E-Book, Deutsch, 450 Seiten
Marryat Der fliegende Holländer
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3132-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 450 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3132-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit ebenso viel Geschick als Geist hat sich Captain Marryat jener hochpoetischen Sage des 'Fliegenden Holländers', des ewigen Juden der Meere, angenommen und seine urkräftigen, farbenreichen Seebilder von den britischen Gewässern auf die Zeit seines Ruhms zu übertragen gewußt.
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Viertes Kapitel.
Wenn ein Mensch, der zum Tode verurtheilt war und sich bereits in sein Schicksal ergeben halte, unerwartet Begnadigung erhält – wenn er sich erholt hat von der Aufregung, die aus einem Wiederaufleben aller verlorenen Hoffnungen erwuchs, und abermals schwelgt im Hinblicke auf eine frohe Zukunft – dann aber plötzlich finden muß, der Begnadigungsbrief sei widerrufen worden, und er habe dennoch den Tod zu erleiden; falls sich der Leser die Gefühle eines solchen Menschen zu vergegenwärtigen vermag, so ist er etwa im Stande, sich eine Vorstellung von den Empfindungen zu machen, in welchen Philipp die Hütte verließ.
Gleichgültig gegen den Weg, den er einschlug, ging er lange Zeit fort, den Brief in der zusammengeballten Hand und die Zähne fest geschlossen. Nachgerade wurde er ruhiger und setzte sich, athemlos von der Hast seiner Bewegungen, auf eine Bank, wo er sitzen blieb, die Augen auf das gefürchtete Papier geheftet, das er mit beiden Händen auf seinen Knieen hielt.
Mechanisch drehte er den Brief um. Das Siegel war schwarz. Philipp seufzte.
"Ich kann ihn jetzt nicht lesen," dachte er, indem er aufstand, um seine unstäte Wanderung wieder aufzunehmen.
Nach einer halben Stunde weiterer Bewegung machte Philipp Halt und blickte nach der niedergehenden Sonne, bis ihm sein Gesicht verging.
"Ich könnte mir vorstellen, sie sei das Auge Gottes," dachte Philipp, "und vielleicht ist's so. Aber warum, barmherziger Schöpfer, bin ich unter so vielen Millionen auserlesen, eine so furchtbare Aufgabe zu erfüllen?"
Er sah sich nach einer Stelle um, wo er gegen Beobachtung gesichert war, wo er das Siegel erbrechen und die Botschaft aus der Geisterwelt lesen konnte. Nicht weit von der Stelle, wo er stand, befand sich ein kleines Gebüsch am Saume eines Waldes. Er ging darauf zu und setzte sich nieder, um von keinem Vorübergehenden bemerkt zu werden. Abermals blickte er nach der niedergehenden Scheibe des Tages und wurde ruhiger.
"Es ist dein Wille!" rief er; "es ist mein Geschick, und Beides muß erfüllt werden."
Philipp legte die Hand an das Siegel – das Blut zuckte ihm eiskalt durch die Adern, wenn er seinem Geiste vergegenwärtigte, daß der Brief von keinen sterblichen Händen überliefert wurde, und daß er das Geheimniß eines Gerichteten enthielt. Aber dieser Gerichtete war sein Vater, der nur in diesem Schreiben noch Hoffnung hatte! Es war die einzige Hoffnung seines armen Vaters – dessen Andenken er lieben gelernt hatte, – der ihn um Hülfe anflehte.
"Memme, die ich bin, daß ich so viele Stunden verliere!" rief Philipp, "Jene Sonne dort scheint über dem Berge zu zögern, um mir beim Lesen zu leuchten."
Für eine kurze Weile versank er in Gedanken und nahm dann seinen ganzen Muth zusammen. Ruhig erbrach er das Siegel, das die Anfangsbuchstaben von dem Namen seines Vaters trug, und las, wie folgt:
An Catharine.
"Einem jener mitleidigen Geister, deren Thränen strömen für die Verbrechen der Sterblichen, ist es gestattet worden, mir zu eröffnen, durch welches Mittel einzig mein fürchterliches Urtheil abgewendet werden kann.
Würde es mir nur möglich, an Bord meines Schiffes die heilige Reliquie zu empfangen, auf welche ich den verhängnißvollen Eid schwor, um sie in Demuth zu küssen und über dem geheiligten Holze eine Thräne tiefer Zerknirschung zu vergießen, so würde ich Ruhe finden.
Wie dieß bewerkstelligt werden kann, oder wer eine so verhängnißvolle Aufgabe vollziehen wird, weiß ich nicht. O Catharine, wir haben einen Sohn – doch nein – nein, laß ihn nichts von mir hören, bete für mich – und nun, lebe wohl.
J. Vanderdecken."
"Dann ist's also Wahrheit, fürchterliche Wahrheit," dachte Philipp, "und über meinem Vater ist im Leben das Gericht ergangen. Und er deutet auf mich hin – auf wen anders sollte er auch? Bin ich nicht sein Sohn und ist es nicht meine Pflicht?"
"Ja, Vater," rief Philipp laut, indem er auf seine Kniee niederfiel; "du sollst diese Zeilen nicht vergeblich geschrieben haben. Ich will sie noch einmal lesen."
Philipp erhob seine Hand; aber obgleich es ihn dünkte, als halte er den Brief noch immer fest, war er doch nicht mehr vorhanden – er hielt ein Nichts umfaßt. Er blickte auf das Gras, um zu sehen, ob er ihn habe fallen lassen – aber nein: der Brief war verschwunden. War es ein Gesicht? – Nein, nein; er hatte jedes Wort gelesen.
"Dann galt die Botschaft mir, und Niemand anders, als mir. Ich nehme dieß als ein Zeichen an."
"Höre mich, theurer Vater – wenn es dir gestattet ist – und du, barmherziger Himmel, vernimm gnädig mein Gelübde – höre den Sohn auf die heilige Reliquie schwören, daß er das Urtheil abwenden will, und wenn er darüber in den Tod gehen müßte. Dieser heiligen Pflicht will er seine Tage weihen, und wenn er sie erfüllt hat, voll Hoffnung und im Frieden hinfahren. O Himmel, der du den übereilten Eid meines Vaters aufgezeichnet hast, thue nun ein Gleiches mit dem Angelöbniß, das der Sohn auf dasselbe geheiligte Kreuz leistet, und möge mein Meineid mit einer grausameren Strafe heimgesucht werden, als die seinige ist! Höre meinen Schwur, o Himmel, der du in deinem Erbarmen zuletzt noch den Vater und den Sohn aufnehmen wirst – und wenn ich zu kühn bin, o so vergib meiner Anmaßung!"
Philipp warf sich auf sein Antlitz nieder und berührte mit seinen Lippen das geheiligte Symbol. Die Sonne ging unter und auch die Dämmerung wich der Nacht, die Alles in ihr Leichentuch hüllte; aber immer noch verharrte Philipp abwechselnd in Gebeten und Betrachtungen.
Da wurde er plötzlich durch die Stimmen einiger Menschen aufgeschreckt, welche sich einige Schritte von seinem Verstecke auf den Rasen niederließen. Er achtete wenig auf ihr Gespräch; aber dennoch hatte es ihn gestört, und sein erster Gedanke war, nach der Hütte zurückzukehren, um seine Plane weiter zu überlegen. Die Männer sprachen in gedämpftem Tone, fesselten übrigens dennoch bald seine Aufmerksamkeit durch den Gegenstand ihrer Unterhaltung, denn sie berührten Mynheer Poots Namen. Er lauschte angelegentlich und entdeckte, daß die Sprecher vier entlassene Soldaten waren, welche noch in der nämlichen Nacht das Haus des kleinen Doctors anzugreifen gedachten, da sie wußten, es dürfte viel Geld bei ihm zu erholen sein.
"Mein Vorschlag ist der beste." sagte der Eine. "Er hat Niemand bei sich, als seine Tochter."
"Die ist mir lieber als sein Geld," versetzte der Andere; "also wohl gemerkt, ehe wir gehen, muß es vollkommen ausgemacht sein, daß sie mir zufallen soll."
"Ja, wenn du sie kaufen willst, so haben wir nichts dagegen," entgegnete ein Dritter.
"Es gilt! wie viel könnt ihr auch mit gutem Gewissen für ein quieksendes Mädchen verlangen?"
"Ich dächte fünfhundert Gülden," erwiderte der Andere.
"Gut; sei's drum – aber nur unter der Bedingung, daß sie, im Falle mein Antheil an der Beute sich nicht so hoch beläuft, dennoch mir gehört und ich sie für meinen Part behalten darf, wie viel er auch immer ausmachen mag."
"Das ist nicht mehr wie billig," sagte der Andere.
"Aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir aus den Truhen des Alten nicht mehr als zweitausend Gülden fegten."
"Was meint ihr beiden Anderen – bleibt es dabei, daß Baetens das Mädel haben soll?"
"Ja," versetzten die Andern.
"Wohlan denn," erwiderte derjenige, welcher sich Mynheer Poots Tochter ausbedungen hatte, "jetzt bin ich mit euch – Herz und Seele. Ich liebte das Mädchen und versuchte, sie für mich zu gewinnen – ja, ich machte ihr sogar einen Heirathsantrag, aber der alte Filz hat mich zurückgewiesen, – mich, einen Fähndrich und Offizier; aber jetzt will ich Rache haben. Wir schonen ihn nicht."
"Nein, nein," entgegneten die Anderen.
"Wollen mir gleich jetzt aufbrechen, oder noch eine Weile warten, bis es später ist? Ungefähr in einer Stunde geht der Mond auf und wir können gesehen werden."
"Wer sollte uns auch sehen, wenn es nicht etwa Jemand ist, der ihn zu einem Patienten holen will? Ich bin der Ansicht, je später, desto besser."
"Wie lange werden wir brauchen, um an Ort und Stelle zu gelangen?"
"Seine Wohnung ist keine halbe Stunde entlegen. Gesetzt, wir brechen nach einer halben Stunde auf, so langen wir gerade in rechter Zeit an, um die Gülden beim Mondscheine zählen zu können."
"Recht so. Inzwischen setze ich einen neuen Stein in mein Schloß und lade meine Büchse. Das kann ich auch im Dunkeln verrichten."
"Du bist daran gewöhnt, Jahn."
"Allerdings – und ich denke, diese Kugel soll dem alten Spitzbuben durch den Kopf fliegen."
"Gut; 's ist mir...




