Martel | Die Hohen Berge Portugals | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Martel Die Hohen Berge Portugals

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403332-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-10-403332-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach dem Bestseller ?Schiffbruch mit Tiger? jetzt der neue große Roman von Yann Martel: ?Die Hohen Berge Portugals? ist ein Meisterwerk voller Weisheit und Witz. Lissabon, Anfang des 20. Jahrhunderts: In einem sogenannten Automobil begibt sich der junge Tomás auf eine abenteuerliche Expedition in die Hohen Berge Portugals. Ein tragikomischer Roadtrip beginnt - der ein unvorhergesehenes Ende nehmen soll. Doch das ist erst der Anfang einer phantastischen Geschichte, die die einsame Gegend noch Jahrzehnte später umweht wie ein tragischer Zauber. In seinem neuen großen Roman verknüpft Yann Martel verschiedene Fäden eindrucksvoll zu einem literarischen Wunder: ein unglaubliches und doch absolut glaubhaftes Meisterwerk über das Leben, den Tod und die Liebe - voller Weisheit und Witz.

Yann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Er wuchs in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf, als Sohn eines Diplomaten, und lebte später im Iran, in der Türkei und in Indien. Sein Roman ?Schiffbruch mit Tiger? (2001) erschien in über 50 Ländern, wurde millionenfach verkauft und 2002 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Die Verfilmung von Regisseur Ang Lee wurde 2013 mit vier Oscars prämiert. Bei S. FISCHER sind außerdem der Erzählband ?Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamations? (2005) und die Romane ?Ein Hemd des 20. Jahrhunderts? (2010) und ?Die Hohen Berge Portugals? (2016) erschienen. Yann Martel lebt mit seiner Familie in Saskatoon, Kanada.
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Zweiter Teil Heimwärts


Eusebio Lozora spricht das Vaterunser, bedächtig dreimal hintereinander. Danach kommen, in freier Form, weitere Anrufungen und Gebete. Seine Gedanken wandern, aber sie kehren zum Ausgangspunkt zurück, seine Sätze brechen mittendrin ab, aber dann spricht er sie doch zu Ende. Er preist Gott, er empfiehlt seine Frau Gott an. Er erbittet Gottes Segen für sie und ihre Kinder. Er fleht zu Gott um weiteren Schutz und fortdauernde Gnade. Und dann, da er schließlich Arzt ist, Pathologe noch dazu, ein Mann des Körpers, aber zugleich auch gläubig, ein Mann Gottes, spricht er zum Schluss noch, vielleicht zwei Dutzend Mal, die Worte »beim Leib Christi«; dann steht er von den Knien auf und kehrt an seinen Schreibtisch zurück.

Er nimmt seine Arbeit als Arzt ernst. Er betrachtet den Absatz, an dem er eben geschrieben hat, wie ein Bauer eine frisch eingesäte Furche betrachten und sich vergewissern mag, dass die Arbeit gut gemacht ist, denn er weiß, dass aus dieser Furche eine Frucht wachsen wird – in seinem Falle die Frucht der Wissenschaft. Halten seine Sätze solch hohen Ansprüchen stand? Sind sie wahrhaftig, eindeutig, knapp und klar?

Er holt versäumte Arbeit nach. Es ist der letzte Dezembertag des Jahres 1938, genauer gesagt sind es die letzten Stunden dieses Tags. Ein düsteres Weihnachtsfest ist pflichtschuldig begangen worden, doch ansonsten ist er nicht in Festtagsstimmung. Auf seinem Schreibtisch türmen sich die Papiere, manche unmittelbar vor ihm, andere sorgsam, mit Bedacht, verborgen, in unterschiedlicher Tiefe je nach Wichtigkeit; wieder andere liegen bereit, um zu den Akten zu kommen.

Es ist still in seinem Büro und ebenso still auf dem Gang draußen. In Bragança leben noch nicht einmal dreißigtausend Menschen, doch das Krankenhaus São Francisco, dessen pathologische Abteilung er leitet, ist das größte in der Provinz Alto Douro. Andere Bereiche des Hospitals werden hell erleuchtet sein, dort wird es betriebsam und laut zugehen – die Notaufnahme, in der brüllende, weinende Menschen eintreffen, die Krankensäle, in denen die Patienten nach den Pflegern läuten und sie mit endlosen Gesprächen von der Arbeit abhalten –, aber in der pathologischen Abteilung im Untergeschoss unterhalb dieser lebendigen Stockwerke ist alles still, wie stets in der Pathologie. Er wünscht sich, dass es so bleibt.

Er fügt drei Worte hinzu, streicht eines aus, und damit schließt er den Absatz ab. Er liest ihn noch ein letztes Mal. Er persönlich findet, Pathologen sind die einzigen Ärzte, die schreiben können. Alle anderen Jünger des Hippokrates haben zum Lob ihrer Arbeit den geheilten Patienten vorzuweisen, und was sie an Worten schreiben – eine Diagnose, ein Rezept, Anweisungen zur Behandlung –, ist nur von vorübergehendem Interesse für sie. Diese Ärzte, die heilen, wenden sich, sobald sie sehen, dass ihre Patienten wieder auf den Beinen sind, dem nächsten Fall zu. Und es stimmt ja auch, Tag für Tag verlassen Patienten das Krankenhaus beschwingten Schrittes. Nur ein Unfall, sagen sie sich, ein kleiner Anflug von dieser oder jener Krankheit. Eusebio hingegen richtet seine Aufmerksamkeit eher auf die Schwerkranken. Wenn diese Patienten das Krankenhaus verlassen, dann fällt ihm der unsichere Gang auf, das wirre Haar, der verzweifelte, verlegene Ausdruck und die entsetzliche Angst in ihren Augen. Sie wissen, unmissverständlich klar, was sie eines Tages erwartet. Es gibt vielerlei Möglichkeiten, wie die bescheidene Flamme des Lebens verlöschen kann. Ein kalter Wind umweht uns alle. Und wenn ein solcher Stumpf einer verloschenen Kerze gebracht wird, mit rußigem Docht, Wachsnasen an den Seiten, dann wird er – zumindest im Krankenhaus São Francisco in Bragança, Portugal – entweder zu ihm oder zu seinem Kollegen Dr. José Octávio gebracht.

Jeder tote Leib ist ein Buch, das eine Geschichte zu erzählen hat, jedes Organ ein Kapitel, die Kapitel zusammengehalten durch das, was sie erzählen. Es ist Eusebios Beruf, diese Geschichten zu lesen, er blättert die Seiten mit dem Skalpell um, und am Ende schreibt er jedes Mal eine Rezension. Was er in seinem Bericht festhält, muss exakt wiedergeben, was er in dem Körper gelesen hat. Es ist eine nüchterne Poesie. Die Neugier treibt ihn voran, wie jeden Leser. Was ist mit diesem Körper geschehen? Wie ist es geschehen? Warum? Er forscht nach dem Abwesenden, das uns alle mit solcher List überwältigt. Was ist der Tod? Dort liegt der Leichnam – doch der ist dessen Ergebnis, nicht die Sache selbst. Findet er einen stark vergrößerten Lymphknoten oder ungewöhnlich zusammengeschrumpftes Gewebe, dann weiß er, hier ist er dem Tod auf heißer Spur. Doch wie seltsam: Oft kommt der Tod als Leben verkleidet daher, als üppige Flut unmäßig gewachsener Zellen – oder er lässt, wie ein Mörder, ein Indiz zurück, eine rauchende Pistole, die verhärteten Ablagerungen in einer Arterie, bevor er vom Tatort flieht. Immer stößt er auf die Machenschaften des Todes, wenn der Tod gerade eben um die Ecke verschwunden ist, wenn er eben noch den leise raschelnden Saum seines Umhangs erkennt.

Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, reckt sich. Der Stuhl knackt wie alte Knochen. Er sieht eine Akte auf seinem Arbeitstisch liegen, an der Wand, neben dem Mikroskop. Wie kommt die dorthin? Und was ist das auf dem Boden unter der Bank – noch eine Akte? Und das Glas auf seinem Tisch – so trocken, dass es schon eingestaubt ist. Die Versorgung mit Flüssigkeit nimmt er wichtig. Das Leben ist feucht. Er sollte das Glas ausspülen und mit kühlem, frischem Wasser füllen. Er schüttelt den Kopf. Genug von diesen müßigen Gedanken. Er hat vieles, was bewahrt werden muss, nicht nur in Formalin und Präparaten, sondern auch in Worten. In jedem dieser Fälle muss er die Krankengeschichte des Patienten, die Ergebnisse der Autopsie und den histologischen Befund zu einem schlüssigen, zusammenhängenden Ganzen verbinden. Er muss sich konzentrieren. Und das ist nicht der einzige Bericht, den er fertig bekommen muss. Da ist noch der, den er vor sich hergeschoben hat. Heute Nacht muss er ihn schreiben. Eine zerschmetterte Leiche, die mehrere Tage lang halb der Luft ausgesetzt gewesen war, halb im Wasser eines Flusses gelegen hatte, so dass sie verwest und aufgedunsen zugleich war.

Ein lautes Klopfen an der Tür lässt ihn aufschrecken. Er blickt auf die Uhr. Schon halb elf abends.

»Herein!«, ruft er, und der Ärger zischt in seiner Stimme wie Dampf aus einem Kessel.

Keiner tritt ein. Aber er spürt, dass da etwas ist, auf der anderen Seite dieser dicken Holztür.

»Herein, habe ich gesagt!«, ruft er noch einmal.

Immer noch rührt sich der Türknauf nicht. Die Pathologie gehört nicht zu den medizinischen Künsten, die häufig für Notfälle gebraucht werden. Die Kranken, oder besser gesagt deren Gewebeproben, können in der Regel bis zum nächsten Morgen warten, und noch geduldiger sind die Toten; es wird also kaum ein Angestellter mit einem dringenden Fall sein. Und die Räume eines Pathologen pflegen nicht so zu liegen, dass Besucher von draußen sie ohne weiteres finden. Wer würde also zu solch einer Stunde, noch dazu am Silvesterabend, den verschlungenen Weg ins Untergeschoss nehmen und zu ihm wollen?

Er steht auf und bringt damit nicht nur seine Gedanken, sondern auch noch eine Reihe Papiere durcheinander. Er kommt auf die andere Seite seines Schreibtischs, geht zur Tür und öffnet sie.

Eine Frau in den Fünfzigern steht vor ihm, hübsch anzusehen mit großen braunen Augen. In einer Hand hält sie eine Tasche. Er ist überrascht, sie zu sehen. Sie blickt ihn an. Mit warmer, tiefer Stimme deklamiert sie: »Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser. Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe. Meine Stärke, eile, mir zu helfen!«

Etwas in Eusebio, ein kleiner Teil, seufzt, doch der größere Teil lächelt. Die Frau an der Tür ist seine Ehefrau. Dann und wann kommt sie ihn im Büro besuchen, wenn auch gewöhnlich nicht zu so später Stunde. Ihr Name lautet Maria Luisa Motaal Lozora, und die Worte ihrer Klage sind ihm vertraut. Sie stammen aus dem 22. Psalm, ihrem liebsten. Genau genommen, hat sie keinen Grund zu solch konventioneller Klage. Sie ist bei guter geistiger und körperlicher Gesundheit, sie wohnt in einem hübschen Haus, sie sehnt sich nicht danach, ihn oder die Stadt, in der sie leben, zu verlassen, sie hat gute Freunde, ihr ist nie nennenswert langweilig, sie haben drei erwachsene Kinder, die glücklich und gesund sind – kurz, sie hat alles, was man zu einem guten Leben braucht. Aber seine Frau, seine liebe Frau, betätigt sich gern als Theologin, eigentlich hätte sie Priesterin sein sollen, und das Leben hienieden in diesem Jammertal betrachtet sie mit dem Ernst einer Hioba.

Sie zitiert gern aus dem 22. Psalm, besonders den Anfang: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Er überlegt dann jedes Mal, dass es trotz allem am Anfang dieser Klage »Mein Gott, mein Gott« heißt. Ein Trost offenbar, dass jemand zuhört, selbst dann noch, wenn er nichts tut.

Auch er hat, bei seiner Frau, vieles, sehr vieles, dem er zuhören muss, und nicht viel, was er tun kann. Ihre Kräfte mögen scherbentrocken sein, doch sie zitiert nie die Zeile, die im...


Allié, Manfred
Manfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über dreißig Jahren Literatur. 2006 wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Neben Werken von Jane Austen, Joseph Conrad und Patrick Leigh Fermor übertrug er unter anderem Romane von Yann Martel, Richard Powers, Joseph O'Connor, Reif Larsen und Patricia Highsmith ins Deutsche. Er lebt in der Eifel.

Martel, Yann
Yann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Er wuchs in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf, als Sohn eines Diplomaten, und lebte später im Iran, in der Türkei und in Indien. Sein Roman ›Schiffbruch mit Tiger‹ (2001) erschien in über 50 Ländern, wurde millionenfach verkauft und 2002 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Die Verfilmung von Regisseur Ang Lee wurde 2013 mit vier Oscars prämiert. Bei S. FISCHER sind außerdem der Erzählband ›Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamations‹ (2005) und die Romane ›Ein Hemd des 20. Jahrhunderts‹ (2010) und ›Die Hohen Berge Portugals‹ (2016) erschienen. Yann Martel lebt mit seiner Familie in Saskatoon, Kanada.

Yann MartelYann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Er wuchs in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf, als Sohn eines Diplomaten, und lebte später im Iran, in der Türkei und in Indien. Sein Roman ›Schiffbruch mit Tiger‹ (2001) erschien in über 50 Ländern, wurde millionenfach verkauft und 2002 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Die Verfilmung von Regisseur Ang Lee wurde 2013 mit vier Oscars prämiert. Bei S. FISCHER sind außerdem der Erzählband ›Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamations‹ (2005) und die Romane ›Ein Hemd des 20. Jahrhunderts‹ (2010) und ›Die Hohen Berge Portugals‹ (2016) erschienen. Yann Martel lebt mit seiner Familie in Saskatoon, Kanada.
Manfred AlliéManfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über dreißig Jahren Literatur. 2006 wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Neben Werken von Jane Austen, Joseph Conrad und Patrick Leigh Fermor übertrug er unter anderem Romane von Yann Martel, Richard Powers, Joseph O'Connor, Reif Larsen und Patricia Highsmith ins Deutsche. Er lebt in der Eifel.

Yann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Er wuchs in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf, als Sohn eines Diplomaten, und lebte später im Iran, in der Türkei und in Indien. Sein Roman ›Schiffbruch mit Tiger‹ (2001) erschien in über 50 Ländern, wurde millionenfach verkauft und 2002 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Die Verfilmung von Regisseur Ang Lee wurde 2013 mit vier Oscars prämiert. Bei S. FISCHER sind außerdem der Erzählband ›Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamations‹ (2005) und die Romane ›Ein Hemd des 20. Jahrhunderts‹ (2010) und ›Die Hohen Berge Portugals‹ (2016) erschienen. Yann Martel lebt mit seiner Familie in Saskatoon, Kanada.

Manfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über dreißig Jahren Literatur. 2006 wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Neben Werken von Jane Austen, Joseph Conrad und Patrick Leigh Fermor übertrug er unter anderem Romane von Yann Martel, Richard Powers, Joseph O'Connor, Reif Larsen und Patricia Highsmith ins Deutsche. Er lebt in der Eifel.



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