Marrak | Die Reise zum Mittelpunkt der Zeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

Marrak Die Reise zum Mittelpunkt der Zeit

Eine Kanon-Novelle
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95869-383-8
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine Kanon-Novelle

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

ISBN: 978-3-95869-383-8
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Jenseits der Grenzen der Schöpfung, im Mittelpunkt der Zeit, liegt, so steht es geschrieben, das sagenumwobene Land Tamuria. Unbedarfte Reisende behaupten, es sei nicht mehr als ein ephemeres Trugbild, und sein Name lediglich ein ausgeschmücktes Anagramm des Wortes 'Traum'. Meta-Somnambulisten, Wachkoma-Automaten und Zwölfschläfer wissen jedoch, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wenn Menschen, Mechanoide oder Neuronenglänzer bezeugen, sie hätten einen wunderbaren, einen aufregenden oder gar einen furchterregenden Traum geträumt, waren sie womöglich zu Besuch in jenem Land, das so fern aller Länder und Welten liegt - und doch so nah, dass jeder es bei Tag und Nacht zu bereisen vermag. Wenn Traumwandler behaupten, sie hätten geträumt, dann waren sie womöglich über Tamurias Flure gewandelt; mit Freude, Entzücken und Lust - oder auch mit Grauen, Schauder und Schrecken, denn der Mittelpunkt der Zeit wahrt für jeden, der seine Gestade erreicht, ein eigenes Gesicht. Die Fortsetzung zum 'Kanon mechanischer Seelen'. Bereits bei Amrun erschienen: Der Kanon mechanischer Seelen Der Garten des Uroboros (März 2019)

Michael Marrak wurde am 5. November 1965 im tauberfränkischen Weikersheim geboren. Er studierte Grafik-Design, Desktop-Publishing und Multimedia in Stuttgart und trat zwischen 1989 und 1996 als Autor, Illustrator, Herausgeber und Anthologist in Erscheinung. Nach mehreren Jahren als freier Illustrator widmet er sich seit 1997 vornehmlich dem Schreiben und wurde mehrfach mit dem European Science Fiction Award, dem Deutschen Phantastik Preis, dem Kurd Lasswitz Preis und dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet. Übersetzungen seiner Texte erschienen in Frankreich, Griechenland, Russland, China und den USA. Seine Romane, Erzählungen und Grafiken umfassen ein breites Spektrum aus Phantastik, Horror, Thriller, Science Fiction und Magischem Realismus. Nach drei Phantastik-Buchveröffentlichungen im Lübbe-Verlag folgte 2008 im Ravensburger Buchverlag der Jugendroman 'Das Aion - Kinder der Sonne'. Von Mitte 2006 bis Anfang 2012 war Michael Marrak im Hannoveraner Entwicklerstudio Reakktor Media verantwortlich für das Story-Development und Game-Design des im Frühjahr 2011 erschienenen SF-MMOs 'Black Prophecy', dessen Hintergrundgeschichte er seit 2005 entwarf. Mitte 2011 erschien mit 'Gambit' auch ein erster Roman zum Spiel. Die beiden geplanten Folgebände fielen der Einstellung des Spiels Ende 2012 zum Opfer. Für die Horror Factory von Bastei Entertainment verfasste Michael Marrak 2013 das Staffelfinale 'Epitaph' sowie den Jahresabschlussband 'Ammonit'. Obwohl er hauptberuflich als Schriftsteller tätig ist, finden gelegentlich auch neue Illustrationen und Covermotive ihren Weg in die Öffentlichkeit, wie 2013 das Titelbild für die Ausgabe 21 des SF-Magazins 'NOVA' oder 2014 seine Illustrationen in der Themenausgabe 'Mythos Le Mans' für das Motorsport-Periodikum 'revvv'. Michael Marrak lebt und arbeitet heute als freier Schriftsteller, Illustrator und Stadtflüchtling im Orbit eines beschaulichen Ortes im Harzvorland, wo er sein Habitat unfreiwillig mit einem kybernetisch getunten Marder und seinen Garten mit persistentem Wildwuchs teilt.
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I 4 I

»Kannst du mir einen Gefallen tun und mir einen dieser Folianten abnehmen?«, bat Aris und reichte Ninive das mächtigste und schwerste aller Bücher. »Aber gib Acht, der Schmöker ist fast so alt wie die Stadt selbst und so gut wie unbezahlbar.« Er ging einige Schritte rückwärts, wobei er suchend den Hals reckte, als wollte er sich vergewissern, dass ihnen vom Zeremonienplatz keine weitere Ordnungsbarke folgte. »Wenn uns die urbanen Regler damit erwischen, kriegen wir ordentlich Ärger.« Er zwinkerte der Wandlerin zu. »Es ist verboten, Millenium-Chroniken aus der Dynamonischen Bibliothek mitzunehmen.«

»Na toll, jetzt bin ich auch noch Komplizin bei einem Bücherraub«, rief Ninive ihm mürrisch nach. »Wohin willst du damit überhaupt? Und wer will mich kennenlernen?«

Aris sah über seine Schulter. »Na, wer wohl?«

Ninive fühlte die unverhohlenen Blicke der Stadtbewohner auf sich ruhen, während sie Aris durch die immer belebteren Straßen der Kernzone folgte. Egal ob Schraubengießer, Rotorschnitzer, Altstromkrämer, Lustwandler oder einfache Laufkundschaft, allesamt starrten sie der Wandlerin nach, als wäre sie die dynamogesegnete Heilsbringerin und das Ende allen mechanischen Seins in einer Person.

Keine drei Tage war es her, seit sie in die Stadt aufgebrochen war, und seither hatten sie in den Nächten bereits vier Alpträume heimgesucht, in denen ihr beseelter Hausrat während ihrer Abwesenheit ihr gesamtes Domizil auf den Kopf stellte. Wüsste sie nicht, dass Leon und Zenobia ihr Bestes gaben, um während ihrer Abwesenheit für Ordnung zu sorgen, wäre sie bereits nach der ersten Nacht wieder umgekehrt.

Als am Morgen des dritten Tages die von einer bräunlichen Dunstglocke überhangene Silhouette der Stadt am Horizont aufgetaucht war, hatten sie ernsthafte Zweifel überkommen, ob das Verlassen des Hochlands die richtige Entscheidung gewesen sein mochte. Und je näher sie den fast vierzig Meter hohen Mauern gekommen war, deren monströse Trutzhaftigkeit Legenden zufolge selbst dagegen anstürmende Sternenrammer und Mega-Dynamoltane verzweifeln ließ, desto törichter war sie sich dabei vorgekommen, der Stadt nach fast einem Jahrhundert wieder einen Besuch abstatten zu wollen.

Es gab vier große Stadttore und mehrere kleinere Nebenportale, die zu nutzen jedoch hauptsächlich ausgewiesenen Bürgern mit privaten Schlüsselmeistern vorbehalten blieb. Der bequemste, aber mit den strengsten Auflagen belegte und am schärfsten kontrollierte Weg hinein war jedoch zweifellos der auf dem Fluss, welcher die Stadt von Ost nach West durchströmte und sie in einen Nordund einen Südbezirk teilte. Die Mechas nannten das träge dahinfließende Gewässer Elem, die Menschen Eloma. Seine offizielle Bezeichnung war ›Herrschaftlicher Strom von Elematheus‹. Welcher davon der ursprüngliche Name war, wusste Ninive nicht. Ihr persönlich gefiel Eloma am besten.

Soviel sie wusste, war er unbeseelt. Zumindest hatte er ihr gegenüber noch nie Anzeichen von Beseeltheit gezeigt, ganz zu schweigen von Launen, wie Flodd sie des Öfteren an den Tag legte. Selbst nicht am Oberlauf, weit entfernt von den Grenzen der Mechazivilisation. Womöglich hatte er sich einfach nur seinem Schicksal ergeben und keinen Willen mehr in sich – nach all dem, was Menschen und Maschinen tagein tagaus mit und auf ihm anstellten, aus ihm produzierten und in ihm entsorgten. Vielleicht war seine Seele aber auch schon vor langer Zeit gestorben, als die ersten Maschinen sich an seinen Ufern niedergelassen hatten, die ersten Häuser entstanden waren und die ersten Fabriken sein Wasser für alle möglichen Dinge und Undinge zu nutzen begonnen hatten.

Ninive liebte den Fluss, der im Osten in die Stadt strömte – und bemitleidete das, was im Westen wieder aus ihr herausfloss. Dort, wo sie Aris durch die Kernstadt folgte, konnte man den Eloma zwar nicht sehen, aber bei ungünstigem Wind riechen. Und hin und wieder sah man sogar das Hochsegel und die Mastspitze eines Perillschiffes hinter den nördlich gelegenen Hausdächern entlanggleiten und konnte erahnen, wo das Flussbett verlief.

»Hängen in der Stadt Steckbriefe von mir?«, fragte die Wandlerin, als sie das sensationslüsterne Gaffen der Bewohner schließlich leid war. »Ist auf mich irgendein Kopfgeld ausgesetzt?«

»Keine Sorge, die Leute finden dich einfach nur interessant«, sagte Aris mit einem Hauch von Belustigung in der Stimme.

»Du bist berühmt.«

Ninive sah sich nun aufmerksamer um, was dazu führte, dass sie sich noch unbehaglicher fühlte. »Ich bin nicht sicher, ob berühmte Menschen auf Art und Weise angestarrt werden«, sagte sie. »Das wirkt eher, als stünde für mich irgendwo schon ein Scheiterhaufen …«

»Wenn man eine lebende Legende zum ersten Mal mit eigenen Augen oder Objektiven sieht und erkennt, dass sie tatsächlich existiert, schaut man als Mecha bisweilen so«, versuchte Aris sie zu beschwichtigen.

»Die schauen nicht, die glotzen!«, murmelte die Wandlerin.

»Sowas kommt doch nicht nur von ein paar einfachen Reiseberichten und Wandlergeschichten …«

»Geschichten bleiben selten nur einfache Geschichten in einer Stadt, in der Ratsch und Tratsch regieren und Trivialität gerne mit Opulenz ausgeschmückt wird, ganz zu schweigen vom Hang zur Übertreibung. Hier wachsen neue Legenden auf den Fundamenten von alten, und all die Geschichten, die seit Monaten über dich oder uns erzählt werden, lassen sie von Nacht zu Nacht höher sprießen. Genieß es einfach.«

»Sehr witzig.« Ninive presste den Folianten wie einen Brustpanzer an sich und eilte Aris nach. »Warum eigentlich dieses Gehetze?«, beschwerte sie sich atemlos. »Ist es dir peinlich, dich mit mir in der Öffentlichkeit zu zeigen?«

»Nein, keineswegs.«

»Warum rennen wir dann?« Die Wandlerin stieß einen leisen Fluch aus, als Aris abrupt abbog und eine Treppenflucht empor eilte. »Ich bin seit fast drei Tagen unterwegs und spüre jeden Knochen.«

Aris verlangsamte seinen Schritt ein wenig. »Ich habe über unseren verschwundenen Mond recherchiert«, sagte er.

»Das ist eine wirklich selten dämliche Erklärung!«

»Dabei bin ich auf zwei Begriffe aus dem Goldenen Zeitalter gestoßen, die mein Interesse geweckt haben. Der eine ist Mondsucht.« Er blieb ruckartig stehen, hob den Kopf und blickte hinauf in den schmalen Himmelsausschnitt über der Passage.

»Und der andere?«, hakte Ninive nach.

»Tamuria.« Aris wandte sich in die entgegengesetzte Richtung. »Wir sind eine Quergasse zu weit«, sagte er im Davongehen.

»Was ist Tamuria?«

»Das weiß ich noch nicht so genau. Aber womöglich finden wir dort unseren verlorenen Mond wieder.«

Ninive hielt für einen Moment im Schritt inne. »Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?« Ihr Begleiter bog in einen schmalen Arkadengang ein, der sanft bergauf führte. »Und falls er es ist, was dann?«, rief sie ihm nach.

Aris sah über seine Schulter. »Keine Ahnung. Aber wenn wir ihn dort tatsächlich finden, könnten wir ihn womöglich irgendwie wieder hierher zurückzuholen.«

Die Wandlerin schloss im Gehen die Augen. »Ich träume«, murmelte sie. »Das ist bloß ein Alptraum. Ich liege irgendwo im Hochland, es ist Nacht, und ich träume diesen Unsinn nur …«

Ninive schreckte auf, als sie seine Hand an ihrem Oberarm spürte. Aris riss sie abrupt zu sich hin, während er im anderen Arm seinen Bücherstapel jonglierte.

Vor Ninive klaffte ein nur wenige Meter breiter, quadratischer Schacht im Boden. Einen Schritt weiter, und sie wäre nichtsahnend in die Tiefe gestürzt. Erschrocken starrte sie hinab in die Schwärze. Weit unten schimmerte Wasser in der Dunkelheit. Nur der im Zenit stehenden Sonne war es zu verdanken, dass sie überhaupt etwas am Grund zu erkennen vermochte.

»Du solltest achtgeben, wohin du läufst!«, ermahnte Aris seine Begleiterin. »Manche dieser alten Ventilationsschächte sind hunderte von Metern tief. Wenn du dort untergehst, finden dich nicht mal mehr die Elitetaucher.«

Er stellte vorsichtig sämtliche Bücher auf dem Boden ab und nahm sie in den Arm. Als ihr bewusst wurde, dass der Schreck und die Anstrengung sie zittern ließen, wollte sie sich wieder von ihm lösen, aber er hielt sie einfach fest. Schließlich gab sie ihren Widerstand auf, lehnte sich an ihn und genoss seine Nähe.

»Warum hast du all die Zeit nichts von dir hören lassen?«, flüsterte sie, nachdem sie eine Weile beisammengestanden hatten.

Aris atmete tief durch. »Ich versuche seit acht Monaten eine neue Exkursionslizenz zu erhalten …«

»Aber?«

»Seit acht Monaten lässt der Dynamo-Rat mich schmoren. Ich bekomme nicht einmal mehr die Erlaubnis, die Stadt weiter zu verlassen als fünf Kilometer. Versuche ich es trotzdem, hängt mir sofort eine Protektorsonde im Nacken. Seit Präsident Velo weiß, dass ich meine Wandlerfähigkeiten verloren habe, behandelt er mich wie eine Prinzessin auf der Erbse.«

»Wie was?«

»Ach, nicht so wichtig.« Er hob seinen Bücherstapel wieder an und begann dem Arkadengang langsam weiter zu folgen. »Das hier ist meine Chance, ihn endlich umzustimmen, Ivi. Und die lasse ich mir nicht entgehen. Also tu mir bitte den Gefallen und spiel bei dieser Sache einfach irgendwie mit.«

Ninive dachte einen Moment lang über Aris Worte nach, dann folgte sie ihm mit skeptischer Miene.

»Mal davon abgesehen, ob der Mond wirklich in diesem Tamuria zu finden ist oder nicht: Ich glaube, er war ziemlich groß«, gab sie zu bedenken.

»Größe ist relativ.«

...


Michael Marrak wurde am 5. November 1965 im tauberfränkischen Weikersheim geboren. Er studierte Grafik-Design, Desktop-Publishing und Multimedia in Stuttgart und trat zwischen 1989 und 1996 als Autor, Illustrator, Herausgeber und Anthologist in Erscheinung. Nach mehreren Jahren als freier Illustrator widmet er sich seit 1997 vornehmlich dem Schreiben und wurde mehrfach mit dem European Science Fiction Award, dem Deutschen Phantastik Preis, dem Kurd Lasswitz Preis und dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet. Übersetzungen seiner Texte erschienen in Frankreich, Griechenland, Russland, China und den USA.

Seine Romane, Erzählungen und Grafiken umfassen ein breites Spektrum aus Phantastik, Horror, Thriller, Science Fiction und Magischem Realismus. Nach drei Phantastik-Buchveröffentlichungen im Lübbe-Verlag folgte 2008 im Ravensburger Buchverlag der Jugendroman "Das Aion - Kinder der Sonne". Von Mitte 2006 bis Anfang 2012 war Michael Marrak im Hannoveraner Entwicklerstudio Reakktor Media verantwortlich für das Story-Development und Game-Design des im Frühjahr 2011 erschienenen SF-MMOs "Black Prophecy", dessen Hintergrundgeschichte er seit 2005 entwarf. Mitte 2011 erschien mit "Gambit" auch ein erster Roman zum Spiel. Die beiden geplanten Folgebände fielen der Einstellung des Spiels Ende 2012 zum Opfer. Für die Horror Factory von Bastei Entertainment verfasste Michael Marrak 2013 das Staffelfinale "Epitaph" sowie den Jahresabschlussband "Ammonit". Obwohl er hauptberuflich als Schriftsteller tätig ist, finden gelegentlich auch neue Illustrationen und Covermotive ihren Weg in die Öffentlichkeit, wie 2013 das Titelbild für die Ausgabe 21 des SF-Magazins "NOVA" oder 2014 seine Illustrationen in der Themenausgabe "Mythos Le Mans" für das Motorsport-Periodikum "revvv".

Michael Marrak lebt und arbeitet heute als freier Schriftsteller, Illustrator und Stadtflüchtling im Orbit eines beschaulichen Ortes im Harzvorland, wo er sein Habitat unfreiwillig mit einem kybernetisch getunten Marder und seinen Garten mit persistentem Wildwuchs teilt.



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