Martin | Castel del Amore | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Martin Castel del Amore

Die Liebe (er)wächst
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96000-304-5
Verlag: Elysion Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Liebe (er)wächst

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-96000-304-5
Verlag: Elysion Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Arschgeweih als Relikt der 90er Jahre verblasst auf dem Steiß einer aufgedunsenen weißen Frau, während ihre bessere Hälfte auf dem Balkon dem Alkoholismus frönt. Er und sie lieben sich. Und so wie jeden Dienstag, werden sie auch heute ihre Sexualität in unästhetischen & rumpeligen Bewegungen vollziehen. Nach all den Jahren funktioniert das erschreckend gut und beide genießen das Zusammenspiel der verfallenen Körper. Trotz aller menschlicher Makel ist dieses Paar durch ein festes Band miteinander verbunden. Doch bei einem erotischen Abenteuer verliert er, der er gefangen ist in Sozialisation, Riten und Denkverboten, seinen Kompass. Sein Leben und seine Beziehung wanken und er und seine Lebensgefährtin erleben eine turbulente Reise durch Sexualität, Zeitgeist, Schmerz und Liebe.

Thomas P. Martin, geboren 1984 in Westdeutschland, wuchs im Rheinland auf. Nach einem Studium an der Universität Köln, wo er einen Abschluss in Sozialwissenschaften erwarb, widmete er sich mit halber Leidenschaft der Musik. Seit einiger Zeit taucht er in die Welt der Literatur ein. Sein Schreibstil zeichnet sich durch eine eindringliche Darstellung menschlicher Beziehungen und tiefgründige Charakterentwicklung aus. Er beschreibt gesellschaftliche Doppeldeutigkeiten aus vielfältigen Perspektiven, erläutert kulturelle Probleme und erforscht sexuelle Grenzgebiete. Er kommentiert, befürwortet und lehnt ab. Sein Schreiben ist geprägt von einer subtilen Melancholie und Humor, die die Leser dazu einlädt, tief in die Seelen seiner Protagonisten einzutauchen.
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Kapitel 2 – Die Mitmenschen


Zwanzig Jahre später. Mit zittriger Hand versucht er das Fahrrad an den nassen, kalten Fahrradständer zu ketten. „Tremor“, denkt er, „immer dieser Tremor ...“ Das leidige Zittern. Andere Menschen nehmen Kokain, Speed oder MDMA, um diese unwillkürliche und oszillatorische Bewegung der Hände zu spüren. Für ihn reichen drei Biere und vier Shots und das große Zittern startet. Im Grunde startet sein Zittern nach dem ersten Bier. Er fühlt nie eine Steigerung im Suff. Er trinkt etwas und ist sofort oben auf der Welle. Jedes weitere Getränk hält diesen Status. Nicht mehr, nicht weniger.

Während er seine bebende Hand beobachtet, wie diese verzweifelt versucht, den Schlossstift in die Schlossmutter zu schieben, bedauert er sich und seine Gestalt am folgenden Tag. Er weiß, dass die Nacht kurz und schlecht wird. Anschließend die entsetzten Blicke der Frau und die lauten Stimmen der Kinder beim Frühstück. Bereits in der Bahn wird man sich angewidert abwenden, sobald man ihn sieht beziehungsweise riecht. Im Büro werden seine Kollegen mit ihrem Alkoholkonsum der letzten Nacht prahlen, während ihm, stetig heiß und kalt zugleich, jegliche Konzentrationsfähigkeit fehlt. Er beneidet die Männer, die bei Betriebsausflügen und privat bis spät in die Nacht Biere „zischen“ und Shots unter großem Gegröle „kippen“, um 5:00 Uhr ins Bett fallen und um 7:30 Uhr am Frühstückstisch einer namenlosen Hotelkette sitzen, sich aufgeregt unterhalten und Konvenienzrührei inhalieren. Dabei sitzen die frisch gegelten Haare (2006 Style, Robbie Williams, David Beckham, etc.), man(n) trägt karierte Kurzarmhemden, tut sich mit dem Englischen schwer und wählt AfD (heimlich). Zu den Kollegen fällt häufiger der Satz, dass es ja „so wie es ist, nicht weitergehen könne“. Aber es wird und wurde ja immer gut. Bisher zumindest.

Er schiebt die klebrige Tür der Fast-Food Klitsche mit der Schulter auf. Egal, wie stark er auch angetrunken ist, so sicher ist er, dass er niemals die metallenen Griffe der Tür anfassen wird. Neurotiker bleiben Neurotiker. Wenn sie saufen, sind sie betrunkene Neurotiker. „Gut so“, denkt er sich. Man wird ja nicht gleich seine Würde verlieren und von den goldenen Prinzipien Abstand nehmen, nur weil man zu viel trinkt. Würde und Trinken korrelieren ja schließlich nicht oder sind sie nicht kausal?! Oder ist das andersherum? Wer weiß. Was eine bescheidene Fragestellung. Wäre man jetzt klar im Kopf, würde man sich diese Frage stellen und mit ein wenig Recherche beantworten können. Alles ist möglich. Nüchtern. Wenn man das wollte und nicht immer angesoffen und betrunken wäre, könnte man nüchtern und ausgeschlafen die größten Fragen beantworten oder philosophisch mit anderen gebildeten Menschen mitdiskutieren: Der Sinn des Lebens oder wann jetzt ist. Alles kein Thema. Aber ausgeschlafen muss man dafür sein. Das spielt jetzt aber keine Rolle, denn jetzt braucht er Salz, Fett und Kalorien. Ansonsten wird der morgige Tag nicht der Limbus, sondern die Hölle selbst.

Der Innenraum der seelenlosen Fresskette beherbergt ca. 20 bis 30 Personen. Er sieht nach rechts und nach links, doch vergisst sofort, wer mit wem, wo sitzt. Alles nur blabernde Menschenmasse. Nicht weiter beachten, sofort nach vorne. Ran an das fettige Essen, welches den abartigen Säufertrieb nach Junkfood nur stillen kann. Die Filiale hatte bereits ein „Renewal“ erhalten. Die Tische, an denen aufwendige Vorrichtungen angebracht waren, woran man sich unzählige Strohhalme und Servietten nehmen konnte, sind weg. Für die kleinen Assipisser der achten Klasse muss das ein riesiger Verlust sein, aber ihm ist es herzlich egal. Er greift an den neuen und futuristisch anmutenden Bestellautomaten. Ein großer Touchscreen, mit hunderten Burgern und Snacks, die zur Auswahl stehen. Er weiß, was er will. Wie immer. Burger + Pommes + Mayo + Limo. Loser Menu. Der Säufertraum à la carte. Langsam und behutsam drückt er auf den riesigen Touchscreen. Es tut sich nichts. Er drückt und drückt. Doch der Alkohol und der Tremor machen ihn verrückt. Warum will das hier nicht? Warum will die Welt nicht so, wie ich das will? Ich will das jetzt essen. Dafür muss ich hier jetzt bestellen. Und das will einfach nicht. Wie gestochen und aus dem nichts ballert er auf das Gerät ein und schreit einen aggressiven kleinen Satz heraus, den kein Anwesender, auch nicht er selber, versteht. Zeitgleich verpasst er dem Gerät eine Linke. Es schmerzt sofort und erinnert ihn daran, dass das hier eine unangebrachte Aufführung ist. Seines dümmlichen, impulsiven Verhaltens ist er sich bewusst. Daran ändern kann er nichts. So ist er nun mal. Gefestigt im Leben mit allen dazugehörenden Schattenseiten. Die heraneilende Angestellte ist mindestens 20 Jahre jünger und vermutlich arabischer Herkunft. So denkt er zumindest. Er wundert sich stets, woher all diese Frauen auf einmal kommen. Er sieht sie in Supermärkten, in der Gastro und neben den anderen hübschen Abiturientinnen. Die sind auf einmal irgendwie da. Kamen die alle 2015? Aber die sprechen doch so gut deutsch? Was ist das, zum Teufel. Farida, Nilufar, Darya … Er kennt sie nicht. Sie waren nicht auf seiner Schule. Kein Freund, kein Bekannter kennt sie. Null Schnittstelle. Aber wenn man cholerisch auf den Bestellautomaten einschlägt, kommt der Kontakt nun doch zu Stande. Da steht sie nun, mit ängstlichen Augen. Doch darauf achtet er erstmal nicht. Ins Auge fällt ihm sofort die Schönheit und Anmut dieser neuen Person in seinem Leben. Sie ist toll, aber kleidet sich ganz komisch. Das passt doch alles nicht zusammen. Und warum trägt die offensichtlich keinen BH? Er versteht es einfach nicht, findet es lächerlich, wie diese Musik, die deutsch klingt, aber doch ganz anders ist als die „Hosen“ aus Düsseldorf. Na ja, was solls. Dann lernt er heute den Freie-Brüste Trend an dieser orientalischen Schönheit in der Nachtschicht in diesem Drecksloch kennen. Na ja, gut findet er es schon. Sollen die ganzen Weiber doch ihre Titten so zeigen. Er freut sich. YES! Wieder gratis Wichsmaterial gesammelt. Araberin mit dicken Möpsen, superdunklen Nippeln und pechschwarzen Haaren. Super! Wenn er da mit roter Birne, schwitziger Stirn und brennendem Schwanz vor dem Spiegel im Bad steht und sich heimlich einen runterholt und sich nicht traut, sich selbst im Spiegel anzusehen, wird er seinen weißen Germano Fettkloß vergessen und an die hier denken können. Perfekt – al’amr. Die ängstlichen Augen dazu müssen noch durch sinnlich, fordernde Augen retuschiert werden. Egal wie besoffen, das geht immer. Die Photoshopmaschine der Gelüste läuft solide und kennt keine Pannen. 24/7 nonstop. Macht aus jeder flachbrüstigen Magd ein bayrisches Busenmonster. Lippen noch was dicker, die Pickel weg und Arsch ist ihm immer egal gewesen. Einbahnstraße und so.

Da steht er nun mit erbärmlicher Begierde vor der Mitarbeiterin und hört nicht zu. Er kann es nicht. Es kann auch gar nicht gehen: Suffbirne, Geilheit und Aggression. Die Dreifaltigkeit des enthemmten, weißen und privilegierten Mannes. Er säuft zu viel, weil er gelangweilt ist von seinem Leben. Er fickt zu wenig, weil er weder kann, noch will. Die Aggressivität verbindet und kanalisiert all die Schwächen, die das Leben so ausmacht. Dazu kommt, dass er klein ist. Das sind die Gene. Aber so klein ist schon gemein und dazu hat er einen Bauch bekommen. Einen richtigen stolzen „Bierbauch“. Darauf wird bei Kindergartenfeiern gehauen und stolz verkündet, dass dieser viel Arbeit und recht teuer sei. Super lustig. Die Wahrheit ist, dass er die Kontrolle verloren hat, als er die rote Linie der Coolness übertrat: 40. Danach hat er das Flugzeug der körperlichen Selbstbeherrschung in die Alpen krachen lassen. Andreas Lubitz wäre stolz gewesen. In den Trümmern ist ihm endgültig bewusst geworden, dass er, fett, weiß, aufgedunsen, nicht mehr an die schönen Frauen kommt. Wäre er vorher schon nicht, aber nun folgte die harte Erkenntnis. Erst recht nicht an dieses unwirklich hübsche Wesen vor ihm. Nicht damals, nicht heute. Keine Illusion. Hier umdrehen. VIP Bereich. Du hast hier nichts verloren.

Während die Angestellte der Burgerbraterei versucht, ihn zu beruhigen, spürt er aus dem Nichts eine harte Hand auf seiner Schulter. Ein junger Mann, nicht dick, aber mit aufgepumpten und definierten Muskeln, über die sich an manchen Stellen kleine feine Adern ziehen, dreht ihn um. Nichts kann er machen. Er weiß, dass er hier nur noch zuschauen bzw. verlieren kann. Null Chance. Alpha vs. Beta oder besser Alpha vs. Omega. So sieht´s doch aus. Das wird ihm auch in diesem schwammigen Moment ganz klar. Hier geht nichts mehr. Was der junge Mann sagt, wird gemacht. Der junge Prachtmigrant braucht nicht sein Wort zu erheben. Hat er nicht nötig. Er selbst ist in sich eine Institution. Seine Oberarme sind Staatsanwaltschaft, Gericht und Gulag in einem. Hier wird angeklagt, schuldig gesprochen und vollstreckt. Kein Durcheinander bei den Zuständigkeiten. Alles aus einer Hand. Großartig und irgendwie geil, so ein Kerl. Wie sich dieser warme feste Griff anfühlt! Richtig gut. Aber natürlich nicht schwul. Das ist er nicht. Haha. Er macht immer Witze, aber schwul, nein. Never. Er will natürlich Mösen. Sagt man eigentlich noch „Mösen“, wird der letzte Gedanke bleiben, bevor das unausweichliche Gespräch beginnt. Der Migrant spricht ihn mit tiefer und ruhiger Stimme an und nennt ihn ganz nett seinen Bruder. Erklärt, dass er mit seiner Frau hier sei und zeigt auf eine Frau mit Kopftuch, die verängstigt ihren kleinen Sohn im Arm hält. Er sagt, dass er hier mit seiner Familie entspannt essen wolle und er sich bitte ein wenig beruhigen solle. Danach wendet er sich mit ihm dem Bestellautomaten zu und tippt seine Bestellung ein. Die Maschine scheint wie ausgetauscht....



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