E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Mars Queen of Magic - Das Zeichen der Königin
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-98787-5
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Romantasy | Eine rasante Romantasy um eine Königin wider Willen
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-492-98787-5
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liane Mars schreibt seit Jahren Fantasy- und Liebesromane mit viel Romantik, skurrilen Orten und zauberhaften Heldinnen. Sie liebt überraschende Wendungen und wechselt gerne von düsteren Geheimnissen zu Dialogen zum Schmunzeln - Wohlfühlbücher, die gleichzeitig fesseln und die Zeit vergessen lassen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Shay
Ihr Tattoo veränderte sich erneut. Es begann mit einem Prickeln, aus dem schnell ein Brennen wurde. Heute Morgen hatte auf ihrem Handgelenk noch die Nummer 371 in verschnörkelter Schrift gestanden. Ohne hinzusehen, wusste Shay, dass sich die Zahl gerade auf magische Weise umformte. Warum, war ihr schleierhaft. Sie wusste nur, dass es niemand sehen durfte.
»Ich gehe ins Bett«, sagte sie hastig zu ihrer Pflegemutter und wartete die Antwort nicht ab. Mit großen Sprüngen rannte sie aus der Küche, die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, riss sie ihren Ärmel hoch.
Ihr Tattoo war noch in der Umwandlung. Aus Erfahrung wusste Shay, dass es gut eine Minute dauern konnte, bis die neue Zahl erkennbar wurde. Zu lange, dachte sie nervös. Das dauert zu lange!
In diesem Moment fuhr ein so scharfer Schmerz durch ihren ganzen Körper, dass sie in die Knie ging. Sie konnte kaum atmen, nicht mehr sehen. Und instinktiv wusste sie: Ab sofort ging es um ihr Überleben.
Ein Prickeln überlief ihren Körper, gefolgt von einem eisigen Gefühl in jedem Muskel. Was war hier los? Hilflos hockte sie vor dem Bett, krallte die Finger in die Decke und krümmte sich.
Ein Schlaganfall? Ein Herzinfarkt? Eine Gehirnblutung? Gerade war sie siebzehn Jahre alt geworden, verdammt noch mal. Sie war zu jung zum Sterben.
Ihre Finger zerknüllten die Bettdecke, suchten nach Halt. Mit zusammengebissenen Zähnen schob sie sich nach vorn, aufs Bett hoch. Dann lag sie bäuchlings darauf und presste das Gesicht in den muffigen Stoff. Früher einmal war er rot gewesen, die albernen Prinzessinnen darauf hatten blondes Haar gehabt und blaue Kleider getragen. Nach zehn Jahren Dauerbenutzung waren die Damen nur noch ein Schatten ihrer selbst, unförmige Punkte, umgeben von fleckigem Rosa.
Die nächste Schmerzwelle überkam sie. Halb lag, halb hockte sie auf der Matratze und wünschte sich, ohnmächtig zu werden. Leider ließ das ihre Sturheit nicht zu. Diese verdammte, alles beherrschende Sturheit.
Atmen, Shay, dachte sie dumpf. Was immer es ist, entweder es bringt dich jetzt sofort um, und dann ist diese elende Quälerei vorbei, oder es hört gleich auf. Bestimmt hört es gleich auf. Es muss aufhören!
Doch es hörte nicht auf. Zehn endlose Minuten vergingen, und sie glaubte schon, allein zu verrecken, da entdeckte sie endlich einen Schatten im Zimmer. Sie kannte ihn von Kindesbeinen an, und er war ihr so vertraut wie sie sich selbst. Ein lebendiges Geschöpf, das sie auf ihrem Weg durch die vielen Waisenhäuser begleitet hatte. Shay war sich von Anfang an sicher gewesen, dass dieses Wesen sie beschützte. Dass es ihr Freund war, ihre Familie. Selbst wenn es sich in der Regel nur an der Wand entlang bewegte und niemals mit ihr sprach. Allein seine Anwesenheit beruhigte sie. Der Schatten hockte wie üblich auf dem Schreibtisch, dicht an der Wand, verborgen vom Licht. Shay wusste aus Erfahrung, dass es eine Zeit lang benötigte, um sich zurechtzufinden.
Doch Shay unterbrach diesen Moment mit einem Stöhnen. Sie brauchte Hilfe! Sofort!
Die Eiszapfen, die sich in ihren Unterleib bohrten, kehrten zurück. Diesmal schrie sie in die Decke hinein, dämpfte den Laut mit dem Kissenstoff und hoffte, dass er ungehört verklang. Eigentlich kümmerte es den Rest der Hausbewohner nicht, was in diesem Zimmer vor sich ging, doch Schreie … ja, Schreie führten vielleicht dazu, dass ihre unwissende, kettenrauchende Pflegemutter nach dem Rechten sah. Es hätte gerade noch gefehlt, dass die Fürsorge auf der Matte stand und das Betreuungsgeld zurückverlangte.
Das Haus blieb zum Glück weiter gespenstisch still. Einzig das Wesen in der Ecke reagierte. Es sprang vom Schreibtisch und huschte zu ihr herüber. Dieser Schatten hatte allerdings mit gewöhnlichen Schatten aus Licht und Dunkelheit nicht viel gemein. Er war dreidimensional, aber seltsam konturlos. Die Ränder zerfaserten, sodass seine Gestalt nur undeutlich zu erahnen war. Kein Gesicht, keine Haare, keine Körperformen. Er sah ein bisschen so aus, als hätte man ihn erst mit schwarzer Farbe übergossen, danach mit fieser Wischtechnik malträtiert und schließlich mit einem Radiergummi aus dieser Welt getilgt. Allerdings hatte er sich nicht wegradieren lassen.
Der Schatten beugte sich zu ihr vor und betrachtete sie mehrere Atemzüge lang. Sie grunzte leise, um ihm zu zeigen, dass sie noch wach und bei Bewusstsein war.
Verteufelt, tat das weh! Jetzt bloß nicht heulen! Wenn sie heulte, dann geriet Schatten in Panik. Das war schon einmal passiert, als sie sich versehentlich ein Küchenmesser in die Handinnenfläche gerammt hatte und ohnmächtig geworden war. In dieser Zeit hatte Schatten das halbe Zimmer zerlegt, um in diesem verfluchten Haus irgendjemanden auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Natürlich war niemand gekommen. Tobende Teenager waren an der Tagesordnung und wurden gemeinhin nicht beachtet … oder eingesperrt, damit sie nicht auch noch den Flur demolierten.
Shay war natürlich nicht gestorben, aber der Vorfall hatte ihr gezeigt, dass Schatten durchaus Gegenstände berühren konnte, doch offenbar hatte er seitdem keinen Anlass dazu mehr gesehen. Bisher …
So etwas wie eine Hand schwebte über ihrem Kopf. Sie spürte die aufgepeitschte Aura des fremdartigen Wesens, die Unruhe in jeder Bewegung seiner Muskeln. Nat. Das war eindeutig Nat. Es gab noch einen zweiten Schatten, der immer dann auftauchte, wenn Nat längere Zeit verschwunden war. Den hatte sie Theon genannt. Warum, wusste sie selbst nicht. Die Namen waren einfach in ihrem Kopf aufgetaucht, genau wie die Schatten in ihrem Zimmer. Im Gegensatz zu Nat war Theon vollkommen ausgeglichen, ruhte in sich selbst. Er wäre bestimmt nicht so ausgerastet wie Nat.
In der jetzigen Situation war sie jedoch froh, dass Nat bei ihr war. Dieser Schatten würde reagieren und nicht abwarten. Er würde ihr helfen, irgendwie.
»Nat«, flüsterte sie und runzelte die Stirn. Himmel, sie klang wie eine Sterbende! Tatsächlich war ihre Kehle staubtrocken, ihr Hinterkopf wurde eisig. Endlich erkannte sie auch die neue Zahl auf ihrem Handgelenk. 131. »Nicht durchdrehen!«, konnte sie gerade noch hervorstoßen, dann wurde alles um sie herum schwarz.
Nat
Kaum hatte Shay die Augen verdreht und sie schließlich ganz geschlossen, war Nat losgesprintet. Er hetzte zum Schreibtisch und warf sich regelrecht durch den Weltenriss, um von Shays in seine Welt zu wechseln. Wie immer war es ein Schock, innerhalb eines Atemzugs von einer seltsam zerknautschten, unförmigen Schattengestalt in den eigenen Körper gepresst zu werden. Sein Magen drehte sich, bittere Galle schoss ihm in den Rachen. Gewöhnlich blieb er einfach zwei Sekunden lang reglos sitzen und wartete, bis sich sein Gehirn sortiert hatte, doch dafür hatte er keine Zeit. Er sprang auf die Füße und verließ die Krypta, so schnell er konnte. In letzter Sekunde warf er sich hinter den nächsten Busch, um sich zu verstecken.
Mist! Wenn Theon das jetzt gesehen hätte, wäre er ausgerastet. Die Krypta zu schützen war von allerhöchster Wichtigkeit. Entdeckte ein anderer Wächter den Weltenriss, konnten sie nicht mehr nach Shay sehen. Allein bei dem Gedanken wurde ihm heiß und kalt.
Diesmal gönnte er sich zwei Atemzüge und sicherte die Umgebung. Wie immer war der Rosengarten wie leergefegt. Theons Werk. Irgendetwas hatte er den armen Blumen angetan, um sie qualvoll und möglichst dramatisch sterben zu lassen. Früher war dieser Bereich der ganze Stolz des Schlosses gewesen. Rosen in allen Farben des Regenbogens hatten um das Auge des Betrachters geliebäugelt. Doch das war gewesen, bevor die Sonne über Amenthes verblichen war. Bevor es kalt und dunkel geworden war. Theon hatte nicht mal viel machen müssen, um den Stolz des Anwesens zu zerstören.
Die Gärtner hatten sich noch jahrelang bemüht, diesem Fleckchen Erde Leben einzuhauchen. Ohne Erfolg. Seitdem war der Rosengarten wie ausgestorben und damit die Barriere, um etwaige Verfolger abzuschütteln. Allerdings kümmerte sich niemand darum, was Nat den Tag über trieb. Er war unwichtig. Bei Theon sah die Sache allerdings ganz anders aus.
Geduckt schlich Nat an den Rosenbüschen entlang. Sie waren mit einem seltsam gräulichen Schleim behangen, der einen hervorragenden Sichtschutz bot. Nat hatte keine Ahnung, was das für ein Zeug war und aus welchem Höllenloch Theon es geholt hatte. Eins aber musste er ihm lassen – sein Bruder hatte sich dabei selbst übertroffen. Wieder einmal.
Drei Schritte weiter hatte Nat den Garten auch schon wieder verlassen, huschte im Zickzack durch den albernen Irrgarten dahinter und ließ gleich darauf alle Vorsicht fahren. Hierher war er so oft mit seinen Liebschaften gekommen, dass sein Auftauchen nicht verwunderlich war. Ein perfektes Alibi, das er sich mit viel Mühe und Charme erarbeitet hatte.
Die verwinkelten Pfade wurden geradliniger, der Kies verschwand und endete in kunstvoll verzierten Pflasterwegen. Früher hatte der Stein im Sonnenlicht wie Gold gefunkelt. Heute war ihre Farbe verblichen und kränklich gelb. Nat holte alles aus seinen langen Beinen heraus, spürte den Wind um die Ohren pfeifen. Es stürmte wieder einmal. Sobald die Königin schlechte Laune hatte, veränderte sich entsprechend das Wetter auf Amenthes. Der Grund war einfach, denn die Welt war auf unheimliche Weise an ihren Gemütszustand gekoppelt. Und da die Königin in letzter Zeit selten glücklich war, schien die Sonne eigentlich nie. Das hatte zumindest den Vorteil, dass er nicht schwitzte.
In Rekordtempo preschte er an Kriegern der ersten Garnison vorbei, schnitt die nächste Kurve und sprang mit einem Satz...




