E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Mars Seelentraum
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95991-345-4
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das schlafende Wolkenvolk
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95991-345-4
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liane Mars ist das Pseudonym einer sauerländischen Leseratte mit dem Hang, selbst in die Tasten zu hauen. Sie ist Jahrgang 1984, wird aber noch immer von Erwachsenen geduzt. Ihre erste Berührung mit einem Verlag hatte sie, als sie zur 'verlagskauffrau' ausgebildet wurde - sie war allerdings der letzte Jahrgang des Berufszweiges. Jetzt arbeitet sie beim Radio. Weil das geschriebene Wort aber immer noch ihre heimliche Leidenschaft ist, tippt sie Fantasy-Romane in ihren urzeitlichen Laptop. Derzeit lebt sie zusammen mit ihrem Mann und zwei Wellensittichen in Schwerte.
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Von Schafen, Drachen und Himmelsstädten
Der Eisdrache hatte uns entdeckt und griff direkt an. Ich sah die letzten Sonnenstrahlen auf seinen glitzernden, fast durchsichtigen Schwingen tanzen. Ein Farbenspiel aus Hellblau, Saphir und Azur. Jede Bewegung seiner Muskeln war ein faszinierendes Spektakel. Wie Eis, das in der Sonne flimmert. Funkelnd und geheimnisvoll.
Erst als ich in seine tiefblauen Augen sah, wurde mir die Gefahr richtig bewusst. Augen. Ich konnte sie sehen. Das hieß, dass der Eisdrache direkt auf mich zukam. Bereit, zu töten. Entschlossen, uns endgültig loszuwerden.
Er duckte sich tiefer, schlug noch kräftiger mit den gigantischen Flügeln. Dabei war er schnell. Schneller als jedes andere Geschöpf, das ich kannte. Messerscharfe Krallen sausten auf mich zu. Ich entging ihnen nur durch Zufall, denn eine Wolke riss genau unter mir auf. Ich sackte ein und die Klauen verfehlten meinen Körper um Haaresbreite. Die letzte Kralle erwischte noch den Zipfel meines Hemdes, riss es auf. Schreiend machte ich mich ganz klein.
Der Drache brüllte wütend, weil er mich nicht geschnappt hatte. Er versuchte umzudrehen und flog dabei einen weiten Kreis. Das gab mir Zeit zum Reagieren.
»Runter von der Wolke«, schrie ich meinen Wolkenschafen zu. Wir hatten das Manöver schon unzählige Male geübt, bislang jedoch keine Verwendung dafür gehabt. Im Allgemeinen war die Wolkenwelt friedfertig und sicher. Nur in der Nähe von fliegenden Wolkenfestungen musste man aufpassen. Die wurden von Eisdrachen bewacht.
Ich hatte darauf spekuliert, dass dieser Wächter uns akzeptieren würde. So wie vor zwei Jahren, als ich schon einmal in der Nähe der Himmelsfestung Siedengrad gewesen war. Damals hatte der Drache lediglich Scheinangriffe auf uns ausgeführt und war dann verschwunden. Heute sah das leider anders aus. Ganz anders.
Er wollte uns töten. Das sah ich an der Wut in seinen blauen Eisaugen. An jeder seiner Bewegungen. Entweder er oder ich.
Während die Wolkenschafe mich noch verwirrt anglotzten, war mein Hütehund Fluse schon in voller Aktion. Sie zwickte Donnerwetter in die Hinterbeine, woraufhin er einen erschrockenen Hüpfer nach vorne machte. Der Rest der Herde folgte dem nachtschwarzen Leithammel in die gewünschte Richtung. Fort von der Festung, rüber auf eine andere Wolke.
Falls sie es bis dahin schafften.
Der Eisdrache hatte mittlerweile umgedreht und kam zurück. Diesmal flog er langsamer und zielte besser. Mist! Ich sprang in letzter Sekunde zur Seite und versank ein ganzes Stück in der Wolke. Sofort quiekte ich erschrocken auf und hielt die Luft an. Nicht abstürzen. Bitte nicht. Die watteweichen Schwaden waren einfach nicht dafür ausgelegt, einen Menschen bei Sprüngen zu tragen. Man musste sich vorsichtig bewegen. Das Gewicht ausbalancieren. Nur so konnte ein Hirte in dieser Welt überleben. Einer Welt, die für uns ungeeignet war.
Im Gegensatz zu den Schafen war ich nicht in der Lage, im Notfall zu fliegen, sondern musste auf die magische Wolle an meinen Füßen vertrauen. Sie war ein Hilfsmittel, ein Trick, um über Wolken zu wandern. Für schnelles Laufen oder gar Hüpfen war sie jedoch unbrauchbar. Sie benötigte einen Moment, um sich zu festigen. Erst dann hatte sie sich vollkommen verankert, festgesogen. Wenn ich nicht abstürzen wollte, musste ich mich langsamer bewegen.
Bei einem angreifenden Drachen kam das einem Todesurteil gleich. Die Frage war also: Weiter so schnell rennen und den Tod riskieren oder sich die Ruhe antun und vom Drachen gefressen werden? Tolle Optionen.
»Nicht hinfallen. Auf den Füßen bleiben«, hörte ich die mahnende Stimme meines Bruders Aiden. Er war einer der besten Wolkenschafhüter unserer Akademie. Während die meisten seines Jahrganges schon längst in den Tod gestürzt waren, lebte er weiterhin bei seiner Schafherde im Himmel. Er wusste, wie man überlebte. Sobald ich in Gefahr geriet, vernahm ich seine ruhige Stimme im Kopf. »Durchatmen. Langsam bewegen. Nicht krabbeln!«
Ich kam auf die Beine und registrierte dabei, dass meine Schafe in eine andere Richtung als ich flohen. Fluse trieb sie gnadenlos an und sorgte dafür, dass sie den Abstand zu mir vergrößerten. Clever. Der Drache hatte es nur auf mich abgesehen und ließ die Schafe in Ruhe.
Das war natürlich schön für sie, allerdings weniger schön für mich.
Wie immer bildete Sonnenbogen das Schlusslicht. Die Schafdame war nicht dazu geschaffen, schnell zu reagieren. Sie war eine Träumerin. Eine Trödlerin. Eines Tages wurde ihr das garantiert mal zum Verhängnis.
Apropos Verhängnis.
Da ich keineswegs vorhatte, die nächste Mahlzeit des Drachen zu werden, entschied ich mich fürs Rennen, natürlich in entgegengesetzter Richtung zu meiner Herde. Als gute Hirtin musste ich alles daransetzen, meine Schafe zu schützen. Sie waren das Wichtigste in meinem Leben. Ich hatte meiner Familie geschworen, sie zu verteidigen, denn sie waren das Kostbarste, was mein Vater besaß.
Zeit also, meinen Wert unter Beweis zu stellen.
Die Wolke endete hundert Schritte vor mir. Sie gehörte zur Kategorie »fluffig und pilzartig« und war somit eine der sichersten der Wolkenwelt. Bei ihr waren Anfang und Ende gut zu erkennen. Die Ränder waren glatt und fest – anders als bei den fast durchscheinenden Schleierwolken.
Ich wusste, dass sich unter meiner Pilzwolke genau solch eine hauchdünne Wolke befand. Normalerweise benutzte ich sie nicht als festen Untergrund. Mied sie wie die Pest. Man konnte nie sicher sein, wo sich Löcher auftaten, wo die Wolke auseinanderriss.
Heute hatte ich keine Wahl. Ich sprang über den Rand der Pilzwolke und fiel gut zwei Meter in die Tiefe. Die Krallen des Drachen verfehlten mich nur um Millimeter. Doch zu früh gefreut. Ich fiel weiter. Wie ein Stein. Mein Magen zog sich vor Schreck zusammen. Bitte, flehte ich in Gedanken. Halte meinen Sturz auf, liebe Schleierwolke.
Noch im freien Fall wechselte ich die Wolle. Ich trug die verschiedenen Sorten an der Brust, wie alle Hirten. Sie pappten an durch einen bestimmten Saft klebrig gemachten Stellen, damit ich sie jederzeit erreichen konnte. Um die Wolle auseinanderzuhalten, war sie in unterschiedlichen Farben eingefärbt. Momentan trug ich die rote Wolle. Sie sorgte für guten Halt, war zum Rennen nur leider eher ungeeignet. Auf einer dünnen Schleierwolke brachte sie ohnehin nichts.
Die blaue Wolle nannte ich Schlittschuhwolle und um ehrlich zu sein, hatte ich sie außer bei einer Übung noch nie benutzt. Noch im freien Fall pappte ich sie unter meine Füße. Keine Sekunde zu früh.
Ich prallte auf der Schleierwolke auf – und strauchelte sofort. Hilfe! Die Schlittschuhwolle machte ihrem Namen alle Ehre. Anstatt mir Halt zu geben, schlitterte ich unkontrolliert auf der Wolke herum. Warum war die denn auch so abschüssig?
Ich kreischte vor Schreck, während ich in Schlangenlinien herumkurvte. Wenigstens hatte der Drache Schwierigkeiten, mich auf diese Weise zu erwischen. Mir wäre ein kontrolliertes Hakenschlagen lieber gewesen, aber das Ergebnis war dasselbe: Ich lebte noch, und der Drache knurrte genervt.
Netterweise brachte mich die Schleierwolke näher an die Wolkenfestung heran. Das war das Coole an den fliegenden Städten. Sie zogen Wolken magisch an. Alle Wege führten also dorthin, was ich zurzeit nur begrüßen konnte.
Ich hatte tatsächlich einen Plan, um diesen Tag zu überstehen. Zumindest theoretisch. Er war bei näherer Betrachtung leider doof, aber momentan hatte ich keine Zeit für eine großartige Pro-und-Kontra-Liste. Es ging ums nackte Überleben. Nicht mehr und nicht weniger.
Mittlerweile hatte sich mein Körper an alte Schlittschuhzeiten erinnert. Ich fand einen gewissen Rhythmus, um das Gleichgewicht zu halten. Schön sah das nicht aus, war jedoch effektiv.
Hinter mir spürte ich die Präsenz des Drachen. Er hielt sich auf meiner Höhe. Bereit, mich beim kleinsten Fehler zu verschlingen. Dank meiner rasanten Fahrt hatte er Schwierigkeiten, mich einzuholen, was seine Wut noch weiter anstachelte. Ich spürte sie wie ein loderndes Feuer im Rücken.
Noch fünfhundert Schritte Schleierwolke lagen vor mir, dann war sie zu Ende und ich am Arsch. Aber ich hatte Glück. Oberhalb von ihr formte sich eine hübsche neue Pilzwolke, praktischerweise direkt unter der Festung. Diese ruhte auf einer gewaltigen Wolkenformation, die anders als normale Wolken Bestand hatte. Diese Schwaden waren so fest wie Granit und lösten sich erst nach Jahren auf. Genau dorthin wollte ich.
Und genau für solche Fälle hatte ich meine Harpune. Die Retterin in der Not.
Beim Versuch, sie von meinem Rücken zu angeln, stürzte ich beinahe. Ich kam dem Abgrund gefährlich nahe und rettete mich erneut in wilde Kurven. Dadurch wurde ich langsamer, was der Drache nutzte. Dieses Mal schnappte er mit den Zähnen nach mir. Sein heißer Atem streifte mich. Er roch nach Aas, Feuer und Tod.
In letzter Sekunde duckte ich mich und bekam endlich die Harpune zu fassen. Am Ende des Gerätes war ein Seil befestigt, das wiederum mit einem Geschirr um meinen Oberkörper verbunden war. Verloren wir Hirten den Halt, schossen wir die Harpune ab und hofften, dass sich der Pfeil in einer Wolke festbiss. Klappte nicht jedes Mal, aber...




