E-Book, Deutsch, 504 Seiten
Marks / Heinzelmann / Wollinger Sicherheit im Wandel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96410-055-9
Verlag: Forum Vlg Godesberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ausgewählte Beiträge des 29. Deutschen Präventionstages
E-Book, Deutsch, 504 Seiten
ISBN: 978-3-96410-055-9
Verlag: Forum Vlg Godesberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
„Sicherheit im Wandel“ lautete das Schwerpunktthema des 29. Deutschen Präventionstages. Der weltweit größte Jahreskongress im Themenfeld der Gewalt- und Kriminalprävention fand im Jahr 2024 in Cottbus/Chósebuz in Brandenburg statt und wird in diesem Buch umfassend dokumentiert.
Der Dokumentationsband stellt die „Cottbuser Erklärung“ an den Anfang, gefolgt von einem Abschnitt mit wissenschaftlichen Expertisen, die das Schwerpunktthema interdisziplinär beleuchten. Der zweite Teil bietet die Schriftfassungen von 19 Vorträgen. Abschließend wird das Programm und der Bericht zur Kongressevaluation präsentiert. Insgesamt haben zu dem 500 Seiten umfassenden Buch 51 Autor*innen beigetragen.
Weitere Informationen zum Deutschen Präventionstag finden sich auf www.praeventionstag.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
„
Angesichts der Komplexität moderner, globalisierter, postmigrantischer, durch Social Media geprägten Gesellschaften lassen sich bisherige Erkenntnisse so interpretieren, dass Kriminalitätsfurcht vor allem auch ein Symptom multipler Entwicklungsdynamiken ist. Sie kann zwar mit individuell erlebter Kriminalität oder mit tatsächlicher Kriminalitätsentwicklung zusammenhängen, tut es aber sehr häufig nicht.
“
3 Subjektive Sicherheit – Ein Überblick über Konzeptualisierungen, Forschungsstand und Impulse für die Prävention
Prof. Dr. Stefanie Kemme
ist Juristin, Psychologin und Professorin für Kriminologie an der Universität Münster
Jasper Bendler
ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster
Dr. Jens Struck
ist Soziologe und akademischer Rat auf Zeit am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster
3.1 Einleitung
In der Regel wird versucht, Kriminalität objektiv zu messen, entweder über Kriminalitätsstatistiken oder über Dunkelfeldbefragungen. Kriminalität hat jedoch auch eine subjektive Seite. Zwei Bereiche sind in diesem Zusammenhang von besonderer Relevanz: die Furcht vor Kriminalität im engeren Sinne, also eine emotionale Komponente, und Kriminalitätswahrnehmungen, also Meinungen über die Häufigkeit von Verbrechen und die wahrgenommene Entwicklung der Kriminalität (Baier et al., 2016). Furcht vor Kriminalität ist im Gegensatz zu in offiziellen Statistiken registrierter Kriminalität etwas subjektiv Empfundenes und wird als diskursiv formbar und politisch instrumentalisierbar betrachtet (Groß, 2021; Obergfell-Fuchs & Kury, 2009).
Nur zum Teil geht Kriminalitätsfurcht Hand in Hand mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung (vgl. Abschnitt 3.3). Dies hat weniger mit konkreten persönlichen oder stellvertretenden Viktimisierungserfahrungen zu tun, wie es eine einfache Interpretation der Viktimisierungsperspektive (vgl. Abschnitt 3.5.1) nahelegen würde, sondern vielmehr mit abstrakten Ängsten im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Transformationsprozessen (Farrall et al., 2009; Jackson, 2004; Reuband, 2012). Sie wird durch den öffentlichen Diskurs in den Medien weiter verstärkt (vgl. Abschnitt 3.5.3; Soziale-Probleme-Perspektive). Aus Sicht der Generalisierungsthese (vgl. Abschnitt 3.5.4) kann Kriminalitätsfurcht wie ein Schwamm diffuse Modernisierungs- und soziale Abstiegsängste aufsaugen (Hirtenlehner, 2006; Hirtenlehner & Farrall, 2012; Jackson, 2006; Reuband, 2012). In dieser Lesart dient die Furcht vor Kriminalität als Projektionsfläche und bündelt diffuse Ängste. Es wird auch von einer Verschiebung der Angst gesprochen (Bauman, 2008; zur Differenzierung zwischen Furcht und Angst vgl. Abschnitt 3.2).
Im Zuge zunehmender (Flucht-)Migration nach Europa seit 2015 in Kombination mit medienwirksamen Kriminalfällen durch Geflüchtete wurde das Thema „Migration und Kriminalität“ verstärkt zu einem relevanten Gegenstand öffentlicher Debatten in Deutschland. Die Furcht vor der Kriminalität verbindet sich leicht mit der Furcht vor dem vermeintlich gefährlichen Anderen (Hirtenlehner et al., 2016). So konnte empirisch gezeigt werden, dass Kriminalitätsfurcht auch Ausdruck von Konkurrenz- und Bedrohungswahrnehmungen in Bezug auf als ‚fremd‘ wahrgenommene Personen sein und sich entsprechend auf diese richten kann (Hirtenlehner et al., 2016; Hirtenlehner, 2019; Visser et al., 2013; Hirtenlehner et al., 2012). In dem Maß, in dem in politischen Diskursen unterschwellige Verunsicherungen in eine Angst vor gefährlichen Gruppen transformiert wird, intensiviert sich dabei die Verschränkung zwischen Kriminalitätsfurcht und ‚Fremdenfeindlichkeit‘21 (Farrall et al., 2009; Häfele, 2013). Das „Verbrechen“ wird zu einer Metapher für gesellschaftliche Problemlagen (Hirtenlehner, 2006; Sessar, 1997) und entfaltet in Kombination mit ihren mannigfachen Ursachen und Verstärkern (Boers & Kurz, 2001; Ruhr-Universität Bochum, 2018.) einen ganz eigenen Wirklichkeitshorizont, der für die Kriminalitätsprävention von unmittelbarer Relevanz ist.
Menschen, die sich stark vor Kriminalität fürchten, meiden bestimmte Orte, gehen vielleicht gar nicht mehr aus dem Haus und verlieren das Vertrauen in den Staat oder in die Polizei. Ganz unmittelbar kann dann das verringerte Vertrauen in die Polizei, in Kombination mit einer hohen Verbrechensfurcht, Verhaltensweisen in der Bevölkerung hervorrufen, bspw. das Mitführen von Waffen oder die Gründung von zivilen Bürgerwehren, die letztlich das Gewaltmonopol des Staates aufweichen können. Dementsprechend nimmt das Thema subjektive Furcht vor Kriminalität in der Kriminalprävention einen zentralen Stellenwert ein. Kriminalitätsfurcht ist mittlerweile als „subjektiver Indikator der inneren Sicherheit“ (Landeskriminalamt NRW & Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle, 2006, S. 1) Gegenstand kriminalpolitischer und kriminalstrategischer Planungen und Konzepte geworden und das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger:innen als ein Erfolgskriterium der Kriminalitätskontrolle avanciert (Landeskriminalamt NRW & Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle, 2006, S. 1).
Der Begriff Kriminalitätsfurcht ist jedoch diffus und unpräzise, was zu vielfältigen Definitionen und Operationalisierungen führte (Bilsky et al., 1992; Boers, 1991; Skogan, 1993). Im Folgenden wird zunächst auf mögliche Konzeptualisierungen von subjektivem Sicherheitsgefühl und Kriminalitätsfurcht eingegangen, dabei wird ebenfalls diskutiert, wie diese bislang operationalisiert werden (Abschnitt 3.2). Anschließend wird auf (nationale sowie internationale) empirische Trends, Zahlen und Fakten eingegangen (Abschnitt 3.3). Im Weiteren wird ein Fokus auf soziodemografische Faktoren (Risikogruppen) gelegt (Abschnitt 3.4). Es werden verschiedene Erklärungsansätze im Hinblick auf Kriminalitätsfurcht dargelegt und deren empirische Evidenz wird überprüft; dies sind im Besonderen die Viktimisierungsperspektive, die Soziale-Kontrolle-Perspektive, die Soziale-Probleme-Perspektive sowie die Generalisierungsthese (Abschnitt 3.5). Schließlich wird auf Basis der dargestellten Erkenntnisse erläutert, welche Auswirkungen diese auf die Gesamtgesellschaft haben (Abschnitt 3.6) und welche Potenziale sich im Hinblick auf Präventionsansätze auf der Mikro-, Meso- und Makroebene ergeben (Abschnitt 3.7). Der Text endet mit einem Ausblick (Abschnitt 3.8).
3.2 Subjektives Sicherheitsgefühl und Kriminalitätsfurcht – Konzeptualisierung und Operationalisierung
Der Beginn der Forschung zur Kriminalitätsfurcht reicht zurück bis in die 1970er-Jahre. Seitdem wurden in einer kaum zu überblickenden Zahl an Studien unterschiedliche Aspekte des Konzepts ‚Fear of Crime‘ erhoben. Aber was ist Kriminalitätsfurcht? Farrall et al. (2009, S. 45) nehmen die Antwort in der Überschrift eines ihrer Kapitel vorweg. Dies sei „a rhetorical question with no one clear answer“. Bis heute gibt es kein einheitliches Verständnis darüber, was Kriminalitätsfurcht ist und wie sie zu definieren ist. Und solange eine solche einheitliche Definition fehlt, wird das Konzept der Kriminalitätsfurcht auch in Erhebungsinstrumenten nicht einheitlich bzw. präzise operationalisiert werden können (Hart et al., 2022). Angelehnt an die psychologische Einstellungsforschung werden ein-und mehrdimensionale Definitionen und Operationalisierungen der Kriminalitätsfurcht zugrunde gelegt.
Das Ein-Komponenten-Modell der Einstellungen (Thurstone, 1931) besagt, dass eine Einstellung lediglich die Zu- oder Abneigung eines Individuums gegenüber einem Einstellungsobjekt, also eine affektive Komponente, beinhaltet. Entsprechend verwendet eine große Zahl von Studien, auch die großangelegten sozialwissenschaftlichen Umfragen (bspw. im National Crime Survey (NCS), im General Social Survey (GSS) oder im European Social Survey (ESS)), zur Messung der Kriminalitätsfurcht den ‚Standardindikator‘.Mit diesem Standarditem wird danach gefragt, ob man Angst habe (oder sich unsicher fühle), wenn man abends nach Einbruch der Dunkelheit (oder tagsüber) in seinem Wohngebiet draußen allein spazieren gehe, sodass lediglich ein kriminalitätsbezogenes (affektives) (Un-)Sicherheitsgefühl abgebildet wird. Dieser sog. Standardindikator variiert über die Studien leicht, bspw. „Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrer Wohngegend, wenn Sie abends bei Dunkelheit alleine auf die Straße gehen“ (Reuband, 2012, S. 134), oder „Gibt es hier eigentlich in der Nähe, der unmittelbaren Nähe – ich meine, im Umkreis von einem Kilometer – irgendeine Gegend, wo Sie nachts nicht allein gehen möchten?“ (Reuband, 2009, S. 238). Auch wurde der Fear...




