Marschall London Calling
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-940258-34-2
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 300 Seiten
Reihe: Ein britischer Krimi mit Kate und Luna
ISBN: 978-3-940258-34-2
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anja Marschall lebt und schreibt in Schleswig-Holstein, wo sie seit mehreren Jahren als Publizistin arbeitet. Im Dryas Verlag sind die Romane 'Fortunas Schatten' und 'Das Erbe von Tanston Hall' erschienen.
Autoren/Hrsg.
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fünf
Kate saß auf ihrem Bett und schaute zu Luna hinüber, die im Kühlschrank nach etwas Trinkbarem suchte.
„Ich könnte jetzt einen Wodka vertragen“, murmelte die Rothaarige den Eiern, dem Joghurt und der Erdbeermarmelade entgegen. „Aber ein paar Baked Beans tun es auch.“ Sie drehte sich um. In der Hand hielt sie einen Topf mit weißen Bohnen in Tomatensoße, den sie aus dem oberen Fach gezogen hatte. Tief tauchte sie einen Finger in die Soße und steckte ihn in den Mund. „Hm, lecker.“
„Wodka habe ich nicht“, meinte Kate entschuldigend. „Möchtest du Rotwein?“ Ohne die Antwort abzuwarten, stand sie auf und ging zu einem Schrank, um zwei Gläser zu holen.
Als die beiden kurz darauf mit dem Rücken an der Wand auf dem Bett saßen, spürte Kate, wie ihr Gast zitterte. Es schien nicht von der Feuchtigkeit zu kommen, die in den Wänden ihrer Wohnung steckte. Nein, das Zittern musste eine andere Ursache haben. Schweigend schaute Kate ihrer Freundin dabei zu, wie diese die letzten Reste der kalten Bohnen verschlang. Immerhin hatte sie sich einen Löffel genommen.
Plötzlich war ein Rumoren aus der Wand zu hören.
„Ey!“, rief Luna erschrocken aus und riss den Kopf hoch. „Was ist das?“ Sie blickte sich um.
„Die Abwasserleitungen. Jemand war wohl gerade auf Toilette.“
„Klingt ja grauselig.“ Luna widmete sich wieder dem Topf auf ihrem Schoß. Als auch das letzte bisschen ausgelöffelt war, griff sie zum Weinglas neben dem Bett und nahm einen kräftigen Schluck.
Jetzt sah Kate, dass Lunas Hand zitterte. „Alles okay?“
Die Rothaarige strahlte sie an, wobei ihre Mundwinkel zu zucken schienen. „Klar, was sollte sein?“ Mit dem Glas in der Hand sprang sie aus dem Bett, griff sich die Rotweinflasche vom Couchtisch und goss noch einmal großzügig nach. „War nur ein stressiger Tag irgendwie.“ Sie leerte das Glas in einem Zug. „Sicher, dass du keinen Wodka hast?“
Skeptisch musterte Kate ihre Freundin, die sie noch nie so unruhig gesehen hatte. Okay, hektisch war Luna schon immer gewesen. Ständig hatte man den Eindruck, sie müsse gerade die Welt aus den Angeln heben, etwas ganz Irres tun oder die Menschheit mit einer ihrer verrückten Ideen beglücken. Luna, die Künstlerin, stand nie still, doch bei all dem war sie ein Mensch, dem die anderen nicht egal waren. Ihre Sicht auf die Welt war oft ungewöhnlich, aber immer konnte man darin eine gewisse faszinierende Logik erkennen, die einen Kreis zum Rechteck machte und aus Schwarz Pink. Sie war eine glühende Verehrerin des schlechtesten Footballclubs von ganz Großbritannien und hatte ihre eigene Meinung darüber, warum Verlierer die eigentlichen Gewinner auf der Welt waren. Doch heute stimmte etwas nicht mit ihr.
Als Luna sich ein weiteres Glas Rotwein eingießen wollte, stand Kate auf und nahm ihr die Flasche aus der Hand. „Schluss jetzt! Was ist los?“
Wütend blickte Luna auf. „Ey, gib den Wein her!“
Kate schüttelte den Kopf und versteckte die Flasche hinter ihrem Rücken. „Ich höre.“ Sie klang, als wäre sie im Dienst.
„Ist sowieso kein guter Wein.“
In Luna kämpften Wut und Angst miteinander, das konnte Kate an ihren Augen sehen.
Während es in der Wand blubberte, suchte die Rothaarige nach Worten, fand aber keine. „Wegen der Rohrleitungen – da musst du aber etwas unternehmen. Klingt irgendwie eigenartig“, murmelte sie schließlich. Dann begann sie, in dem kleinen Raum hin und her zu laufen. Drei Schritte bis zum Fenster, drei bis zur Küche. Wieder blubberte es in der Wand. Luna hämmerte mit der Faust dagegen. „Kann man das nicht abstellen?“, rief sie und beäugte wütend die Tapete, die an einigen Stellen vergilbt war.
Kate schüttelte den Kopf. „Geht nicht. Damit müsse ich leben, hat der Vermieter gesagt. – Also, was ist?“
Luna begann wieder, auf und ab zu gehen. „Das ist nicht so einfach“, murmelte sie.
„So schlimm wird es schon nicht sein.“ Aufmunternd lächelte Kate ihr zu. „Hast doch keinen umgebracht.“
Luna fuhr herum. Die Angst in ihren Augen erschreckte Kate.
„Vielleicht lebt er ja noch.“ Luna ließ sich aufs Bett fallen. „Sah aber irgendwie nicht so aus. Zu viel Blut überall.“
Nach dem ersten Schreck holte Kate tief Luft. Langsam stellte sie die Flasche auf den Boden und setzte sich neben Luna auf die Bettkante. Als Krankenschwester war sie Notfälle gewohnt. Das erste Gebot war immer, Ruhe zu bewahren.
Ausgerechnet in diesem Moment meinte die stets schlaflose Mrs Brent im zweiten Stock, duschen zu müssen. Wild strömte das Wasser durch die Leitung in der Wand, hinunter in die Tiefen der Londoner Kanalisation.
Kate begann, ihre Freundin vorsichtig auszufragen: Wer war tot? Woher wusste sie das? Was hatte es mit ihr zu tun?
Doch leider antwortete Luna nicht auf ihre vernünftigen Fragen, sondern plapperte einfach drauflos: „Ich bin so ein dämliches Huhn! Das ist vollkommen und absolut unglaublich!“ Sie schlug auf das Kissen neben sich ein. „Ich habe dem Kerl echt vertraut, und nun?“
Aha, dachte Kate, eine Liebesangelegenheit. Aber was war das für eine Sache mit der angeblichen Leiche, zu der sich Luna bisher nicht weiter geäußert hatte?
„Er hat gesagt, dass es das Weltproblem Nummer eins lösen würde. Energieversorgung, CO2 und so."
Kate runzelte die Stirn. Ein Ökoaktivist also.
„Am Anfang klappte es auch gut. Ich habe ihm alles, was ich hatte, gegeben ...“
Hm, nicht gut, überlegte Kate. Männer, die alles wollen, sind am Ende meistens nicht zufrieden, wenn sie es bekommen. Allerdings musste sie sich eingestehen, dass sie zum Thema Männer nicht wirklich umfangreiche Erfahrungen vorzuweisen hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie nicht wusste, wie sie sich zurechtmachen sollte, oder an ihrer Unbeholfenheit, wenn ihr ein Mann gefiel. Sie wusste es nicht, aber sei es drum. Im Moment musste sie erst einmal ihrer Freundin weiter zuhören.
„Zwölf Prozent Zinsen! Das ist heutzutage doch nicht schlecht, oder?“ Mit großen, tränenfeuchten Augen sah Luna sie an. „Oder?“
Mrs Erwings Toilettenspülung war zu hören, dann das Gurgeln und Glucksen im Rohr. Kate wartete, bis der Lärm vorbei war.
Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Also doch keine Liebe zu einem Ökoaktivisten. Es schien um Geld zu gehen.
„Und dann die Sauerei an der Wand! Dabei war der Ausblick so schön.“
Kate gab auf. „Es tut mir leid, Luna, ich verstehe kein Wort.“
Ihre Freundin sprang auf. „Ich bin ein Huhn, ein ganz, ganz, ganz dummes und blödes Huhn!“ Sie zerrte an ihren Zöpfen. Eine Glitzerschleife löste sich und segelte wie ein Blatt zu Boden.
Beunruhigt stand Kate auf und packte Luna an den Oberarmen. „Was genau ist passiert? Von Anfang an, bitte.“
Dann erfuhr sie, dass Luna ihr gesamtes Erbe – und das waren über drei Millionen Pfund, Luna wusste es nicht so genau – einem Mann namens Norman Bradshaw anvertraut hatte, der das Geld in einem internationalen Öko-Unternehmen angelegt hatte.
„SolConPower – Solarstrom aus der Wüste – sei eine todsichere Anlage, hat er gesagt.“ Luna versteckte ihr Gesicht in den Händen und atmete tief ein. Dann blickte sie wieder hoch. „Ganz Europa könne ohne Öl auskommen. Man müsse nur Leitungen von der Wüste nach Spanien und Italien legen und von da zu uns. Die EU habe schon zugestimmt, hat er gesagt. Mist! Ich habe ihm alles geglaubt!“
„Alles weg?“, flüsterte Kate.
Luna nickte und ließ sich wieder aufs Bett fallen. „Alles weg. Am Anfang habe ich diese Dingsda ...“, sie wedelte mit der Hand, weil ihr das Wort nicht sofort einfiel, „... diese Rendite bekommen. Das war mächtig viel Geld. Habe alles gespendet: dem Footballclub, dem örtlichen Tierheim, einem Ökobauern, der aus Bambus Fahrräder baut. Aber dann kam nichts mehr. Kein Penny. Bradshaw hat gesagt, es gebe Probleme und er müsse nach Dubai, um Einzelheiten mit den Ingenieuren zu klären. Dann war er ein paar Wochen weg. Nicht erreichbar. Und da habe ich es langsam geschnallt. Bin ja nur ...“
„... ein blödes Huhn, ich weiß“, fiel Kate ihr ins Wort. „Habt ihr denn keinen Vertrag gemacht?“
„Doch, aber die Zettel sind nichts wert, hat der Anwalt gesagt. Ich würde vor Gericht nicht gewinnen. Jetzt ist alles futsch. Ich bin pleite. Abgebrannt.“
Kate dachte nach. „Na ja, dann musst du eben wieder im Pub arbeiten, so wie damals in Cawsand.“ Sie legte ihren Arm um Lunas Schultern und spürte, wie sie ihrer Freundin wieder ein wenig näher kam. Jetzt stand nicht mehr das viele Geld zwischen ihnen – Geld, das Luna in eine andere Welt gebeamt und Kate zurückgelassen hatte.
Luna schüttelte den Kopf, dass ihre Zöpfe nur so flogen. „Mir geht es ja gar nicht um das Geld! Wen kümmert das blöde Geld? Der Typ ist tot!“
„Oh.“ Da war also die Leiche, von der sie vorhin gesprochen hatte.
Luna ging vor Kate auf die Knie. „Bitte, Kate, du musst mir helfen, die Leiche loszuwerden. Er liegt in seinem Appartement, im neuen Heron in der Moor Lane.“
„Was muss ich?“
Schon wieder kam ein Schwall Abflusswasser durch die Leitung in der Wand herunter.
„Himmel! Hört das denn überhaupt nicht mehr auf?“, schrie Luna, wandte sich dann wieder zu Kate und jammerte: „Bitte, bitte, Kate! Um der alten Zeiten willen.“
„Hast du ihn umgebracht?“
„Nein! Bestimmt nicht. Ich habe ihn nur gefunden.“
Verärgert sah Kate sie an. „Dann geh gefälligst zur Polizei und...




