor Wut, und Moraru spürte jedes Mal, wie sich der Raum zusammenzog, wie die Luft plötzlich stickig und schwer wurde. So wurde ihm bewusst, dass diese Sprache nicht nur Wörter waren, sondern ein Symbol für etwas Größeres, etwas, das seine Eltern in verschiedene Richtungen zog. Sein Vater hatte klare...




