Marini | Denn nichts ist je vergessen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 381 Seiten

Marini Denn nichts ist je vergessen

Ein Mailand-Krimi
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-568-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Mailand-Krimi

E-Book, Deutsch, 381 Seiten

ISBN: 978-3-98690-568-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Frau auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit: Der Italienkrimi »Denn nichts ist je vergessen« von Adele Marini jetzt als eBook bei dotbooks. Sie glaubt, endlich Frieden gefunden zu haben - doch vor der eigenen Vergangenheit kann niemand davonlaufen ... Die Lehrerin Marcella hat sich in Mailand endlich ein neues Leben aufgebaut und hofft, so die Schrecken ihrer Kindheit bei kalten, strengkatholischen Adoptiveltern hinter sich gelassen zu haben. Doch dann taucht ihr alter Familienname in Verbindung mit einer Fernsehsendung über ein lang zurückliegendes Verbrechen auf: der grauenhaften Hinrichtung einer sizilianischen Familie. Die Täter wurden nie gefunden - und der Verdacht liegt nah, dass sie von einflussreichen Personen geschützt wurden. Gemeinsam mit dem jungen Inspektor Lucio Mauris versucht Marcella herauszufinden, was damals geschah. Aber gerät sie dadurch in das Fadenkreuz von Menschen, die keine Gnade kennen? »Ein derart spannend erzählter Krimi voller überraschender Wendungen, dass er sogar den abgeklärtesten Leser fesseln wird!«, urteilt die Mailändische Tageszeitung »Il Giorno« Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Denn nichts ist je vergessen« von Adele Marini verbindet einen mitreißenden Italienkrimi mit abgründigem Justiz-Thriller, der Gänsehaut beschert - weil das Verbrechen genau dort zuschlägt, wo sonst sonnige Urlaubskrimis spielen. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Adele Marini ist Journalistin und hat sich auf Reportagen über Verbrechen und Gerichtsberichterstattungen spezialisiert. Ihr erster Roman »Denn nichts ist je vergessen« wurde in Italien u. a. als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Weitere Spannungsromane folgten, in denen sie erschütternd und einfühlsam über das Organisierte Verbrechen und seine Opfer schreibt. Adele Marini lebt mit ihrem Mann in Mailand. Bei dotbooks veröffentlichte Adele Marini ihre Mailand-Krimis »Dunkel ist die Schuld« und »Denn nichts ist je vergessen«.
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Kapitel 4


Mailand, 14. Juni 2000

Chefinspektor Lucio Mauris, fünftes Dezernat des mobilen Einsatzkommandos von Mailand, kam früher als sonst ins Büro. Schuld daran war die Hitzeglocke, die sich in jenen Tagen wie ein glühender Deckel über die Stadt gelegt und ihn um sechs Uhr morgens aus dem Bett gerissen hatte, nach einer Nacht, die er damit verbracht hatte, sich den Schweiß abzuwischen und Mücken zu zerquetschen.

Diese Hitze war zu extrem, es war doch erst Juni, das sagte jeder, doch für Mauris war alles an Mailand extrem, besonders der Sommer.

Er, im Aostatal geboren und später zum Wahlpiemonteser geworden, schaffte es wirklich nicht, sich in dieser riesigen, chaotischen Großstadt einzuleben, die so flach war wie eine Pizza, voller hässlicher, schmutzverkrusteter und mit Schmierereien übersäter Gebäude, die willkürlich und ohne Sinn für Form- und Größenverhältnisse errichtet zu sein schienen.

Eine potthässliche Stadt. Und mit der Hitze wurde es noch schlimmer.

Laut Mauris war die Fähigkeit, einen ganzen Sommer in Mailand zu überleben, ohne die Nerven oder den Verstand zu verlieren, eine Art Bestätigung für die Darwin’schen Lehren von der natürlichen Auslese. Wer es schaffte, den Herbst zu erreichen, ohne Schäden an Körper und Seele davonzutragen, war bereit dafür, sich zu einer höheren Rasse zu entwickeln. Von den anderen las man am Morgen in der Zeitung auf den Seiten mit den Nachrichten aus dem Polizeibericht.

Und warum sollte man sich überhaupt noch wundern, wenn die Schwächeren anfingen durchzudrehen? In diesem riesigen Kessel Mailand, eingeschlossen zwischen Asphalt und Beton, kochte man buchstäblich. Ein bisschen Rosmarin dazu und die Leute würden wie Grillhähnchen riechen und schmecken.

Und dann erst die Nächte! Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang gab es keinen Augenblick der Ruhe bei der Invasion blutsaugender Mücken. Me ging ein Windhauch. Und wer wie er gezwungen war, in der Stadt zu bleiben und zu schwitzen, musste sich dann auch noch mit der sprunghaft angestiegenen Kriminalität herumschlagen, die zu Beginn der Sommerferien, sobald sich die Stadtviertel leerten, so stark zunahm, dass die Kommissariate die Anzeigen nicht bewältigen konnten.

Und weil Mauris Schichtdienst hatte, konnte er seine Mutter, die in Turin wohnte, nur alle zwei Monate besuchen, und ins Aostatal, wo noch die aus der Familie lebten, die die friedliche Erhabenheit der Berge den Verlockungen von Fiat und Olivetti vorgezogen hatten, schaffte er es nur ein paar Tage im Sommer und an wenigen Winterwochenenden. Die übrige Zeit des Jahres litt er unter Heimweh, das ganz besonders heftig wurde, sobald er aus dem Fenster seines Kabuffs im Polizeipräsidium schaute.

Ein dunkler, unheimlicher Verschlag. Wirklich unheimlich. Wenn er nach unten blickte, vier Stockwerke tief, sah er den düsteren Hof, in dem 1969 der Körper des Terroristen Pinelli zerschmettert war. Ganz zu schweigen von der Büste in Erinnerung an den daraufhin von den roten Brigaden getöteten Commissario Calabresi, die dort in einer Nische stand. Mauris erinnerte dieses Trauerdenkmal mehr an die Toten des blutigen Anschlages, der sich während der Gedenkfeier ereignet hatte, als an das Opfer des Commissario.

Von seinem Schreibtisch aus hätte er gern eine schöne Bergkette gesehen, saftige grüne Hänge, doch hier gab es nur von den Abgasen der Stadt geschwärzte Mauern.

Fast keinen Himmel. Und schon gar keinen blauen!

An Tagen wie diesen, wenn die Luft sich zu wabernden, fließenden Wellen verdichtete, kam es den Mailändern vor, als lebten sie in einer milchigen Blase, die ihnen Beklemmungsgefühle und Kopfschmerzen bescherte. Wenn er gekonnt hätte, wäre Mauris sogar zu Fuß nach Turin zurückgegangen. Aber hier war seine Arbeit, und deshalb hatte er sich beinahe damit abgefunden, anstelle des Po mit den Navigli vorliebnehmen zu müssen.

Beinahe, aber eben nicht ganz und vor allem nicht immer.

Woran er sich überhaupt nicht gewöhnen konnte, war, dass er jede Nacht von Juni bis in den späten September hinein diesen ekelhaften, brütenden Gestank einatmen musste, der durch die weit geöffneten Fenster nach drinnen drang. Kochender Asphalt und Benzin, Müll, der in den schwarzen Säcken vor sich hin gärte, und der Urin der Betrunkenen, die in den Pubs der Umgebung die Nacht zum Tage machten.

Als er in sein Büro kam, eine düstere Kammer von der Form und der Größe eines Eisenbahnwaggons, das er sich mit seinem Kollegen Giuseppe Salerni teilen musste, besserte sich seine Laune keineswegs. Die Klimaanlage lief noch nicht, und in diesen Tagen der verfrühten Sommerhitze kam man sich hier drinnen vor wie in der Sauna. Unter seinem Schnurrbart knurrte er ein betont gutturales »B’N’giorrrno« hervor, damit der andere begriff, dass er schlechte Laune hatte. Bevor er sich an den Schreibtisch setzte, knöpfte er sich die Jacke auf und bemerkte dabei, dass sein hellblaues Hemd morgens um halb neun bereits Schweißflecken aufwies.

Sein »B’N’giorrrno«, das perfekt zu einem Südfranzosen gepasst hätte, war jedoch nicht aufgesetzt. Viele seiner Kollegen nahmen Mauris seinen französischen Akzent übel, da sie glaubten, er sei affektiert. Doch tatsächlich waren dieses R, das in seinem Hals kratzte wie Schleifpapier, die engen, betonten Vokale und die gelegentlichen französischen Einsprengsel, die ihm ab und zu unterliefen, völlig natürlich. Für jemanden wie ihn, einen richtigen salasse, der im Aostatal geboren und aufgewachsen war, war Französisch die Muttersprache und die des Vaters obendrein. Die einzige Sprache, in der er sich als echter Montagnard von der Geburt bis zum Schulalter ausdrückte, als er gezwungen wurde, neben dem Patois savoyard noch ein ungeliebtes Italienisch zu sprechen, das, praktisch als Zeichen des Protests, von einem so starken südfranzösischen Akzent geprägt war, dass er sowohl die Jahre in Turin als auch die in Mailand überdauert hatte.

Als er sich nun die Jacke auszog, bemerkte Mauris die dunklen Schweißränder unter den Achseln.

»Merde!«

Wenn ihn etwas störte, dann war es, nicht untadelig auszusehen, besonders im Büro. Besonders morgens. Doch da war nichts zu machen. In dieser Stadt musste man nur eine halbe Stunde in der Hitze im Auto sitzen, und schon sah man aus, als hätte man in seinen Kleidern in einer Hundehütte geschlafen. So war das eben.

»Was gibt es heute?«, fragte er.

»Ich glaube, da ist ein Fax«, antwortete sein Kollege und schaute von den Papieren auf, in denen er blätterte. »Das kam vor fünf Minuten. Es ist dringend.«

»Natürlich ist es dringend«, brummte Mauris und fischte aus dem Eingangskorb einen dünnen Stapel Papier. »Wie alles, was von da unten aus dem Süden kommt. Aber wenn wir mal etwas dringend brauchen, kann man sich ruhig Zeit lassen. Wenn’s hochkommt, schicken sie vielleicht mal eine Brieftaube.«

Das stimmte so nicht. Nur ein einziges Mal war eine Nachricht, die sie nach Palermo geschickt hatten, liegen geblieben, doch dabei hatte es sich um einen Fehler des Beamten gehandelt, der mit der Verteilung der eingehenden Mitteilungen beauftragt war. Als er das Fax aus Mailand erhielt, in dem sie um Informationen über einen Festgenommenen gebeten wurden, hatte er es »weniger dringend« eingestuft. Leider hatte es sich um einen Vorbestraften gehandelt, der mit gefälschten Papieren unterwegs war. Da sie nichts hatten, was für eine Anklage ausgereicht hätte, und sie aus dem Süden nichts gehört hatten, waren die Beamten gezwungen, den Mann auf freien Fuß zu setzen. Ein Irrtum, der später einen Juwelier und seinen Sohn das Leben kostete, die bei einem Überfall getötet wurden.

Das Fax, das diesen Morgen eingetroffen war, stammte aus dem Polizeipräsidium von Caltanissetta und enthielt eine lange Liste mit Namen. Alles anscheinend unbescholtene Bürger, ohne Vorstrafen, die in Süditalien geboren waren und jetzt in Mailand lebten. Die Sizilianer baten die Kollegen in Mailand, jeden der Genannten unter Beobachtung zu stellen und Verbindungen, Verwandte und Freunde zu überprüfen. Im Grunde hatte man den starken Verdacht, diese Leute bildeten einen Ableger des organisierten, süditalienischen Verbrechens, und sie seien in den norden gekommen, um die bereits von der Unterwelt der Poebene durchdrungenen Strukturen zu infiltrieren. In der Liste tauchten irgendwelche armen Teufel auf genauso wie angesehene Freiberufler mit jeder Menge Titel wie Dottore, Avvocato oder sogar Cavaliere vor ihrem Namen. Vor allem Anwälte jedenfalls. Männer, Frauen, sogar ein Geistlicher. Ein bisschen von allem. Wirklich eine Kleinigkeit, die einzeln durchzugehen, dachte Mauris mit bitterer Ironie, den besonders der Codename der Operation amüsierte: Piazza pulita ? »Reiner Tisch«.

Der Ispettore war groß, ungefähr achtunddreißig, sein Gesicht war von geraden, regelmäßigen, aber auch sehr harten Zügen geprägt. Ein Gesicht, das auf den ersten Blick kalte Autorität ausstrahlte und einem auf den zweiten leichtes Unbehagen vermittelte. Das lag an seinen ausgeprägten Kiefern, die in Stein gemeißelt zu sein schienen und von geraden, dünnen Lippen durchteilt wurden. Aber vor allem an diesen intensiv himmelblauen, eiskalten Augen. Klare, trotzdem undurchdringliche, leicht mandelförmig geschnittene Augen, die den Gesprächspartner fixierten und sich beim geringsten Schatten eines Verdachts zu schmalen Schlitzen zusammenzogen.

Die Augen eines Bullen.

Und Lucio Mauris war ein Bulle, daran gab es keinen Zweifel. Das heißt jemand, der sich nie entspannt. Jemand, der sogar den Himmel, die Steine, die Blätter misstrauisch beäugt.

Doch seine besten Fähigkeiten als Polizist...



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