Marti Tal des Schweigens
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85869-546-8
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-85869-546-8
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kurt Marti, geboren 1960, hat Philosophie und Physik studiert und eine Journalistenschule absolviert. Von 2000 bis 2010 war er Redaktor der Roten Anneliese. Er lebt und arbeitet als freier Journalist in Glis bei Brig.
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Einleitung
Vom Tanz der Tschäggättä
Die Medien kultivieren gerne das Bild des archaischen, gesetzlosen und wilden Wallisers. Perfekt dargestellt durch die Lötschentaler Tschäggättä (siehe Umschlagfoto), die zur Fasnachtszeit durch die engen Gassen jagen und die Leute das Fürchten lehren. Doch die Folkloristen vergessen allzu leicht, dass die Tschäggättä noch eine ganz andere Eigenschaft haben: die Verschwiegenheit.
Das wohl berühmteste Opfer dieser Irreführung ist der Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet (1845–1880). Bis heute wird er als Archetyp des eigensinnigen Wallisers missbraucht. Doch keiner eignet sich so schlecht dafür wie dieser ruhelose Außenseiter. Farinet ist nämlich das genaue Gegenbild des schweigsamen und obrigkeitshörigen Wallisers seiner und unserer Zeit. Mit dem Prägen von 20-Rappen-Stücken hielt er die Walliser Aristokraten auf Trab. Allen voran den damals mächtigsten Mann im Rhonetal, den katholisch-konservativen Anwalt Alexis Allet (1820–1888) aus Leuk. Allet war Staatsrat, Nationalrat und Bundesrichter zugleich. Zudem präsidierte er die neu gegründete Walliser Kantonalbank (WKB), die wegen Misswirtschaft und Bilanzfälschungen im Jahr 1871 in Konkurs ging. In der Folge musste Allet als Staatsrat zurücktreten. Zum Schein wurde auch ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet, doch die Ermittlungen verliefen erwartungsgemäß im Sand. Die Justiz fasste Allet mit Samthandschuhen an – ganz im Gegensatz zu Farinet: Dieser wurde von Justiz und Polizei gnadenlos gejagt wie ein wildes Tier und schließlich zur Strecke gebracht.
Trotz grandioser Misswirtschaft stand das obrigkeitshörige Volk stoisch hinter den Katholisch-Konservativen (heute CVP und CSP) und bestätigte deren Exponenten regelmäßig in ihren politischen Ämtern. Keine Spur also von der Eigensinnigkeit und Wildheit eines Farinet. Dabei hätte die Walliser Bevölkerung allen Grund gehabt, gegen die Herrschaft der Kirche und der Katholisch-Konservativen aufzumucken. Von der Wiege bis zur Bahre, vom Kuhstall bis ins Ehebett, überall gaben die Pfaffen ihren Senf und Segen dazu. In den Dörfern regierte ein uneingeschränktes Triumvirat von Pfarrer, Gemeindepräsident und Lehrer. Wer nicht parierte, hatte nichts zu lachen.
Das Jahrhundert zwischen 1850 und 1950 war für das Walliser Volk das wohl unfreieste aller Zeiten. »Schweig oder stirb!« war die Devise. Um die angestaute Frustration der Bevölkerung im Zaum zu halten beziehungsweise in kontrollierte Bahnen zu lenken, brauchte es gemeinsame Feindbilder. Die Konservativen und die Kirche fanden sie in den liberalen Werten der Aufklärung und des jungen Bundesstaates. Gegen diese konnte sich die Wut der bevormundeten Bevölkerung gefahrlos entladen. Die zum Schweigen verurteilten Tschäggättä durften tanzen und toben – und gleichzeitig am eigenen Käfig bauen.
Auch heute gibt es im Wallis solche Gemeinsamkeiten, die das gespaltene Wallis nach außen einig erscheinen lassen. Zum Beispiel der Wolf, das Kruzifix oder die Zweitwohnungsinitiative. Plötzlich bedienen sich dann die Obrigkeitshörigen der Sprache des Widerstandes. Dann darf die Faust im Sack endlich an die frische Luft. Die kollektive Empörung wirkt wie ein Überdruckventil für angestaute Kritik, die man im Alltag besser für sich behält, will man vorwärtskommen und keine Nachteile erleiden.
Besonders gut lässt sich der Mikrokosmos des Schweigens am Beispiel der Raumplanung und der Baugesetze illustrieren. Weit verbreitet ist die Auffassung, dass es sich dabei im Grunde um eine illegitime Einmischung der Eidgenossenschaft in die inneren Angelegenheiten des Wallis handelt, die es mit List zu unterlaufen gilt. Der Vollzug der Baugesetze ist schon deshalb schwierig, weil man es bewusst am notwendigen Kontrollpersonal fehlen lässt. Augenzwinkernd geht man über Abweichungen hinweg, in der Hoffnung, auch der andere werde eines Tages ein Auge zudrücken. Doch was die meisten nicht ahnen: In Wirklichkeit ist es eine subtile Disziplinierung. Denn wer einmal Teil dieses Systems geworden ist, der wird im Zweifelsfalle schweigen. Getreu dem Bibelspruch »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein«. Tut er es trotzdem, muss er sich sehr warm anziehen. Denn dann springt die Maschine des Gesetzes augenblicklich an und funktioniert mit einer erstaunlichen Präzision. Dann fährt der Hammer der Verwaltung und falls nötig der Justiz und des Betreibungsamtes mit unerbittlicher Wucht auf den Abweichler nieder (siehe Seiten 119 ff).
Ohne die Geschichte der katholischen Kirche und des Bistums von Sitten kann man das heutige Wallis nicht verstehen. In der Schlacht auf der Planta bei Sitten im Jahre 1475 jagten die Oberwalliser mithilfe der Eidgenossen die Savoyer aus dem Unterwallis hinaus. Daraufhin erklärte Bischof Walter Supersaxo das Unterwallis zum Untertanenland des Oberwallis. Zahlreiche Bischöfe stammten damals aus dem übermächtigen Goms, auch Matthäus Schiner (1465–1522), der einflussreichste unter ihnen. 1498 wurde er von Papst Alexander VI. zum Bischof von Sitten ernannt. Beide kannten keine Skrupel, wenn es darum ging, politische Gegner und Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen. Schiner stieg 1511 zum Kardinal auf und verpasste später nur knapp den Papstthron, weil ihm die Stimmen der Franzosen fehlten, die er auf seinen blutrünstigen Feldzügen bekämpft hatte. Der entscheidende Karriereknick ereilte Schiner in der Schlacht von Marignano 1515, die er mit Hinterlist einfädelte und mit Schmach verlor. 10 000 junge Eidgenossen mussten im Gemetzel gegen die Franzosen ihr Leben lassen. 1522 starb Schiner in Rom an der Pest.
Die Unterdrückung des Unterwallis durch das Oberwallis dauerte noch drei Jahrhunderte an, und der alte Geist der katholischen Alpen-Oligokratie treibt bis heute im Wallis sein Unwesen. Symbolisch festgehalten im Porträt des Kriegstreibers Schiner, das nach wie vor die Titelseite des ziert.
Der Historiker Arthur Fibicher kommt im 3. Band seiner (Visp 2004) zum Schluss: »Das Wallis war damals der Form nach eine Republik, in Wirklichkeit aber eine Oligarchie, in der eine dünne Oberschicht den Ton angab.« Rund dreißig raffgierige und selbstherrliche Familien – die sogenannten »Patrioten« oder »Großen Hansen« – schanzten sich gegenseitig die öffentlichen Ämter und Gelder zu. Gleichzeitig vernachlässigten sie ihre Pflicht, für Recht und Ordnung im Land zu sorgen. Chaotische Zustände waren die Folge. Mit dem Bischof stritten die Patrioten erbittert um die politische Macht, um sich handkehrum mit ihm gegen das Volk zu verbünden, welches größtenteils zum Kopfnicken verurteilt war. Wer Kritik äußerte oder gar zu Aufständen aufrief, wurde von den Patrioten mit hohen Geldbußen, Landesverweis oder mit der Hinrichtung bestraft.
1798 gelang es den Unterwallisern, die Oberwalliser Herrschaft mithilfe der Franzosen abzuschütteln. Im selben Jahr erhoben sich die Oberwalliser gegen die von Napoleon diktierte kirchenkritische Helvetische Verfassung (das »Höllenbüchlein«) und verloren die Schlacht gegen die Truppen der Franzosen, Waadtländer und Unterwalliser westlich von Sitten. 1799 stürzten sich die Oberwalliser erneut tollkühn in die Schlacht und erlitten eine weitere, vernichtende Niederlage im Pfynwald. Zum Gedenken an diese Schlacht ragt noch heute mitten im Naturschutzgebiet des Pfynwaldes ein zehn Meter hoher Obelisk in die Höhe. Der katholischkonservative Clan aus Oberwalliser Patriziern, Klerikern und anderen Blutsaugern ließ diesen vierkantigen, steinernen Phallus im Jahre 1899 errichten – als Mahnmal gegen die Errungenschaften der Aufklärung und der Französischen Revolution, gegen Freiheit und Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und Demokratie.
Nach der Revolution 1798/99 schwelte der Konflikt zwischen den beiden Kantonsteilen weiter, auch nachdem das Wallis 1815 der Eidgenossenschaft beigetreten war. 1839 hatte das Wallis zwei Verfassungen, zwei Regierungen und zwei Parlamente. In den 1840er-Jahren tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Doch die drohende Gründung des schweizerischen Bundesstaates vereinigte die Katholisch-Konservativen beider Kantonsteile. In einem feurigen Rundschreiben rief Bischof Pierre-Joseph de Preux die Bevölkerung zum Sonderbundskrieg gegen die reformierten Kantone auf. Der heilige Krieg ging verloren. Der Kanton Wallis kapitulierte als letzter Sonderbundskanton am 29. November 1847. Bischof de Preux musste fliehen.
1848 kam es mit der Annahme der ersten Bundesverfassung durch das Schweizer Volk zur Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft als Bundesstaat. Für kurze Zeit übernahmen im Wallis die Liberalen und Radikalen die Macht. Doch bereits 1857 war die politische Mehrheit im Großen Rat und im Staatsrat wieder fest im Griff der Katholisch-Konservativen. Das Volk hatte gesprochen, angetrieben von der Propaganda der katholischen Kirche. Das Feindbild der liberalen Schweiz einigte das Ober- und das Unterwallis. Die politischen Nutznießer waren die Katholisch-Konservativen. Unter dem Druck der katholischen Kirche hatte das Wallis...




