E-Book, Deutsch, 187 Seiten
Markones Ich spür Banane blau
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86781-376-1
Verlag: Arbor
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Focusing in der Arbeit mit Kindern
E-Book, Deutsch, 187 Seiten
ISBN: 978-3-86781-376-1
Verlag: Arbor
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit großem Einfühlungsvermögen und Expertise zeigt Bettina Markones, wie Focusing heute im therapeutischen, aber vor allem auch pädagogischen Umfeld mit Kindern eingesetzt werden kann. Dabei schöpft sie aus einer langjährigen eigenen Praxis in der Arbeit mit Kindern. Focusing wie hier vorgestellt fördert die Identitätsbildung, die sprachliche Ausdrucksfähigkeit, das Reflexionsvermögen und die emotionale Reifung von Kindern. Es ist aktuell einer der vielversprechendsten Ansätze, sowohl in der Therapie mit Kindern als auch in der Schule und Sonderpädagogik.
Dieses Buch ist das Ergebnis von vielen Jahren engagiertem Lernen und Erfahren mit und von Kindern. Möge es Ihnen und vielen Menschen helfen, diesen Weg zu entdecken, Kinder einfühlsam und achtsam für die Herausforderungen ihres Lebens zu stärken.
Weitere Infos & Material
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Die Praxis
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Freiraum schaffen
Beim Freiraum-Schaffen geht es immer darum, etwas Distanz zu den belastenden Themen zu bekommen. Erst einmal ist es wichtig, als Begleiter einfach da zu sein und zuzuhören. Schon das wirkt und hat oft zur Folge, dass die Themen ein bisschen kleiner und leichter werden.
In der Arbeit mit Erwachsenen geschieht Freiraum-Schaffen meist imaginär. Das ist auch mit Kindern möglich. Ich erlebe es vor allem in Situationen, wo kein Material greifbar ist und/oder rasche Hilfe notwendig ist, als hilfreich. Die Kinder haben alle schon genügend Bilder von Monstern oder anderen schrecklichen Gestalten gesehen. Daran anknüpfend finden sie leicht eine Gestalt, die ihren Felt Sense zu dem Ganzen von dem Thema darstellt. Von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt. Die Gestalt darf ausziehen – ob sie nun zehn Zentimeter von dem Kind entfernt auf einem Schal sitzt oder mit ihren Kumpels eine Strandparty feiert, ist dabei nebensächlich. Das Thema ist zu einem »Etwas« geworden, auf das wir uns beziehen können.
Freiraum schaffen durch Bewegung kann helfen, verloren gegangenen Freiraum wiederherzustellen. Das kann ganz klein sein: Ich stehe mit dem Kind auf, gehe herum, schaue aus dem Fenster oder verlasse das Haus. Die Fortbewegung des Körpers aus der überwältigenden Situation unterstützt, sich auch von den Gefühlen zu entfernen. Allerdings braucht es aufseiten des Erwachsenen die Sicherheit und Entschlossenheit, dass es notwendig ist, die Situation zu verlassen. Im Eingangskapitel bin ich kurz auf die Szene eines tobenden Kleinkindes an der Ladenkasse zu sprechen gekommen. So einen dreijährigen Knirps kann ich notfalls aus der Situation tragen. Bei einem wütenden Zehnjährigen ist das schon schwieriger. Hier sind kreative Lösungen gefragt: Ablenkung, Übertreibung, Humor, paradoxe Intervention, was immer Sie als Werkzeug parat haben. Entscheidend ist, das Kind zu erreichen, damit es in Beziehung mit dem Begleiter geht. Damit ist der erste Schritt getan: Es gibt dann nicht mehr nur das völlig überflutete Kind, das den Kontakt zu sich selbst verloren hat. Jetzt gibt es neben den heftigen Emotionen auch den anderen Menschen. Damit ist etwas in dem Kind in Bewegung geraten und weitere Schritte werden möglich. Auch das Greifen nach einem Buntstift ist eine Bewegung, die zeigt, dass bereits ein winziger Freiraum entstanden ist.
Es gibt Situationen und Emotionen, wo mehr Bewegung sinnvoll ist. Stampfen, Boxen, Sich-Schütteln, Sich-Abklopfen und Ähnliches sind Formen der körperlichen Bewegung, die dem Kind helfen, sich wieder zu spüren. Der Stress wird reduziert und das Kind kann ruhiger werden. Unser Gehirn kennt bei übergroßen Emotionen die drei Reaktionen Kämpfen, Fliehen oder Sich-Totstellen. Wut will kämpfen, Angst eher fliehen. Beide Aktionen sind mit Bewegung verbunden. Zwingen wir ein Kind in so einer Situation, still dazusitzen, sammelt sich im Körper eine Menge Energie, die eine Entladung braucht. Wird diese Energie immer wieder gestaut, ohne dass eine Spannungsabfuhr möglich ist, kann das zu Problemen führen.
Freiraum schaffen durch Malen
Am häufigsten verwende ich das Malen als Medium zum Freiraum-Schaffen. Grundprinzip ist hier, dass der Ausdruck des Felt Sense in Farbe, Form und Struktur mit Malsachen aufs Papier kommt. Gut geeignet sind eher kleinere Papierformate. Es geht ja nicht darum, realistische ausführliche Darstellungen von Themen aufzumalen. Dabei besteht immer die Gefahr, richtig ins Thema einzusteigen. Natürlich ist es möglich und sehr üblich, so in die Begleitung einzusteigen. Hier will ich aber auch aus didaktischen Gründen beim Freiraum-Schaffen bleiben.
Die kleinen Freiraum-Zettel können nach dem Bemalen oder auch Beschriften gefaltet oder verklebt werden. Auf die Möglichkeit des Verklebens und damit des Sicherns vor fremden Blicken weise ich zu Anfang hin. Jedes Kind kann spüren, was der richtige Umgang mit seinen »Sorgen-Zetteln« ist. Danach brauchen die Sorgen-Zettel einen guten Ort. Es ist wichtig, dass es ein guter Ort ist. Denn die Grundhaltung ist ja: Wir begegnen freundlich allem, was auftaucht.
Die im Handel erhältlichen »Sorgenfresser« sind wohl die teuerste Variante zum Deponieren von Freiraum-Zettelchen. Genauso tauglich sind aber auch leere Verpackungen wie Teeboxen, Käseschachteln, Pralinenschachteln oder leere Schraubgläser. Diese Behälter haben den Vorteil, dass sie vom Kind selbst gestaltet werden können. Neben dem Beziehen mit Papier können hier auch Bilder von individuellen Schutz- und Helferwesen ihren Platz finden.
Oft braucht es noch nicht einmal diese aufwendige Gestaltung. Es ist auch hilfreich für die Kinder, wenn sie ein Blatt mit vorgemalten Gefäßen oder Kästchen bekommen. Dann können sie auswählen, welcher Sorgenzettel in welchen Behälter geklebt wird. Das Kind kann auch direkt in das Blatt hineinmalen. Bei Jugendlichen hat sich ein Vordruck mit einfachen Boxen bewährt. Eine schöne Variante mit solchen Blättern geht so: Ich versehe jeden gezeichneten Behälter mit einem Schnitt an passender Stelle. Dann klebe ich ein zweites Papier von hinten dagegen. Wenn ich den Kleber in die Zwischenräume der Gefäße auftrage, entstehen so kleine Container. Die Front bleibt frei für Schutz- und Helferwesen. Je nach Alter und familiärem Hintergrund kann die Bandbreite von einem Teddy über Spiderman bis hin zu einem Engel reichen.
Freiraum-Schaffen mit Malen kann auch ganz anders weitergehen: Ist die Sorge aufgemalt, so kann der Zettel zu einem Schiff gefaltet und real in ein fließendes Gewässer gesetzt werden. Das kann ein sehr eindrückliches Erlebnis sein. Gelegentlich brauchen solche Sorgen-Zettel einen Transformationsschritt. So habe ich schon (unter Beachtung aller notwendigen Vorsichtsmaßnahmen) Sorgen-Zettel verbrannt. Auch in manch einem Komposthaufen oder Schulgarten dürfen sich Sorgen verwandeln.
Das Pfiffigste, was ein Kind einmal zu mir gesagt hat, war: »Ich lege den Zettel daheim in die Tiefkühltruhe, vielleicht kann ich ihn noch einmal gebrauchen.«
Vielfach haben die Kinder den Wunsch, die Freiraumgefäße bei mir zu deponieren. Dann bespreche ich mit den Kindern, wie ich damit umgehen soll. Vor allem als Klassenlehrerin war es notwendig, dies zu klären. Manche Kinder wollten nur, dass die Dinge bei mir unter Schutz sind, bei anderen sollte ich die Zettel ansehen und nichts dazu sagen. Es reichte ihnen, dass ich Bescheid wusste. Daneben gab es aber auch Kinder, die dann mit mir über ihre Sorgen reden wollten.
Nach meiner Erfahrung hat Freiraum-Schaffen auch seinen Platz bei spezifischen Schulschwierigkeiten z. B. in Rechnen und Deutsch. Daher steht in den fächerorientierten Förderstunden das Thema Freiraum-Schaffen genauso an wie die konkreten Übungen. Dafür habe ich in den Heften oder Arbeitsblättern einen sehr breiten Rand eingezeichnet. Hier findet parallel zu den Aufgaben die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Freiraum-Thema statt. Dabei können die Kinder wichtige Erfahrungen machen. Sie bemerken, auf welche Weise sie zu mehr oder weniger Freiraum kommen und was unterstützend oder triggernd wirkt. So kann ein Kind allmählich seine Abneigung und Ängste gegen Rechtschreibung oder Rechnen verringern.
Bei Schmerzen oder sehr klar lokalisierbaren Körperempfindungen arbeite ich gerne mit einem Körperschema. Dafür kann sich das Kind entweder selbst einen Körperumriss aufzeichnen oder ein vorgedrucktes Blatt nehmen. Ich habe zwei unterschiedliche Vordrucke, einen für jüngere Kinder und einen vereinfachten »Lebkuchenmann«-Umriss für ältere Kinder. Beide sind geschlechtsneutral. In den Umriss kann mit Farbe hineingemalt werden. Für ein Mädchen wurde das zu einem richtigen Ritual. Jede Stunde begann sie damit, sich einen Körperumriss aufzuzeichnen und ihre vielfältigen Schmerzen einzutragen. Dann knallte sie mir das Blatt hin mit dem Ausruf: »Da!« Danach wechselte sie ohne weitere Worte zu etwas ganz anderem über.
Ich bevorzuge es, wenn die Kinder ihren Umriss selbst malen. Zum einen sehe ich dabei etwas über Entwicklungsstand, Selbstbild und Selbstwahrnehmung, was beim vorgefertigten Schema entfällt. Zum anderen lösen Kinder die Geschlechtszuordnung dann auf ihre Weise. Ob sie Hosen oder Rock wählen, Genitalien malen oder das Schema unspezifisch lassen, ist dann ihre Entscheidung. Aber ich weiß auch, dass viele Kinder sagen: »Ich kann keinen Menschen malen.« Um nicht an solchen Ängsten zu scheitern, gibt es die Vordrucke.
Arbeite ich mit Gruppen oder Klassen, ist der Anfang genauso: Die Kinder spüren, was sie gerade bedrückt und geben das in symbolischer Form aufs Papier. Der gute Ort für die Sorgen kann natürlich auch hier individuell gestaltet werden. Das würde aber keine gemeinsame Erfahrung bewirken. Daher gestalte ich mit den Kindern zu Beginn, noch vor dem Malen der Freiraum-Zettel, gemeinsam einen guten Ort. Das kann ein starker Baum auf einem großen Papier sein (mindestens Flipchart-Größe), so, wie ich es von Marta Stapert gelernt habe. Mittlerweile bevorzuge ich es aber, mit den Kindern eine Landschaft mit guten und sicheren Orten zu gestalten. Jedes Kind malt auf ein DIN-A6 oder DIN-A5-Blatt einen Bestandteil der Landschaft, der ihm besonders wichtig ist. Von den Kindern habe ich gelernt, dass auch Menschen in dieser Landschaft sein sollten. Diese kleinen Zettel werden dann auf dem großen Papier arrangiert und festgeklebt.
Dann malen die Kinder Verbindungen zwischen den einzelnen Bildern. Beim Gruppieren und Verbindungen-Malen gilt die Regel: Wer das Blatt eines anderen Kindes verschiebt oder teilweise überkleben will, muss den Maler fragen. Dasselbe...




