E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
Marlowe Zwischen Pflicht und Sehnsucht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-6727-3
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-7337-6727-3
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bezaubernd unkonventionell, lebenslustig und voller Esprit: Die junge Künstlerin Sophie Westby ist leider die Falsche zum Heiraten! Denn Charles Alden, Viscount Dayle, will eine möglichst langweilige Debütantin ehelichen. Nur so kann er die bösen Gerüchte zerstreuen, die seine politische Karriere gefährden. Aber je länger Sophie auf seinem Landsitz zu Gast ist, desto mehr begehrt Charles sie. Und als er ihr eines Nachts am See begegnet, ist der Moment der Entscheidung gekommen: Soll er ihr seine Liebe gestehen - oder seinem kühlen Verstand folgen und für immer schweigen?
Deb Marlowe wuchs im Bundesstaat Pennsylvania auf und hatte stets ihre Nase in einem Buch. Glücklicherweise hatte sie genug Liebesromane gelesen, um ihren eigenen Helden auf einer Halloween Party am College zu erkennen. Sie heirateten, zogen nach North Carolina und bekamen zwei Söhne. Die meiste Zeit verbringt Deb Marlowe an ihrem Laptop, um neue Liebesromane zu schreiben. Daher freut sich jederzeit über eine schöne Ablenkung durch Fanmails ihrer Leser unter deb@debmarlowe.com. Unter www.debmarlowe.com können Sie noch eine Menge mehr über die Autorin erfahren.
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1. KAPITEL
Charles Alden, Viscount Dayle, ließ sich in seinen Lieblingssessel im Salon bei White’s sinken. Es war früh am Morgen, die Bediensteten des Klubs hatten die Markisen noch nicht heruntergelassen, und helles Sonnenlicht flutete durch die deckenhohen Fenster. Neben ihm befanden sich auf einem kleinen Tisch eine Kanne Kaffee, ein Teller mit Teegebäck und ein Stapel Zeitungen. Er schlug die „Times“ auf, biss genussvoll in das erste warme, butterzarte Stück Gebäck und seufzte aus tiefstem Herzen.
Er genoss den Frieden dieses Morgens, während er die erste Zeitung von vorne bis hinten durchlas. Unglücklicherweise war Frieden im Frühling 1817 in ganz England ein seltener Luxus, sogar für einen Viscount. Charles wurde gewahr, dass etwas nicht stimmte, als er aufblickte, die „Times“ beiseitelegte und nach der „Edinburgh Review“ griff.
Um ihn herum war es leer geworden. Der Salon, normalerweise immer voll, war entvölkert bis auf wenige Herren, die flüsternd in Gruppen beisammenstanden und größtmöglichen Abstand von ihm hielten. Einer der Männer bemerkte, dass Charles ihn ansah, bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick und stolzierte, nach seinem Hut verlangend, hinaus. Eine ungute Vorahnung beschlich Charles. Er sah auf und blickte in das mitfühlende Gesicht eines Dieners, der ihm frischen Kaffee brachte.
„Und, Bartlett?“, fragte er ruhig. „Ich sehe Ihnen an, dass Sie besser informiert sind als ich. Erzählen Sie’s mir.“
Bartlett räusperte sich. „Ich war so frei, die heutige Ausgabe des ‚Oracle‘ zu Ihrer üblichen Lektüre hinzuzufügen, Mylord. Vielleicht möchten Sie einen Blick in den redaktionellen Teil werfen?“
„Der ‚Oracle‘?“ Das war wenig mehr als ein Skandalblatt. „Vielen Dank, Bartlett.“
Beklommen griff Charles nach der Zeitung und blätterte ein paar Seiten um, bis er auf das Thema stieß, das er suchte.
Liebling der Torys oder Wolf im Schafspelz?
Man sagt, ein geläuterter Frauenheld gäbe den besten Ehemann ab – aber was für einen Politiker gibt er ab?
Lord D. ist genau so ein Mann, ein Windhund erster Güte, jetzt bekehrt zum verantwortungsvollen englischen Peer. Wir fragen uns, ob er bloß zum Schein das Revier gewechselt hat, um nach frischer Beute zu suchen.
Lord D. wurde in letzter Zeit häufig in Gesellschaft der berüchtigten Lady A. gesehen. Dies ist vielleicht nicht weiter überraschend, wenn man seine frühere Vorliebe für Damen von zweifelhaftem Charakter bedenkt – und ihre bekannte Vorliebe für junge aufstrebende Mitglieder der Partei ihres Gatten. Was allerdings überrascht, ist die Tatsache, dass ein Mann, der für seinen Scharfsinn und seine Gewandtheit bekannt ist, sich in einer solchen Situation so plump anstellen konnte. Nur durch groben Dilettantismus seitens des Übeltäters konnte es gestern so weit kommen, dass Lord A., als er unerwartet nach Hause zurückkehrte, auf einen Gentleman traf, der das Haus überstürzt durch das Fenster von Lady A.s Schlafgemach verließ.
Berichten zufolge wurde die Dame in angemessener Weise bestraft und aufs Land verbannt. Doch was ist mit dem Herrn?
Man kann es nicht leugnen: Lord D. ist ein Mann mit vielen Talenten. Tatsächlich gibt es Gerüchte, dass er bald ein Spitzenamt übernehmen soll. Wir vom „Oracle“ fragen uns allerdings, ob die Torys diese Idee nicht noch einmal überdenken sollten. Sicherlich gibt es doch einen Kandidaten, der einen untadeligeren Charakter aufweisen kann. Denn wenn die Torys Lord D. nicht einmal ihre Frauen anvertrauen können, warum sollten sie ihm dann die Nation anvertrauen?
Eine Minute lang war Charles erstarrt vor Ärger. Verflucht, verdammt, verteufelt! Monate harter Arbeit. Zahllose aufreibende Stunden, die er damit verbracht hatte, eine sorgfältige Fassade zu konstruieren. Alles in einem einzigen Augenblick mit einem boshaften Federstreich zerstört.
Normale, alltägliche Geräusche drangen aus den Nachbarräumen herein: das Rascheln frisch gebügelter Zeitungen, das leise Klirren von Porzellan, das gedämpfte Murmeln von Männern, deren Leben nicht gerade eben völlig aus den Fugen geraten war. Charles saß reglos da und versuchte, die Katastrophe zu begreifen, die da über ihn hereingebrochen war.
Ruhig und ohne sich etwas anmerken zu lassen, trank er seinen Kaffee aus. Er würde niemandem den Eindruck vermitteln, er schäme sich für irgendetwas. Als er fertig war, stand er auf, klemmte sich den „Oracle“ unter den Arm, steckte Bartlett eine Goldmünze zu und verließ White’s.
Einen Moment lang blieb er, geblendet von der hellen Sonne und verstimmt über die Betriebsamkeit des Verkehrs, auf der Straße stehen. Dann brach er in lautes Gelächter aus. Für wen, in aller Welt, hielt er sich – für den Helden in einem Schauerroman? Sollten Blitze den Himmel zerreißen und einfache Sterbliche erzittern, weil Viscount Dayles politische Laufbahn in Scherben lag?
Wie zur Antwort auf diesen Gedanken zerzauste eine frische Brise sein Haar. Charles brach nach Mayfair auf. Für wen hielt er sich? Das war die Frage der Stunde – nein, des ganzen letzten Jahres.
Es gab nur eine Antwort darauf. Er war Viscount Dayle, eine sorgfältige Kopie seines älteren Bruders, dem der Titel eigentlich gebührte. Und Viscount Dayle war nichts ohne seine politische Karriere. Charles Alden, der leichtlebige, umtriebige Frauenheld, war tot. Er war in dem Moment gestorben, als jene fehlgeleitete Kugel ihm seinen Bruder genommen hatte, lag mit seinem Vater begraben, seit dieser von seiner Verzweiflung dahingerafft worden war. Es gab kein Zurück. Er musste nun die Stelle seines Bruders als Viscount Dayle einnehmen und hatte sich entsprechend zu verhalten.
Der Wind war ziemlich heftig geworden, als Charles sein Stadthaus in der Burton Street erreichte, und sich jagende Wolken verdunkelten den Himmel. Vielleicht wollte das Schicksal ihm doch noch den passenden Hintergrund für sein Drama bieten und hatte nur seinen Einsatz verpasst.
„Mylord“, keuchte sein Butler, der die Tür öffnete. „Verzeihen Sie, wir haben Sie nicht so früh zurückerwartet …“
„Kein Grund, sich zu entschuldigen, Fisher.“ Charles ging zur Bibliothek. „Könnten Sie bitte meinen Bruder holen? Zerren Sie ihn von seinen Büchern weg, wenn es sein muss, aber sagen Sie ihm, ich brauche ihn jetzt. Und bringen Sie Kaffee.“
„Mylord!“, rief der Butler ihm hinterher. „Sie haben einen Besucher.“
„Um diese Zeit?“
Bevor der Butler Gelegenheit hatte zu antworten, flog die Tür zur Bibliothek auf.
„Dayle!“ Der Aufschrei hallte kalt durch die marmorne Eingangshalle. „Diesmal werden Sie für Ihre Niedertracht bezahlen! Benennen Sie Ihre Sekundanten!“
„Lord Avery, wie schön, dass Sie mich mit Ihrem Besuch beehren.“ Charles fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich würde doch ein stärkeres Getränk bevorzugen, Fisher. Brandy. Also, Sir“, fuhr Charles beruhigend fort, während er den Mann zurück in den Raum geleitete, fort vor den neugierigen Augen der Dienerschaft, „dieses Gerede über Sekundanten ist wohl etwas überstürzt. Aber ich hätte nichts dagegen, den Gesetzesentwurf zur Armenfürsorge mit Ihnen zu besprechen, selbst zu dieser frühen Stunde.“
„Versuchen Sie nicht, mich abzulenken, Sie niederträchtiger Schürzenjäger! Ich weiß, was Sie mit meiner Frau getan haben, ganz London weiß es!“ Der ältere Mann war fast grau im Gesicht vor Erschöpfung und Empörung.
Charles führte ihn zu einem Stuhl. Das Letzte, was er brauchen konnte, war, dass der alte Narr in seinem Arbeitszimmer zusammenbrach.
„Gar nichts wissen Sie. Das ist Unsinn. Ich habe im Clarendon diniert und dort fast die ganze Nacht im Gespräch verbracht. Sie werden keine Mühe haben, einen ganzen Raum voller Herren zu finden, die das bestätigen. Wir können jetzt sofort nach einem oder mehreren von ihnen schicken.“
„Ich weiß, was ich gesehen habe, Sie junger Windhund!“
„Ich weiß nicht, was Sie gesehen habe, Sir, aber ich weiß, dass ich es nicht war.“ Charles’ Ton wurde bestimmter.
„Halten Sie mich für einen Narren? Ich habe Sie beide mit eigenen Augen zusammen gesehen. Ganz London kennt doch Ihre tolldreisten Eskapaden.“
„Es hat mich nie mehr mit Ihrer Gattin verbunden als ein beiläufiges Gespräch in der Öffentlichkeit, Sir. Ich gebe zu, sie ist bezaubernd, aber welche Missstimmigkeiten auch immer zwischen Ihnen beiden herrschen mögen, sie haben nichts mit mir zu tun.“
Charles bemerkte erste Anzeichen von Unsicherheit im Gesicht des Mannes. Er bedauerte ihn, durfte ihn jedoch nicht noch weiter gehen lassen. Seine Gesichtszüge verhärteten sich, und er fügte entschieden hinzu: „Wenn Sie es vorziehen, mir nicht zu glauben, werde ich tatsächlich darüber nachdenken, mir Sekundanten zu suchen.“
In diesem Moment traf Jack ein, aufgebracht und bereit, die Ehre seines Bruders zu verteidigen, doch die Kampfeslust hatte Lord Avery verlassen. Er verbarg den Kopf in den Händen, während Charles seinen Bruder begrüßte und der Brandy gebracht wurde. Lord Avery nahm ein Glas, kippte den Branntwein hinunter und hielt es dem Diener hin, um es erneut füllen zu lassen. Dann stand er auf.
„Ich werde Ihre Erklärung fürs Erste akzeptieren, Dayle, aber ich werde Ihre Behauptungen überprüfen, und wenn ich feststelle, dass Sie lügen,...




